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- Die Perlenkette -Text zum Thema Zeit von BInspired.
Ich erinnere mich, dich als Kind nach den Schranken meines Seins gefragt zu haben. Die Einschränkungen nur eines besitzenden Lebens erschienen mir wie ein Arrest, dessen Absurdität sich in der Tatsache bündelte, den Kerkerschlüssel am eigenen Leib zu tragen.
Rätselhaft waren mir diese lauen Spätsommerabende in der leisen Küche meiner Urgroßmutter, die mich mit ihren alten Sagen einholte. Ich spürte die vertraute Härte des Hockers unter mir, strich stirnrunzelnd über die Furchen seiner Ränder, und auf einmal sah ich den idyllischen Raum ebenso von oben. Aus der Vogelperspektive ließ ich meinen Blick zu dem festen Zopf lilienweißer Haare gleiten, deren weizenblonder Schimmer den Jahren wich, über den wackligen Küchentisch, auf dessen bestickter Decke eine kleine Vase mit Wiesenblumen stand. Eine plötzliche Dringlichkeit hieß mich, nichts von alldem je zu vergessen. Durch die offene Tür fand eine verirrte Biene ihren Weg zur Glühlampe, und ich spürte die bittersüße Melancholie meiner Urgroßmutter darüber, nicht mehr jung zu sein. Mit dieser Erkenntnis wollte ich sie am liebsten in meinen Armen wiegen, wie es bis dahin nur umgekehrt geschah, nachdem ich mir die Knie aufschürfte, meinen Trotzkopf nicht durchsetzen konnte und auf kindliche Art verzagte. Ich wollte ihr sagen, alles sei gut, denn Zeit bedeute nichts. Oben erkannte ich, was Wehmut heißt, während ich unten sorglos meine bloßen Beine baumeln ließ. Und damit veränderte sich alles.
Wer ist es, der die Geschlossenheit einer Daseinsform besiegelt? Welcher Schwere unterliegt noch die Zeit, wenn man ihr die Wehmut nimmt? Um zu erkennen, wie man war, vermag man nicht zu bleiben, wer man ist. Wie die Perlen einer Kette so verschieden und doch, verbunden, eins sind.
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URL dieses Textes: www.keinVerlag.de/109542.text
Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Kommentar von wupperzeit (01.07.2006)
 Sehr intelligent komponiert, dieser Text, es gibt zwei Hauptmetaphern, den Kerker und die Perlenkette, die eine Parabel gewissermaßen umrahmen, sehr beeindruckend gemacht. Dazu die schöne, etwas altertümliche, trotzdem nicht altmodische, niemals altmodische Sprache, die ich so sehr liebe, weil sie mehr auszudrücken vermag als jede Modesprache, Dein Text hat mir sehr gut gefallen, auch wegen, gerade wegen der Weisheit seiner Aussage, Andreas
BInspired meinte dazu am 01.07.2006:
ich danke dir für das, wie mir scheint, intensive auseinandersetzen mit meinem text. ob meine sprache altertümlich ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da nur diese eine in mir klingt. auch für deine empfehlung, herzlichen dank. einen schönen samstag abend wünsche ich dir, anne.
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Kommentar von DieTine (43) (12.07.2006)
 Ich verstehe Deinen Text als eine Wertschätzung der Wehmut. Die das Leben über den Besitz hinausführt und ihm Schwere verleiht. Der Vergleich mit der Perlenkette gefällt mir gut, weil er beinhaltet, was nötig ist für ein Leben: Wandel und Zusammenhang. Die Oma scheint davon einiges gehabt zu haben, denn die Abende in der Küche waren schön. Was bleibt? Trost ob dessen, was kohärent war und rückblickend Sinn machte, Verzagtheit ob der Erkenntnis, dass eine Kette sich irgendwann schließt und die Antwort auf die Frage nach dem Sinn außerhalb derselben offen bleibt. Und das ist Wehmut und ihr Reiz. Ein sehr nachdenklicher Text und bunter Text. LG, Tine
BInspired meinte dazu am 13.07.2006:
Wertschätzung der Wehmut... Ich würde es gerne umformulieren: Der Text behandelt die Zeit; Lebenszeit. Ich versuche darin, über den Kalender hinaus zu definieren, was bleibt. Die Erkenntnis um die Wehmut. Ob ich sie wertschätze? Sie be- bzw. erschwert die Jahre. Ich danke dir, und freue mich über den Kommentar und deine Empfehlung. Grüße, Anne
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