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Struppigel
Veröffentlicht am 03.12.2007. Dieser Text wurde bereits 475 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 08.02.2010.
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Der Geschmack von Schokolade

Kurzgeschichte zum Thema Ende
von hier klicken Struppigel.

Unser narbengesichtiger Chef stand schon seit zwei Stunden mitten in der knöchelhohen Schlammpfütze und brüllte Befehle. „Los, los, bewegt eure Ärsche! Eine Reihe! Liegestütze!“ Wir hatten die Wassereimer am 500 Schritt entfernten Fluss gefüllt, Feuerholz gesammelt, waren danach mehrere Runden um den Hof gerannt, hatten die Trittfallen überprüft und die Scheißhaufen von der Lagerstelle entfernt. Der Chef war nicht zu bremsen. Schuld daran war nur das Essen. Das Essen, das immer fehlte. Das Narbengesicht meinte, es läge an unserer Kondition. Mehr Kondition bedeutete mehr Essen. Essen bedeutete alles. „Schneller, nicht so schlapp!“ Mein Körper funktionierte automatisch. Hoch, runter, hoch, runter und immer wieder titschte ich dabei mit dem Gesicht in den Schlamm. Einige der anderen hatten bestimmt bessere Stellen erwischt. Ich sah zu meinem Nebenmann. Krebskopf grinste mich an, verzog sein Gesicht aber gleich wieder angestrengt. Weiter hinten kippte einer der drei Neuen um, die vorgestern zu uns gestoßen waren. Sie hatten ganz abgerissen ausgesehen, aber wir konnten jeden hier gebrauchen. Es war sogar eine Frau unter ihnen. Narbengesicht trat schnurstracks aus seiner Pfütze, ging auf den Schlappschwanz zu und schlug ihm mit seinem glänzenden Metallknüppel auf den Rücken. Ich glaubte, etwas knacken zu hören. „Aufstehen!“, brüllte Narbengesicht „Wegbringen!“. Wir erhoben uns. Einige schleppten den am Boden Liegenden in die Grube, die anderen fläzten sich auf die Baumstämme an unserer Feuerstelle oder gingen pissen. Der Schmerz in meinen Gliedern und meinem leeren Magen machte sich bemerkbar. Ich musste mich ablenken.
Im zerfallenen Haus neben dem Hof schnappte ich mir eins der zahlreichen Bücher, die ich schon gestern durchstöbert hatte. Nicht alle waren gut erhalten. Ein Loch in der Wand und zwei an der Decke hatten sie teilweise der Witterung ausgesetzt. Die Bücher mit den Abbildungen von Essen gehörten allein dem Chef. Eines davon hatte er selbst beim Schlafen dabei. Manchmal ließ er sich daraus vorlesen. Nur zwei aus unserer Truppe konnten das: Stummel und Krebskopf. Das Buch von Narbengesicht trug den Namen „Schokolade – Rezepte aus aller Welt“. Ich fand das Gelesene langweilig. Aber die Bilder, die ich bisher hatte erhaschen können, sahen ansprechend aus. Vor allem solche mit den roten, gepunkteten Erdbeeren drauf. Narbengesicht predigte manchmal davon. Wir sollten uns anstrengen und nach Höherem streben. Irgendwann würden wir auch Schokolade essen können, spätestens aber nach dem Tod. Krebskopf meinte, der Chef hätte einmal ein Stück davon genascht. Seitdem wüsste er, was der Himmel auf Erden sei. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass es die Schokolade in Wirklichkeit gar nicht gab und nie gegeben hatte, dass sie nur ein Irrglaube war, der uns funktionieren lassen sollte. Ein Traum von gut schmeckendem Schlamm und davon, dass das Unangenehme auch angenehm sein konnte.
Wir alle träumten manchmal solchen Paradies-Quatsch neben den zerfetzenden Bildern, die jeden quälten. Dann wollte man ihn um alles in der Welt festhalten und nicht vergessen, wollte ihn real werden lassen. Der Zwang zu behalten, konnte einen Glauben machen, alles wäre wirklich da gewesen. Vielleicht war dem Narbengesicht so etwas passiert. Aber das sprach ich nicht aus. Sie alle lauschten ihm immer gebannt, wenn er von der Schokolade schwärmte, die verschiedenen Sorten runterbetete, von Zartbitter- über Nuss- bis Vollmilchschokolade. Sogar weiße Schokolade sollte es geben, aber die sei minderwertig, nichts im Vergleich zu dem sinnlichen Kakao in der braunen Masse. Was „sinnlich“ bedeutete und was „Kakao“ war, wusste ich nicht.
Ich fand in dem Haus ein Buch aus Plastik mit großen Bildern darin und ergötze mich an ihnen. Da waren kleine Menschen drauf, viele bunte Dinge und vor allem Tiere. Wir hatten schon seit Wochen keine Tiere mehr gesehen, die wir hätten töten und schlachten können. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Ich ging zurück auf den Hof und setzte mich neben Stummel.
„Lies vor“, befahl ich.
Kringel und Krebskopf bereiteten die Feuerstelle vor.
Stummel las: „Moritz führt seinen Hund spazieren. Sein Hund heißt Bello. Bello ist schlau, denn er kann Zeitungen holen.“
„Zeitungen sind doof“, warf ich ein.
Der neue Kloßkrümel brüllte. Alle in der Grube hießen bei uns Kloßkrümel. Es gab immer nur einen dort, deswegen führte das nicht zu Verwechslungen.
„Moritz legte Bello die Leine um. Auf der Straße sah Bello ein Auto und bellte es an. Moritz sagte ‚Bello hör auf’. Bello sprang…“
„Autos sind doof.“, fiel ich Stummel ins Wort. „Das Buch ist auch doof. Kein Tier würde ein Auto anbellen.“
Stummel nickte mir stirnrunzelnd zu. „Wieso?“, fragte er dann.
„Na, hast du schon mal ein Tier gesehen, das ein Auto anbellt?“
„Äh, nein.“
„Siehst du“, gab ich zur Antwort. Natürlich hatte ich noch nie ein Auto und ein Tier zur gleichen Zeit gesehen. Aber ich liebte es, Stummel zu zeigen, dass ich klüger war, obwohl ich nicht lesen konnte. Ich riss ihm das Buch aus der Hand und warf es weg.
Mittlerweile hatten die anderen den großen schwarzen Topf über der Feuerstelle aufgebaut - unser wertvollstes Stück. Die beiden Neuen gesellten sich zu uns, auch der Chef kam hierher. Kringel brachte das Fleisch. Der Kloßkrümel brüllte immer noch vor Schmerz, was Krebskopf nervte. „Ich will ihn erschlagen.“, meinte der, „Oder wenigstens die Feuerstelle zehn Schritt weiter weg bewegen, damit wir das nicht immer beim Essen hören müssen.“ In diesem Moment verstummten die Schreie, als hätte der Kloßkrümel das vernommen. Narbengesicht rannte wutentbrannt zur Grube, um nachzusehen. Die Schreie setzten wieder ein. Alles war in Ordnung. „Ihr sollt aufpassen, ihn nicht umzubringen! Wie oft hab ich das schon gesagt! Sonst ist in zwei Tagen alles verdorben!“, schimpfte der Chef mit Kringel.
Das Fleisch kochte im blubbernden Topfwasser. Narbengesicht schwärmte bald wieder von seiner Schokolade, lullte uns mit den friedvollen Geschichten über Zeiten ein, in denen es Nahrung im Überfluss gegeben hatte. Das erste Stück Fleisch überreichte er feierlich der Frau, die zu den Neuen gehörte. Sie nahm es dankend an. Wir aßen und feierten den überstandenen Tag. Nur die beiden Neuen blieben still.
„Chef, wie schmeckt eigentlich Schokolade?“, fragte ich.
„Hast du schon einmal eine Tomate gegessen? Nein? Dann wüsstest du nämlich, wie Schokolade schmeckt“, erwiderte er.

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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

wupperzeit Kommentar von hier klicken wupperzeit (11.03.2008)    diesen Kommentar melden
Zuerst musste ich an eine Geschichte denken, die Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ mit Kinski erlebte: Als der wieder einen nicht enden wollenden Wutanfall austobte, ging Herzog in sein Zelt, holte ein Stück der im Urwald natürlich sehr raren Schokolade heraus und biss ein großes Stück direkt und ganz nah vor Kinski ab, was Kinski sprachlos machte….Eine Assoziation, eben. Nur ist Dein Text ja mehr als eine Geschichte, sie ist eine Utopie, das Ende der Welt und der Menschen in einem Straflager, und was mir gefällt: Wie Du schilderst, wie angesichts des Schrecklichen überhaupt das für uns Gewöhnliche zur Vorstellung eines Paradieses wird, ganz besonders: Vielleicht gibt es Schokolade ja nach dem Tod. Oder Hunde, die Autos anbellen…

Ein trotz des schwierigen Themas spannender und unterhaltsamer Text, humorvoll, manchmal bitter humorvoll, das auch, wenn man das bei der geschilderten Situation empfinden darf; - es hat mir Freude gemacht, diesen Text von Dir zu lesen, Andreas

hier klicken Struppigel meinte dazu am 11.03.2008: Hallo Andreas,

was für eine nette Überraschung, Dich unter meinen Texten zu finden (ich bin kaum noch aktiv hier und erwarte deswegen keine Rückmeldung). Es freut mich, dass Dir die Geschichte gefällt. Dass Du es als Straflager siehst, ist neu für mich, aber eigentlich ein passender und logischer Schluss.

Danke fürs Lesen und Kommentieren.

Liebe Grüße

Struppi
hier klicken wupperzeit antwortete darauf am 11.03.2008: Selber Hallo, Struppi,

dann komm doch wieder öfter vorbei, das würde sicher nicht nur mich freuen.

Du hast Recht, meine Formulierung war missverständlich, entschuldige, bitte: Eine Welt wie ein Straflager, eine Welt als Straflager, - gefiele Dir das besser?

Ja, ja, die Leser, man kann sie sich nicht aussuchen, leider, wie ich oft sage,

Dir auch liebe Grüße,

Andreas
(Antwort korrigiert am 11.03.2008)
hier klicken Struppigel schrieb daraufhin am 11.03.2008: Nun, ich bin mit dem Forum, das ich administriere, schon voll ausgelastet. Sonst würde ich sicher öfter vorbeischauen.

Das mit dem Straflager ist keine Frage des Gefallens, sondern eher der Interpretation. Aber gut, dass ich es nun richtig verstanden habe.

Liebe Grüße

Struppi
hier klicken wupperzeit äußerte darauf am 11.03.2008: Neugierig, wie ich leider oft bis zur Aufdringlichkeit bin:

Welches Forum betreust Du denn, wo kann ich mir das einmal anschauen, denn das interessiert mich natürlich sehr.

Dir noch einmal liebe Grüße,

Andreas

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