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interruptedText von conejo.
Eine Frau stand mittevierzig vor mir Schlange an irgendeiner Supermarktkasse in Hamburg und überlegte es sich anders, begann mit einem Mal ihre zwei Meter Konsum wieder zurück in den Einkaufswagen zu schaufeln und sich dabei lauthals über die Preissituation in dem Saftladen zu beschweren, insbesondere das Fleisch sei eine Frechheit, was habe sie sich eigentlich dabei gedacht, wollte sie von der Kassiererin wissen, ob sie mit dem geschätzten Herrn Krösus auf Du sei, ob sie schon einmal etwas von dem Wort „Gewissen“ gehört habe, vielleicht im Fernsehen, dann buchstabierte sie wie ein Spießer: Gustav, Emil, Wissen, Ida, zweimal Siegfried, Emil, Nordpol. Das ist kein cooler move, dachte ich und machte ihr schon mal ein bisschen Platz, alles gaffte, keiner sagte was, ich grinste mit einem Mittezwanziger von der Nachbarkasse albern schüchtern hin und her und dem Rest der Welt war natürlich alles egal. Dann war ich an der Reihe, die Frau hatte sich mit ihrem überhäuften Gefährt irgendwie an uns vorbei geschoben und war bald fluchend von einem der Gänge verschluckt worden, man beruhigte sich vermutlich erst später. Die nervositätsfleckige Kassiererin warf mir einen vielsagenden Blick zu, den ich eigentlich nicht verstand und ich warf ihn einfach wieder zurück, dann war ich ihr sympathisch und sie vertraute mir irgendetwas an; ich wünschte einen schönen Tag und verließ sie umgehend.
Inzwischen war Marthas Gesicht ein Minenfeld, jeder Ausdruck explodierte und starb in Stücke. Keiner glaubte ihr, weil nicht mal sie selbst sich glauben konnte, würde sie sich beim Reden zuhören, wäre Sprechen selbst für sie längst undenkbar geworden. Ich hatte an diesem Abend Kartoffeln gekauft und war dann zu ihr gefahren, um ihr ein tröstendes Kartoffelpüree zuzubereiten, so hatte es angefangen, doch geholfen hatte es nicht. Nie half etwas gegen die Welt, die Martha den Kopf eindrückte, von allen Seiten drängte und terroristisch war. Das Schicksal forderte seit diesem Tag, dass ich nicht keiner blieb, sondern nur blieb, ich glaubte Martha, wenn sie von ihrer Zeit in den Staaten berichtete und den frühen Jahren in Russland, wenn sie über ihre Jugendliebe Nikolaj sprach und dabei lauter Lächeln in die Luft gingen, winzige Lichtexplosionen vor ihrem täuschend echten Gesicht: und es sah viel zu alt aus, dann wechselte sie meist abrupt das Thema und erzählte von den Stränden Balis oder Kubas, irgendeiner Revolution oder Naturkatastrophe. Ich glaubte Martha jedes Wort, jede flüchtige Regung in jedem ihrer Gesichter. Ich glaubte ihr. Und ich wusste, dass auch sie mir glauben wollte, dass ein Brand gelegt wurde in ihrer Brust, ein wilder Durst und ein Sturm da um sich griff.
Martha, hast du schon mal eine siamesische Hochzeit gesehen? Und Martha sah für einen kurzen Moment wie ein ganz normales Mädchen aus, dem lediglich eine Frisur fehlte, das muss in Bangkok gewesen sein, vor zwei Jahren, sagte sie, und dann war es auch schon wieder vorbei, das bekannte Gesicht, meine Freundin, vertauscht, verschwunden, mich starrte eine Fremde an. Am Abend wusch ich sie und brachte sie ins Bett. Ich erzählte ihr meistens die gleiche Geschichte.
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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text
Kommentar von Zeder (27.01.2009)
 mehr!
schön, mal wieder: die beziehung der beiden. das in sich vordringen und nicht vordringen können. nebel.
mit dem ersten teil hatte ich anfangs schwierigkeiten, im nachhinein lässt er sich für mich viel besser einordnen. der kontrast zum zweiten teil ist einfach riesig. man landet aus dem hier und jetzt, also ein vollgestopfter supermarkt, ganz plötzlich in einer neblig grauen umgebung, die irgendwo in der vergangenheit hin und her pendelt, man kann da wenig greifen, plötzlich eher fühlen.
schöne sprache,
aber: mehr!
conejo meinte dazu am 27.01.2009:
das war ein ganz schneller text. mit dem zweiten teil gings dir da ähnlich wie mir, ich wusste selbst am ende nicht ganz, wie wir dorthin gekommen waren. :) danke fürs kommentieren, mehr geht im moment nicht, zeitmäßig, der text ging eigentlich auch schon nicht, aber er musste. liebe grüße.
Jorge antwortete darauf am 27.01.2009:
@ Zeder: mit deiner gut geschriebenen Leserfuehrung machst du es mir leicht, den gewollten Bruch vom Supermarkt zum zweiten Teil des Textes
zu erfassen.
@conejo: Bei aller Schoenheit der Sprache und deiner genialen Einfaelle spuert man auch mit Verlaub die Schnelligkeit des Textes. Deshalb dieser Titel?
conejo schrieb daraufhin am 28.01.2009:
nee, eigentlich nicht! aber den darfst du natürlich deuten wie du willst. an welchen stellen spürst du denn die schnelligkeit des schreibprozesses? also irendwas ungenau oder doof? normalerweise überarbeite ich texte auch länger, diesmal nicht, aber das ließe sich ja in schlimmen fällen nachholen.
Jorge äußerte darauf am 28.01.2009:
Du willst es wissen: erste Zeile > stand mittevierzig sollte gedreht werden.
Zeile 22: ", dass ich nicht keiner blieb, sondern nur blieb" ???
Liebe Gruesse Jorge
conejo ergänzte dazu am 28.01.2009:
ah ok, das war schon bewusst so gesetzt in der ersten zeile, und in zeile 22 (ich glaub dir das mal, du hast echt durchgezählt wa?! merci für die mühe) auch, ich fand das eigentlich ganz lustig so, das "keiner" bezieht sich auf "keiner glaubte ihr", falls das unklar war. danke fürs auseinandersetzen mit dem text! lg
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Kommentar von eilika (01.02.2009)
 was ich an diesem text interessant finde, ist die erzählersituation. es ist die literarisch selbe person, und dennoch ändert sich mit der szene, mit dem schauplatz ton und art des erzählens. damit auch der blickwinkel und die wirkung. ich kann es noch nicht genau ausdrücken so nach dem ersten eindruck. aber das ist es, was mir sofort auffällig wird.
gruß
(Kommentar korrigiert am 01.02.2009)
conejo meinte dazu am 02.02.2009:
ja ich weiß, es hört sich blöd an aber: ich konnte nix dagegen tun. gegen den anderen ton. plötzlich war martha da und alles anders. ein grund auch für den titel, der sich weniger auf girl interrupted martha bezieht, sondern auf den erzähler: es findet ein bruch statt, eine unterbrechung, die eine veränderung in ihm verursacht, der er sich nicht entziehen kann. simpel gesagt vom leichten ins schwere. "das ist kein cooler move" wäre im zweiten abschnitt z.b. relativ undenkbar. ich muss aber sagen, und je öfter ich das schreibe, desto bescheuerter komme ich mir dabei vor: der text hat sich weitgehend selbst geschrieben. ich bin mir manchmal unsicher, ob ich die erzählerischen entscheidungen überhaupt selbst treffe. das ist unsinn. aber es fällt mir jedenfalls schwer, den text logisch aufzuschlüsseln oder zu erklären. danke für deinen kommentar, liebe grüße dir, L.
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Kommentar von MannImMond (23) (05.02.2009)
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