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Reggy
Veröffentlicht am 25.08.2009. Dieser Text wurde bereits 186 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 09.03.2010.
Leserwertung
· abstrakt (1)
· anklagend (1)
· aufwühlend (1)
· gesellschaftskritisch (1)
· kritisch (1)
· provozierend (1)
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Man amüsiert sich

Erzählung zum Thema Gesellschaftskritik
von hier klicken Reggy.

„…until life teaches us to be stoned – or ashamed …”
- Nevermore


Das Kissen liebkoste Rudolphs verschwitzten Kopf. Träume wie verkohlte Marshmallows, erst vom Weckerlied gemahnt, bunt gewesen zu sein. Bunt sein zu müssen.
Die unerträglich weiche Decke beiseite. Seine Füße zuckten vor dem Boden zurück, obwohl er warm war. Geheizt. 
Morgengymnastik. Krankengymnastik gegen hängende Mundwinkel. Rudolph keuchte, hampelte, balzte nach den bunten Bläschen in seinem Blut.
Endorphine. In Watt strahlten sie aus dem Fenster, und wenn er eine Hand vors Gesicht hielt, würden sie trotzdem hindurchkriechen, diensteifrig.
Die Lichter zwischen Tag und Nacht gähnten Rudolph zu, und er gähnte zurück. Sortierend. Hörte er die Lichter und sah er die Musik, oder …?
Fast hätte er Sela gefragt. Wiegende Stahlhüften irrten sich nicht. Im Timbre ihrer Stimme säuselten gepolsterte Fakten. Schlimm war, dass diese Stimme die Nachrichten in seinen Träumen sprach.
Auf ihre eigene Art fragte Sela, wie es ihm ging. Untersuchte Rudolph, treue Hüterin seiner Gesundheit. Hormonspiegel, Blutdruck, Herzschlag. Sie änderten sich nicht viel, denn Rudolph sah unter Selas Samthaut nur Metall, unter ihren Wölbungen nur Motoren. Beim Check summte er, wie um die Werte zu verbessern, oder wenigstens ein Störsignal zu erzeugen.
Geprüft für den Tag. Er war nicht schlecht gelaunt, sagte sein Körper. Gesund und wohlauf. Ein glücklicher Bürger.
Was steht heute an?
Rudolph brauchte nicht zuzuhören, nicht auf die Monitore in Selas Augen zu blicken.
Freude, was denn sonst. Euphorie.
Freundschaft, Genuss, Humor, eine Prise Lust vielleicht.
Alles zugleich – eine Party! Wie Sela fröhlich verkündete, war Rudolph eingeladen. Nicht mit Namen, Namen müsste man aussprechen, das verformte nur das Lächeln. Er war ein Lächeln; alles andere hatte nicht ansteckend zu sein. Er war fast ein Spezialgast.
Auf der letzten Party hatte Rudolph sich ins Spiegelkabinett des Bades geflüchtet, gekotzt. Das konnte verdächtig wirken, aber ohne den letzten Teil funktionierte der Plan immer noch. Wenn Rudolph gut aussah.

Bunt einkleiden. Für Sela. Für den Abend, der zu kommen drohte. Shirt, Hosen, Shuhe, alles im Takt des Fernsehers, der sang, erzählte, beschwichtigte.
Ich bin glücklich, sagte Rudolph in sich, wie um den Fernseher zu übertönen. Die Welt lacht, ich gehe auf eine Party, ich bin glücklich.
Was fürchtete er den Meditationsraum! Er hatte ihn sich selbst eingerichtet.
Sela hatte Frühstück gemacht. Beim Essen lächelte Rudolph sie an, weil sie zusah, weil sie immer zusah. Sein Aufzug schnürte ihm den Magen auf halber Strecke ab. Nein, in letzter Zeit fiel es ihm einfach schwer, das Süße hinunterzuwürgen.
Ihn rettete ein Signal, melodisch wie das Lachen eines Freundes. Bloß dass Freunde nicht so lachten.
Besuch. Liz, das Sonnenschein mit den Augen, die immer ein bisschen zu tief waren. Er kannte sie gut, für die Verhältnisse.
Liz strahlte, machte seine Augen alt. Strahlte denn alles heute?
Liz küsste ihn, plapperte, küsste, plapperte.
Du siehst aber schick aus, denkst jetzt schon an die Party, hmm?
Ich freue mich darauf, sie wird bestimmt toll
Ohja, man hat uns ein Luxusbudget zugeteilt. Damit die Leute sich gepflegt entspannen und einfach mal freuen. Das sieht man gern.
Ja. Damit die Leute sich freuen.
Du kommst doch, oder?
Selbstverständlich. Das lasse ich mir doch nicht entgehen. Ich habe das Gefühl, ich verpasse genug Vergnügen.
Das stimmt. Du kapselst dich ein wenig ab, in letzter Zeit.
Rudolph schauderte, lächelte aber noch breiter und berührte ihre Schulter.
Das ist wegen Sela, die ist so ein eifersüchtiger Hausdrache, weißt du?
Unter dem Vorwand, mit ihren Lichthaaren zu spielen, sah er die Liz prüfend an. Ihre Wimpern schleuderten ihn beiseite.
Und überhaupt, Rudolph, du siehst irgendwie blass aus. Man könnte fast denken, du brauchst Medikamente.
Liz stellte all dies in einem Tonfall fest, als würde sie nur die illustren Gestalten aufzählen, die zur Party kamen.
Das ist nichts, das kommt vom Licht. Es macht mich blass.
Inwiefern?
Na, ich kann doch nicht so bunt sein wie diese Lichter. Das würde komisch aussehen.
Sie lachten beide. Rudolph kniff dabei die Augen zu, das wirkte echter. Pflichtfältchen. Liz hörte beim Lachen nicht auf, zu schauen. Sie schaute ihm zu. Scannte seine Wohnung, geschickter noch als Sela. Roboterfrauen, Menschenfrauen.

Man amüsierte sich. Die Party war eine Festung, und schwitzend grub sich Rudolph einen Tunnel hinein.
Unterhaltungen mit grell versprechenden Lippen, Tänze mit geschickt bebeinten Hinterteilen, Flirten und Lachen mit dem Rest.
Rudolphs Gesten waren Teil des Tanzes. Was aus seinem Mund blubberte, war die Übersetzung der Musik. Das Karussell schwebte. Nichts schwieg. Musik und Geplapper – er staunte immer wieder, was für ein Echo sie hatten.
Die Pillen taten ihre Wirkung. Sie waren längst nicht so stark wie die für Unglückliche; sie unterstützten nur. Damit die Leute sich gepflegt entspannten.
Ab und zu sah er Liz’ Augen aufblitzen, noch vor ihrem Lichthaar. Sie strahlten nicht allgemein, sie folgten ihm. Hielt sie ihn für gefährlich? Blass sah er nicht mehr aus, und abgekapselt auch nicht. Glücklich! Zur Sicherheit nahm Rudolph noch eine Pille. Die Farben sättigten sich, sättigten sich an ihm, blendeten ihn aber nicht
So viele Gäste. Liz begrüßte zwei besonders schrill gekleidete Männer. Alles, was sie besprachen, belachten sie gleich. Es lag etwas Dienstliches darin. Sie amüsierten sich nicht, sie hatten ein Ziel. Rudolph sah sie, und zappelte noch stärker. Er schnappte nach dem Arm von etwas Schönem, um im Zappeln sein Glück zu teilen. Er spiegelte sich in den Zähnen des Wesens. Blass.
Das Schöne wich, als Liz wieder auf ihn zukam. Sie küsste ihn, ihre Lippen das einzig Farblose an diesem Ort.
Du brauchst das, Rudolph. Du bist unglücklich. Du gefährdest uns. Im Meditationsraum warten sie auf dich.
Hinter ihr die bunten Männer. Sie holten ihn wie alte Freunde. Wie um seine Unschuld zu beweisen, summte Rudolph wieder.
Ich habe dich doch auch weinen sehen, Liz.

Als sie ihn abführten, lachte Rudolph. Er lachte zu jedem seiner Schritte, die erst tänzelnd wurden, dann ins Hüpfen strauchelten. Rudolph lachte immer lauter, und keiner erschrak darüber. Die Menschen verabschiedeten ihn mit einem wohlwollenden Lächeln. Wie denn auch anders; in seinem Lachen kreiste ihr buntes Karussell. Das grinsende Ross, die schnäbelbleckenden Paradiesvögel und die Maschinen, die zu Kaufhausmelodien abhoben ins Elysium.

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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Maya_Gähler Kommentar von hier klicken Maya_Gähler (25.08.2009)    diesen Kommentar melden
oha, da ist viel Kritik versteckt und soviel Wahres...
mir fällt noch schwer einen anständigen Kommentar zu schreiben, zu sehr noch tanzt es ... du schreibst mitreissend und erschreckend zugleich... aber man muß weiterlesen... ja...
du verstehst es die Dinge zu umschreiben, so dass sie anschließend ganz klar sind...
LG Gudrun

hier klicken Reggy meinte dazu am 25.08.2009: Du wirst lachen, liebe Gudrun, aber für mich ist das größte Kompliment, dass du, wie du sagst, noch keinen "richtigen" Kommentar zu schreiben - denn wenn die Story nachwirkt, habe ich die erzielte Wirkung erreicht, und das freut mich sehr.
Vielen lieben Dank fürs Lesen und Sich-Mitreißen-Lassen!

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tausendschön Kommentar von hier klicken tausendschön (25.08.2009)    diesen Kommentar melden
das ist ein unglaublicher text. sprachlich: jedes wort hat seinen platz, jedes tänzelt, oder aber das sind meine ungeduldigen augen, die nicht weiterlesen dürfen, bis mein kopf begriffen hat, was er gar nicht begreifen will: ist das eine dystopie - oder leben wir schon heute so?
hier klicken Reggy meinte dazu am 26.08.2009: Dass du dir diese Frage überhaupt stellst, liebe tausendschön, ist wohl das Ziel einer jeden Dystopie. Danke!

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Dieter_Rotmund Kommentar von hier klicken Dieter_Rotmund (26.08.2009)    diesen Kommentar melden
Neee, sorry, gefällt mir nicht, habe mich von den Empfehlungen verleiten lassen, ist mir zu verquatscht, stellenweise ist es manieriert und die Gesellschaftskritik, ist sie denn überhaupt da, hat keinen Biss, finde ich.

Wer ist Nevermore? Hat der auch einen Vornamen?

Nix für ungut!

hier klicken Reggy meinte dazu am 26.08.2009: Danke für deine Kritik, Dieter, auch wenn ich sie mir insgeheim vllt etwas ausführlicher und konstruktiver gewünscht hätte. Was genau empfindest du als "verquatscht" und "manieriert", vor allem, woran machst du du den fehlenden "Biss" fest? Könntest du mir bestimmte Textstellen zeigen, wo diese gravierenden Fehler zutage treten, damit ich meinen Stil dementsprechend weiterentwickeln und die Story verbessern kann? Denn das ist ja das Ziel einer Kritik - dass man dadurch weiterarbeiten kann.
Dass du die Gesellschaftskritik nicht herauslesen könntest, macht mich natürlich traurig, aber vielleicht ist es auch Sache der persönlichen Wahrnehmung.
Ach ja, und Nevermore ist eine Band mit sehr starken Songtexten.
hier klicken Dieter_Rotmund antwortete darauf am 27.08.2009: Nunja, Reggy, hats schon Recht, ich war recht kurz angebunden.

Verquatscht: Kann man an keiner bestimmten Stelle festmachen; "Man amüsiert sich" (schöner Titel!) ist einfach zu lang und es passierts nichts, wobei "passiert" nicht unbedingt tatsächliche Action sein muß, sondern auch ein spannender innerer Monolog sein kann. Bitte an den Leser denken, der ja meistens unterhalten werden will. In der zweiten Hälfte mit den Dialogen wird es zwar besser, aber auch fahriger.

Manieriert: "Träume wie verkohlte Marshmallows", "Wiegende Stahlhüften irrten sich nicht", "Strahlte denn alles heute?", alle Metapheren und Qxymorone u.ä. möchte ich jetzt nicht nennen müßen, aber solche überaus blumigen Formulierungen sind m.E. nur gefühliger Ballast und vor allem: manieriert. Rhetorische Fragen wie "Strahlte denn alles heute?" würde ich auch dann nur stellen, wenn es unbedingt notwendig ist. Auch sowas wirkt gekünstelt, finde ich.


„…until life teaches us to be stoned – or ashamed …”
- Nevermore

Also wenn Du unbedingt Popmusiker bzw. deren Popmusiktexte nennen willst, deren literarische Halbwertszeit gering ist und deren Bekanntheitsgrad-Habwertszeit gegen Null geht (so ist es nun mal, ich will jetzt nicht "Nevermore" im speziellen schlecht reden) dann solltest Du genauer zitieren, etwa (erfunden):

„…until life teaches us to be stoned – or ashamed …”
- aus "Stoned", Song von "Nevermore", kanadische Rockband 1992-1997, Text: William Houston, 1993

Also ich finde so Detailinformationen sehr interessant, zudem wir hier eher Literaten sind und in der Popmusik nicht sehr kundig. Wenn man natürlich so Größen wie Schopenhauer, Schiller, Peter Weiss, Borges, Fried o.a. erwähnt, muß man nicht so ausschweifend genau zitieren, weil hier bei kV wohl schon jeder mal z.B. von Schiller gehört hat...
hier klicken Reggy schrieb daraufhin am 27.08.2009: Ich danke dir, dass du dich herabgelassen hast, die Kritikpunkte nochmal genau zu erläutern.
Bei Zitatangaben bin ich ja eher faul, es sollte mMn der Sinn des Zitats im Vordergrund stehen und nicht die gesamte Diskografie der Band :D
(Antwort korrigiert am 27.08.2009)

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