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unser film

Brief zum Thema Nihilismus
von hier klicken weitblick.

das ist unser film.

tag 1
wir sitzen in einem leeren raum. ich schweige. du lächelst. es gibt keine tür. keinen ausgang.
die welt ist auch nur ein raum ohne ausgang. wer ist ihr je entkommen – für immer?
der boden auf dem wir sitzen ist hart. ich würde dir gern ein kissen bringen.

tag 2
sie haben uns wohl vergessen. also sitzen wir da und verdursten. wir könnten uns lieben. ich frage, ob du geliebt hast - jemals. nein. ich auch nicht.
wieder schweigen wir. was würde das jetzt noch bringen? ein paar küsse und umarmungen in den leeren raum. es würde sowieso keine hochzeit geben - mit reisregen und weiß lackierten dreckigen tauben. ich würde dir nicht das erste stück von der torte schneiden können und du könntest nicht den brautstrauß in die menge werfen. also nicht lieben. du nickst, halb im delirium, halb in zustimmung. dehydratation.

tag 3
du denkst an den tod. wir müssen sterben, sagst du. ja. aber wir wollen nicht fliehen, sage ich, als würde ich aus dem drehbuch rezitieren. nein, natürlich nicht.
wir müssen keinen gedanken mehr an die zukunft verschwenden. ich glaube nicht an gott, sage ich. glaube ist zeitverschwendung. ich warte auf die offenbarung im moment meines todes. ein paar stunden noch, dann habe ich gewissheit. eine gewissheit, die mir nichts bedeutet.
wenn sich jetzt eine tür öffnen würde, würde ich hier bleiben, sagst du. mein körper soll austrocknen. du hast vergessen, wie blaue blumen riechen und sich regentropfen an fensterscheiben anhören.
ein schluck wasser und das leben würde weitergehen, sage ich. ich lüge dich an.
inzwischen liegen wir da. nur unsere lippen bewegen sich von zeit zu zeit, formen wörter, die mal bis zu den ohren des anderen reichen und mal vorher leise im raum verhallen. je mehr es werden, desto nichtssagender sind sie.

tag 4
als ich spüre, dass du wach wirst, sage ich heute sterben wir. du atmest gleichmäßig. die einzige zeit die noch existiert ist das jetzt. die vergangenheit ist hinter uns. wir wollten sie nicht zulassen, auch wenn wir könnten. es gibt keine zukunft. es gibt nur noch nicht vergangenes jetzt. das jetzt sind die letzten atemzüge in diesem raum. wenn sie leer sind, sind wir tot.
die luft ist geruchlos. wenn wir tot sind, wird sie modrig sein. vielleicht ist sie es schon. meine sinne verblassen. es gibt keine nuancen mehr.
wir lernen gerade, wie es ist, zu verdursten. es ist wie bei einem schwamm. er ist triefnass. dann feucht. dann trocken. schließlich wird er brüchig.
unsere körper werden brüchig.
unsere augen bilderlos, starr an die decke gerichtet.
die münder fest verschlossen.
klagloser abschied.
fin.

ist es unser film?

URL dieses Textes: hier klicken www.keinVerlag.de/258531.text

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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Kommentar von Leyla (29) (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Hallo Weitblick.

Wieso deklarierst Du das als Brief? Ist es nicht eher ein Gedanke, Tagebuch oder einfach Kurzprosa?

Alles in Allem finde ich die Idee klasse, Du hast gute, tragende Wortbilder eingeflochten. Einzig die Kommata und die mangelhafte RS machen das Vergnügen fad. Schade, denn ich fand den Text mitreißend. Daher auch keine Empfehlung. Sorry.

Herzlich willkommen,
-L.-

hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Danke für deinen Kommentar, Leyla!

Es fiel mir schwer, mich für eine Gattung zu entscheiden. Brief oder Tagebuch.
Brief an niemanden.

Danke für das Lob. Die Kommata werden nachgeliefert.

Gruß

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m.o.bryé Kommentar von hier klicken m.o.bryé (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Brief find ich gut. Den Rest auch. Durch die Einordnung als Brief ist es kommunikativwissenschaftlich betrachtet irgendwie sehr interessant (das mein ich nicht so snobistisch, wie es klingt).
ja, so furchtbar produktiv kann ich nichts dazu sagen. das szenario ist trotz (bzw wegen) skizzenhaftigkeit stark, die beziehung zwischen den personen find ich besonders beeindruckend. komplex.
der schluss lässt mich etwas unentschieden. die letzten 3 sätze. vor allem der letzte. wirkt irgendwie liebloser als der rest.

lg,
lena

hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Danke für deinen Kommentar und die Empfehlung! :)
"die offenbarung - nichts." sollte etwas nihilismus-bestätigend klingen... eine Art Abschluss, der deutlich macht, was das lyrI vom Ende erwartet.
Werde auf jeden Fall nochmal über den Schluss nachdenken :)
Ein persönlicher Brief muss nicht oder sollte nicht die übliche Einleitung und den üblichen Schluss enthalten... ist wohl auch deine Meinung?
Liebe Grüße
weitblick
hier klicken m.o.bryé antwortete darauf am 28.12.2009: Danke für den Text.

Zum Schluss: Deine Intention kommt rüber, keine Sorge ;) Wenn sie für dich im Vordergrund steht, dann passt das so. Ich fand es eher zu direkt, da die nihilistische Erwartung von dergesamten Atmosphäre transportiert wird. Aber das ist mein persönlicher Geschmack.

Zum Genre:
D'accord. Was einen Brief ausmacht, ist für mich die Existenz eines Adressaten, zu dem eine (wie auch immer geartete) Beziehung besteht. Und die ist hier wohl gegeben =)
lg,
lena

edit: Anbei Gratulation zu deinem spontanen Erfolg hier.
(Antwort korrigiert am 28.12.2009)
hier klicken weitblick schrieb daraufhin am 28.12.2009: Hm, zu direkt, ja. Irgendwie schon. Ich denke sowieso darüber nach, den Schluss noch einmal abzuändern. Mach mich jetzt mal dran.
Danke für die Glückwünsche :).
Gruß
weitblick
hier klicken m.o.bryé äußerte darauf am 30.12.2009: wow, macht einiges aus, find ich. stärker.
hier klicken weitblick ergänzte dazu am 30.12.2009: Danke, dass du mich darauf gebracht hast. :)

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ZornDerFinsternis Kommentar von hier klicken ZornDerFinsternis (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Wirklich sehr interessant. Kreative, schmerzliche und aufwühlende Bilder vollen Intensität :D Große Klasse!! LG, Anni
hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Danke auch an dich für den Kommentar und die Empfehlungen! :)
Intensität ist gut... :)
Liebe Grüße
weitblick

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thammü Kommentar von hier klicken thammü (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
hey jonas,

also. stark geschrieben auf jeden fall, ich mag diesen brottrockenen ton und all das. das ist intensiv und dicht.
manchmal wünsch ich mir da dann doch mehr konkrete situation. das machts nicht einfacher, ich weiß. vor allem wenns ja irgendwie darum geht, das nichts auch nichts sein zu lassen.

cheers

hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Ja, war auf jeden Fall beabsichtigt. Nur abstrakte Situationen. Vielleicht wirds beim nächsten Text ein bisschen konkreter... :) Nichts greifbar machen in diesem Text. Aber trotzdem irgendwie die Beziehung nicht flach darstellen.
Hoffe das ist mir gelungen. Brottrocken, ein feines Kompliment :)
Danke Herr Thamm.
Lg

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Vaga Kommentar von hier klicken Vaga (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Eine Raffinesse dieses Textes ist u.a., dass die Feststellung zu Beginn am Ende zur Frage wird. Der Begriff Film ist hier ganz leicht austauschbar mit dem Begriff Sinn. Können wir unseren eigenen Film selbst "drehen"? Bestimmen wir die Personen, die darin mitspielen? Oder gibt es einen übergeordneten Regisseur, der "uns dreht"? Ich finde diesen Text als tiefsinnige Gedankenvorlage sehr spannend. Er wirft Fragen auf, die zu beantworten schier unmöglich zu sein scheinen. So, wie die Frage (am Ende) nach dem Sinn unseres Lebens. Herzlich - Vaga.
hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: So ist es oft mit solchen Feststellungen, dass sie bei genauerem Hinsehen schnell zu einer Frage werden können. Gut erkannt.
Ist es "unser film", wenn wir nicht selbst drehen sondern "wie aus einem drehbuch" spielen?
Andererseits gibt es das Klischee, dass Eingesperrte immer aus ihrem Gefägnis fliehen wollen. Hier wird sich verweigert, die beiden wollen nicht entsprechend dem Drehbuch fliehen.
Wenn es einen Beobachter gibt, der die beiden dort eingesperrt hat, wird er enttäuscht sein. Das macht es wiederum zu dem Film der beiden, dass sie sich nicht wie erwartet verhalten.
So kann man ewig darüber nachdenken... immer neue Aspekte.
Vielen Dank an dich!
Lg
weitblick

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Elline Kommentar von hier klicken Elline (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Das Brief ist sehr interessant und spannend geschrieben...
LG Lea

hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Dankeschön (auch für die Empfehlung)! :)

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mischwAld Kommentar von hier klicken mischwAld (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Hey,

ein sehr gelungener Text,
er baut Spannung auf die einen mitreißt.
Brief ist vielleicht für diesen Text nicht ganz passend.

Gern gelesen
mischwald

hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Freut mich, dass er dir gefällt. :)
Wenn man mehrere Gattungen hätte angeben können, hätte ich wohl noch "Tagebuch" mit dazu genommen.
Danke für Kommentar und Empfehlung!
LG
weitblick

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Kommentar von hier klicken Mondgold (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
oh schön, dass diesem dichten text, ebenbürtige kommentare zufallen... dem tief im "weitblick", nicht nur die kommawimper unter hochgenaster braue klimpert... (((-; sehr kreativ... LG Mondgold
hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Ich war positiv überrascht von der Menge der Kommentare, die meinem ersten Text hier zukommen. Bin schon länger unter den nichtangemeldeten Lesern und gestern (bzw. heute Nacht) habe ich mich entschlossen, mit dem ofenfrischen Text hier zu beginnen. Hoffe mein kreatives Loch der letzten Wochen ist jetzt mal beendet.
Danke auch an dich :).

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Isaban Kommentar von hier klicken Isaban (27.12.2009)    diesen Kommentar melden
Wie wäre es mit dem Genre "Protokoll" ?

Ein Text mit gut aufgebautem Spannungs- und Stimmungsbogen.
Gern gelesen.

(Schau vielleicht noch mal nach der Interpunktion, ab und zu vermisst man ein Komma.)

Liebe Grüße,

Isaban

hier klicken weitblick meinte dazu am 27.12.2009: Protokoll gefällt mir ebenfalls, danke für den Vorschlag.
Ich werde den Text noch einmal durchgehen, hier und da ein Komma einfügen und die Gattung überdenken.
Freut mich, dass du ihn gelesen hast und dass du ihn gerne gelesen hast.
Danke.

Liebe Grüße
weitblick

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Kommentar von KoKa (41) (29.12.2009)    diesen Kommentar melden
Der Text ist insgesamt eine starke Ansammlung von wenig störenden Wörtern. Als KV-Neuling zu KV-Neuling: "Wir haben alle Zeit dieser Plattform die Grammatik zu erlernen oder weiterhin zu belächeln - was bei aller Liebe zum Scherz - nicht so gut ankommt". Grüß dich.
hier klicken weitblick meinte dazu am 29.12.2009: Danke dir!
Gibt es auch gar nicht störende Wörter?
Hoffen wir nur, dass die Plattform nicht unsere Grammatik erlernt.
LG
(Antwort korrigiert am 29.12.2009)
KoKa (41) antwortete darauf am 31.12.2009: Unsere Grammatik? Im Leben nicht. Aber es gibt hier noch einige andere mehr die es noch schlechter können. Das beruhigt. Gar nicht störende Wörter wären keine Wörter. Das wollen wir doch nicht, oder? Es gibt immer was zu kritteln. Guten Rutsch. Grüß dich.

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ungesagt Kommentar von hier klicken ungesagt (11.01.2010)    diesen Kommentar melden

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zum Zwecke des Urheberschutzes registriert bei der VG Wort
  
weitblick
Veröffentlicht am 27.12.2009, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 28.12.2009). Dieser Text wurde bereits 935 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 02.02.2012.
Lieblingstext von:
hier klicken Selene, hier klicken ZornDerFinsternis.

Leserwertung
· spannend (2)
· aufwühlend (1)
· beunruhigend (1)
· düster (1)
· fantasievoll (1)
· gefühlvoll (1)
· tiefsinnig (1)

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