Diese Rezension erschien am 26.05.2010 in der Ausgabe Nr. 253 von unter dem Titel Experimente aus der Schnittmenge von Text und Bild. |
Es gibt nur wenige Bücher, die mich auf Anhieb begeistern. Meistens sind es keine Schmöcker, sondern kompakte Werke, die berühren und zum Nachdenken anregen, gleichzeitig aber auch spannend sind.
„Extrem laut und unglaublich nah“ fiel mir in der Bücherei zunächst wegen seines Covers ins Auge. Schwarz-weiß, einfach, aber stärker als jede andere Buchklappe. Ich schlug das Buch auf und stutzte. Bevor ich überhaupt ein Wort des Werkes gelesen hatte, zwang mich das, was ich da sah, sofort zum Ausleihen desselben.
Die freundliche Bibliothekarin empfahl mir das Buch wärmstens, es wäre genau das richtige für mich. Daran hegte ich nicht den geringsten Zweifel. Ich sympathisierte damals schon mit wagemutigen Experimenten aus der Schnittmenge von Text und Bild, dieses Buch trieb es auf die Spitze. Teilweise waren Sätze mit roter Farbe umkringelt und durchgestrichen, auf einigen Seiten fanden sich verstörende Schwarz-Weiß-Fotos, in einem Kapitel wurden die Buchstaben sogar so eng zusammengeschrieben, dass der Rest unlesbar war.
Neben solchen „Gimmicks“, die ich bis heute als revolutionär in der anspruchsvollen Literatur (was „Extrem laut und unglaub nah“ auch ist) empfinde, ist die Geschichte für sich gesehen ebenfalls neu und erfrischend originell.
Jonathan Safran Foers zweites Buch nach seinem Erfolgsroman „Alles ist erleuchtet“ (2005 von Liev Schreiber mit Elijah Wood verfilmt) folgt dem Pfad der Vermengung zeitgenössischer Literatur mit fantastischen, grotesken Elementen, Aufarbeitung der Vergangenheit und der Gegenwart mit einzigartigen, sympathischen Charakteren. „Extrem laut und unglaublich nah“ erweist sich dabei als Weiterentwicklung, sogar als Verbesserung (der Debutroman konnte mich letztenendes nicht mitreißen). Die Thematik liegt nun schmerzhaft nahe am Heute und vor allem an einem Ereignis, das in der Literatur bisher wenig Beachtung gefunden hat: 9/11.
Neben all der Vergangenheitsaufarbeitung der Nazizeit („Der Vorleser“) und der DDR-Vergangenheit („Ich“) vergessen viele Schriftsteller offenbar, dass auch jüngere Ereignisse Stoff für gute und eindringliche Geschichten liefern. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass Foer keinen Heldenroman schreibt, auch keine Dokumentation der Anschläge, von denen es inzwischen genug auf dem Markt gibt, nein, er lässt die schrecklichen Bilder durch die Augen eines Neunjährigen dringen und gewährt uns Einblick in die Gedankenwelt eines kleinen Besserwissers, der im Gegensatz zu seinem Pendant Oskar Matzerath wesentlich sympathischer auftritt.
„Extrem laut und unglaublich nah“ besteht aber nicht nur aus diesem Handlungsstrang. Die eigentliche Essenz verbirgt sich in einem längst vergangenen, aber noch nicht abgearbeiteten Konflikt zwischen Oskars Großvater, der im zweiten Weltkrieg seine Geliebte verloren hatte und dessen späterer Ehefrau, Oskars Großmutter. Foer schlägt also den Bogen in die NS-Zeit, ohne sich geschichtlich an den nationalsozialistischen Gräuel anzubiedern – das überlässt er anderen. Viel wichtiger ist die Charakterentwicklung der beiden Nebenprotagonisten und die Liebesgeschichte, die durch einen Bombenangriff jä gestört wird.
Jonathan S. Foer baut auch hier wieder ein fantastisches Moment ein. Oskars Großvater, der sich erst gegen Ende des Buches als eben jener herausstellt, „verliert“ im Laufe seines Lebens die Wörter. Er wird stumm. Der Erzähler liefert für dieses Phänomen keinen Grund, es gibt wohl keinen physischen Einfluss, das Problem scheint tiefer zu liegen. Doch das spielt keine Rolle für den Autor, er stellt den Großvater als zerstörten Halbgott ins Rampenlicht, als stummer Prometheus, der den Kampf gegen sich und die Welt verloren hat.
Oskars „Odyssee“ scheint dagegen dramaturgisch abzufallen, kristallisiert sich doch kein klarer Klimax heraus. Umso mehr weicht die Spannung einer immer größeren Trauer, einer Melancholie oder einem Mitleid für Oskar, der den Tod des Vaters nicht akzeptieren kann und deshalb ziellos durch New York irrt, immer auf der Suche nach dem Schloss und nach der geheimnisvollen Person mit Namen „Black“.
„Extrem laut und unglaublich nah“ ist in meinen Augen bereits jetzt ein Klassiker zeitgenössischer Literatur. Der Roman enthält alles, was die Moderne ausmacht: Verschiedene, sich überlappende Sinnebenen, Außenseiterfiguren, die mit ihrer unbeholfenen Sprache Kontakt zu ihrer Umgebung aufnehmen wollen, jüngere Ereignisse im Zusammenhang mit Vergangenheitsbewältigung und ferner das Fantastische, Unglaubliche, das Foers Roman mehr zu einem düsteren, kryptischen Märchen mutieren lässt, anstatt zu einer bloßen Charakterstudie.
Das ist es, was dieses Buch so verdammt lesenswert macht.