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para.gone
Veröffentlicht am 31.10.2006, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 23.11.2006). Dieser Text wurde bereits 881 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 31.08.2010.
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Wir könnten die Welt verändern...

Essay zum Thema Gesellschaftskritik
von hier klicken para.gone.

Als ich heute morgen aufgewacht bin, ist mir seit vielen Tagen wieder einmal aufgefallen, wie gut ich mich fühle. Hammergut. Supergut.

Nachdem ich geduscht, mir mein neuestes Top und knallenge, perfekt sitzende Jeans angezogen hab', war ich – mit meiner Lieblingsmusik im Hintergrund – bereit, mich nackt auf die Straße zu stellen und zu schreien, dass ich zu allem bereit bin. Die Energie floss mir durch den Körper, ich vibrierte vor Spannung. Es wird Zeit, dacht' ich mir, tu was!

Nur… was?

Schnell durch VIVA, MTV, Giga und ähnliche Sender gezappt – nichts interessantes zu sehen.
Mein aktuelles Buch von der Couch geangelt – ach, das handelt nach hundert Seiten ja immer noch von der Bestürmung Trojas und dem endlosen Streitgespräch zwischen Achilles und Agamemnon.
Den Rechner angeschaltet – ach, auch kein Game, das ich nicht schon durchgezockt hätte.
Zeitung gelesen – es hätte auch die von gestern sein können.
Freunde angerufen, zum Treffen verabredet – an der Frage gescheitert: „Was sollen wir machen?“

Ich bin jung, ich bin sexy, ich habe Energie, ich habe Lust, ich habe einen Packen Motivation für hundert weitere Leute; ich bin kein Opfer der verdummten Viva-Generation, ich habe meine eigene Meinung, ich habe Hobbies, die nicht jeder hat, ich habe Lust auf Konfrontation, ich habe super Freunde, ich hab’ mir für heute nichts vorgenommen, ich habe heute keine Termine, ich will einfach nur machen, was ich will…

Allein, ich weiß nicht, was ich machen will.

Meine Generation – zumindest so gut wie alle, die ich aus ihr kenne – sind nicht so verdummt, wie es uns die Sittenwächter gerne suggerieren würden. Wir sind nicht derart sexfixiert, wie die Musikvideoindustrie uns gerne haben würde. Wir sind nicht so simpel, dass wir uns den gesamten Tag vor ein und dasselbe Computerspiel hocken könnten. Wir sehen nicht immer gut aus und sind gutgelaunt wie amerikanische Cheerleaderinnen in einschlägigen Firmen. Wir haben keine Probleme – zumindest nicht mehr, als jeder andere Mensch auf dieser Welt auch.

Ich fürchte einfach nur, dass ein Großteil der Leute, die in meinem Alter sind, keine Ahnung haben, was sie mit ihrer kaum zu bändigenden Energie anfangen sollen; wir haben einfach keine Probleme, keine diktatorischen Mächte, keine spießige Gesellschaft mehr, gegen die wir rebellieren könnten, und es lohnt sich den Aufwand kaum, wegen irgendetwas aus dem Haus zu gehen. Also schalten wir doch wieder den Fernseher an, lesen, hören Musik oder chatten mit unseren Freunden über die neueste Frisur der Jahrgangsschlampe, weil die das in den Filmen ja auch immer so machen und wir niemals auf die Idee kämen, auf die obligatorische Frage „Wie geht es dir?“ mit „Ich weiß nicht, aber ich hab’ da ein Problem…“ zu antworten.

Ich glaube fest daran, dass wir alle insgeheim wissen, dass uns diese ganze Konsumgesellschaft, der stete Überkonsum als Folge daraus, dass wir ja nicht wissen, was wir sonst tun sollten – es hat uns ja niemals jemand gesagt, was wirklich Spaß, was glücklich macht! – niemals erfüllen kann. Aber keiner aus meiner Generation weiß, was er sonst tun sollte, außer zu konsumieren, und wenn es einer weiß, dann sagt er es uns nicht – warum auch? -, und so sitzen wir weiter vor unseren Fernsehern, Rechnern, Telefonen, in Clubs, Bars, Kneipen, Diskotheken und Rathaustreppen und reden, ohne zu wissen, worüber wir diskutieren sollten, weil alles schon gesagt ist und wir nicht wissen, was getan werden könnte.

Uns fehlt die Fähigkeit, die Gelegenheit am Schopf zu ergreifen, und nun stecke ich also fest und, wie ich zu sagen pflege, ich weiß, aber ich weiß nicht, was ich weiß.

URL dieses Textes: hier klicken www.keinVerlag.de/126239.text

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Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

Kommentar von Jean_Cuneau (22) (23.11.2006)    diesen Kommentar melden
da ich selbst dieser generation angehörig bin, kann ich dem ganzen größtenteils nur zustimmen. allerdings beneide ich jeden, der nicht weiß, was er mit seiner zeit anfangen soll. wenn ich etwas mehr zeit hätte, würde ich so viele hobbies nachgehen... und doch.... ich bin vom leben eingeholt worden. allerdings geht mir das auch erst so, seit ich nicht mehr bei meinen eltern wohne. und da sich seither mein gesamtes weltbild geändert hat, kann ich oft weniger mit den "jugendproblemen" klarkommen und daher ist der text für mich mehr ein zeugnis einer starken generation, der nur der schubser fehlt und daher ihre zeit mehr oder weniger verschwendet.

prinzipiel hast du aber wirklich recht. liebe grüße, jean.

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Bergmann Kommentar von hier klicken Bergmann (26.11.2006)    diesen Kommentar melden
Egal ob du mir das glaubst: Nicht wissen was - das war auch das Thema meiner Generation vor ungefähr 40 Jahren. Allerdings gab es den 68er Wind, die Kapitalismus-Kritik, die Begeisterung für Literatur, - und im Widerspruich dazu die langweiligsten Parties, ein ziemlich ödes Studium (die Schulzeit war viel spannender), fade Familienfeiern ... Und drittens: Die Liebe, die ist wohl heute schwieriger geworden, weil der Individualismus und der damit oft einhergehende Egoismus größer ist, das Spielerische auch, während es dafür heute aber oft auch mehr prickelt, und schmerzt... Egal, ich denke, das Archetypische spätjugendlicher Leere hast du gut dargestellt. Ich las es auch mit Freude an deinem artistischen Stil.
P.S.: Übrigens erinnert mich dein Text in der Struktur "ich weiß nicht, was ich machen will" an die wunderbare Theater-Groteske "Hysterikon" von Ingrid Lausund.
(Kommentar korrigiert am 26.11.2006)

hier klicken para.gone meinte dazu am 27.11.2006: Was ist das für eine Groteske? *nicht kenn*

Naja, aber ich vermute, dass eben die zunehmende Individualisierung heutzutage immer krasser wird, weil sich Gesellschaft und Globalisierung und damit Möglichkeiten vor dem Spiegel einer Konsumgesellschaft immer schnell drehen. Dass Individualisierung allerdings generell ein wichtiges Thema der Jugendgenerationen des 20./21. Jahrhunderts ist, will ich nicht leugnen. Wahrscheinlich ändert sich nur die Symptomatik.

lG, para
hier klicken Bergmann antwortete darauf am 27.11.2006: Die Groteske ist ein Theaterstück, in dem ein Supermarkt metaphorisch zum Ort des Lebens wird, darin tauchen Figuren auf, die nicht wissen, was sie tun sollen.

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Kommentar von hier klicken PerpetuumMobile (14.12.2006)    diesen Kommentar melden
Die Energie deines Textes, vermittelt durchaus die Präsenz der Wahrscheinlichkeit einer Möglichkeit die Welt zu verändern... hebt sich zusammen mit dem Inhalt aber in Wohlgefallen auf...

Wie willst du ändern, wovon du nicht weißt, was zu ändern übrig bleibt. Wie kannst du annehmen, wir hätten nichts mehr zu sagen.... alles sei schon gesagt, nichts mehr zu tun.... alles sei schon erlebt oder getan worden. Irgendwie bedrückt mich der Gedanke, dass du (und ich und viele millionen andere) nichts mit deiner Zeit anzufangen weißt..... schlimmer noch, mit zur Verfügung stehender Zeit unproduktiv umgehst.

Das schlimme dabei ist aber.... du hast Recht! Wir wissen gar nicht, was wirkliches Elend bedeutet.... aber reicht dir denn nciht die Erfahrung aus Erzählungen?

Wenn alle Menschen so denken, dann glaube ich, dieser Gedanke spuckt mir durch den Strom meiner Gedanken und flammt dort immer wider drohend auf, rennen wir alle dem nächsten Krieg entgegen.... oder, um nicht so drastisch zu sein, lassen uns verdummen..... zu Sklaven machen, die sich kommandieren und derigieren lassen.

Ich bedaure besonders die Unfähigkeit zum Gespräch...

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