|
Werbung (
abschalten?) |
![]() |
|
para.gone.| Schon seit einiger Zeit konnte ich das Trommeln auf meinem Körper wahrnehmen. Fahriges Zittern, Unaufmerksamkeit, der Blick durch das Seitenfenster. Das Telefon zitterte und der Regen klatschte auf die beschlagene Frontscheibe. Hastig fummelten meine Finger das Handy aus der Hosentasche der Anzugshose, ihr Muster das eines Leichentuchs. Der Blick in den Rückspiegel des Busfahrerszeigte mir nichts, nicht viel zumindest, der typische Januarregen der Großstadt verdeckte mit seinen Vorhängen aus Perlentropfen den Blick auf die Einsamkeit der nächtlichen Straße. „Barbara.“ „Ich komm’ bisschen später, mein Zug hat Verspätung, der’s stehen geblieben. Die sagen, sie wissen noch nicht, wie lange. Setz dich am Bahnhof in so’n Café, ich meld mich dann noch mal, wenn ich da bin… oder ich find dich schon“, hörte ich ihre Stimme aus dem Rauschen des Handys; ihre Stimme, die klang, als stünde sie gerade vor ihrem Uniprofessor und müsste spontan einen Vortrag über die physikalische Begründung von Einsteins Relativitätstheorie sprechen. Oder so etwas ähnliches; ich wusste nicht genau, was sie machte, nur dass sie damals, in der Schule immer das gemacht hatte, was nun wirklich niemanden interessierte. Damals, als sie in dem umgebauten, grauen Fabrikhaus am Ende unserer Straße, das irgendwann einmal einem Chemiefabrikanten gehört hatte, gewohnt hatte. Ich erwiderte, ich werde auf dem Bahnsteig auf sie warten, und klappte das Handy zusammen, spürte die Wölbung des Stange unter meinen Lederschuhen und trat zu. Die Luft in dem unterirdischen Tunnel der nachmitternächtlichen Bahnstation zerrte Tränen aus meinen Augen. Es schien, als könnte ich den schlammgrauen Nebel auf den Ärmeln meines Anzugs fühlen. Außerdem roch es nach Fleisch, nach Salami, und ich erinnerte mich daran, wie ich einst neben ihr saß und Weizen trank, das denselben nussigen Geschmack hatte. Die Ankunft des Zuges kündete sich drei Stunden, nachdem ich mich auf die gelbliche Bank gesetzt hatte und einmal aufgestanden war, um meine Parkscheibe nachzustellen, durch ein sinnesbetäubendes Dröhnen an. 3 Uhr morgens, ein Januarmorgen, ein Sonntag, und in fünf Stunden würde ich schon arbeiten müssen. Umständlich fistelte ich mir ein Taschentuch aus der Hose, putzte mir die Hände, nahm meinen Aktenkoffer kurz auf, stellte ihn dann jedoch wieder hin und stand auf. „Guten Abend, Barbara“, sagte ich und reichte ihr die Hand, die sie prompt nahm, um mich an das Fleisch ihrer Brüste zu drücken. „Tom.“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Du hast dich ja gar nicht verändert. Wie früher, als wir zwei noch… Mensch Tom, aber du trägst keine Brille mehr! Kontaktlinsen? Stehen dir gut! Sieht man mehr von dir und deine Augen strahlen so'n bisschen!“ „Nein, nein“, versicherte ich ihr schnell und hastete zur Bank, auf der ich meine Brille neben der zerknitterten Tageszeitung liegen gelassen hatte. Ich mahnte mich, sie auf keinen Fall zu vergessen, und erkundigte mich, wie ihre Reise gelaufen war. Erst jetzt nahm ich wahr, wie sehr sie sich verändert hatte. Dort, wo sie früher die hauchdünne Linie ihres Kajalstrichs gezogen hatte, während jetzt winzige Fältchen, weil sie die Augen beim Lachen immer zu diesem absurden Oval verzog, wie sie es früher schon immer getan hatte. Sie trug die Haare jetzt offen, getönt, mit Strähnchen und Stufen. Sie sah müde aus, aber es war eine zufriedene Müdigkeit, keine körperliche Erschöpfung, und ich sah ihre ehrliche Zuneigung in dem Auberginenrot ihrer Bäckchen. „Ach, na ja, drei Stunden Verspätung ist schon blöd, aber na ja, ich hab’ mich mit den Leuten unterhalten und so, weißt du. Wie geht’s Emily und deiner Kleinen?“ „Gut, gut“, sagte ich und überlegte, was wir jetzt machen sollten. Um drei Uhr fuhr keine Straßenbahn, kein Bus mehr. Ein Taxi vielleicht? Laufen wollte ich nicht. Erstens, weil es bereits seit Stunden schüttete und zweitens, weil ich nicht so lange mit ihr allein sein wollte. Ich musste sie schließlich unterhalten, aber was sollten wir den ganzen Weg über reden? „Nur gut?“ fragte sie verwundert und ich merkte, dass sie sich bei mir untergehakt hatte, ohne dass ich es mitbekommen hatte, während wir die betonierte Bahnhofstreppe empor kraxelten. Sie roch seltsam, anders, nach einer Mischung aus Moschus und dem feurigen Duft einer Sommernacht, so unvertraut und nicht mehr nach dem Beton des alten Fabrikhauses und den Äpfeln, die sie für ihre Mutter geschält hatte. „Naja, ich denke schon, sonst hätten sie mir bestimmt Bescheid gesagt. War zuletzt Weihnachten da. Weißt du, ich besuche die beiden nicht mehr so oft, seitdem sie jetzt mit Edward zusammen ist. Der ist zwar ein netter Mensch, aber irgendwie, ich weiß nicht… ich fühle mich, als ob in dieser Familie kein Platz mehr für mich ist. Als ob mich unsere alte Wohnungstür nicht mehr in unser Wohnzimmer, sondern in einen Eispalast führt, auf dem ich mit einem falschen Schritt ausrutschen kann.“ Ich dachte mir, dass ich ihr zeigen müsste, dass ich noch immer ganz Gentleman war, und öffnete ihr die Tür. Außerdem gelang es mir, mich der Verhedderung ihres Armes zu entziehen, die mir, ich weiß nicht so recht, warum, unangenehm war. Sie fühlte sich falsch an, nicht mehr so wie früher, als wir stundenlang Hand in Hand durch den Park rannten, nicht mehr so warm und nah, sondern nach einer zufälligen Berührung an einem Novemberabend. Der Wasserfall meiner Verlorenheit ergoss sich über die neonbeleuchtete Leere des Taxistandes. „Tja, wohl kein Taxi“, lachte ich nervös und fühlte das Zucken in meinem linken Augenwinkel. Barbara zuckte nur mit den Schultern, den Kopf an meine Schulter gelehnt. „Was soll’s, Tom, gehen wir eben was trinken, bis der erste Bus fährt. Mehr als drei Stunden können das doch nicht sein, da ist doch höchstens eine mittlere Alkoholvergiftung drin!“ Ich erstickte den Glockenklang ihres Lachens mit der Kälte meiner Augen. „Geht nicht. Ich muss morgen arbeiten.“ „Na gut, dann gehen wir eben ins Bahnhofscafé.“ „Aber ich muss nach Hause, noch ein bisschen schlafen. Ich muss um Sieben los.“ „Naja, zur Not fährst du eben gleich von hier aus zur Arbeit. Nun komm schon!“ Es war seltsam. Ich wusste, dass ich ihr ihre Bitte nicht abschlagen konnte, weil sie schließlich mein Gast war und man das nicht tat. Ich wusste aber auch, dass ich nicht in dieses widerliche Café wollte, indem es nur verwässerten Milchkaffee und entkoffeiniertes Wasser gab. Schließlich ließ ich mich breitschlagen und wir setzten uns an einen Tisch am Fenster, damit sie, wie sie sagte, das Bahnhofsgeschehen beobachten konnte. Der Bahnhof war bis auf uns beide und den Kellner, dessen Augen ab und an zufielen, menschenleer. Sie bestellte sich einen Milchkaffee, ich nichts und kassierte dafür einen bösen Blick aus den zusammengekniffenen Augen des Kellners, dessen buschige Augenbrauen sich drohend spitzten. Sie erkundigte sich, wie die Arbeit so lief (ganz gut), ob sie mir immer noch Spaß machte (noch immer nicht, aber man muss ja), wie ich mit der Trennung von Emily zurecht kam (passt schon) und was ich so machte (nicht viel). „Ich bin jetzt endlich glücklich“, sagte sie und erzählte mir von Bran, einem englischen Künstlertypen, mit dem sie seit ein paar Monaten zusammen war. Auf mein Nachfragen erfuhr ich, dass die beiden sich in einem Seminar kennen gelernt hatten, in dem eine Freundin als Aktmodell gedient hatte. „Wie kann man das nur machen? Ein Job als Aktmodell? Das ist doch entwürdigend!“ stellte ich klar. „Quatsch. Also na ja, für sie zumindest nicht. Sie meinte, es sei ganz toll, sich so frei und ungebunden zu fühlen, seinen Körper zur Kunst zu machen, die Hülle fallen zu lassen.“ „Wie kann man sich das vorstellen?“ „Hab’ ich sie auch gefragt. Aber sie meinte, das müsse man fühlen, ausprobieren, selbst erleben. Ah, grazie.“ Der pseudoitalienische Türke hatte ihr ihren Milchkaffee gebracht, auf dem der weiße Milchschaum Luftblasen schlug. „Schmeckt’s?“ erkundigte ich mich höflich und zögerte. „Was ist das auf dem Kaffee?“ „Milchschaum.“ „Wie funktioniert das?“ „Hm. Ich glaube, erhitzen und dann mit so einem Rührer, so einem Metallstab bearbeiten. Und dann portionsweise in den Kaffee schütten.“ Ich zögerte. „Und wonach schmeckt das?“ „Du hast doch grad’ schon gesehen, dass ich keine Meisterin im Beschreiben bin. Probier doch mal.“ Ich lehnte dankend ab, es sei ja ihrer, aber sie bestand darauf. Ich blickte mich verstohlen um und betrachtete unsere müden Gesichter, die sich in der Fensterscheibe des zugesprayten Cafés spiegelten. Die Bahnhofshalle glich einem verlassenen Fabrikgelände, das Beton der Wände roch alt und zerfallen und dennoch nach dem Leben, das sich hier tagsüber abspielte. Zögerlich nahm ich das heiße Glas in die Hände. Ich hielt meine Nase darüber, es roch nach Italien, der Sonne, nach einem warmen Kaminofen und gemeinsamen Winternächten unter alten Wolldecken. Vorsichtig nahm ich einen Schluck. Er schmeckte nach Wärme und nach Veränderung. |
www.keinVerlag.de/137109.text| Anmerkung von para.gone: Versuchsweise die Distanz verringert und die Textlänge erhöht. Mal sehen, ob's so bleibt. Und auch mal sehen, wieviel weniger es lesen werden. |
|
Werbung (
abschalten?) |
Werbung ( abschalten?) |
|