Feckin' Fenians

Erzählung zum Thema Respekt

von  Mutter

Zum ersten Mal seit Tagen betrachte ich die beiden Frauen entspannt, ohne dass gleichzeitig zahlreiche Sex-Phantasien durch mein Hirn schießen. Ich bin satt – für den Moment.
Hatte gestern Nacht mein eigenes Vivid-Girl.
Ich hatte mich anderthalb Stunden auf den Straßen rumgetrieben, ab und zu einen 24h-Shop aufgesucht, um mir eine Gatorade oder einen Schokoriegel zu holen, und hatte um Punkt drei den Hintereingang der Prawda Bar aufgesucht.
Die ersten beiden, die auftauchten, hatte ich hinter der Bar gesehen, waren allerdings nicht meine. Die nächste schon.
Als Sal in der Tür auftauchte und sich unauffällig suchend umsah, löste ich mich aus dem Schatten der Zugbrücke, unter dem ich gewartet hatte und kam auf sie zu. Sie lächelte, als sie mich erkannte – war sich offenbar nicht sicher gewesen, ob ich kommen würde.
‚What‘s up?‘, fragte ich nonchalant. Fasste sie an der Hüfte an. Sie war auf der kleinen Treppe in den Hinterhof runter stehen geblieben - wir konnten uns direkt in die Augen sehen.
‚Hey, Troublemaker – hast du dich vom Ärger fern gehalten?‘
‚Schätze schon – du wolltest mich sprechen?‘
Statt zu antworten lehnt sie sich nach vorne, als müsste sie bei großer Lautstärke ein Gespräch mit mir führen. Küsst mich stattdessen auf den Mund. Ganz lange und sanft, beißt mich in die Lippen.
‚Hey-ho‘, sagt sie, als wir wieder Luft holen.
‚Let‘s go!‘, vollende ich und wir reiten gemeinsam vom Hof.

Ich hatte voll ins Schwarze getroffen. Sal war großartig – während wir uns durch Bett, Teppich und Sofa wühlten, erzählte sie mir von dem gefakten russischen Akzent, mit dem sie damals den Job in der Prawda bekommen hatte. Zusammen mit der Behauptung, sie sei bi.
‚Oh, was chast duu nurr mit mir gemaacht, Corka! Kohm, kohm, schnella, kohm schnella!‘
Ich musste an mich halten, um nicht zu lachen. Um nicht zu viel zu lachen, und sie weiter stoßen zu können. ‚Adäquat ficken‘, hatte Stout das genannt. ‚Was auch immer du tust – sorge dafür, dass du sie adäquat ficken kannst!‘
Und das tat ich. Mehrfach.

‚Kannst du dir endlich mal dieses dämliche Grinsen aus dem Gesicht wischen?‘, mault Molly mich an. Kann ich nicht – völlig unmöglich. Das ist besser, als hätte ich Jordan Kid und Dougherty, Metriç und den Graubart die gesamte Nacht über verdroschen.
‚Sorry‘, sage ich, und meine: Leck mich!
Ändere Kurs und will wissen: ‚Hast du was rausgefunden?‘
Zufrieden darüber, dass wir nicht weiter über meine Sexgeschichten reden müssen, antwortet sie: ‚Ich habe mit ein paar Jungs geredet, die während der Troubles mit einer der UVF-Splittergruppen zusammen gearbeitet haben. Denen sagt Rathlin Island was, und sie sind bereit, mit uns darüber zu reden?‘
Die Ulster Volunteer Force – ein Haufen militaristischer Irrer, genauso durchgebrannt wie ihre Pendants auf IRA-Seite.
‚Mit uns? Vergiss es‘, lehne ich kategorisch ab.
Wie eine Kobra schießt Molly von ihrem Stuhl hoch und baut sich vor mir auf. Stößt mir hart mit dem Finger gegen den Brustkorb und zischt: ‚Steck dir diese verfickte Macho-Scheiße, Corker. Du gehst mir verdammt noch mal auf die Nerven.‘
Ihr Finger, der mir auf das Brustbein hämmert, schmerzt. Wenn ich zurückweiche, mich beschwere, bin ich die Mimi. Ich verziehe lediglich leicht das Gesicht, ignoriere den Schmerz. ‚Was willst du von mir?‘, entgegne ich unwirsch.
‚Dass du ein Mal, ein einziges Mal, nicht mit Muskeln und Samensträngen denkst, sondern dein dämliches Hirn benutzt. Glaubst du im Ernst, ich würde dich alleine zu einem Kontakt, der eingewilligt hat, mit mir zu reden, gehen lassen? Um alles zu versauen?‘
Ich will etwas erwidern, widersprechen - sie lässt mich nicht. Ihre Hand fährt hoch, gibt mir ein Stopp-Zeichen, und ihre Augenbrauen zucken. Gott, sieht sie sexy aus.
‚Du bist ein elender Republikaner, Corker. Früher hätten die dich aus Prinzip fertig gemacht. Die Zeiten sind vorbei, mit brüderlicher Liebe werden sie dir allerdings kaum begegnen.‘
‚Ich bin kein Republikaner‘, schmolle ich. ‚Jetzt nicht und früher auch nicht.‘
‚Du hast für die falsche Seite gearbeitet – getaufter Katholik oder nicht. Damit bist du der Feind. Warst der Feind.‘
Ich nicke – so viel gestehe ich ihr zu. ‚Was ist mit dir? Du bist Katholikin!‘ Keine Ahnung, ob sie gläubig ist, aber sie ist auf unserer Seite der Stadt geboren und getauft worden.
‚Der wichtige Unterschied: Ich habe für die Jungs getötet. Leute von euch. Ich bin zumindest teilweise eine von ihnen.‘
Sie sagt das ohne Stolz, ohne mich provozieren zu wollen – stellt einfach fest, wie es ist.
Ich nicke erneut. ‚Also gut. Wir gehen da zusammen hin, und du stellst sicher, dass mich niemand tötet.‘
‚Oder dass du niemanden umbringst‘, wirft Anne mit einem schiefen Lächeln ein. Molly nickt.
‚Wann?‘, will ich wissen.
‚Jetzt sofort. Wir nehmen beide Wagen – du fährst mit mir mit, Anne folgt uns. Back-Up.‘
Ein paar Minuten später sind wir auf dem Weg zum Aufzug nach unten.

Ich starre auf die graue Belfast-Kulisse, denke darüber nach, ob Molly noch sauer ist. Sie kennt mich, und ich bin mir sicher, ihr eigenes Testosteron-Level ist mindestens so hoch wie meins. Bin mir allerdings nicht sicher, ob es sinnvoll ist, darüber weiter mit ihr zu reden. Erinnere mich noch gut an unsere anfänglichen Schwierigkeiten in Berlin, als wir schweigend Auto fuhren – mit umgedrehten Rollen. Ich als Fahrer, in meiner Stadt.
Der bullige BMW in dunklem Blau-Metallic, den sie fährt, passt zu ihr. Wuchtig, mit einem Statement von Macht und ordentlich Power - kein Over, kein Under.
Ideallinie.
‚Irgendwas, was ich wissen müsste?‘, frage ich möglichst unverfänglich. Lasse mich weiter auf die Rolle Mentor-Padawan ein.
Sie schüttelt den Kopf. ‚Lass einfach deinen Schwanz in der Hose, okay? Ich schätze, die Jungs würden auf einen Größenvergleich stehen – aber wir wollen was von ihnen, nicht andersherum.‘
‚Geht klar, Boss‘, schieße ich ohne Ironie zurück. Sehe weiter aus dem Fenster.
Sie zuckt mit dem Kopf rüber, will sehen, ob ich sie verarsche. Scheint befriedigt, dass ich es ernst gemeint habe.
‚Woher kennst du die Penner?‘, will ich wissen.
Sie schnaubt. Ich nehme an, genau diese Art von Kommentaren sollte ich mir besser klemmen. Schiebe ein: ‚Tschuldigung!‘ hinterher, lächele sie an.
Sie lächelt zurück. Nickt, nimmt an.
Antwortet kurz darauf: ‚Ich habe nie direkt für sie gearbeitet – sagen wir mal, wir waren an einem gemeinsamen Projekt eines anderen beteiligt.‘
‚Sind die cool?‘
‚Nicht gerade die Kerle, mit denen ich jeden Dienstag und Donnerstag im Pub verbringen würde, aber ja - sie sind cool.‘
Zufrieden nicke ich. Mollys Wort sollte mir reichen.

Wir durchqueren zügig die gesamte Innenstadt, kommen in die Outskirts im Westen der Stadt. Fahren weitere Minuten weiter raus, bis ich mir nicht mehr sicher bin, ob wir noch in Belfast sind.
‚Ist es noch weit?‘, quengele ich gespielt und fange mir einen bösen Blick ein. Grinse.
‚Sind gleich da. Kannst es kaum erwarten, eh?‘
Tatsächlich biegt sie gleich darauf in eine enge Hofeinfahrt ein – ‚Jill’s Junkyard‘ steht auf einem selbstgestalteten Blechschild. Ich verkneife mir eine bissige Bemerkung.
Beim Einbiegen sehe ich über die Schulter, wie Anne in ihrem Wagen an uns vorbei schießt.
Wende meine Aufmerksamkeit dem Hof zu, als wir zwischen meterhohen Türmen aus Altmetall und Autowracks nach vorne rollen. Falls es hier Ärger gibt, sehe ich zumindest für einen schnellen Abgang schwarz.
Wir erreichen eine Lichtung in dem ganzen Schrott – auf einem freien Platz steht ein alter Wohnwagen neben einem Bürocontainer, davor parken ein alter Pick-Up und eine dunkelrote Nissan-Limousine. Zwischen den beiden Autos stehen zwei Männer, beide in Militär-Klamotten gekleidet. Der jüngere von beiden schiebt sich die Army-Mütze in den Nacken, kratzt sich die  Stirn und vervollständigt auf diese Weise den Hillbilly-Eindruck, den das ganze Ambiente macht.
Molly killt den Motor und wir steigen aus.
‚Moll!‘, ruft der Jüngere und grinst. Er kommt auf sie zu.
Der Ältere, graue Haare, grauer Schnauze, knöpft sich die Camouflage-Jacke über einem schmutzigen T-Shirt zu und folgt langsam seinem Kumpel.
Als er mich sieht, verzieht er das Gesicht und ruft nach hinten: ‚Jill, der feckin‘ Fenian ist da!‘

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