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Die Königin und der Fänger

Ballade zum Thema Unschuld
von  Jack.

Welch lieben Schatz ich dir entführte,
und riss ihn der Familie weg,
o Königin! Mich quält´s Gewissen,
was tat, mich deucht, verkehrt und schräg,
und somit letzter Fang gewesen!
Die Maus, gerade nicht mehr Kind,
was ließ dich diese auserkiesen?
Egal mir weiter, ich veschwind!

Mein bester Elfenfänger, warte!
Schau auf der Mädchen weißes Schön,
erwachsen gar nicht ausgeartet,
und jeder ich die Schönheit gönn:
als ich gar hübscher jene, diese,
der weiße Engel da, und die!
Unter den Helden bist du Riese, -
ein Held, der heiratet, ist Vieh!


Für immer ich allein geblieben
aus tiefem mädchlichen Respekt,
doch was du, Königin, getrieben,
wovon ich hörte, mir suspekt:
du quältest diese Mädchen lange
mit Gerte, Peitsche, Stock und Wachs,
und glichest doch in jenem Drange
jedem vom Schlage üblen Packs!

Nein, Fängermeister, kein Verlangen
beim Pieken, Peitschen, Wachsen fand
den Weg zu mir, unendlich langen,
rutschte nicht aus meine Hand:
mit höchster Zartheit, angemessen
und systematisch tat ich weh
den wunderschönen weißen Mädchen
zu deren eigen Wohl, versteh!


Tun das nicht alle Diktatoren
von sich behaupten, wie du?
Despotisch, eitel, unverfroren, -
o nein, ich setze mich zur Ruh,
nie wieder werd ein Kind ich stehlen,
damit - was niemals werd verstehn -
du und Prinzessinnen es quälen,
lassen´s in Tränen aufgehn!

Hast reden gut, dein Herz nie liebte,
lebstest nur fröhlich in den Tag,
und keine Angst dich je durchsiebte,
was aus den Mädchen werden mag;
hast nie Verantwortung getragen,
tatest die Tat, bekamst den Lohn,
verschwandest wieder, ohne Fragen, -
dein Urteil, Fänger, ist mir Hohn!


Vermag darüber nicht zu richten,
dass du verwöhnt im Schlosse lebst,
selbst schön, und der noch minder Schlichten
Schönheit vor aller Welt vergräbst -
auch mir sind Gier und Geiz zueigen,
auch ich will alles, was mich reizt,
zu meiner Seite waltsam neigen,
die Zartheit küssen, bis sie beißt...

Und dies exakt will ich verhindern!
Ein Held ist, wer sich selbst enthält,
uneigennützig hilft den Kindern,
indem er sie entreißt der Welt!
Niemand schweift aus in meinem Schlosse:
die Mädchen werden süß verwöhnt,
anstatt zu darben in der Gosse,
in welcher man den Trieben frönt!

Gemäß der Zartheit sanft gezüchtigt,
streng unterrichtet in Kultur,
bis die Begierde sich verflüchtigt,
und mädchenartige Natur
den Weg zurück zum Mädchen findet,
welch kuschelkeusch und niemals feucht
in sich den Sinn des Seins begründet, -
dies ist mein Lebenswerk, mir deucht.

Die zarte Haut durch Peitschenhiebe
trägt nie Verletzungen davon;
der Schmerz kanalisiert die Triebe,
und Liebe lehrt zum zarten Schön.
Kein Kobold wird es je besteigen,
das Mädchen mein, wie eine Kuh,
das Suhlverlangen schließlich schweigen
im Mädchen soll, begreife du!


Ich dient, o Königin, der Schönheit
mein ganzes Räuberleben lang,
vorauszusetzen ward Gewohnheit,
dass jeder spürte diesen Drang,
die zarte Schönheit zu besudeln,
in groben Händen zu zerreiben;
in Horror schwarze Phallusnudeln
sah ich an zarten Wangen reiben;

aus reiner Unschuld linden Kindern
sah ich fertile Weiber werden,
bei geldgesegnet hässlich Rindern
schaut ich die jungen Mädchen werben
um das, was Säue Liebe nennen,
um Haus und Hof, um Schwanz und Bett,
ab dreißig alte Weiber flennen,
weil Mannesliebe so unstet.

Und diesem Urwald hast entrissen
die Zartesten, und mir gebracht,
und solltest, edler Fänger, wissen,
was ich mit ihnen stets gemacht:
ich trieb die Welt aus ihren Poren, -
sich Zartheit windet - sieh - im Schmerz,
und wird in Reinheit sich geboren,
und nicht der Welt als Zeugungserz.

Wenn jede Regung unterm Herzen -
nicht über ihm - das Mädchen sucht,
lass ich es fesseln, und durch Schmerzen
wird ihr Befriedigung gesucht.
Die Unschuld wird bewahrt indessen,
und heilig eigne Schönheit gilt.
Nun, Fänger, wessen Interessen
du zu verteidigen gewillt?


So lieb wie schön, so zart wie weise,
strahlst du, o Königin, herab,
und ich entschuldige mich leise,
dass ich das Wort zum Streite gab.
Kein edles Mädchen weißer Zartheit
soll mir entkommen - immerfort
dem Dreck entreiße ich die Reinheit,
bevor´s in diese reingebohrt.

URL dieses Textes:  www.keinVerlag.de/320809.text

Kommentare und Diskussionen zu diesem Text

EkkehartMittelberg Kommentar von  EkkehartMittelberg (22.02.2012)    diesen Kommentar melden
Stets haben Menschen Gründe gefunden, ihre Lüste als sublim erscheinen zu lassen.
 Jack meinte dazu am 22.02.2012: Nun ist es hier nicht die eigene Charakterbildung und Disziplin, die die tierischen Triebe sublimiert, sondern ein äußerer Wohltäter; die despotisch-gütige Königin könnte auch als Metapher für die Zivilisation selbst verstanden werden, die den Menschen dem Tierreich gewaltsam entreißt, um ihn glücklicher zu machen, als er als Tier jemals sein könnte.
 EkkehartMittelberg antwortete darauf am 22.02.2012: Manche sagen, Dichter seien die schlechtesten Interpreten ihrer eigenen Werke. Muss aber nicht immer so sein, wie man hier sieht.

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Dies ist ein Gedicht des mehrteiligen Textes  Lyrik 2011-2014.
Veröffentlicht am 22.02.2012, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 22.02.2012). Dieser Text wurde bereits 611 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.07.2014.
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