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Wohin ja, aber nicht wieso

Text zum Thema Spaziergang
von  Fremdkoerper.

Es ist ein Uhr Mittags. Die stechenden Sonnenstrahlen der niedrig stehenden Sonne und der Wind irgendwo aus Asiens Tiefen treiben mir Tränen in die Augen. Mein Gesicht, der einzige überhaupt sichtbare Teil meines dick beschichteten Körpers, wehrt sich deutlich gegen einen Aufenthalt im Freien. Im Inneren meines Kopfes regt sich Zustimmung, es gibt keinen Grund sich bei fast zweistelligen Minusgraden weiter als bis zum Briefkasten vor die Tür zu wagen.

Allein und völlig orientierungslos stehe ich auf dem Fußweg vor meinem Haus. Wohin geht man, wenn kein Ziel vorhanden und im Grunde genommen auch kein Willen zum Laufen? Es ist mir bisher nur ganz selten passiert, dass ich lief und nicht wusste, wohin. Man fühlt sich dabei plötzlich ganz auffällig, wie ein einziges kleines Teilchen, das in einer Menge von Teilchen, deren Bewegungen man annähernd genau vorhersagen kann, aus der Reihe fällt. Es ist fast zum Schreien, wenn einem plötzlich der Zweck in dieser vollkommen und absolut zweckmäßig eingerichteten Welt abhanden kommt. Das muss einfach auffallen. Womöglich kümmern sich Männer mit Trenchcoats und Knöpfen im Ohr um solche Menschen, denn die Ähnlichkeiten zu einem verstört hin und her laufenden Terroristen, der einen günstigen Platz zur Zündung seiner selbst sucht, liegen doch auf der Hand.

Also erst zehn Meter gegangen und schon schwitze ich ob dieser Gedanken. Ich muss mich schnell entscheiden, was denken denn die Leute? Ich schlage die Richtung ins Tal ein, am Fluss kann man schön spazieren gehen, wenn man es denn schon mal muss und dort laufen so viele Menschen, es ist nichts Besonderes dabei. Nicht mal Schnee liegt, ich kicke gefrorene Hundescheiße, die winterüblich unter eine dicke Schneeschicht gehören sollte, was für mich immer der positivste Aspekt dieser Jahreszeit war.

Langsam laufen, sage ich mir immer wieder. Entspannen! Aber schlendern fühlt sich so verdächtig an und eigentlich will ich immer nur weg von Allem. Hier schlendern nur die Verliebten. Ansonsten drängen sich aus ihren Mündern dampfende, feuerrot leuchtende Jogger ächzend an mir vorbei. Nordic Walker kratzen eindringlich mit ihren saisonalen Krötenschaschlikspießen auf dem Asphalt und ab und an muss ich verrückten Fahrradfahrern in leuchtenden Trikots und mit gefrorenem Speichel am Kinn ausweichen. Verflucht, wo bin ich hier gelandet? Der aktuelle Naturwahn hatte doch tatsächlich die gesamte Masse verachtenswerter Menschen aus dem Neonlicht der Fitnessstudios auf einen geteerten Uferbummelweg geholt. Ich erkenne, dass auch vermeintlich zielloses Laufen zu einem falschen Weg führen kann und wenn ich in Zukunft schon mal weiß, wo ich nicht hin will, verringert sich die Qual der Zwecklosigkeit ganz sicher. Für heute ist es zu spät. Ich muss schön weiterlaufen, denn ich will ja nicht auffallen und irgendwie schaffen es diese ganzen zweckmäßig handelnden, zweckmäßig gekleideten und zielorierentiert laufenden Menschen mich trotz ihrer Anstrengung ausgiebig zu mustern.

Schon wieder stakt einer mit seinen zwei Spießen heran, mich mit zusammen gekniffenen Augen fixierend. Instinktiv schaue ich zu Boden und konzentriere mich, möglichst nah am Wegrand zu gehen.
„Hey!“
Bestimmt hat er eine ihm freundschaftlich bekannte Stakerin gesehen.
„Heeey, H.!“
Der meint mich. Scheiße. Ich hebe meinen Blick, versuche meine Mundwinkel nach oben zu ziehen, während meine Augen noch auf Schock stehen und stelle fest, dass ein Kumpel aus meiner Studienzeit vor mir steht.
„So alt bist Du doch noch gar nicht“, sage ich mit Blick auf seine Stöcke. Er lächelt nur und meint, dass ihm seine Eltern gezeigt hätten, wie viel Spaß das machen kann und seit einiger Zeit gehen nun auch seine Frau (aha!) und er regelmäßig so laufen. Außerdem helfe ihm das bei seiner „work-life-balance.“ Ich beiße mir fast auf die Zunge vor Schreck und verschlucke mich im Anschluss so heftig, dass er mir mit seiner Handschuhhand kräftig auf den Rücken klopft. „Sorry“ murmele ich.
Wohin ich unterwegs sei, fragt er mich. „Ich gehe spazieren.“ „Einfach so?“ „Ja, hat mir mein Psychotherapeut angeraten. Bewegung und so.“ Es gibt eine kurze Pause, vermutlich durch das Wort „Psychotherapeut“ ausgelöst, dann sagt er, dass Nordic Walking doch in diesem Fall genau das Richtige für mich wäre. „Die Ausrüstung ist gar nicht so teuer und außerdem können wir dann auch mal gemeinsam walken, das würde Dir sicher gut tun!“ „Mir gefällt es aber, spazieren zu gehen“, entgegne ich mit einer abwinkenden Handbewegung wahrheitswidrig. Bevor ich noch von ihm erfahre, dass er jetzt als Persönlichkeitsberater oder irgendetwas dergleichen arbeitet, sage ich lieber, dass mir vom vielen Rumstehen schon ganz kalt sei. Er stimmt mir zu, das sei ziemlich ungesund und deshalb müsse er jetzt auch weiterlaufen. Glück gehabt.

Insgesamt habe ich schon mächtig die Schnauze voll von diesem Tag. Das wird sicher Thema auf der nächsten Sitzung beim Psychologen werden. Kalt ist mir aber nicht mehr, stattdessen bin ich so nass geschwitzt, dass ich kurz die oberen Knöpfe des Mantels öffne. Fünf Sekunden reichen mir aber dann völlig, um meinen Körper wieder auf Normaltemperatur herunter zu kühlen. Ganz gelassen versuche ich mich zwischen angestrengt lachenden und kämpferisch-entschlossenen Gesichtern zu bewegen. Plötzlich tanzt ein Strauß Filzlocken um mich, ruft laut meinen Namen aus und umarmt mich fast zu Boden.

Der Gefühlsüberschwang löst bei mir sofort gesichtsverkrampfende Freundlichkeit aus. Ich hab es noch nie fertig gebracht, Menschen zu sagen, dass ich keinen Bock auf sie habe. Ich gebe mir Mühe, das Ganze schnell und souverän über die Bühne zu bringen, ohne dass ich vor Scham und Angst vor den Blicken Vorbeilaufender wieder Schweißausbrüche bekomme:
„Ist ja ewig her! Wie geht’s Dir so? Krasse Scheiße, Du bist ohne Schuhe unterwegs?“ In diesem Moment habe ich tatsächlich entsetzt festgestellt, dass ihre nackten Füße aus einer dicken, aufgeplusterten Wollhose herausragen.
„Naja, im Moment maximal eine Stunde. Aber sobald es wieder über Null geht, immer. Jetzt ist es ein wenig Training, aber insgesamt ist es Einstellungssache. Die Natur hat unsere Füße perfekt gemacht und wir machen sie mit Schuhen kaputt. Das härtet auch ab, ich bin das letzte Mal vor drei Jahren krank gewesen.“
„Irre. Ich musste mich heute schon überwinden, das Haus überhaupt zu verlassen und Du läufst einfach mal so eben barfuß rum.“
„Ja, aber es tut einfach gut. Ich habe vor ein paar Jahren mein Leben komplett verändert und verbringe jetzt die meiste Zeit draußen.“
„Warum wohnst Du dann noch hier?“
„Weil ich meine Clownsschule nicht aufgeben möchte und auf dem Land einfach nicht genug Leute kämen.“ Hätte ich mir denken können. Ich nicke mit sanftem Lächeln.
„Und Du, was machst Du so?“
„Naja, viel Stress. Ich soll jeden Tag spazieren gehen, hat mir mein Psychologe geraten.“ Verdammt, warum habe ich das erzählt?
„Siehst Du, dass ist die völlig falsche Grundeinstellung. Du versuchst all das, was natürlicherweise Teil Deines Lebens sein sollte, in einer Stunde im Freien zurück zu holen. Wahrscheinlich quälst Du Dich dabei noch mit irgendwelchen Gedanken und betrachtest missmutig andere Menschen. Mit all der Zweckmäßigkeit wirst Du nie frei sein. Spazieren gehen ist nur der Ausdruck einer völlig der Natur entfremdeten Zivilisation.“
„Hmm.“ Ich denke daran, wie diese „entfremdete Zivilisation“ in ihren Gemeinschaft stiftenden Sportoutfits zurück zur Natur findet. Und ich betrachte diese gütig lächelnde, aber ziemlich verdreckte junge Frau, mit der ich früher so manchen Sojajoghurt containert hatte.

„Deine Füße werden bald fest frieren“, stelle ich mit Blick nach unten fest und mache mich zum Gehen bereit. Diesmal friere ich wirklich. Trotz aller Peinlichkeit, die mir durch ihre Anwesenheit drohte, ist sie mir immer noch sympathisch. Immerhin versteht sie mich, drückt mich noch mal an ihren muffigen Mantel und wünscht mir alles Gute und, dass wir uns hoffentlich bald mal wieder sehen.

Ziemlich gedankenverloren schlurfe ich weiter. Ich fühle mich kein bisschen entspannt, nur müde und traurig. Eine Hippiefrau erzählte mir was vom zweckfreien Leben und versteht darin nur die völlige Unterordnung unter einen wie auch immer gearteten Naturzustand. Und dennoch beschäftigt mich das. Ich glaube, ich könnte mich mit dem Spazieren gehen anfreunden. So ganz für sich, ohne Angst und immer wenn ich Lust habe, kann ich einen Eindruck aufnehmen. Wachsen. Ich müsste nur außerhalb stehen. Vielleicht sollte ich umziehen, bevor mir die Stadt zur Heimat wird. Woanders kenne ich die Ökos und Spießer wenigstens nicht persönlich.

URL dieses Textes:  www.keinVerlag.de/321206.text

Anmerkung von Fremdkoerper: Beitrag zum Poesieschacht 2012 - leider mit Überlänge

  

Veröffentlicht am 29.02.2012, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 16.06.2013). Dieser Text wurde bereits 946 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 24.05.2016.
Lieblingstext von:
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