Meyta

Erzählung zum Thema Magie

von  Mehrmeerland

Meyta betrat kurze Zeit nach Swane das Haus. Sie lauschte einen Moment, aber alles war ruhig. Dann bog sie nach links und betrat einen großen Raum. Dunkle Möbel standen vor weißen Wänden und gaben dem Raum etwas Erhabenes. Hinter dem Schreibtisch aus Nussbaum saß Joma Svatitsh und sortierte ein paar Unterlagen.

Die alte Frau ließ sich ohne Umschweife auf dem Ledersofa nieder und goss sich ein Glas Whiskey ein. Svatitsh hatte immer eine Flasche auf dem Beistelltisch stehen. In der Regel gestatte er niemandem, sich daran zu bedienen. Aber vor Meyta hatte er Respekt. Sie durchbohrte ihn mit ihren blauen Augen. Der Blick verursachte ihm Unbehagen. Er seufzte und legte die Mappe, die er eben erst aufgeschlagen hatte, beiseite.
„Du hast mit Swane gesprochen? Hat sie dir auch die irre Geschichte mit dem Drachen erzählt?“, seine Stimme klang spöttisch.

„Ja das hat sie“, entgegnete Meyta ruhig.

„Es war ein Risiko, sie mit hinauszunehmen. Sie hätte versuchen können wegzulaufen. Nicht dass ihr das gelungen wäre.“

„Sie weiß, dass sie nicht gehen kann.“ Meyta nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas.

„Ja, wir bewachen sie gut. Ich habe die Verantwortung für sie.“

„Warum?“

„Wie warum? Sie hat das Haus ihrer Eltern angezündet. Zwei Menschen ermordet. Sie ist nicht zurechnungsfähig und flüchtet sich in ihre Fantasiewelt.“

„Warum ist sie hier? Es gibt andere Einrichtungen. Kliniken, betreutes Wohnen, Rehazentren. Aber sie wurde hier untergebracht. Allein, in dieser Villa. Mitten im Wald. Warum?“

„Ein richterlicher Beschluss …“, antwortete Svatitsh zögernd.

„Finanziert von wem?“, hakte Meyta nach.

„Ein reicher Spender. Er hat alle Kosten für ihre Unterbringung übernommen und auch für die Therapie. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass wir sie je geheilt entlassen können. Nicht nachdem …“, er brach ab und warf Meyta einen lauernden Blick zu.

„Warum hast du mich kommen lassen?“ Meyta trank genüsslich weiter aus ihrem Glas und schloss die Augen.

„Ich … ich wollte wissen, wieweit sie ist. Mit uns redet sie kaum und verpasst häufig die Therapie.“

„Hmmm …“, machte Meyta nur. Dann stellte sie das Glas auf den Tisch und stand auf.

„Ich werde hier bleiben. Swane steht jetzt unter meinem persönlichen Schutz. Du und dein Therapeut ..., haltet euch von dem Mädchen fern. Was auch immer ihr vorhabt, es wird euch nicht gelingen.“

Mit diesen Worten ging sie aus dem Raum. Svatitsh sprang mit hochrotem Kopf auf. Aber bevor er auch nur einen Ton herausbrachte, hatte sich die Tür hinter Meyta bereits geschlossen.

Er fluchte und bedauerte es, die alte Frau hergebeten zu haben. Jetzt wurde er sie nicht mehr los. Und Swane hatte kein Wort ihrer Geschichte aufgegeben. Wie lange sollte er noch hier herumsitzen? Er konnte sich weitaus interessantere Tätigkeiten vorstellen, als hier die Betreuung einer Irren zu überwachen. Er musste sie dazu bringen, diese Geschichte aufzugeben. Das lag ihm mehr als alles andere am Herzen. Das war sein wichtigstes Ziel.

Auf dem Schreibtisch lag eine weitere Mappe. Er öffnete sie und nahm ein Blatt heraus. Er überflog es kurz und unterschrieb den Überweisungsauftrag.

Meyta bezog das Zimmer neben Swane. So würde sie immer mitbekommen, wer kam oder ging. Sie durfte das Mädchen nicht aus den Augen lassen. Ihre Ahnungen hatten sie noch nie getäuscht. Irgendetwas hatte Svatitsh mit diesem Mädchen vor und sie hoffte für ihn, dass er ihr noch kein Haar gekrümmt hatte. Inzwischen war es Abend geworden. Durch den stark bewölkten Himmel war es schon früher dunkel als sonst um diese Zeit üblich. Aus dem Nachbarzimmer hörte Meyta nichts. Aber das bereitete ihr keine Sorgen, denn sie ahnte, wo Swane jetzt war. Weit, weit weg.

Die junge Frau saß still auf ihrem Bett und ließ das Gespräch mit Meyta Revue passieren. Sie hatte lange nicht mehr darüber gesprochen. Jetzt war sie aufgewühlt und die Verzweiflung über die Situation wuchs ins Unermessliche. Was wenn sie doch alle Recht hatten? Wenn sie ihre Eltern getötet hatte? Ihr fehlte eine solche Erinnerung, komplett. Aber die Therapeutin hatte gesagt, das sei normal. Das hätte sie traumatisiert und deshalb habe sie sich die Geschichte ausgedacht. Fantasievoll. Ihrem Naturell entsprechend. Immer drängte man sie, sich hypnotisieren zu lassen. Aber sie konnten sie nicht zwingen. Sie konnte dieses Bild in ihrem Kopf nicht aufgeben. Es half ihr, zu überleben.

Swane trat ans Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Der Himmel vergoss seine Wasser in Strömen. In breiten Streifen floss der Regen an der Scheibe hinab. Sie sah ihr Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelte. Aufmerksam betrachtete sie die dunklen Haare, die in Wellen den Kopf umrahmten. Sie zupfte an ihnen und wickelte sich eine Strähne um den Finger.

Der Blick wanderte über das Gesicht und blieb in den dunklen Augen hängen. Schwarze Löcher. Zogen sie magisch an. Aus der Tiefe der Dunkelheit, erst winzig klein, dann immer größer werdend, schälten sich zwei Gestalten, die Seite an Seite auf sie zukamen.

Verschwommen, aber eines konnte sie klar erkennen. Nur einer von ihnen war ein Mensch.

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (22.01.14)
Als diese Erzählung begann, dachte ich, dass sie schwerpunktmäßig in einer Mythen- und Fantasiewelt spielen würde. Jetzt bemerke ich, dass diese Welt und die reale einen reizvollen Kontrast bilden.
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