Es fehlt

Kurzprosa zum Thema Loslassen

von  BrigitteG

Ich kann es nicht genau beschreiben. Ein unklares Gefühl im Hintergrund, es ist beständig vorhanden und mir nur halb bewusst. Es hockt da, ganz ruhig, beobachtet mich und das, was ich tue. Wie wird sie reagieren? Wird sie weinen? Wird sie locker sein und Sprüche klopfen? Wird sie darüber reden, es in Worte fassen? Wird sie aufrichtig sein? Wann schlägt die Stimmung um, vom Alltagsdasein hin zur Trauer, zum plötzlichen Einbruch? Ein Gefühl wie schwebend, undefinierbar, fast entkörperlicht. Es schaut mich sehr aufmerksam an, merkt sich jede meiner Bewegungen, jedes Gefühl, das in meinem Gesicht abzulesen ist. Es ist kein Teil von mir, oder? Ich weiß es nicht.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass irgendwann wieder ein Einbruch in meine Normalität kommt – es kann ein Foto sein, auf dem ich sie unerwartet sehe, es kann eine Mail sein, auf die ich ohne Absicht im Archiv stoße, es kann der 28.05. sein, der Tag, an dem sie Geburtstag gehabt hätte. Es kann alles sein, und ich weiß nie, wie lange mein Alltagsleben vor sich hin trottet, und wann sie plötzlich alles beiseite schieben wird in meinem Kopf, in meinem Herzen, vor meinen Augen. Als Lebende war sie da, seitdem ich auf der Welt bin. Als Tote, ohne Haare, sah sie friedlich aus, aber auch so traurig. Und dann wieder ist sie nicht tot, sie lebt doch 400 km entfernt, wir sehen uns nicht so oft. Wie kann ich mich da umgewöhnen? Sie muss doch noch da sein. Muss. Muss. Denn wenn sie nicht da wäre, dann wäre ein Stück von meinem Leben nicht mehr da, von mir, von meinem Herzen. Es kann nicht sein. Doch, es ist. Es ist. Es ist ein Stück meiner Gegenwart abgebrochen und meiner Zukunft, der Grundlage, auf der mein Leben ruht. Und das Wissen darum wird mich ein Leben lang begleiten, mein Leben lang.

Ich nehme meine braune Ledertasche und die Zeitung, verlasse das Haus und fahre zur Arbeit, wie jeden Morgen, 5 Tage in der Woche. Ein Alltagsleben - nur ohne meine Schwester. Aber wie soll ich es auch merken, wenn sie 400 km entfernt wohnt?

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Kommentare zu diesem Text

zackenbarsch† (74)
(03.06.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 03.06.06:
Ja. Danke, Friedhelm.
edloh71 (73) antwortete darauf am 17.03.07:
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 BrigitteG schrieb daraufhin am 17.03.07:
Danke, Holde - es hat vier Wochen gedauert, bis ich es schreiben konnte, aber dann floss es wie von selbst. Liebe Grüße, Brigitte.
Pfauenauge (49)
(03.06.06)
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 BrigitteG äußerte darauf am 03.06.06:
Das mit dem "oberflächlich" sein - das ist so ein Problem, Hanne. Ich denke, dass die wesentlichen Dinge des Lebens einfach normalerweise im Alltag untergehen, bei uns allen. Und nur wenn so ein Schlag mit der Keule kommt, dann werden wir wach, dann denken wir nach, was wirklich wichtig ist im Leben. Und irgendwann später kommt wieder der Alltag... Liebe Grüße, Brigitte.

 Traumreisende (03.06.06)
also würdest du meine gedanken aufgeschrieben haben, alles eins zu eins.. es ist...
ach scheiße.. ja alles... diese einbrüche... immer... immer so unerwartet, so... keine worte...ich denke ich habe meinen frieden und dann.. dann ist es da... neinkein teil von mir und doch... verdammt ja irgendwo in mir....
so ehrlich wie du es beschreibst.. so ehrlich kann ich es nur selten in mir zulassen..
aber auch wenn ich jetzt beim schreiben weine... so ist es auch gut, keine sorge... es ist gut, es ist verstehen und verstanden zu werden...
alles liebe
dir
silvi

 BrigitteG ergänzte dazu am 03.06.06:
Silvi, ich bin sicherlich ein stärker verstandesbetonter Mensch als Du, und ich selber spüre diese Einbrüche immer wieder. Bei einem emotionaleren Menschen muss es noch viel häufiger und schmerzender sein, weil solche Menschen ihre Gefühle weniger weit wegschieben. Wir alle können nur sagen "es ist so", hinschauen und annehmen. Ganz liebe Grüße zu Dir, Brigitte.
Susa (52)
(03.06.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 03.06.06:
Danke für Deine beiden Kommentare, Andrea. Sie passen einfach. Liebe Grüße, Brigitte.

 ViolaKunterbunt (03.06.06)
Liebe Brigitte, für mich ist das der beste Text in Deiner Liste.
Inhaltlich möchte und brauch ich wohl auch nichts mehr dazu sagen. Wir haben geredet, und vielleicht ist grade Dein nicht so gefühlsgesteuertes Verhalten, das Du normalerweise zeigst, die Ursache, dass dieser Text so eindringlich und berührend ist.
Es ist eine ganz stille Beschreibung dieses "Etwas", das Du nicht zu definieren imstande bist. Dann diese persönlichen Einzelheiten, die genau zu Deiner Situation passen, aber in den meisten Lesern eben auch dieses Gefühl und diese Erinnerung hervorrufen, weil es so irgendwie bei jedem passt. Wenn nicht der 28. Mai, dann irgendein anderes Datum. Aber Du hast eben nicht nur geschrieben von dem "Datum, an dem sie Geburtstag gehabt hätte", sondern hast Dein ganz spezielles Datum auch genannt. So dass jedem Leser hier noch deutlicher wird, dass es authentisch und persönlich ist. Und dann diese Wiederholungen darin. (Gänsehauteffekt) Das sind die Stellen, die einen ganz beesonders berühren, weil so eine Verzweiflung darin steckt.
Dass Du den letzten Satzteil im Präsenz geschrieben hast, unterstreicht noch diese Verzweiflung, die nicht wahr haben will.
(Bitte mich nie darum, diese Geschichte auf einer Lesung für Dich zu lesen! Beim zweiten Absatz breche ich in Tränen aus.)
Ganz liebe Grüße, Viola

 BrigitteG meinte dazu am 03.06.06:
Es tut gut, Dich zur Freundin zu haben, Viola.
PraesidentDeath (24)
(03.06.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 03.06.06:
"So weit von ihr getrennt" ... ja, das ist es wohl. Danke für Deinen Kommentar, Stefan. LG Brigitte.

 souldeep (08.06.06)
mit ganz viel hochachtung vor deiner aufrichtigkeit, direktheit, klarheit und gefühlsverwirrtheit lasse ich nun doch ein paar spuren hier...weil er ist so einzig in seiner art...dieser text von dir.
nicht zerreden - ich fühle nach. sehr!

herzliche heilgrüsse immer und immer...
kirsten

 BrigitteG meinte dazu am 09.06.06:
Danke für Deine Spur, Kirsten. Liebe Grüße!
daniela (39)
(12.06.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 12.06.06:
Hallo Daniela, das ist ja interessant, dass Du gerade den ersten Teil so betonst. Ich habe auch erst im Nachhinein verstanden, warum ich das am Anfang so geschrieben hatte. In den Moment des Schreibens habe ich sowohl gefühlt als auch als Schreiberin mir beim Fühlen zugesehen. Und deswegen in diesem Moment das Gespaltene in mir. Liebe Grüße, Brigitte.
Lurifax (45)
(31.07.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 31.07.06:
Ja, wir haben da alle unser eigenes, ganz individuelles Datum. Und trotzdem viel Verbindendes, weil es im Grunde eine allgemeingültige Erfahrung ist. Liebe Grüße an Dich, Brigitte.

 Martina (10.08.06)
Ja, was soll man da sagen? Was kann man da sagen?
Ich kenne das! Dieser Text geht eine Spur zu tief, zu tief um nicht davon ergriffen zu sein, zu tief um nicht darüber nachzudenken und Angst zu empfinden, und doch die innere Freude, das *Gott sei Dank* das meine Schwestern(und all die anderen, die am Herzen liegen) noch da sind, und sozusagen um die Ecke wohnen. Ich sollte sie mal wieder besuchen gehen. Dank deines bewegenden Textes, wird mir wieder bewußt, wie wertvoll sie doch sind, und es nicht selbstverständlich ist, dass sie da sind, solange ich lebe.
Nachdenkliche Grüße, Tina

 BrigitteG meinte dazu am 11.08.06:
Der letzte Satz Deines Kommentares ist der allerwichtigste, Martina! - Danke.
Lebenslust (63)
(12.08.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 13.08.06:
Ja, wir haben sie im Herzen, Birgid. Es tut auch nicht immer weh, aber manchmal dann doch, und dann so stark. Danke für Deinen guten Kommentar. Liebe Grüße, Brigitte.

 AZU20 (30.08.06)
Ein eindringlicher und außerordentlich berührender Text. Nach dem Lesen war ich eine Weile doch sehr nachdenklich. LG

 BrigitteG meinte dazu am 30.08.06:
Danke, Armin. Es hat vier Wochen gedauert, bis ich ihn schreiben konnte, und ich dachte eigentlich, dass ich es nicht schaffe, meine Gefühle so klar in Worte zu fassen. Aber der Anfang reichte - ich habe es komplett in einem Rutsch durchgeschrieben. Liebe Grüße, Brigitte.
MellonCollie (24) meinte dazu am 17.09.06:
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 BrigitteG meinte dazu am 18.09.06:
Ich habe so viel in Deinem Text wiedergefunden, was zu meinen Gefühlen passte, von daher gibt es nichts zu danken, Mellon. LG Brigitte.
Silbervogel (74) meinte dazu am 02.11.06:
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 BrigitteG meinte dazu am 02.11.06:
Hallo Silbervogel - danke für Deinen Kommentar, und es ist gut, dass etwas von den Gefühlen auch für andere verständlich ist. LG Brigitte.

 AnneSeltmann (06.11.06)
Liebe Brigitte...nun, nachdem ich so lange nicht da war, habe ich wieder ein wenig Zeit hier zu lesen. Klickte deinen Namen an und siehe, es ist dieser Text der mich gefangen nimmt...mich zutiefst berührt...weiß ich doch um den Verlust das *Sosehrfehlen* eines geliebten Menschen.

Mehr vermag ich nicht zu sagen. Hier würde ein Zuviel zuviel sein
Ich hoffe du verstehst wie ich das meine

Sei lieb gegrüßt

Anne

 BrigitteG meinte dazu am 06.11.06:
Hallo Anne. Ich denke, dass alle, die den Verlust einer Person erfahren haben, die tief in ihrem Herzen war, ihre Empfindungen einander gegenüber nachvollziehen können. Es ist so schlimm, und gleichzeitig eine so universelle Erfahrung - jede-r fühlt sich einzigartig in seiner Trauer, und ist doch nur einer von vielen... Liebe Grüße, Brigitte.

 Bergmann (21.12.06)
Mir gefällt das Spiel mit der Verdrängung - es geht immer um Realität, auch dann, wenn wir träumen, fabulieren, verdrängen, kompensieren, und andererseits geht es immer um das, was nicht real ist, nicht real sein darf, nicht soll, nicht kann. Der Tod eines anderen betrifft uns immer selbst, er reduziert uns auf unsere ferne Zukunft, um nur eine Möglichkeit unseres Leids anzudeuten.

 BrigitteG meinte dazu am 22.12.06:
Tja, Verdrängung - gute Frage, Uli. Es ist bei mir so ein Gefühl, als ob sie immer noch da ist (nicht die Variante, dass sie nachts am Bett steht oder mir sonstwie erscheint, das meine ich nicht). Sondern so, dass, wenn irgendetwas bei mir passiert, ich mir ganz automatisch denke "Das muss ich ihr heute abend am Telefon erzählen". Ich weiß nicht, ob es sich ändern wird, ob mehr Distanz kommt. Vermutlich. Und "Reduktion", das trifft es. Liebe Grüße, Brigitte.
Maushamster (30)
(26.12.06)
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 BrigitteG meinte dazu am 26.12.06:
Es gibt kein Lyrisches Ich, Katja - nur noch mich. Danke für die lieben Grüße!

 Bohemien (05.04.07)
einen geliebten menschen zu verlieren..nichts schlimmeres kann es im leben geben...der dumme spruch, zeit heilt wunden, ist nur zum teil richtig...nach einiger zeit, des verdrängens, sind wir vielleicht wieder in der lage, den beschissenen alltag zu ertragen, doch wenn dann die zeit, des verarbeitens kommt, sind wir wieder blockiert, kommt alles, wie auf einmal, ein schlag, der einen beinahe zu boden wirft..schmerzende zeilen...lg bohemien

 BrigitteG meinte dazu am 06.04.07:
Gut beschrieben, bohemien - ja, es rückt irgendwann in den Hintergrund, bis irgendwann wieder so eine Situation kommt, wo es reinhaut... Danke und Grüße, Brigitte.
JowennaHolunder (59)
(21.05.07)
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 BrigitteG meinte dazu am 21.05.07:
Hallo Jowenna. Ganz weg sind sie nicht, weil wir an sie denken und im Herzen tragen... aber ich habe gesehen, wie ein starker Geist einfach so weg wehte, ins Nichts - immer weniger geworden ist, ganz in Ruhe - und es war beängstigend für mich... Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie noch irgendwo anders sind als in unserem Herzen. Liebe Grüße, Brigitte.
Karuna (66)
(01.09.07)
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 BrigitteG meinte dazu am 01.09.07:
Hallo Karuna. Ja, sie war ein Stück meines Lebens, und im Alltag vergesse ich so oft, dass es nicht mehr so ist - und wenn dann ein Kommentar kommt, dann ist alles wieder da... Vielen Dank dafür und Grüße von Brigitte.
trockentoast (34)
(28.09.07)
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 BrigitteG meinte dazu am 28.09.07:
Danke, Chris.
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