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Dreck der Welt

Kurzgeschichte zum Thema Ignoranz


von RainerMScholz

Dreck der Welt


Jetzt muß ich sein
und nicht träumen, darf
den Zug verpassen nicht,
muß aufspringen, rennen,
hasten, flüchten und mich
verleugnen, laufen,
um mein Leben kämpfen,
muß vergessen und vorwärtsschauen;
strangulieren, exekutieren,
abwickeln und optimieren,
das Essentielle essentialisieren,
analysieren, assimilieren,
generalisieren und -
ficken und fressen
und vergessen
und anderer Leute Pisse saufen;
ich werde sein und alles, was ihr wollt,
alles, was ihr abverlangt und einfordert noch und noch:
Intellel Bildungsbürgergoethe in illustresken Illiteratenkreisen schöndiskutieren; und verblödet vor der Glitzerscheibe Seifenopern weinen; werde brav sein in Pantoffeln und böse und gemein in Nächten langer Messer; wie ein räudiger Hund werde ich dir in den Rücken fallen bei jeder sich bietenden Gelegenheit; und jeden Sonntag zu einem blutigen, leidenden Gott beten (der Spülwasser schwitzt und bittend mit toten Augen in einen leeren rosa Plüschhimmel starrt, der mich überhaupt nichts angeht und den ich auch nicht näher kennenlernen möchte); werde Schweinefleisch essen; und Blumen lieben (vor allem Nelken von Frau Antje aus Holland, die mit dem weißen Häubchen und den roten Backen) und kleine Kinder (was am Aufkleber auf meiner Autostoßstange ersichtlich sein wird); ich werde ja sagen zu nein, schwarz zu weiß; werde buntes, mit Zahlen bedrucktes Papier für den letzten Grund aller Dinge nehmen.
Ich vergesse alles, was zu vergessen erforderlich sein wird, um dazu zu gehören, was die Welt vergißt, frage nicht, ob es da eine direkte Linie geben mag zwischen, par example, Auschwitz und Ruanda, Dresden und Hiroshima, Sibirien und Kambodscha, Schuhcreme und Schuhwichse, BSE und Politikverdrossenheit im Hinblick auf das Hin- und Wegsehen von Zivilisation oder ob dies letztendlich als strukturelles Problem aufzufassen sei (zu vervollständigen!); aber meine Unterwäsche wird stets weichspülrein sein wie Ariel, weil, es kann ja immer `mal `was Unvorhergesehenes passieren (wenn das auch nicht gleich wie der Realitätsaufprall der Acht-Uhr-Nachrichten sein muß, die einschlagen wie die Landung auf einem anderen Planeten).
Ich werde meine Frau lieben, bis daß der Tod sie scheidet und wenigstens an einem Wochenende des Monats im Puff die wahre Sau `rauslassen, bezahlen für die kleinen Schweinereien, die Männer so machen, weil ein Mann ist ein Mann ist ein Mann. Immer noch besser, als kleine Jungs zu ficken, Vorschulkinder zu verstümmeln oder alles zusammen und umsonst. Jedoch, wenn das Mode werden sollte - weil: geiz ist geil!
Im Fahrstuhl werde ich bis zur Gesichtsstarre freundlich lächelnd grüßen, ordentlich devot in den höheren Etagen, versteht sich. Wenn dadurch mein Superarbeitsplatz am Standort gesichert bleibt, lasse ich mich auch `mal gerne von hinten nehmen, denn ich will ja nicht nach Shanghai ziehen müssen, um täglichroboten zu dürfen für ein Dach über`m Kopf, den neuesten DVD-Player, Golf GTI, das Abo im Muscle-Studio, tolles Schnickschnackhandy, das auch telefonieren kann, und all den anderen Kram, der zum Überleben dringend notwendig ist. Scheiß Kanaken, die die Preise und die Löhne versauen! Am Ende war ich nie dabei, werde alles abstreiten, wenn ich gefragt werde, und das interessiert mich ja auch gar nicht eigentlich. Wo es brennt, ist es warm.
Liebe werde ich sagen zu Hass; und halbgöttische Genialität zu impertinenter Idiotie. Ich schwöre, daß alles immer schon so war, daß es so sein wird und es gut sei, wie es ist. Und wenn morgen jemand etwas anderes sagt, dann ist das auch in Ordnung.
Und wenn ihr das wollt, dann werde ich meine Kinder in aller Öffentlichkeit verleugnen und schicke meine erste Geliebte ins Gas der Vergessenheit. Ich war nie so, wie ich gewesen, bin es nicht und werde es niemals sein
werden.
Ich bin der Stein
in der Mauer,
das Rad
unter allem,
bin der Geist aus der Flasche,
bin schon überall gewesen
und war nie dabei,
bin an mir selbst genesen,
ich bin so klein
einszwei
heiapopeia
ich bin ich
und kann`s nicht sein.
Ich bin klein, mein Herz ist rein,
schließ in dein Gebet
mich ein.


© Rainer M. Scholz


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