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Parabel zum Thema Lebensweg


von RainerMScholz

Die Sonne brennt gleißend durch die Fenster und die Welt rast an mir vorbei wie ein mahlendes Zischen. Das Abteil des schlingernden und ächzenden Zugwaggons ist voll besetzt, die Menschen schwitzen und stöhnen, unterhalten sich lautstark, den Lärm des rasenden Metalls übertönend, oder brüten schweigend vor sich hin; sie versuchen ein Buch zu lesen, dessen Zeilen vor ihren Augen verschwimmen, unterbrochen vom Rütteln und Schwanken des Zugwaggons, der die Buchstaben verrückt und übereinander schiebt, so dass der Leser gezwungen ist, den Finger an die Stelle zu legen, an der er glaubt, unterbrochen worden zu sein, ärgerlich, ob der dauernden Unterbrechung, aber mit steter Beharrlichkeit. Draußen rast die Welt, doch die sechs Plätze des Abteils sind immer besetzt, ein Fahrgast löst den anderen ab, Menschen steigen ein und aus, alle mit ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Gedanken, auf der Flucht von einem Ort zum anderen oder in Erwartung ihres Zieles, jeder ein Einzelner und doch der Gemeinschaft der Fahrenden zugehörig, alle verschieden und alle unter dem gleichen Zwang der Fliehkräfte, der Beschleunigungen und Bremsmanöver. Alle unter der einen sengenden Sonne. Wir blicken die Welt an und die Welt blickt in uns. Wir sehen in das Draußen.
Der Zug zerschneidet Felder, den Wald, eine Stadt, rast mit unaufhaltsamer Wucht in das schemenhafte Zittern des Horizonts, und niemand hat das Gesicht des Lokomotivführers gesehen. Wie lange wird die Reise dauern? Wann werden wir ankommen, gibt es einen Anschluss für unsere Weiterreise? Der Schaffner locht die Fahrkarten, sieht abweisend unter seiner Schaffnermütze hervor und vertröstet floskelhaft die Passagiere. Er hat die Fragen schon zu oft gehört, um keinen Widerwillen bei ihrer Beantwortung zu empfinden. Es dauert noch so und so lange; ja, wir sind bald da; womöglich gibt es noch einen Anschluss; nein, er ist nicht für die Verspätung verantwortlich - und schließt die Abteiltür wieder, versinkt in der Masse der Leiber, die sich auf dem Gang drängen, teilt sich den  Weg zwischen Armen und Beinen hindurch; schlingernde Körper, wackelnde Köpfe, boshafte Grimassen, vibrierende Ungeduld, Missmut und Verzweiflung der in der dräuenden Masse Ausharrenden. Es ist heiß und eng, und die unterschwellige Aggression wird durch die Halte auf offener Strecke, im glühenden Nirgendwo, noch geschürt. Wieso fährt der Zug nicht, wenn er doch fahren sollte. Wieso sitzen die da, während wir stehen müssen, die wir doch auch den vollen Fahrpreis entrichtet haben.
Die da schwitzen und stöhnen genauso, schmoren ebenso in der glimmenden Hitze, sind nur etwas eher da gewesen, hatten Glück, vielleicht ein wenig Verstand, manche wohl eine Reservierung, mit der in der vorgehaltenen Hand sie einen anderen Passagier zum Räumen des Platzes zu veranlassen imstande waren.
Der Zug fährt wieder an. Die nun aufgenommene Geschwindigkeit spricht dem langen, scheinbar sinnlosen Halt zuvor Hohn, doch der Fahrtwind bringt keine Kühlung. Die Fenster lassen sich nicht öffnen.
Sechs fremde Menschen, zusammengedrängt in einem Abteil, jeder seinen eigenen Gedanken und Perspektiven, seiner eigenen Geschichte verhaftet und dennoch auf der gleichen Reise, in demselben Zug. Die Welt zieht am Fenster vorüber und bevor meine Augen einen Punkt zu fixieren vermögen, ist er schon hinter dem Zug verschwunden. Unerreichbar weit entfernt.


Er liest ein Buch.



Der Leser
Besser aus dem Fenster. Besser aus dem Fenster sehen und das Grün der Wiesen betrachten, vorbeigleiten sehen, die Wälder wie ein Lodenmantel mich zudecken und meine Gedanken, und die Gedanken von: K.. Nein, nicht "wie ein Lodenmantel" (oder heißt es: einen Lodenmantel?). Phrasenhafte Wendung, um nicht zu sagen: relativierendes Nichts. Eher: "wie Schachtelwerk grüner Ranken". Nein. Schlecht. Denken, wie ein Schriftsteller, ein Dichter schreibt. Wie hätte K. es ausgedrückt, wenn er es hätte ausdrücken wollen. Fremde Gedankenwelten, unzugänglich und verschlossen. Selbst in der ausgedrückten Vermittlung nur durch Annäherungswerte quasivermittelbar, wie als ob, ausdrücklich dem Unausdrücklichen verpflichtet. Die Welt ist verschlossen und K. drückt mir den Schlüssel zu weiteren unaussprechlichen Geheimnissen in die Hand. Hinter einer Tür verbirgt sich immer eine weitere, hinter der Biegung dieses Flurs der nächste, ein Treppenaufgang ist der Weg zu tiefsten Kellergewölben, Stufen enden abwärtig auf den Zinnen des Schlosses, das eine Strafkolonie ist in einem fremden Land und doch so nah. In der Ferne unbekannt dem Gedächtnis entsprungen. Ein Prozess, in dessen Verlauf das Verfahren allmählich ins Urteil übergeht; eine Verwandlung, welche die Puppe siech lebend zurücklässt, den Schmetterling jedoch zu Tode erstarrt. Ein unfertiges Wesen, ein Monstrum, das sich unter dem Bett verkriechen muss, sobald ein Mensch den Raum betritt, in dem es seine Existenz fristet, ausreichend mit Wasser und Nahrung versorgt, doch einsam und einzigartig in der Welt. Dies schreibend, um dem Versuch zu leben Essenz zu verleihen. Und scheitert, letztendlich scheitern muss. Denn das Schreiben ist nicht das Leben. Das Schreiben sind die Buchstaben auf dem Papier, angeordnet in einer systematischen Reihenfolge, die unter Umständen nichts über ihren Gehalt aussagt, der vom Schreibenden impliziert worden ist. Die Worte sind nicht das Leben. Ich lese sie, während dort draußen die Welt vorüberzieht mit unbegreiflicher Geschwindigkeit. An mir vorüber - und doch bin ich es, der sich bewegt, immer weiter vorwärts (wahrscheinlich), sich bewegungslos bewegt. Den Gehalt der Worte zu entschlüsseln sucht. Denn bin ich es nicht, hier in diesem Abteil, der zusieht wie ich fortschreite in der Zeit? Immer eine weitere Tür, ein weiterer Flur, eine Treppe, ein Gang. Eine Verpuppung, die etwas bis dahin Unsagbares hervorbringt, etwas, das zuvor nicht da war. Ein ungeheuerliches, unbeschreibliches Wesen. Eine Kreatur, die auf eisernen Schienen mit metallischer Gewalt Raum und Zeit durchschreitet. Ich betrachte mich selbst von einem extrapolierten Standpunkt, der es mir gestattet, mich bei einem zutiefst brachialen grotesken Akt zu beobachten, an dem ich scheinbar gar nicht beteiligt bin, versunken in die Gedanken eines anderen. Des Anderen, der K. ist, und der, der Reihenfolge der Buchstaben nach, dieses Mysterium des entgeisterten Sehens auch wahrnahm, jedenfalls was mein Verständnis der Worte anbelangt. Mich lesend, fremd in einer fremden Umgebung, einer eigenartig widersprüchlichen Welt, anteilnehmend an einer abstrakten und dennoch sehr realen Gewalt, bin ich Ichselbst und: K.. Für immer ein Teil von mir, in diesem Zug, mit diesen Menschen, die nichts davon ahnen, in mir zu sein, sie sehend lebendig zu introjizieren, nichts davon, dass ich von ihnen weiß, von der Welt weiß - und dem Zug. Diese Maschine, die mich das Land zerteilen lässt. Die Maschine, die ich bin, auf der Suche nach einer Bestimmung, einem Ziel, einem Sinn. Ich halte die Betriebsanleitung in der Hand, doch ihre Kryptik scheint nur immer und immer wieder die Frage zu formulieren, sie gibt nicht die Antwort. „`Also was wollen Sie eigentlich?´ fragte Frau Samsa, vor welcher die Bedienerin noch am meisten Respekt hatte. `Ja´, antwortete die Bedienerin und konnte vor freundlichem Lachen nicht gleich weiterreden, `also darüber, wie das Zeug von nebenan
weggeschafft werden soll, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Es ist schon in Ordnung.´"*.
Der Schmetterling wird das Land nicht mit seinen prächtigen Flügeln streicheln. Er wird in seiner Verpuppung zugrunde gehen, hässlich, vorzeitig gealtert und krank vor Sehnsucht, wird sterben vor Einsamkeit in seinem Versteck.
Das Buch entgleitet meinen Händen, fällt zu Boden, zwischen die Füße der anderen Reisenden. Mühsam muss ich die soeben gelesene Stelle wiederfinden. Draußen schneidet die Welt. Gefangen in diesem Panzer bereise ich eine wohlerforschte, doch unbekannte Schöpfung.
In einer Maschine. Ich bin die Maschine. Ich habe die Betriebsanleitung in der Hand und kann sie nicht lesen.
"`Adjes allseits´, drehte sich wild um und verließ unter fürchterlichem Türezuschlagen die Wohnung."*



Die Weiche bestimmt den Weg zwischen den Schenkeln einer Gleisgabelung.



Mutter
Hör auf. Lass es sein. Ich hab's jetzt oft genug gesagt. Manchmal könnt' ich dich... Manchmal könnte ich dich nehmen und an die Wand knallen! Herrgott, ja, ich weiß, ich sollte das nicht denken. Es ist so heiß und stickig. Ich kann kaum atmen. Hör auf mit den Beinen zu strampeln! Die Leute starren uns an, hör auf. Ich bin eine schlechte Mutter, denken sie, kann nicht einmal meinen Sohn zur Ordnung rufen. Was wissen aber diese Arschlöcher schon! Ich muss alles alleine machen, immer. Nur Ficken war in Ordnung, doch das Resultat bleibt an mir hängen. Mein Kind ist mein Kind. Es ist nicht: unser Kind. Ich könnte heulen manchmal. Ich habe geheult. Als du auf die Welt kamst, habe ich geheult, geschrieen habe ich, nur dass du endlich kommst. Und seit diesem Zeitpunkt ist das Leben an mir vorübergezogen, als gäbe es mich gar nicht.
Ich sollte das nicht denken. Ich liebe ihn. Er ist mein Sohn. Ich muss ihn lieben. Dieser fremde kleine Junge, der aus mir herauswuchs, hervorquoll ins Leben wie zugelaufene Katzen aus dem Dunkel eines verwilderten Gesträuchs. Ein zartes, zerbrechliches Wesen, das mich anblickt und Mutter nennt, Mama, aus scheinbar unerfindlichen Gründen, die es selber nicht kennt. Zum Teufel, sitz' endlich still! Wissen will er, wohin die Reise geht, wann wir ankommen und ob es da etwas zu trinken gibt. Wohin die Reise geht, dass ich nicht lache. Als könnte ich eine seiner Fragen anders als mit Ausflüchten beantworten und Beschwichtigungen. Ich bin achtundzwanzig und die Jahre beginnen mich bereits aufzufressen. Wie könnte ich wissen, wohin die Reise geht, wohin deine Reise geht, mein Schatz. Wo bin ich denn angekommen! Seinen Schwanz durfte ich lutschen und sein Kind zur Welt bringen. Dann hat er mich alleingelassen. Nein, ich darf daran nicht denken. Es ist zu heiß zum Weinen. Zu heiß.
Wenn nur jemand das Fenster öffnen könnte. Wenn ich nur etwas Luft bekäme. Mein kleiner Schatz. Ich könnte dich einfach aus dem Fenster werfen und wortlos hinausgehen, beim nächsten Halt aussteigen und fortgehen. Keiner würde mich hindern: Mütter schmeißen ihre Kinder nicht aus fahrenden Zügen. Sie würden gar nicht glauben, was geschieht. Ich wäre einfach weg, ausgestiegen am nächsten Bahnhof, als hätte es mich gar nicht gegeben, als hätte es dich gar nicht gegeben.
Hör um Gottes Willen auf zu zappeln, Junge! Schlaf doch ein Weilchen, schlaf ein, schlafe sanft und ruhig, atme gleichmäßig und leise, atme gar nicht, gar nicht mehr.
Mein lieber Junge. Mein Junge. Mama liebt dich. Also hör auf. Wir sind bald da. Die Fahrt scheint gar kein Ende nehmen zu wollen. Wir sind bald da.
Es wird eine kalte Limo geben.



Eins, zwei, drei, ein Zug fährt vorbei.



mit Kind
Ich will 'raus hier. Alle gucken so böse. Ich wollte gar nicht in diesem blöden Zug fahren. Von hier aus sieht man ja gar nichts. Wieso darf ich nicht am Fenster sitzen? Der Mann guckt so böse. Hab' gar nichts gemacht. Und Mama sagt nichts. Man sieht ja auch gar nichts; alles viel zu schnell vorbei; wie im Fernsehen, nur noch langweiliger. Langweilig. Alles huscht vorbei, man kann gar nichts erkennen.
Was wohl diese Leute alle so denken. Bestimmt ganz komische Sachen, keiner sagt etwas. Ich muss 'mal Pipi. Ob die wohl denken können, dass ich Pipi muss? Vielleicht denken die an meinen Pipi.
Oder machen alle Sachen wie Mama mit dem Mann, als sie so böse war zu mir war, nur weil ich geguckt habe. Ich wollte gar nicht gucken. Der war ganz voller Haare, der Mann. Und Mama war ganz nackig.  Und dann hab' ich geweint, weil Mama so böse war. So böse wie der Lehrer in der Schule bei Martha, als ich sie umarmt hab'. Aber doch nur, weil ich sie so lieb habe. Ich wollte nichts machen. Der Lehrer ist auch ganz eklig voller Haare. Da will ich nicht mehr hingehen. Weil ich doch gar nichts dafür kann, dass ich Martha lieb habe, meine ich.
Der Mond, der scheint helle, und der Zug fährt so schnelle; ich weiß nicht wohin, doch ich sitze hier drin... Wann krieg' ich denn 'was zu trinken, ich fang' sonst an zu stinken; wir fahren alle noch dahin, und ich sitz' mittendrin... Vorn im ersten Wagen, da tun sich die Schaffner schlagen; und bin ich schon ein kleines Kind, bin ich doch kein blödes Rind. Lalala. Mama guckt schon wieder - der Affenmann hieß Dieter. Der Affenmann saust draußen am Fenster vorbei. Und knallt voll an die Bäume. Der Wixer. Wixer darf man nicht sagen. Wixer. Alles blöde Wixer. xxxser.
Mein Pipi ist schon ganz groß, weil ich so muss!
Mama hat gar nicht gesagt, wohin wir fahren eigentlich. Draußen kann man gar nichts sehen. Alles so schnell vorbei.



Tackatack.



Alter Mann
Ich bin so müde, so erschöpft, doch ich kann nicht schlafen, nicht im Zug. Ich wachte nicht mehr auf, und das wäre schrecklich. So müde von der langen Reise, dem monotonen Takt der Gleisschwellen, dem wiegenden Rhythmus der Bewegung, die ein trügerisches Schlaflied vorgaukelt. Am Ende müssen doch alle aussteigen, die einen am Bahnsteig, die anderen an der Rampe. Es wäre schrecklich. Diese Menschen haben hingenommen, dass ich sterbe, und sie werden es wieder tun.
Doch die Wiesen sind grün, die Bäume stehen noch im Wald und das Leben scheint weitergegangen zu sein. Unaufhörlich rollen Züge immer noch, die Welt blieb nicht stehen, wurde nicht aus den Angeln gehoben und ins blinde All geschleudert, nicht zerschmettert und vor Gottes Antlitz in den Staub getreten, zerbarst nicht in Millionen Teile aus Nichts.
Dennoch wurde sie zerschmettert. Doch die Welt hat vorgezogen, es zu ignorieren, vernichtet worden zu sein, hat es nicht bemerkt und wollte es auch gar nicht. So geht die Welt scheinbar weiter. Und ich sitze in einem Zug voller Toter. Die Lebenden haben das nicht überlebt, und die Toten, die gestorben sind, trinken die “Schwarze Milch der Frühe“, trinken sie morgens, mittags und abends, und trinken und trinken und werden nicht satt, an dem Ort „in den Wolken“**. Dennoch sitze ich in diesem Abteil und bereise Deutschland, wo unerklärlicherweise diese vielen Toten in den rollenden Zügen sitzen. Warum? Weil ich es kann, weil nichts geschehen ist, weil die Welt sich weiterdreht, entgegen menschliches Ermessen. Weil es gleichgültig ist, ob ich noch hier bin oder nicht, oder ob ich überhaupt jemals existiert habe. Ich habe sie alle überlebt, alle, die mit mir in diesem Zug gewesen sind, ohne zu ahnen, wo die Endstation sein wird und was das bedeutet. Fahrgäste ins blanke Nichts, als hätte es die Menschen nie gegeben. Eine lächerliche Perversion Gottes: ich sitze in einem Zug, als vielleicht einer der Letzten, die dieses Privileg für sich in Anspruch nehmen dürfen, nein: müssen; und noch einmal, noch einmal, und ...Das Lachen muss dir im Halse steckengeblieben sein, Gott. Auch ist es kein Privileg, es ist Bürde und Scham. Jeder Streckenkilometer ist ein Schrei, ein Weinen, eine Verzweiflung, jede Schwelle eine Grausamkeit, jede Eisenniete ein Schlag. Das Tackatack der Räder pocht in meinem Kopf und die Erinnerung will nicht aufhören. Die Maschine läuft wie geschmiert, Arme und Beine greifen ineinander wie Zahnräder, damit das Räderwerk sich dreht und dreht, Menschen bleiben auf der Strecke ... durch die Schlote... ins Gas und durch den Schornstein.
Etwas ist geschehen, etwas, das nur schwer mit Worten zu fassen ist, das nahezu Unsagbare. Und dann: nichts ist geschehen. Tun wir so, als wäre nichts passiert. Der Untergang der Welt, die sich weiterdreht. Vielleicht hat David Ben-Dor recht mit seinem Hass, auch auf sich selbst (vor allem auf sich selbst). Ruth Elias hasst alle Deutschen, Borowski und Wieslaw Kielar hassen alle Menschen - das ist es, was aus ihnen gemacht wurde, die überlebten, vorgeblich. Ein gellender Schrei in einer tauben Welt, die blind von sich selbst ist. Wiesel und Améry, die das Unverstehliche nicht verständlich machen zu können glaubten. Imre Kertész kann sich aus dem universalistischen nihilistischen Existentialismus der Lager nicht befreien, der ihn jeden Moment ins bodenlose Nichts zu stürzen droht, und immer wieder stürzt, im Schicksal eines Schicksallosen gefangen, dessen Geschichte die eines Toten ist, der groteskerweise überlebt hat, deswegen lebt: Dieses vernichtete Leben erst lohnt, erzählt zu werden. Eine humanistische Blasphemie, die mit Spiegeln arbeitet. Und Aharon Appelfeld schreibt "Der eiserne Pfad", auf der Suche nach seinem verschollenen, geraubten Leben, das ihm vor mehr als sechzig Jahren abhanden gemacht worden ist. Ich bin schon weiter. Und immer noch in einem Zug, in einem Bahnabteil, immer noch zwischen Menschen.
Dieser Junge da mit seiner Mutter, der fröhlich mit seinen Beinchen strampelt, der war ich auch einmal. Und ahnungsvoll fahren wir einem ungeahnten Ziel entgegen. Ein wenig bequemer heute, versteht sich.



Das unbarmherzige Verrinnen jeglicher Zeit.



Junger Mann
Wie auf dem Abstellgleis so langsam. Es ruckelt und zuckelt, aber es geht nicht weiter. Die Leute sind so stickig, die Luft brennt und der Alte neben mir scheint gleich abkratzen zu wollen und der Kleine zappelt dauernd. Aber seine Mutter ist noch ganz rüstig unterm Pullover, die würd' ich nehmen. Aber mit dem Balg - nee. Na, muss ja auch nicht gleich Ewige Liebe sein. Liegt bestimmt an der Bewegung des Zuges: rüttel’ den kleinen Hannes! Und heiß ist es auch noch. Gott, ich schwitze. Wie die kleinen Orte da an uns vorbeisausen. Lauter kleine Ameisendörfer mit kleinen Ameisenmenschen. Führen wir schneller, sagen wir: in einem ICE, wären die Menschen wie Striche in der Landschaft. Gar nicht zu sehen. Ein menschlicher Strichcode in grün, oder was auch immer das hier für eine verschlissene Farbe sein soll da draußen. Wie bei Spar oder Aldi an der Kasse werden die kleinen Menschen dann durch den Scanner gezogen und abgerechnet. "Ach guten Tag, Herr Maier, heute wieder die guten Hinterwäldler? Drei Pfund, macht zweifünfundneunzig. Dankeschön. Wiedersehn’."
Die halten bestimmt alle Siesta in diesen kleinen Ameisendörfern. Oder ficken zur Sommersonnenmittagsglut. Wie die Karnickel. Siesta und Ficken. Und dann wieder Maloche und Alltagstrott und "Tag, Nachbar. Wie geht's der Frau Gemahlin. Was machen die Rabatten. Na, dann ist ja alles klar.". Der Zug des Lebens knattert vorbei an denen. Kennen die Welt nur aus der Glotze. Rauscht nur so vorbei und - wutsch, ist es aus.
Die Beine sind auch voll in Ordnung. Sie guckt ein bisschen genervt. Bestimmt der Kleine. Kleiner, nerv' woanders! Schlägt die Beine übereinander, dass es nur so zuckelt. Beinahe hätte ich ihren Schlüpfer gesehen. Leckt sich über die Lippen wie die Pornoschlampe in dem Toten Hosen-Video. Mit der allein im Abteil... Bei dem Geschlingere bräuchte ich mich nicht einmal groß zu bewegen, käme mir schon von ganz allein. In ihren roten Mund. Auf die feuchten Lippen. Den roten Mund, Mund, Mund. Und ihre Lippen. Alter Stinker und Pornoschlampe, der kleine Bengel und der Intellektuellenfurz mit dem Buch und der andere Typ, der mich dauernd anzuglotzen scheint. Dazwischen der kleine Wichser, der ich bin. Ich setze 'mal lieber den Walkman auf: Britney Spears, die Jungfrauenschlampe.



'Der andere Typ', wie witzig. Aber ich schweife ab, gerate auf ein Nebengleis, der Zug, in dem ich mich befinde, fährt in die Irre. Die Welt fährt vorüber und dehnt sich in der Zeit, bis auf dieser so entstandenen parabolischen Kreisgeraden Start- und Zielpunkt ineinander zu fallen scheinen. Gleise, die ihr schmelzendes Metall über den Horizont werfen. Das Zischen und Heulen der rasenden Räder gellt in den Ohren und füllt den Kopf aus. Immer weiter und weiter. Der Schaffner ist abgesprungen, der Lokomotivführer wahnsinnig geworden. Sechs Abrisse eines Lebens sitzen in diesem Zugabteil und fahren nach Terra Nova. Ihrem Ziel entgegen unausweichlich. An einen unbekannten Ort.


*Franz Kafka: „Die Verwandlung“
**Paul Celan: „Todesfuge“




© Rainer M. Scholz


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