Alternativen

Kurzprosa zum Thema Alltag

von  Isaban

Sie hatte lange genug in ihrem Kaffee gerührt. Das Geräusch hörte auf. Dünner Bohnenkaffee mit viel Milch, kein Zucker. Nicht wegen der Figur. Weil es einfach echter schmeckte. Und weil es sich in einem Straßencafé bei der Bestellung besser anhörte, bei einem Date. Milchkaffee. Café au lait.
Jetzt war er kalt. Es war sowieso zu viel Milch darin gewesen. Milchaufschäumen war eine Beschäftigung. Gut gegen die Wandergedanken. Sie leckte den Löffel ab und legte ihn ordentlich neben die Tasse, sah auf das Zifferblatt der großen Uhr, dann verfing sich ihr Blick auf der glatten Tischfläche.
Braun, gemasert, Echtholz, Weichholz. Man durfte keine feuchten Tassenränder hinterlassen, die zogen sofort fleckig ein. Aber Echtholz war wichtig. Kein künstlicher Funiermist. Kein Plastik. Echt.
Ihre Fingerspitze schob die Brötchenkrümel auf der Tischplatte hin und her, gedankenverpackend, wie Butterbrote zum Mitnehmen. Langsam und ruhig waren diese Bewegungen, fast wie ein Streicheln, eine unbewusste Zärtlichkeit, ein Münchhausen-Stellvertretersyndrom für Küchentische.
Kein Laut war zu hören, bis auf die wenigen Fahrzeugeräusche draußen auf der Straße, das aufdringliche Ticken der Uhr, die anscheinend bestrebt war, sich den Rhythmus der anwesenden Herzschläge zu unterwerfen und, wenn man genau hinhörte ihre Atemzüge, so leicht und leise, als hätte sie sich diesen unnützen Lärm eigentlich verkneifen wollen.
Selbst die bewegte Fingerkuppe war lautlos, dachte nicht einmal daran, auf der blankkrümeligen Holzfläche ein quietschendes Geräusch zu machen. Still, alles ruhig, nur der Innenkopf nicht.
Oben im Winkel zwischen Decke und Wand war ein Spinnweben ohne Spinne zu sehen, mehr ein Staubweben. Sie könnte Staub wischen. Oder den Keller aufräumen. Oder den Fernseher anmachen. Oder den Gashahn aufdrehen. Beinahe automatisch feuchtete eine unbeobachtete Zungenspitze die Polierkuppe an, die sich wieder auf die längst zerriebenen Krümel senkte, so dass sie anklebten, um unregistriert zum Mund geführt zu werden.
Rauchen wäre keine schlechte Idee, dachte sie noch. Man konnte sich so wunderbar beschäftigt an diesen weißen Stäbchen festhalten, der bittere Geschmack ließ einen das Leben gefiltert spüren und der Rauch löste es spiralförmig auf, oder verschleierte zumindest diese dämliche Tischplatte. Ja, sie sollte anfangen zu rauchen. Mit sicherem Griff nach hinten, ohne sich umzuwenden, drehte sie am Knopf und schaltete das Radio an, so laut, dass die Frau von unten an die Decke klopfte. Bis wieder Leben herrschte.

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Kommentare zu diesem Text


 Martina (03.02.07)
Ich sah mich an diesem Tisch sitzen...es passte alles so gut, bis auf die Zigaretten =)
Eine melancholische Stimmung kam an...etwas Verlorenheit, Ungewissheit...Gern gelesen, Tina

 Isaban meinte dazu am 03.02.07:
Tinchen, mein Engel, wenn das alles so gut passt, dann lass dich mal knuddeln.
Und fang bloss nicht an zu rauchen. Bei mir war es eher eine Überlegung, wie es sein könnte, wenn mal etwas weniger Lärm im Hintergrund wäre, etwas weniger Leben in meinem Chaos herrschen würde. (Oder Chaos in meinem Leben, das ist in diesem Falle austauschbar)

Ich danke dir für deinen Kommentar, Tina und schick dir ein paar ganz liebe, herzliche Grüße
Sabine

 Martina antwortete darauf am 03.02.07:
..grins..du bist ja ne Süße! Schick dir Grüße zurück, duuuu! Lg Tina
jaccolo (44)
(03.02.07)
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 Isaban schrieb daraufhin am 03.02.07:
Ja, Jaccolo. Lärm ist die sicherste natürliche Methode, um unerträgliche Stille zu beenden, auch ab und an ganz wörtlich zu nehmen. Hier war es nur die beinahe mechanisch erfolgte Medikation, ein Handgriff, der vielleicht schon zig mal ausgeführt wurde.

Ich freue mich, dass mein Text so wirkt, wie ich ihn beabsichtig hatte und danke dir ganz herzlich für deinen einfühlsamen Kommentar.

Liebe Grüße
Sabine

 Alazán (03.02.07)
irgendwie habe ich Mitleid mit ihr würde ich sie kennen, würde ich sie anrufen und mit ihr durch den Park joggen, damit sie was zu tun hat denn sympathisch ist dieser charakter allemale - ebenso wie der schreibstil - der ist romanwürdig!!! Schreib doch mal einen, ich würde ihn lesen ! :-D

guten Morgen
Philipp

 Isaban äußerte darauf am 03.02.07:
Danke, Philipp. Das ist ein dickes Kompliment, macht mich sprachlos.

Liebe und noch echt wortarme Grüße
Sabine
Rabenschwarz (22)
(03.02.07)
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 Isaban ergänzte dazu am 03.02.07:
Danke, Carla.
Ja, deine Interpretation trifft es in kurzen Worten genau.

Herzliche Grüße in deinen Samstag
Sabine
C.S.Steinberg (43)
(03.02.07)
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 Isaban meinte dazu am 03.02.07:
Sich aus dem Leben, aus der Zeit ausklinken um danach das Leben wieder intensiv zu spüren. Sich einen Augenblick lang in eine Zeitseifenblase begeben, damit man sich danach besser aufraffen kann. Einmal die Lupe auf sich selbst anlegen, damit man danach seine Blicke wieder anders fokussieren kann. Ja, ich weiß, was du meinst.

Herzliche Grüße
Sabine
(Antwort korrigiert am 03.02.2007)
Juergen_Locke (69)
(03.02.07)
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 Isaban meinte dazu am 03.02.07:
Ich liebe schriftliche Momentaufnahmen. Sie sind wie freidimensionmale Bilder/Fotos, können genau zeigen, was in diesem einen, einzigen Augenblick vorgeht, innen und außen. Das was man sehen kann, das was man spüren kann, das, was alles motiviert. Ein Medium also, das man unglaublich gut für Eindrücke verwenden kann. Und, wie bei einem Gemälde: es ist immer spannend, wenn es beim nächsten Anschauen noch etwas zu entdecken gibt, noch eine Nuance, die vielleicht beim ersten Betrachten nicht ins Augen gefallen ist.

Vielen Dank für dein großes Lob, Jürgen.
Und herzliche Grüße von Sabine
StefanP (58)
(03.02.07)
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 Isaban meinte dazu am 03.02.07:
Ja, es ist schwer, sich raus- und loszureißen.
Das ist ja das Problem, mit solchen Situationen. Das Loslösen, das erfolgreich daraus hervorgehen, wie aus einem Kampf.
Mich freut so sehr, dass der Text fesselt, nicht loslöst, vielleicht die gedanken noch beschäftigt, so dass einem die leeren Spinnweben in der eigenen Wohnung noch auffallen.


Danke Stefan und viele liebe herzliche Grüße
Sabine
trollyne (61)
(03.02.07)
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 Isaban meinte dazu am 03.02.07:
Dann werde ich mal für dich kramen, liebe Elke.

Herzlichen Dank für dein Lob und den lieben Kommentar

Viele dicke Samstagsgrüße
Sabine
MarieM (55)
(03.02.07)
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 Isaban meinte dazu am 03.02.07:
Danke, Marie.
Du kennst so viele meiner Texte, dass ich das sehr ernst nehme, was du hier schreibst. Ich freu mich über dein Lob für diese Momentaufnahme.

Ja, ich weiß. *g* Geknautscht wirst du trotzdem. (Adele ist schon ganz faltig)
Liebe Grüße
Sabine
MarieM (55) meinte dazu am 03.02.07:
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 Ganna (18.09.07)
Liebe Sabine, Deine Geschichte gefaellt mir ausgezeichnet!!!

liebe Gruesse von Ganna

P.S. Ich habe wenig Zeit, doch bin ich neugierig geworden auf das, was Du sonst noch so geschrieben hast und werd' es mir so nach und nach anschauen.

 Isaban meinte dazu am 18.09.07:
Ich freue mich sehr, Ganna, dass du in meinen Texten stöbern magst.
Hab vielen Dank für deine Rückmeldung.
Herzliche Grüße,
Sabine

 Reliwette (05.12.07)
Steht doch schon alles geschrieben - aber eines noch nicht!
Was sagt Marcel dazu, Du weißt schon, der "reiche Ranicki"?
Hat er noch nicht gelesen?
Den Pulitzer- Preis für Isaban, jawohl!
Ja ja ja ja, ich "wühl" mich mal durch Deine Texte!

Grüße
" hernieden"
an die R.-Auen
an den Lago di Paldi
an
Bovinus
Wallach
und Rotwild!

an Krümel
Tasse
und Untertasse

he he he he
Hartmut

 Isaban meinte dazu am 05.12.07:
*g* Du bist ja gut drauf!
Danke schön, Hartmut.
Ich habe ja gesagt, meine Texte sind eher leise und nicht unbedingt Slam-geeignet.
Ich freu mich, dass der hier dir trotzdem gefällt.

Herzliche Grüße,
Sabine
steinkreistänzerin (46)
(05.12.07)
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 Isaban meinte dazu am 05.12.07:
Hey, das freut mich aber, dass mein Text jetzt noch so viel Beachtung findet.
Danke, du.
Ganz viele liebe Grüße
Sabine
kyl (57)
(05.12.07)
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 Isaban meinte dazu am 05.12.07:
Kay, du kennst mich schon so lange und lässt mich deine Bücher zerlegen.
*g* Wie konntest du je an mir zweifeln?
Grinsegrüße,
Sabine
kyl (57) meinte dazu am 05.12.07:
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 Isaban meinte dazu am 05.12.07:
Jaha, keine Bange, ist so gut wie auf dem Weg, dein Zettelberg. *g*
Brunnenfrosch (34)
(05.12.07)
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