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Bewegungen im Zwischenraum

Beschreibung zum Thema Beobachtungen


von MelodieDesWindes

Ich stelle mir solche bewegenden Begegnungen, die ich nun erzählen werde, bedeutungshaft vor: Auf dem Bürgersteig gehe ich, biege in eine Gasse ein, bleibe nach ein paar Schritten vor einem kleinen Haus stehen, um dessen hölzerner Tür ein Rahmen aus weißen Tüchern hängt, auf dem mit schwarzer Tusche je fünf fernöstliche Hieroglyphen gezeichnet sind. Ich stelle mir vor, wie eine Zeichenfeder in ein Tuschefass getunkt wird, eine schöne Hand, die mit der feinmotorisch zwischen Daumen und Zeigefinger gehaltenen Feder schwarze Zeichen auf das weiße Tuch malt, langsam und sehr bewusst die Linien und Bögen und Kreise zu aus Bewegung entstehenden Bildern formt. Es finden sich in meinem Kopf keine Begriffe zusammen, und dennoch begreife ich intuitiv, dass diese Zeichenbilder etwas aussagen. Ich fühle mich wohl und entschließe, hineinzugehen durch die umrahmte Tür. Also öffne ich ziehend die Tür. Ich komme in einen mit Teppich ausgelegten Vorraum, auf weißem Pergamentpapier passieren Schattenspiele, sehe jemanden niederblicken hinter einem Empfangstheke. Als er aufblickt, lächelt der weißhaarige Mann, der dieses Mal wirklich weise wirkt und richtig freundlich. Ich komme näher, begrüße ihn mit einem Lächeln, er lächelt zurück. Lädt mich mit offener Hand und einer Geste ein, ihm zu folgen. Wir gehen eine Treppe hinunter, irgendwie fühle ich mich dabei ein bisschen mulmig, wie es an Wänden wie Projektionsflächen tiefer geht. Aber ich spüre auch, dass es gut ist, dass ich Vertrauen fasse, etwas, was bei mir sonst Jahre dauert und selbst dann noch behaftet ist mit Erinnerungen an schmerzhafte Verletzungen, solche, die keine blutigen, aber dennoch Spuren, Narben, hinterlassen. Er bleibt vor einer Tür stehen, blickt sich um. Ich denke, dass er spürt, wie ungewohnt oder neu das für mich ist. Und ich danke ihm innerlich für das feinfühlige Spiel seiner Mimik, die hellen Augen, sein fühlender Blick, für den ermutigenden Klang seiner Stimme; dann spricht ohne zu sprechen, lädt mich mit einer winzigen und einladenden Bewegung ein mit ihm mitzugehen: und ich entscheide mich, das Angebot anzunehmen; ich hebe meine Hand, umfasse den Knauf. Schließe die Augen, horche in mich hinein: ein Lied aus vergangenen Tagen, gesummt von einer klebrigen Stimme. Die Augen öffne ich, will das Hier schauen, Realität erleben; Erlebnisse! Da ist eine Sehnsucht, endlich etwas zu erleben, es ist wie Durst, der betäubt war und jetzt, da ich hier stehe, mit aller Intensität meinen ganzen Körper durstend macht, ich mich, auch wenn ich nicht weiß, wie ein Schwamm sich fühlt, mich doch wie einer fühle, der die Erlebnisse der Außenwelt in sich einsaugt! Ich will Erlebnisse trinken! Drehe den Knauf, die Tür springt einen Spalt auf, ich mag es, wenn sich Räume eröffnen, weil ich neugierig war. Und weil ich es war, kann ich es auch wieder werden. Und wenn ich es werden kann, dann kann ich es auch jetzt sein, mich neugierig fühlen. Durst und Neugier, was für ein Team! Und ich drücke die Tür auf.

Ein heller Raum, Licht kommt durch Fenster. Ich blinzle. Menschen sitzen da. Sie sitzen im Kreis, in Schneidersitzen und murmeln. Sie schauen sich offen an und freundlich, sind aneinander interessiert. Ich setze mich, einem Mädchen auf die Schulter tippend, neben sie. Sehe sie an, diese Funkel-Augen! Und erkenne sie: Esther! Esther, mein Herz pocht, Esther, träume ich?, Esther, sie berührt meinen Arm. Sie riecht wie damals. „Hi Jan“, sagt sie. Wie auf weißem Sand sitzend fühle ich mich, wie ich sie gerne hatte, wie ich darüber schwieg. Ich sage: „Hey …“, weil ich überrascht bin, weil ich mich freue und gar keine Worte finden kann, was selten vorkommt. Wir schauen uns an, es ist ein entspanntes Schauen, ein sich anblicken, ohne peinliches Schweigen, finde ich, kann sehr viel gesagt werden. Dann springe ich innerlich über eine unsichtbare Grenze: „Ich bin echt baff, du auch hier?“ – Sie sagt: „Immer mal wieder, ja.“ – Ich glaube ihr; sie gehört in diesem Moment ganz sicher hier hin. Ihre Lider sinken, ihre zartrosa Lippen, weich sehen sie aus, schmecken bestimmt lecker, sie lächeln. „Weißt du noch damals?“, frage ich, sie nickt. „Auf dem Feld.“ – „Wir haben uns geküsst und sahen uns bis heute nicht wieder.“ Und ich ahne warum, höre eine klebrige Stimme, nicht mehr in mir, sondern als ein fernes Lied aus Lautsprechern, das wieder näher kommt. Meine Kiefer malen, ich werde sauer: „Lass mich endlich los!“, rufe ich, schreie ich hinaus. Die Menschen bleiben sitzen im Schneidersitz, sie scheinen nicht erschrocken oder verdutzt, sie sehen aus, als würden sie das kennen. Wut schwillt in mir an! Ich balle die Hände zu Fäusten, da scheint sie hineinzukommen. Ich weiß, wer die Sängerin des klebrigen Liedes ist. Mit säuselnden Tönen will sie mich einnehmen. Doch ich will das nicht mehr! Ich trete, wo ich nie getreten habe. Ich schlage und kämpfe, wo noch nie geschlagen und gekämpft wurde. Das alles tut weh wie Spuren, die nicht bluten, aber die da sind. Erkannt durch lange Analyse. Wie lange kämpfe ich schon stumm? Das ahne ich nur. Aber jetzt denke ich an das Hier und Jetzt, an die Gegenwart, in der ich kämpfe, schlage, trete, schreie, argumentiere, analysiere, klar mache, klar stelle, wegstoße, die Grenzen, die ich damals nicht ziehen konnte, jetzt ziehe – und Esther wahrnehme. Und denke, dass es sich toll und schön anfühlt, Esther zu sehen. Wie ich es mag, dieses Gefühl, nahe bei Esther zu sein. Sie, im Schneidersitz sitzend, sieht mich an, spricht nicht, zeigt so viel: Offenheit, Zuneigung, Handflächen im Schoß, Blickkontakt, sanftes Nicken. Und wie ich sie so ansehe, so erschöpft und voll des Wollens, denke ich an die Zeichen, an Bewegungen, an etwas mir paradox Anmutendes: dass durch Abstand Nähe kommen kann.

Doch das macht mir mehr und mehr Sinn. Und ich halte eine Feder in der linken Hand, stelle mir das weiße Tuch vor, das nun vor mir ausgebreitet auf dem Boden liegt, inmitten der Menschen, die im Schneidersitz meditieren. Mit der rechten Hand noch kämpfend, wie als kämpfe  ein Schwert gegen klebrige Partituren, bewege ich mit der anderen Hand die Feder, tunke sie ein in das nun vor mir stehende Tintenfass, konzentriere mich auf mein Gefühl: ein leichtes Kribbeln im Bauch, Bauchmuskeln, die sich anspannen und zusammenziehen, ein sich hebendes und senkendes Bäuchlein, Zucken im Brustmuskel über meinem Herzen, Lungen, die sich mit Luft füllen, Lippenbewegungen, Aufblicken, nun wieder Esther sehen, ich fühle mich hellwach, alles so klar, ich blicke mich um, die Konturen und Farben, die Formen, die Oberflächenstrukturen, der Marmorboden, fein geädert, Muster, die, schaue ich auf Esthers Hände, auch da sind in ihren Formen, Vertiefungen auf ihren Fingern, glänzende Nägel über feinrilligen Spalten, wie einzigartig ihre Maserung, wie schön sie ist auch im Kleinsten; auf dem weißen Tuch treffen zwei Linien, sich kreuzend, aufeinander, Kreise wie Streicheln kommen hinzu, sich verschlingende Bögen sind wie kraulende Bewegungen des Vertrauens, es bewegt sich mein Körper, innen kribbelts, außen bebe ich, die Feder ein Schwert, entscheidende Teile des klebrigen Liedes aus der Notenschrift gefochten. Ich weiß, weil ich es spüre: da muss ein neues Lied her, das neue Lied also versuche ich zu Komponieren – ich, der erst seit so kurzer Zeit überhaupt begreife, was Lied bedeutet, soll komponieren? Kenne keine Notenschriften, weiß nur, weil ich es spüre, dass es um Bewegung geht, um sich hebende Melodien oder fallende Töne – oder beides gleichzeitig, deren Verhältnis zueinander! Wie ich Esther auch erlebe, sitzend und sich leicht bewegend, ein Zusammen auf Augenhöhe, wir sitzen und sehen uns an, Gesicht an Gesicht blicken wir uns in die Augen, ich sehe wie durch eine Wasserschicht, es sind die glitzernden Vorboten der Liebe – Liebe?

Oh, wie lange habe ich versucht, sie nicht an mich herankommen zu lassen, zu verdrängen – aber ich sehe sie vor mir, habe die Wahl: verbleiben in alter Verhaftung oder bewegen und unser Lied beleben. Ja, ich will. Möchte empfinden dieses leichte Gefühl, dieses Staunen ob solcher Schönheit, ihr süßer leckerer Geruch! Wie Töne sich zu Akkorden verbinden, wie ihre Augenbewegungen einen Rhythmus haben, wie gerne ich sie küssen würde; sich trauen? Unsicher bin ich mir, denke nach, ob das der richtige Augenblick … ja! Ruft es in mir, ja, welcher denn sonst! Ich vertraue dem Gefühl in mir, das ist der sensible Punkt: mir selber wieder vertrauen, auch wenn es weh tun könnte, so spüre ich doch was; neige meinen Kopf, sehe sie an und schließe langsam, so wie ich meine Lippen ihren näher bringe, meine Augen – und berühre ihre weichen, weichen und feuchten Lippen, berühre ihre wieder und wieder küssend, öffnend, unsere Zungen berühren sich, erst kurz, ein Vor und Zurück und wieder Vor, kreisende Bewegung unserer Zungenfedern, wir sind die Musik, und unsere Zungen tanzen! Sie tanzen zu unseren Bewegungen, wir sind Rhythmus, wir sind Höhen und Tiefen, wir umarmen uns, meine Hände streicheln über ihren Rücken, meine Finger berühren ihren Nacken, meine Kuppen spüren feine Nackenhärchen, mit meinen Lippen umschließe ich ihre Oberlippe, sauge leicht daran, streiche eine Strähne aus ihrem Gesicht, wie ich sie spüre, und mein pochendes Herz, und meine zuckendes Glied, und ihre Hände auf meinem Bauch! Auf diesem Bauch lagen Jahre keine Hände mehr, auf einer meiner sensibelsten Körperstellen streicheln ihre Hände, Vertrauen bringt Lust raunt es, erst hadere, dann  entspanne ich mich, lasse geschehen; wir legen uns auf unsere Seiten, die Augen habe ich geschlossen, nehme Berührungen wahr, Bewegungen. Das alles verbindet sich ohne Gedanken, die in den Hintergrund getreten sind oder nicht mehr da sind. Wie ein reines Spüren, reines Empfinden, höchste Daseinszustand, geborgen verloren und eins mit schönsten Gefühlen … ich rieche ihre Achseln, schmecke salzige Tropfen, rieche ihre Erregung, umkreise züngelnd ihren Bauchnabel. Ihr Bauch hebt und senkt sich, sie atmet schnell, leicht hebt sich ihr flacher weicher Bauch meinen Küssen entgegen, sich an sie schmiegend. Ich streife ihre Hose herunter, schlecke neckend über ihren Fußrücken nur ganz kurz, hebe meine Lippen, berühre ihre Beinen an Stellen, die sie mit geschlossenen Augen nicht sieht, die sie aber sehnsüchtig erwartet, wie kleine Ströme sind die Wege meiner Zunge, die sie mit leichtem Zucken und zartem Stöhnen beantwortet. Dann wieder höher, Oberschenkel, Leiste, Bauchnabel, Brust, Brustbein, Hals, Lippen, während unsere Lenden tanzen irgendwie Lambada. Alles flimmert, ich schließe die Augen, Farbenkleckse und unzählbar viele feine Lichtpunkte blitzen, funkeln, glittern, meine Lippen begehren die ihren, ich atme schneller, flacher, sauge Luft und ihre Süße in mich ein.

Ich streife mit sanfter Bewegung den weißen Stoff von ihren Hüften, wir gehen über zum Bodypainting, Feder und Tusche verschmelzen zu feuchten Küssen. Sie entkleidet auch mich, sie singt hauchende Küsse auf meinen Körper; ich zittre, sie berührt die zitternden Stellen und streicht so weich, so wohltuend Stellen meines Körpers, die jahrelang nur ich gesehen habe. Mir ist heiß, es wallen Hitzewellen durch und durch, von der Bauchhöhle in die Lenden; sie berührt meine Leisten, umschließt weich und feucht mein Glied. Zärtlich züngelt sie, während sie sich um 180° wendet, wir küssen uns und schlecken und züngeln an den Zentren der Lust, süße warme Feuchte, eine Wolke der Wonne umnebelt meine Sinne. Wir vereinen uns zur höchsten Potenz, Schönheit und Wonne und klares Empfinden wie klarste Schönheiten des Verstandes, wie bewegende Symphonien, die in entrückten Räumen aufgeführt werden, von denen man weder die Noten kennt noch die genauen Namen der Instrumente kennen muss, die einfach wirken und durchwallen, durchwirken, durch und durch bewegen! Wir erschaffen einander in geschenkten Gefühlen, in gezeigten Vertrauen, in vollkommender Öffnung das Verbindende, das einstige auf Erden sich kreisförmig bewegende Geschlecht, wir eröffnen und schenken einander den Zugang zur Vollkommenheit, berauschen uns mit Liebe und werden zur gemeinsamen Eruption, zum Höhepunkt aus Innigkeit und gefühlter Lebendigkeit. – Schauen uns an, es fließen Bäche aus Schweiß über ihre Stirn, ich küsse die Perlen und streiche durch ihr Haar, schaue sie an, sie mich, erschöpft, glühend aus allen Poren sehen wir uns an und entrücken jedes Zeitgefühl, ein dauernder Blick, der mir nie wieder aus dem Gedächtnis weichen wird, ein gefühlter und gespürter Blick, weil sie auch mich währenddessen sanft berührt an vielen schönen Stellen. Wir lächeln uns an, wir glucksen, schauen uns wieder an, brechen in lautes Gelächter aus, rollen uns über den Boden, bleiben liegen, jubeln so dem Oben entgegen, ich rolle mich zu ihr, mein Mund schwebt über ihrem Kopf, sie liegt, offen ihren Hals zeigend, da, ich küsse ihn sanft, wieder ihre Halsschlagader leicht anknabbernd, kurz über ihren Kiefer leckend, mit ihrer Zunge einen weiteren Tanz beginnend. Verweile doch, du bist es, du bist so schön, Esther, das Gefühl mit dir, Esther, das ist so schön wie – ach! Ich habe doch keine wirklichen Vergleiche, höchstens Ähnlichkeiten!
Erleben ist es, was jetzt da ist, uns erleben. Nach ich weiß nicht wie langer Zeit liegen wir nebeneinander, in meinen Ohren braust es, es rauscht das Blut wohl durch die Kapillaren nach dieser sinnlichen Musik! Musik, du gemeinsam Geschaffene, bist die höhere Potenz aus Bewegung der Feder und erschaffendem Gefühl!

Wir sehen uns an, verstehen uns durch Blicke. Ich stehe auf, auch Esther steht auf. Wir gehen auf die Tür zu, ich sehe zugleich die Maserung und die Tür als Ganzes. Der Knauf, eine weiblich-runde Form nicht halb so schön wie Esthers Nasenspitze, fühlt sich kühl an. Ich drehe ihn, die Tür springt auf. Ich gehe vor, die Treppe hinauf, drehe mich um: Esther wird nicht in die Unterwelt verschluckt, sie ist da, sie lächelt und sieht noch schöner aus als vorher. Wir gehen, unser Tappen auf den Stufen wie ein neuer Rhythmus, ein gemeinsames Gehen, ein Zusammen in die Welt gehen ist das, was wir da gerade machen. Wir kommen an der Eingangstheke vorbei, der alte Mann steht da, weise und lächelnd wie eh und je, wir gehen weiter, auch durch die zweite Tür, hinaus in die Gasse. Es ist, als atme ich eine neue Luft. Esther ist da. Auch hier draußen ist sie noch da. Das gibt mir ein gutes Gefühl, langsam kommen neue Nuancen dessen hinzu, was Vertrauen bedeutet, ein Lernen ist es, ja, das spüre ich, auch anstrengend kann es sein, ich merke teils meine Erschöpfung, aber empfinde zugleich auch den Fortschritt, das beglückende Gefühl, das nach langen Strecken der Bewegung im Menschen entsteht, das, wie ich sehe, auch Esthers Augen zum Glitzern bringt, es ist ein feuchtes Funkeln, das Feuchte der Liebe, welch elementare Erkenntnis! Nicht ganz Freudenträne, nicht das Stechen eine Wimper spüre ich, nur das sich bildende Feuchte, das die Welt ein wenig klarer, heller, freundlicher wirken lässt, ein ins Auge gestiegene Gefühl, das man nicht sieht, das man aber spürt, weiß, dass es da ist.

Wir gehen weiter, auf den Bürgersteig. Das ist die Welt da draußen. Eine, in der ich das Lebendige nun deutlicher sehe, in Farbe mit Gefühl. Das ist nicht mehr das dingliche, bildliche und farbige Erleben, was zuvor war, und bestimmt nicht mehr das Schwarz-Weiße davor. Das empfindende Erleben hat dieses Spüren in sich, was dem Ganzen das Lebendige gibt: das Körperliche. Die große Vernunft. Das zu entdecken – entdecken ist das treffende Wort: unter die Decke zu schauen, das, was da hervorkommt, erleben, ganzheitlich, in Körper und Sprache, Bewegung, in Musik und Tanz, ganz, ganz! Da kommen die Menschen mir wieder sinn-voll vor; Menschen entdecken lernen, kennenlernen des Menschlichen, erlebend, mit Anderen zusammen Erlebnisse haben; in Räumen, auf Straßen, in Städten: das erlebe ich nun, auf meinem Weg, der aus der Peripherie wieder hineinführt ins Zentrum des Erlebens. Wie Wanderungen, die nicht mehr in Fluchten enden oder bloße Linien zwischen Koordinaten sind, sondern zum Ursprung zurückfinden, ursprünglich das Hinzukommen zu erleben, was einst nicht da war, jetzt da kommt. Ich erzähle das Esther. Ich weiß nicht, ob sie mich oder ich mich ganz verstehe, doch spüre ich, dass sie es spürt und wir es erleben. Dann erzählt sie mir von ihren Reisen. Wie sie damals, nach dem Erlebnis auf dem Feld, anfing, auf Vorstellungsreisen zu gehen, wie in nach oben führenden Stufen einer Spirale den Horizont erweiterte; aus der Stadt ins Kontinentale und in eine andere Stadt; dann aus der ins Internationale einer weiteren Stadt: Erlebnisse in England, Südamerika und so fort. Ich höre ihr gerne zu, sie erzählt von gemeinsamen Erlebnissen mit Freunden, neuen Freundschaften, vom miteinander Austauschen. Das Gemeinsame und das Eigene entdecken, verbinden in Cafégesprächen oder Bergwanderungen. An Stränden und in urigen Hütten. Ich beobachte, während sie mir das erzählt, wie ihr Körper spricht: Ihre Hände bewegen sich im Rhythmus der Geschichte, es zeigt mir das Erleben an, das wiedergeholt, ins Gegenwärtige mit einfließt, einer Zusammenkunft gleichend aus Dirigieren und Komponieren, ein Re-Telling, wahrscheinlich in einer Art Différance, aber so, so, so geliebt von mir! Das mag ich gerne, wenn jemand erzählen kann von persönlichen Erlebnissen, berührenden Geschichten, kleinen Anekdoten, auch süße Peinlichkeiten wie ein Rülpser im Konzertsaal. Details, die das Ganze erst lebendig, ja: real machen. Das Klackern ihrer Absätze, der Wind, der ihr Strähnen ins Gesicht bewegt, die uns entgegen kommenden Menschen und ihre Art zu gehen, Körperhaltungen, Neigungen, Interessen an Schaufensterauslagen oder gurrenden Tauben. Vielgestaltige Welt um uns herum. Ein Löwenzahn, der zwischen Pflastersteinen wächst, weiße Fallschirme an den Wind übergibt. Glocken, die aus der Ferne schallen. Das Kinderlachen des Mädchens, das einen Westhighlandterrier streichelt. Bewegungen von vielen Menschen, und ich neben Esther. Ihr Gang wiegt, ich spüre das leichte Wiegen ihrer Hüften, sie riecht wie eine Frühlingsbriese, in der sich Düfte blühender Pflanzen mit der Wärme eines flüsternden Hauches verbinden. Wie schön geschwungen auch ihre Ohren, sie trägt einen glitzernden Klip im Läppchen. Sie fragt: „Hast du Lust ins Café zu gehen?“ – Mit dir überall hin: „Und wie! Heiße Schokolade mit Sahne. Magst du die auch?“ Sie freut sich sichtlich, wie fein die Regungen ihrer Augenfältchen sind, wie natürlich ihre Lippen einstimmen in eine sich über das ganze Gesicht bewegende Bejahung. Eine Bewegung der Lust, der Freude, der Emotion, ein Vorspiel des Wortes: „Ja!“ – Und mich durchflutet eine prickelnde Welle.

Wir sitzen an einem kleinen, runden Tisch auf diesen typischen Stühlen, wie sie in einem französischen Café oft zu sehen sind; eine Markise noch, ein lauer Abend; wir sprechen über Malerei; sie erzählt von diesem und jenem Bild; ich mag Bilder, mag aber das Lebendige lieber. Sie versteht. Ich erzähle von Erlebnissen im Improvisationstheater. Da haben wir ein Thema. Auch sie liebt es, Geschichten zusammen entstehen zu lassen. Das sei ihr um so Vieles lieber als Comedy auf Teufel komm raus. Ich verliebe mich mehr und mehr! Unser Garcon, ein junger Mann mit einer Hautfarbe, die man nicht schwarz, sondern „colored“ nennt, trägt das Tablett noch ein wenig unsicher, doch sieht man, wie er vorwärts und schließlich bei uns ankomm, und uns heiße Schokoladen bringt. Wir danken, er geht, wir nippen, Esther bekommt von der Sahne einen weißen Bart. Als ich sie per Blick und Braue darauf aufmerksam mache, sagt sie tiefstimmig: „So hab ich das noch nie gesehn.“ – „Die Kunst entsteht aus Perspektiven.“ – „Wollen Sie, Herr Schriftsteller, mir nicht was gestehen?“ – Ich denke: Angebot annehmen: „Meine Mutter liebt mich.“ – „Und liebst du sie?“ – „Ich liebe die Literatur; vielleicht ist das was Ähnliches.“ – „Was für ein Stück fällt dir ein?“ – „Ein Sommernachtstraum“ – „Was genau?“ – „Als hätte Puck ihr Saft ins Auge geträufelt.“ – „Wie wirkt das?“ – „Willst du das wirklich wissen?“ – „Ja, Jan, wenn du mir das erzählen möchtest.“ – „Irgendwie  trommle ich lautlos seit meiner Kindheit eine Blechtrommel. Erst jetzt aber höre ich die Schläge der Vergangenheit. Es kommt wieder Ton in vergangene Bilder. Und ich höre heute erst wieder Musik. Mit dir, Esther, höre ich Musik, unsere Musik, die wir miteinander machen. Aber das könnte eine Maria sein. Das ist die Angst in mir. Wieder das Trauma durchleben müssen, was das DIE bewirkt hat: Anziehen und Abstoßen, Extreme in Augenblicken wechselnd: Bestrafung und dann wieder größte Nähe, Einsinken. Dann wegdrücken. Eine ganz eigene Art der Konditionierung von Lust und Unlust, eine klebrige, verhaftende Art musst du wissen. Eine Maria der Lust und Unlust. So subtil, dass ich es damals nicht verstand. So elementar, das ich heute das Binäre erkenne, das Wechselnde durchlebt habe, ein Getriebener war in Leidenschaften, wie ein Höhlenwanderer und Taucher war, in letzter Zeit mich erkennend; wie das auf mich wirkt. Es mag ungeheuerlich erscheinen, wenn ich heute sage: Nein, so liebe ich meine Mutter nicht mehr. Aber verkehrt wäre es, daraus Hass zu schlussfolgern. Ich weiß, dass ich dich, Esther, sehr gerne mag. Mit dir fühle ich mich lebendig, weil wir etwas erleben, statt in Bildern zu erstarren. Das mag so selbstverständlich erscheinen, doch nicht für mich. Es hat begonnen, das Erleben, schon wir hier sitzend erleben ein sich entwickelndes Gespräch. Das ist Bewegung. Das ist wie eine 1, Erstarrung in Bildern wie eine 0. So einfach und doch so komplex, vielleicht nicht sofort nachvollziehbar, doch spürbar. Erlebbar. Wie unser Gespräch. Es zeigt sich die Bewegung. Ich sehe dich, Esther, verliebe mich in die Art wie du guckst und die weiche Direktheit deiner Sprache. Du bist wie mein Morgenstern, der Stern, Esther des Morgens, ein Lichtblick, wenn ich die Augen öffne, ein Lächeln, das Kraft gibt fürs Aufstehen, das es wert ist, wach zu sein, um es zu erleben. Noch ist dies eine Sehnsucht, für die ich mich aber nicht mehr schäme. Mag irgendjemand es peinlich nennen; der soll reden, ich höre ihn zwar, aber schenke ihm keinen Glauben. Ich glaube, dass im Gefühl, wie mir zumute ist, im Erleben des Wirklichen, etwas ist, was man nicht in Formeln beschreiben kann, nicht auf einen Begriff reduzieren kann; ich denke aber, dass ich dieses Gefühl sehr wohl gerade hier empfinde, an diesem Ort zu dieser Zeit. Ich werde später daran zurückdenken können und erkennen, dass ich dieses gedacht und dieses gefühlt und empfunden habe. Dass in mir sich etwas bewegt hat. Das ist für mich zum Entscheidenden bei allem geworden: dass sich es bewegt.“ –
Ich sehe Esther, sie schaut mich an, in einer merkwürdigen Art, als klingen meine Worte in ihr nach. Als komme sie gerade über einen Zwischenraum wieder zurück an unseren Tisch. Ich hoffe, dass sie noch einen Moment braucht, um wieder anzukommen, wie auch ich immer etwas brauche, wenn sich gerade wieder Raum und Zeit entkrümmen, um anzukommen in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt: in der Vorstellungen wie Wellen sein können, die in einen weißen Sand des Zwischenraumes einsickern.

Ich spüre das gerade, wie es sich nämlich für mich anfühlt, ein Gefühl zu erleben. Und auch, wenn ich mir nicht sicher sein kann, dass Esther genau dasselbe erleben  oder Ähnliches empfinden könnte, so glaube ich doch, dass sie lächelt, weil es sich gut anfühlt, und nicht, um mich zu verlachen. In manchen Momenten muss da auch keine klipp und klare Gewissheit sein; in denen wir bewusst fühlend sind. Manchmal, später, wenn wir gerade nicht so fühlen, dann kann es auf einmal interessant werden, wie man überhaupt erkennen kann, ob zwei Menschen, zwei lebende Organismen überhaupt in einem gleichen Zustand sein können. Manche fragen dann auch nach Fledermäusen, oder warum nicht auch Pflanzen. Auch ich habe mich das gefragt. Momentan aber fühle ich: Ich fühle, und also bin ich. Und wenn ich mich dann frage, ob das, was ich fühle, wenn ich Musik höre oder einen Text meines Lieblingsschriftstellers lese, denn ist: dann kann ich sagen: ja, es fühlt sich so und so an. Und ich denke, dass etwas Berühren, etwas Anfühlen, etwas Erleben den Menschen in Bewegungen bringt, in innere und äußere Bewegungen: ich bin überzeugt, dass beides wie zwei Seiten einer Medaille sind. Und in manchen Momenten, da bewegen wir uns in der „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“, in jener merkwürdigen Zwischenwelt, auf einer ausgedehnten Schwelle, in der solche Bewegungen miteinander in Beziehung kommen.

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