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SCHATTENSPIEL

Kurzgeschichte


von kata

Nur ein paar Monate war Anna mit einem Uhrmacher verheiratet, mit einem blassen Mann von kleinem Wuchs, der außer Uhren nichts weiter im Kopf hatte. Für alles andere war er zu träge und desinteressiert, denn nur seine tickenden Uhren besaßen für ihn wirkliches Leben, hatten eine gewisse Lebendigkeit in sich: ein Leben voller Melodie und präziser Harmonie.

Viele Ehefrauen sind zufrieden und ohne Mysterium, ausgefüllt von hausfraulicher Sorgen und gesellschaftlichen Belangen. Nur zwei Wochen lang war Anna in Gregor verliebt; sie hatte nicht gewußt, wie schwer es war, wirklich zu lieben. Liebe läßt sich nicht kaufen, alle wirklichen Werte lassen sich nicht kaufen, es gibt zwar einen käuflichen Genuß, doch keine käufliche Liebe.

Für Anna bedeutete die Ehe, wie sich herausstellte, etwas Lebloses und Bedeutungsloses. Und diese Langweile führte zum Abbruch jeglicher Beziehung. Sie fühlte sich mehr tot als lebendig. Haßte Anna Männer? Ihr Vater Markus und ihr Mann Gregor sorgten lediglich dafür, daß sie sich nach ihrer wirklichen weiblichen Identität fragte.
Eines Abends, als sie in ihren bescheidenen Heim wortlos nebeneinander saßen und sie das Gefühl hatte, platzten zu müssen, stand sie wie ein Soldat auf, streckte die Brust raus und sagte mit unterdrückter Erregung zu Gregor: „ Mein lieber Schatz, ich kann dein bleiches und schweigsames Gesicht nicht mehr ertragen, deinen Spielzeug von Uhren ebensowenig. Es ist keine verrückte Weiberlaune, wenn ich dir sage, daß du nie anders werden kannst, und ich werde ebenfalls nicht versuchen, eine andere zu werden. Unsere Musik stimmt einfach nicht mehr, und ich kann mich nicht daran erinnern, daß sie jemals gestimmt hätte. Ich glaube, ich werde dich verlassen.“
„Tu, was du für richtig hältst“, erwiderte er desinteressiert und ohne sie überhaupt zu verstehen, mit gesenktem Kopf und ohne jeden Gesichtsausdruck.
„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“
„Ich hatte nie was zu sagen und habe mich deswegen auch nie beklagt. Ich bin gut beschäftigt, und du bist eine wundervolle Köchin. Nie wollte ich mehr vom Leben“.
Anna sprang auf. Hysterisch war ihre Erwiderung: „ Und was ist mit mir? Wo bleiben meine Bedürfnisse, meine Befriedigung?“

Aufgewühlt vor Wut begann sie mit seinem feinen Werkzeug rumzuschmeißen, weil sie wußte, daß ihm das weh tun würde. Ruhig stand Gregor auf und sammelte seine kleinen Schraubenzieher vom Boden auf. Je mehr sie um sich schmiß, desto eifriger sammelte er seine Siebensachen und war anscheinend nicht bereit, den Streit fortzusetzen. Statt dessen fing er, an wie ein kleiner Hund zu wimmern, und Tränen zeigten sich in seinen hellblauen, wäßrigen Augen. „Anna, bitte tu mir nicht weh!“ flehte er wie ein kleiner Junge, verängstigt und unsicher. Auf allen vieren kroch er unter einen riesigen Holztisch und blieb, eine ganze Weile unter ihm, bewegungslos und mit starren Blick. Zärtlich begannen seine Finger die kleinen Werkzeuge zu streicheln, von oben bis unten, von unten nach oben.

„Du bist ein lebender Toter. Laß dich endlich begraben. Vergiß deine Uhren und deine Utensilien nicht. Ich bin auf gar keinen Fall bereit, mich auch noch begraben zu lassen. -  Hast du das verstanden Gregor?“ sagte sie in etwas sanfterem Ton zu ihm, während sie ihren Koffer packte und sich umsah. Er schwieg die ganze Zeit. Reichtum würde sie nicht verlassen, bloß ein schäbiges, muffig stinkendes Häuschen, in dem sie sich nie zu Hause fühlte. Sie hatte nicht mal eine einzige Erinnerung an dieses Haus oder an einen heiteren Abend mit Freunden in geselliger Runde. Das Haus vermißte Lachen und Unbeschwertheit, Wärme und Musik, Liebe und Spontaneität. Es vermißte herumtollende Kinder, zufriedene Lebenslust und eben alles, was ein Haus zu bieten haben sollte. Es vermißte Blumen und Geborgenheit, etwas Buntes und Verspieltes. In dem Haus waren kein Leben und kein Mittelpunkt zu finden, alles war trostlos, ohne den lebendigen Funken eines guten Feuers. Nun wollte sie das graue Haus verlassen und schnell vergessen, daß sie jemals mit jemandem darin gewohnt hatte und daß sie mit Gregor nur die üppigen Mahlzeiten geteilt hatte, sonst nichts. Mit dem auf einer Seite eingerissenen Koffer in der Hand sagte sie voller Erleichterung: „Lebe wohl, Gregor! Versuche, glücklich und lebendig zu werden!“.
„Anna, ich vermisse dich jetzt schon!“ erwiderte er mit zittriger Stimme.
„Nein, Gregor, du wirst nur das regelmäßige Essen um drei vermissen, sonst nichts. Denn außer den Teller und womit er jeden Tag gefühlt war, hast du sowieso nichts anderes bemerkt. Nicht meine Laune, nicht mein Aussehen, rein gar nichts. Ich war ein Drei-Uhr-Schatten für dich, eine Bedienung, die jeden Tag pünktlich um drei wie eine Uhr zu schlagen anfing. Ein armseliger Blinder bist du: Ich bin erst dreiundzwanzig, fühle mich aber neben dir wie achtzig. Leb wohl, Gregor!“

Die undichte Tür fiel ins Schloß. Anna war fort. Sie drehte sich nicht um, wußte aber, daß Gregor ihr vom Fenster aus, mit seinem Blick folgte, mit dem traurigen, verlassenen Blick eines unreifen Kindes, dem in diesen Augenblick etwas beraubt wurde. Das Kind hat es auch zugelassen, beraubt zu werden, das Kind in Gregor konnte nicht anders, es war nichts Mutiges vorhanden in ihm, nur Melancholie und Gleichgültigkeit.

„Schade, Anna, es war schön mit dir zusammen zu speisen“ dachte Gregor ernsthaft und laut vor sich hin und widmete sich wieder der Reparatur seiner Uhren.
Das Graue wurde noch grauer.
Durch die stillen Straßen strich ein frischer, kühler Wind und ließ alle Spuren verschwinden.

In Anna reifte schon seit längerem ein Wusch: Sie wollte nach Australien auswandern. Da gäbe es keine Langeweile, glaubte sie fest. Aßen Adam und Eva im Paradies von der verbotenen Frucht aus Langweile? Erschlug Kain den Abel, weil dieser ihn langweilte? Auch Religion war für Anna langweilig. Das Beten übrigens auch. Sie konnte sich nicht vorstellen, eines Tages ein Bedürfnis nach Religion zu empfinden, denn diese war für sie etwas Überflüssiges, als ob sie meinen würde: “Mit Religion sind die Dinge so – und ohne sie sind sie genauso. Nichts ändert sich.“ Die gleiche Meinung hatte sie über Politik.

Als sie klein war, mußte sie zur Beichte gehen. Da war sie aber noch ein braves Mädchen. Um nicht von sich reden zu müssen, erfand sie manchmal Sünden, die sie gar nicht begangen hatte. So stellte sie jedesmal den Geistlichen zufrieden, mußte aber bereuen und viele Gebete an die Muttergottes und an den heiligen Joseph richten. Da sie aber nichts Böses getan hatte und nichts zu bereuen brauchte, tat sie nichts von dem, was der Priester ihr aufgetragen hatte. Aus Langweile und wegen Mangels an Liebe verließ Anna ihren gleichgültigen Mann und wählte eine neue „Kunst“ des Lebens. Sie war Köchin vom Beruf, arbeitete tagsüber in einer Kaserne. Jeden Tag nach der Arbeit ging sie etwas „pummeliger“ als zuvor nach Hause. Um das Geld für die Reise zu sparen, stahl sie Lebensmittel und band sie fachmännisch um die Hüften. Die Röcke wurden sowieso zu breit für ihre schmale, knabenhafte Figur. Das Leben ist etwas so Einfaches und es ist keine besondere Anstrengung nötig, um es zu erlernen. Jeder lebt auf irgendeine „Weise“, und man sieht das Leben als etwas an, das jeden berechtigt, sich als Lebenskünstler zu bezeichnen. Ja, das Leben ist Kunst, die wichtigste, vielfältigste und schwierigste, die der Mensch auszuüben vermag. In der „Kunst“ des Lebens ist der Mensch „Künstler“ und ist gleichzeitig der „Gegenstand“ seiner Kunst.
Anna wollte ihre anderen Seiten zeigen.

Als Abwechslung vom Job führte sie, was niemand auch nur hätte ahnen können, ein Doppelleben. Am Rande der Stadt lag ein kleines Hotel, das gegen Bezahlung jedermann gehörte und in dem es jeden Abend eine neue Vorstellung mit ständig wechselten Protagonisten gab. Anna wurde eine Hure. Nicht aus Leidenschaft, nicht aus Trotz. Sie wählte diesen billig-glitzernden Arbeitsplatz nicht, um begehrt zu werden; nein, das Geld zog sie magisch an.

Das traurige ist, daß Geld kompromißlos alle Lügen und jeden Selbstbetrug verdeckte. Wie man das Gewicht des eigenen Körper trägt, ohne es zu fühlen, so bemerkt man nicht die eigenen Fehler und Laster, sonder nur die den anderen. Dafür aber hat jeder am anderen einen Spiegel, in dem er seine eigenen Laster, Fehler, Unarten und Widerlichkeiten jeder Art deutlich erblickt. Allein, meistens verhält er sich dabei wie jener Hund, der gegen den Spiegel bellt, weil er nicht weiß, daß er sich selbst sieht, sondern meint, es sei ein anderer Hund.

Welches war ihr heimliches Motiv, das ihre Handlung rechtfertigen könnte? Nicht jeder Mensch hat ein Gewissen. Viele haben ihre Seele in der Welt des Geldes, der Maschinen und des Mißtrauens verloren; und immer wieder machen sie nervöse, gequälte und böse Gesichter; sie sind es, deren Seele nicht zufrieden ist. Es sind nicht immer die Schwachen und Armen, die krank werden und die Fähigkeit zum Glück verlieren. Auch die Guten leben in ihren Angstträumen und verletzen sich selbst.
Anna war in einer streng katholischen Dorfgemeinde zu einer naiven, aber auch eigenwilligen jungen Frau herangewachsen. Dieses naive Leben aber war längst vorbei. Alle Skrupel hatte sie abgelegt, das Geld stand im Vordergrund. Die öffentliche Moral war ihr nicht besonders wichtig, es ging ihr darum, für sich den besten Weg zu finden. In besagtem Hotel traf sich alles, was Geld und Lebenslust hatte. Anna brauchte das weite Spektrum der Menschheit; es war nicht schön, was sie machte, es war nicht angenehm und vor allem nicht bequem. Die Wahrheit trägt selten ein schönes Kleid, tut sehr oft weh, verwirrt und ist unlogisch. Das Leben ist wie ein wilder Ritt. Die Wilden fressen einander, und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt. Jemand sagte einmal: „Die Moral ist für Sklaven geschaffen, für Wesen ohne Geist“. Wer war dieser Redner?

Annas Irrweg war offensichtlich. Doch auch wenn sie den Respekt vor sich selbst verloren hatte, kämpfte sie vielleicht trotzdem jeden Tag um ein glückliches Leben. Ihre Darstellung war etwas Besonderes. Sie nannte sich künstlerisch Fatima und arbeitete nur verschleiert, sozusagen inkognito. Als Novizin hatte sie ein Trainingsprogramm absolviert und fühlte sich mit ihrem noch robusten Gemüt offenbar schnell wohl in dieser neuen Welt.

Anna wollte nicht wie ihre Mutter werden, nicht jedes Jahr schwanger sein und sich auf einem Bauernhof zu Tode schuften. Schnell mußte sie an ihr Ziel kommen. Australien wartete. Es war ehrlichste und einträglichste Arbeit, die sie bisher gemacht hatte. Und bewußt wählte sie die neue Arbeit, sie war keine zwölf, keine fünfzehn mehr und keiner zwang sie dazu. Als Lehrling der Lust betrachtete sie dies als eine reine Geschäftsbeziehung ohne jede Intimität; und sie sah sich nicht als armen, bemitleidenswerten Opfers der Gesellschaft.
Wie sah ihr Alltag aus? Wie denkt, fühlt und lebt man als Hure? Welche Emotionen bewegen sich da? Gibt es welche? Kannte Anna überhaupt Gefühle und Sinnlichkeit, oder ließ sie sich einfach nur passiv treiben wie in einem Traum, also im Zustand völliger Unbewußtheit und apathischer Regungslosigkeit?
Ein Pakt mit dem Teufel war geschlossen. Nun wurde ihre Seele verkauft. Die Verdammnis war vielleicht mit einem Gefühl der Hoffnung verknüpft, der Hoffnung auf Erlösung, die Anna sich zu erreichen einbildete, wenn es ihr gelingen würde, Australien zu sehen. Immer wenn Anna für das angenommene Geld etwas bieten sollte, versetzte sie sich in eine andere Welt, in eine andere Geschichte und versuchte, alles in Musik zu verwandeln. Sie war regelrecht auf der Flucht, und ihr Weg führte sie immer nach Australien, in weite Landschaften voller Gegensätze. Sie fliegt in einem Luftballon über Täler und Berge, dreht sich neugierig nach allen Seiten, wobei unbekannte in ihr schlummernde Leidenschaften geweckt werden, saugt alles in sich auf, was sich bewegt und nicht bewegt, spürt jedes Lebewesen unter der glitzernden Sandoberfläche und schaut regelmäßig in die lodernde Flamme über ihrem Kopf, um Vergleiche mit diesem heißen Gasfeuer zu ziehen. Wie das Feuer lebendig ist, so fühlt auch sie sich lebendig und voller Kraft und wird eins mit dieser einmaligen, atemberaubenden Landschaft. Wenn es Gott nicht gäbe, man müßte ihn erfinden, aber die ganze Natur ruft uns zu, daß er existiert. Nicht Anna - Voltaire sagte das.

Ein anderes Mal, um fleischlichen Begierden zu entfliehen, stellt sie sich vor, sie wäre eine Buschfrau, halbnackt, barfuß, mit dunkler, bemalter Haut. Sie wandert mit anderen umher, lernt mit der Natur zu leben, lernt die Natur zu deuten. Sie ist eine Mutter, führt ein kleines Mädchen an der Hand, und sie ist eine stolze Ehefrau, völlig frei, bar jeder Konvention, durch kein modernes Gesellschaftsgesetz erfaßbar, weit weg von jedem Klischee entfernt, von jeder trivialen Gewohnheit. Sie ist eine Nomadin, wechselt ständig ihre Behausung und Umgebung, ist ewig in Bewegung, und ihr Blick ist wach und auf die Sterne gerichtet. Da sind die Sterne eben anders als irgendwo sonst auf der Welt, denn da folgt sie ihrem eigenen silbernen Stern, unter dem sie sich nie gering fühlen würde und unter dem es nichts zu bereuen gäbe. Jeder Wanderer hat einen eigenen Stern, dachte sie, und diese Sterne sind miteinander verbunden und füreinander verantwortlich. Und vor allem: Unter diesen Sternen gibt es keinen zwingenden Grund, mit sich selbst zu streiten. Sie wechselt ihre Rollen, je nachdem, wie sie gelaunt ist. Ein Kunde ist in das nachtblau gestrichene Zimmer Nr. 8 eingetreten. Indirektes Licht fällt auf das breite Metallbett, das mit einem brokatähnlichen Stoff bezogen ist. Anna trägt einen  wunderschönes Gewand aus hellblauer Seide, das in mehreren übereinander fallenden Stoffbahnen fließend bis zum Boden reicht, ; ihr Kopf ist in einen Schleier gehüllt, so daß man nur ihren Augen sieht, in denen sich Abscheu und Ekel verbergen. Übrigens stammen die prachtvollen Kostüme von einer Tänzerin, und da es hier nichts umsonst gibt, müssen sie „abgearbeitet“ werden. Die wunderschöne Fatima erblickt den kleinen Mann mit der Glatze und dem Ballonbauch, riecht seinen schweißigen Körper, sieht die kalte Gier in seinen Glotzaugen, atmet zweimal tief durch - und befindet sich wieder auf der unausweichlichen Flucht. Etwas drückt ihre Kehle fest zu, schreien will sie, einen Urwald will sie in sich spüren, aber die Schreie der verletzten Seele wollen nicht herausfliegen, stumm folgen sie den Geschehnissen. Der Verstand wird zur Intervention gerufen, und es folgt eine tiefgründige Frage: „Wer bin ich? Wer bin ich außer dem, was ich ohnehin von mir selbst weiß?“ Wie eine kriechende Schlange entfernte sie sich in ihren Gedanken lautlos vom Schauplatz, als sie merkte, daß der, nach Liebeslust hungernde Mann sich mit seinem schweren, stinkigen Atem ihr näherte. Sie ist nervös, ihr gelingt es nicht ihre Angst durch ein Lächeln zu überspielen. „Wer hat den hier reingelassen?“ denkt sie entrüstet. Seufzend reißt sie den Klettverschluß ihrer Haremshose auf und zeigte für den Anfang ein bißchen Bein. Die Witzfigur von Mann mustert sie, betrachtet ihre Augen und fixiert sie quer durch den Raum. Er und sie – die beiden einzigen im Raum, die stocknüchtern sind, und beide wissen was sie wollen. Und obwohl sich Anna bei der ganzen Sache ekelte und im Grunde zutiefst schämte und am liebsten verkriechen wollte, sah sie in den Augen ihres „Arbeitgebers“ deutlich eine neugierige Frage: „Was machst du hier in diesem trügerischen Leben, wie kannst du es bloß ertragen?“


Jeden Abend schwor sich Anna erneut: „Sobald ich in meinen breiten Rock und meiner weißen Bluse draußen auf dem Bürgersteig stehe, werde ich diese Nacht aus meinem Gedächtnis streichen, als hätte es sie nie gegeben.“ Und sie hatte ein wenig Glück, sie wurde nie bespuckt, beleidigt, verprügelt oder sonstwie mißhandelt. Trotzdem, Anna konnte nicht mehr in den Spiegel schauen, eine zarte, feminine und romantische Frau wäre darin nicht zu sehen. Das Spiegelbild würde eine andere zeigen, eine, die wie Wasser aussieht, das weder Geschmack noch Farbe hat. Früher stand sie gern vor dem Spiegel und betrachtete ihr kupferglänzendes Haar, ihre ehrlichen und verträumten Augen, ihren Mund voller brillantweißer Zähne, ihren langen Hals und ihre kleinen aber festen Brüste. Heute würde sie sich am liebsten für jeden Spiegel unsichtbar machen. Weiter auf der Flucht und aus diesem Moment heraus will sie heute einmal versuchen, in die Rolle einer Farmersfrau zu schlüpfen. Die Sonne strahlt mit so einer drückenden Hitze, das man meinen könnte, sie wolle die Verdammten bestrafen. Kein bunter Vogel ist auf dem wolkenlosen Himmel zu sehen. Die Erde verbrennt, aber Anna ist glücklich. Sie ist wieder für ein paar Augenblicke weit weg, auf einem Plateau, wo nur starke überleben können. Zwischen spärlichen Bäumen, die sich über Durst nicht beklagen, zeichnet sich die Silhouette ihrer kleinen Farm ab, neben der ein riesiges Windrad hoch emporragt. Anna trägt einen breiten Strohhut, einen schäbigen Karohemd aus Flanell, eine zerfranste Jeanslatzhose und Cowboystiefel. Sie ist gutgelaunt und pfeift vor sich hin, denn sie hat mehr als einen Grund, zufrieden zu sein. Ihre große Schafsherde ist gesund, Wolle, Fleisch, Milch und Käse bringen ihr einen beneidenswerten Gewinn. Keine Sorgen plagen sie, nur die Einsamkeit macht ihr manchmal zu schaffen. Nur selten entschließt sie sich, weit entfernte Nachbarn zu besuchen. Stundenlanges Fahren macht sie wahnsinnig, und außerdem hat sie ja nie Zeit, sie arbeitet von früh bis spät und ist regelrecht verliebt in den eigenen Schweißgeruch. Zugleich ist sie in ihre Selbstbestätigung und Ausdauer, in ihren Mut, aber auch in ihre Dickköpfigkeit verliebt. Was müßte geschehen, daß sie zum Aufgeben gezwungen wäre? Wie sähe ein solches Hindernis aus? 
 
Tausende von Rollen und Ortschaften wechselten sich von ihren Augen ab. Nach Westen und Norden ist Australien durch den Indischen Ozean, die Timorsee und die Arafurasee begrenzt. Im Osten erstrecken sich Küstengebirge, die Blauen Berge und die Australischen Alpen. Weiter westlich befinden sich Victoria –und Große Sandwüste. Und, und, und….. Anna atmet nicht. Und trotzdem lebt sie. Sie ist eine Aboriginesfrau und wird beschützt von Eukalyptusbäumen, mit ihren stark nach Pfefferminze duftenden blauen Blättern und von Feuerpflanzen. Viele Freunde gewinnt sie auf ihrer Reise: Beuteltiere, Koalas, Känguruhs. Soviel Pracht und Sicherheit auf dem kleinsten Erdteil auf der südlichen Halbkugel! Nicht mal vor den Sümpfen müßte sie Angst haben oder sich von ihnen bedroht fühlen. Nur ihre Gegenwart, irgendwo in Europa, macht sie ängstlich. In ihren Abenteuern hatte sie nicht mehr diesen ekligen Geruch von fremden, dreckigen Männer in der Nase, hatte sie keine Angst verspürt und keine Schmerzen der Seele und des Körpers. Da war alles friedlich, alles duftete angenehm und frisch, und vor allem gab es keine erniedrigenden Erinnerungen, keine aufgezwungenen Grenzen und keine Zeit, in der man nur zu funktionieren hat, in der man nur ja sagen muß, ohne Widerrede und ohne Widerstand. So lernte Anna fliegen. Emu und Kiwi wären bestimmt neidisch auf sie. Mit diesen Bildern vor Augen war sie zu Hause. Da, wo sie sich jetzt befindet, war nur ihr Körper anwesend, ein Körper, der wie ein Stück Fleisch behandelt wurde. Aber das Innere gehörte ihr; nicht nur der Magen, die Leber, die Galle, da war noch etwas, wo das wirkliche Leben stattfand: in Träumen, Illusionen, Vorstellungen und in ihrer Phantasie. Das war ein nicht sichtbarer Abdruck ihres Wesens. Der Gedanke, keine Heimat mehr zu haben, war unerträglich in dem Sinne, daß sie in ihrer Heimat keine Liebe fand, Liebe, die sie nähren könnte und aus der sich nichts Trostloses ergeben würde. Und gerade in Australien gibt es mehr Fremde als Einheimische, in diesem Land, das so viele Menschen von zu Hause wegzulocken vermochte. So wie die Himmelswelt immer in Bewegung ist, so versucht auch der Mensch sich ständig fortzubewegen. Ein unruhiger Geist läßt nicht zu, daß es irgendwo lange aushält. Die Menschheit ist ständig in Bewegung, und tagtäglich verändert sich etwas auf dieser weiten Erde. Das Wunderbarste dabei ist, daß man von überallher den Blick zum Himmel erheben darf und daß uns freisteht, Sonne und Mond zu betrachten, ihre Auf- und Untergänge, das ganze Schauspiel, an dem wir so unersättlich hängen. Solange uns das erlaubt ist, ist es doch unwichtig, wo wir stehen und wo wir hintreten. Nirgendwo auf der Welt muß man auf diese Bilder und diese Naturberührungen verzichten, und wenn wir in Freundschaft mit unseren Tugenden leben, dann wird jede elende Hütte schöner sein als ein prachtvoller Tempel.

So gesehen gibt es kein Exil, keine Verbannung, nur eben eine Reise. Und doch, ein unschuldiger Duft, der früher in der Welt war, ist verlorengegangen…

 
 

Kommentare zu diesem Text


DanceWith1Life
Kommentar von DanceWith1Life (03.02.2008)
Obwohl mich die anfänglichen Clishees, alles tote im Partner usw,einige Ünerwindung kosteten, nahm mich der Freiheitsrausch in dem dein LyrI sich entwirrt schon mehr als gefangen.
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kata meinte dazu am 20.04.2008:
Danke sehr, verspätet
bitte entschuldige

lg Dir
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Kommentar von The_black_Death (31) (03.02.2008)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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kata antwortete darauf am 20.04.2008:
Herzlichen Dank
Es waren übrigens meine ersten Prosa-Schreibversuche

Gruß zurück
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kata
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Veröffentlicht am 03.02.2008. Textlänge: 3.299 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.059 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 14.01.2020.
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