Genie und Wahnsinn XV: Edgar Allan Poe (1809-1849)

Essay zum Thema Wahnsinn

von  JoBo72

Dass ein junger Bürger aus den noch sehr jungen Vereinigten Staaten von Amerika die in höchster Blüte befindliche europäische Literatur beeinflusst, ist an sich schon ungewöhnlich. Dass er dies vor allem mit dem Thema „Tod“ schafft, hört sich noch seltsamer an. Und dass es sich bei diesem jungen Mann um einen Alkoholiker handelt, vermag die Sache scheinbar vollends ins Reich der Fabeln und Fiktionen zu verbannen.

Doch hatte Edgar Allan Poe in der Tat erheblichen Einfluss auf die Literatur der „Alten Welt“. Einem breiten Publikum – und jedem, der mal Englischunterricht hatte – wohlbekannt sind seine Kurzgeschichten, in denen Poe Motive des Grauens mit bisweilen grotesk überzogenem Sadismus zur Geltung bringt (z.B. The Pit and the Pendulum) und seine Gedichte (z.B. The Raven).

Poe wurde in Boston als Sohn fahrender Schauspieler geboren. Die Eltern hat er nie kennen gelernt: Sein Vater verschwand 1810, seine Mutter starb 1811. Der junge Knabe wächst bei der schottischen Familie Allan in Richmond auf. Von 1815-20 besuchte Poe in England die Schule. Mit 17 ging er auf die neu gegründete University of Virginia. Nicht nur seine Kenntnisse nahmen dort zu, sondern auch seine Schulden. Es kommt zum Bruch mit den Pflegeeltern. In Briefen wirft er ihnen vor: „You had no affection for me.“ Poe bricht das Studium ohne Abschluss ab. 1830 tritt er in die Armee ein, die er jedoch ein halbes Jahr später wieder verlassen muss – gesundheitlich ist er stark angeschlagen.

Das traumatische Erlebnis der Spannungen mit seinem Pflegevater, der Umstand, von diesem im Testament (er starb 1834) übergangen worden zu sein und die Misserfolge auf der Universität und beim Militär hinterließen tiefe Spuren, welche die weitere Biographie und das literarische Werk Poes nachhaltig beeinflussten. 1836 heiratet Poe seine erst 13jährige Cousine Virginia Clemm, deren Alter vor dem Standesbeamten mit „the full age of twentyone years“ angegeben wird. Die Ehe wärt nicht lange: 1847 stirbt Virginia an Tuberkulose.

Zwei Jahre später, am 3. Oktober 1849 wird Poe, der nach dem Tod seiner Frau immer haltloser wurde, im Delirium auf der Straße gefunden. Vier Tage später stirbt er – mit nur 40 Jahren.

Edgar Allan Poe war Alkoholiker. Offenbar konnte er sein fragmentarisches Leben voller Misserfolge, Enttäuschungen und Stürze, voller Unruhe, Qual und Demütigung nicht anders ertragen. Auch literarisch hielt sich seine Reputation zu Lebzeiten in einem überschaubaren Rahmen. Er selbst bezeichnete sich als „Zeitschriftenschreiber“. Die Nachwelt sieht dies freilich anders und schenkt Poe die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt, eine Aufmerksamkeit, die er zeitlebens vermisste. Bezeichnend für Poes Lebensgefühl ist das um 1830 entstandene Gedicht Alone, in der die Vereinsamung, die in seiner Genialität und in seinen Lebensumständen gleichermaßen angelegt ist, deutlich zum Ausdruck kommt:

„From childhood’s hour I have not been
As others were – I have not seen
As others saw – I could not bring
My passions from a common spring –
From the same source I habe not taken
My sorrow – I could not awaken
My heart to joy at the same tone –
And all I lov’d – I lov’d alone.”

Der melancholischen Selbstbetrachtung junger Jahre folgt der immer häufigere Griff zur Flasche und infolgedessen der seelische und körperliche Verfall. Im scheinbar romantisch-bizarren Poeten-Dasein zeigt sich immer deutlicher die hässliche Fratze des Suffs und es wird klar: Edgar Allan Poe hatte einige Leser, aber keine Freunde.

Sein Leben und sein Leiden haben ihn sukzessive „verrückt“ gemacht. „Genie und Wahnsinn“ – Poe notierte dazu: „Viele Menschen haben mich als verrückt bezeichnet. Dabei ist die Frage noch gar nicht entschieden, ob Verrücktheit nicht vielleicht die erhabenste Form der Intelligenz darstellt.“

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Kommentare zu diesem Text


 BrigitteG (21.02.08)
Ich war 20, als ich Etliches von ihm gelesen hatte - damals hat es mich stark beeindruckt. Vielleicht sollte ich es mal wieder rauskramen...

 SimpleSteffi (23.02.08)
Wieder einmal gern gelesen! Und Poe zählt schon lang zu meinen LIeblingsautoren, das Zitat am Ende kannte ich noch nicht - es trifft und passt, gut gewählt.
What about Lord Byron?
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