Der Mann hinter Glas

Erzählung

von  ManMan

Es war dunkel geworden und die letzten Strahlen der Wintersonne streiften die gegenüberliegenden Hausdächer, als Manuel vor die Tür trat.
Endlich Feierabend! Er klappte den Mantelkragen hoch. Der Wind, der ihm ins Gesicht wehte, war kalt. Es gab verschiedene Arten von kaltem Wind, auch weniger unangenehme. Aber, nun ja, der Weg zum Bahnhof war nicht weit, gerade zwei Straßenüberquerungen, zuletzt zwischen Autos, die vor der Bahnschranke warteten, mit laufendem Motor natürlich.  Die Abgase stiegen Manuel in die Nase und  ihr süßlicher Geruch rief bei ihm Brechreiz hervor.
Die Bahnhofshalle war leer bis auf einen Farbigen, den Manuel schon mehrmals vor dem heruntergelassenen Rollo des Fahrkartenschalters hatte stehen sehen. Wahrscheinlich ein Fillipino. Er hielt eine Bierflasche in der Hand und erinnerte ihn in dieser Pose an irgendetwas.
Er grübelte noch darüber nach, als er bereits im Zug saß. Und tatsächlich fiel es ihm ein: es war ein  Werbeplakat, das er am Morgen auf dem Weg in der Unterführung gesehen hatte. Allerdings war dort eine Frau abgebildet, eine mit kess herausgekehrter Hüfte, auf der sie eine Hand plaziert hatte. Ach was! Die Frau war weiß und hatte blonde Haare, was hatte die mit diesem Typen zu tun.... Na, vielleicht doch etwas! entschied er, denn der Mann hatte ebenfalls etwas Herausforderndes an sich. Etwas Herausforderndes, grübelte er, aber ist das nicht ein Eindruck, eine Abstraktion also, und wie soll man die erkennen können...?
Aus seinen Gedanken aufgeschreckt wurde Manuel von einer blau uniformierten Frau, die mit dunkler, angenehmer Stimme nach den Fahrausweisen fragte. So konnte er endlich einmal die Dauerkarte vorzeigen, erfreut über die Kontrolle, denn er hatte sich schon öfter gefragt, ob er sich die Ausgabe für die Fahrkarte nicht hätte sparen können.
Der Bahnhof, an dem er ausstieg, gehörte bereits zur Großstadt, die sich immer mehr ausweitete. Ein Umsteigebahnhof vor allem für die unzähligen Pendler aus dem Umland. Die Städte wurden größer, die Bahnhöfe waren voller Menschen, aber sie machten einen kalten, unpersönlichen Eindruck.
Neulich hatte er beim Umsteigen in der Frühe mehrmals einen alten Mann mit schlohweißen Haaren beobachtet, der mit einer Forke Laub und Papierschnitzel aufspießte. Er wirkte menschlich und strahlte Persönlichkeit aus. Ansonsten fehlte diese persönliche Note hier, verschwand mit dem Personal, das man aus Kostengründen einsparte.
Manuel warf einen Blick auf die digitale Zuganzeige. Irritiert stellte er fest, dass sie nicht den Zug nach W. ankündigte, sondern einen in die nähere Umgebung, in südlicher Richtung, wo er doch nach Norden musste. Was hätte er jetzt um einen freundlichen Beamten gegeben, den er fragen konnte, aber den gab es natürlich nicht. Außerdem hörte er den Zug bereits in der Ferne. Er beobachtete ihn argwöhnisch, als er näherkam, so wie er es stets machte, seit er einmal nur auf die Digitalanzeige und nicht auf den Zug geschaut hatte. Nach einer Station merkte er dann, dass er im falschen Zug saß. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren!
Und jetzt? Was war das? Weder vorne auf der Lokomotive noch seitwärts an einem der Personenwagen konnte er einen Hinweis darauf entdecken, dass dieser Zug nach W. fuhr. Über ihm wies die Digitalanzeige nach wie vor auf den Zug in die andere Richtung hin.
Manuel überlegte. Wenn er mit dem Zug führe, hätte er zwar jetzt einen Anschluss, müsste aber noch einmal in G. umsteigen, und ob er den Anschlusszug erwischte, war mehr als fraglich. Also müsste er wieder eine halbe Stunde oder länger dort auf dem zugigen Bahnsteig verbringen...
Nein! Sein Entschluss stand jetzt fest: Das wollte er sich nicht antun!
Dicke, wassergetränkte Schneeflocken fielen aus dem dunklen Himmel und setzten sich auf Bahnsteige und Schienen. Manuel trat von einem Bein auf das andere.Er fror. Ungeduldig beobachtete er den Zeiger der großen Uhr, der so langsam vorrückte. Er seufzte. Natürlich konnte es auch sein, dass er wieder einmal die falsche Entscheidung getroffen hatte, wie so oft, wenn er einer Eingebung folgte, aus dem Bauch heraus entschied. Der erwartete Zug kam nämlich nicht. Wahrschenlich war es doch der von vorhin gewesen und er hatte ihn verpasst. Er hasste solche Situationen, aber er war eben ein Pechvogel!
Eine Weile wartete er noch, dann zuckte er resigniert die Schultern und beschloss, diesen kalten, unwirtlichen Ort zu verlassen und sich in den Untergrund zu begeben, eine Treppe hinunter und eine hinauf. Rechts vom Hauptausgang befand sich ein Fahrkartenschalter, der ihm bisher noch nicht aufgefallen war, und zu seinem Erstaunen war der Schalter besetzt!
Hinter der Glasscheibe saß ein Mann in Bahnuniform, um die fünfzig, mit sorgsam gescheiteltem, grauweißen Haar und einem auffallenden Goldzahn. Manuel beschloss, sich an den Beamten zu wenden.
Welchen Wunsch er denn habe?
„Wunsch?“ brauste er auf. „Was soll ich mir noch wünschen? Höchstens, dass ich nach Hause komme!“
„Woran sollte das scheitern?“ Der Mann zog erstaunt die Stirne kraus. Er strahlte Ruhe aus und machte den Eindruck, als ob solche Situationen für ihn nichts Ungewöhnliches wären.
„Woran?! Na, Sie haben gut reden! Der Zug der vor 20 Minuten abgefahren ist, war doch der nach W., oder?“
„Das kann ich nachprüfen,“ antwortete der Beamte ruhig. Er warf einen Blick auf den Bildschirm zu seiner Rechten und bestätigte Manuels Vermutung.  „Haben Sie ihn verpasst?“
„Verpppassst?“ Er begann vor lauter Wut zu stottern. Der Beamte wartete geduldig ab.
„Ich will nach W., aber dieses Ziel stand nur auf der Digitalanzeige und nicht am Zug selber, weder an der Lok noch an den Wagen!“
„Und deshalb sind Sie nicht eingestiegen?“ Die Stimme des Beamten klang ungläubig.
Manuel nickte mit offenem Mund.
„Tse,tse,tse!“ machte der Beamte und zog die Unterlippe spöttisch nach oben, „da haben Sie wohl einen Fehler gemacht, nicht wahr?!“
„Wie bitte? Einen Fehler? Obwohl am Zug kein Ziel angegeben war?“ Es folgte ein mitleidiger Blick. „Was glauben Sie denn, wofür es die Digitalanzeige am Bahnsteig gibt? Sie war teuer genug, das dürfen Sie mir glauben!“
So leicht wollte Manuel nicht aufgeben.
„Und der Zug? Was ist mit der Anzeige am Zug? Die war falsch, da bin ich mir sicher!“
„So? Sicher sind Sie sich?“ Er seufzte und schüttelte den Kopf über soviel Unverstand. „Die Digitalanzeige hat das Ziel doch richtig angegeben, nicht wahr?“
„Ja, und weiter?“
Der Beamte beugte sich ein wenig vor, so dass sein Gesicht ganz nahe an der Glasscheibe war. „Wissen Sie, das Zugpersonal hat es heutzutage nicht leicht,“ meinte er eindringlich. „immer größere Belastungen und auf der anderen Seite immer weniger Personal, weil die Bahnkunden Geld sparen wollen...“
Unwillkürlich musste Manuel schlucken, denn er dachte an die jüngste Preiserhebung, die erst vor wenigen Wochen erfolgt war.
„Haben Sie denn kein Verständnis dafür, dass der Lokomotivführer etwas vergessen kann?“
Eigentlich hatte Manuel das nicht, aber er schwieg. Der Beamtete wertete das als Zustimmung.
„Na also!“ Seine Stimme klang jovial. „Damit hätten wir das geklärt, denke ich. Merken Sie sich einfach für die Zukunft: Was zählt, ist die Digitalanzeige!“ Er warf einen Blick auf die Wanduhr. „In einer halben Stunde fährt der nächste Zug nach G.“
„Aber ich will doch nicht nach G., sondern nach W.!“
„Na und? Wo ist das Problem? Von G. fährt häufig ein Zug zu Ihrem Zielort, das müssen Sie doch wissen, wo Sie sozusagen Profi sind!“
Versuchte der Beamte jetzt, ihm den Bart einzuseifen? Ehe Manuel auf dies Frage eine Antwot fand, drängte sich eine Frau, die es offenbar eilig hatte, an den Schalter.
Der Beamte rief Manuel nach: „Was zählt, ist die Anzeige!“
Dieser würdigte ihn keines Blickes mehr. In den Manteltaschen fand er ein paar Münzen. Das gelbe Telefonhäuschen auf der anderen Straßenseite beherbergte erstaunlicherweise ein funktionierendes Telefon.
Manuel wählte. Er schilderte seine Lage mit möglichst verzweifelter Stimme, um schließlich zu flöten: „Holst du mich dann bitte in G. vom Bahnhof ab?“
Sie willigte ein. Sogleich fühlte er sich besser. Er beschloss, die Wartezeit zu nutzen und eine Currywurst zu essen.
„Rind oder Schwein?“ fragte der Mann am Imbiss an der anderen Seite des Ausgangs.
Manuel zögerte einen Augenblick, um sich dann für Rind zu entscheiden.
„Rind?“ vergewisserte sich der Mann, als ob das eine erstaunliche Entscheidung wäre.
„Ja, Rind!“ bestätigte Manuel unwirsch.
Als er aber zwei Stückchen von der lauwarmen Wurst verzehrt hatte, wusste er, warum der Verkäufer nicht verstand, wie man so etwas freiwillig essen konnte.
Noch einige Bissen, dann reichte es ihm und er warf voller Abscheu die Pappschale samt Inhalt in den Abfallbehälter und spülte den Ärger mit einer Cola herunter. „Das ist die widerlichste Wurst, die ich je gegessen habe!“ brach es aus ihm hervor. „Wie könne Sie so etwas verkaufen?“
Der Mann hinter der Theke zuckt nur gleichmütig mit den Schultern und wies auf den Abfalleimer. „Soll ich mir die Wurst da herausholen, um Ihre Behauptung nachzuprüfen?“ Er wandte sich an einen Mann, der vorne stand und eine Flasche Bier hielt.
„Karl, sag du mal, wie du so etwas findest!“
Der Angesprochene stellte langsam die Bierflasche auf die Theke und meinte: „Finde ich nicht gut, Kurt!“
Es klang bedrohlich, und Manuel war erleichtert, als die Lautsprecheransage seinen Zug ankündigte.
„Schon gut!“ sagte er hastig und machte sich auf den Weg, so schnell es ging.
Diesmal stand die richtige Bezeichnung am Zug, der einfuhr. Aber was war das?! Jetzt zeigte die Digitalanzeige einen anderen an!
Die Worte des Beamten tönten ihm noch in den Ohren, doch diesmal vermochten sie ihn nicht zu überzeugen. Entschlossen bestieg er den Zug, ließ sich in einem Abteil nieder und genoss die Wärme.
Als er in G. ausstieg, wartete sie bereits am Bahnsteig.
„Na mein Schatz,“ meinte sie, als sie im Auto saßen und Manuel begann, sich wohl zu fühlen, „kommst du nicht klar mit der Bahn?“
„Ach was!“ wehrte er ab und beobachtete die Schneeflocken. Sie blieben liegen.

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Kommentare zu diesem Text

Caty (71)
(20.05.08)
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 ManMan meinte dazu am 20.05.08:
danke, Caty! Ja, man wächst mit den Anforderungen, besonders als Bahnkunde. Langjährige Pendler sind starke Persönlichkeiten, denke ich.
lg Manfred
Caterina (46)
(20.05.08)
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 ManMan antwortete darauf am 20.05.08:
danke caterina,

den höhepunkt spare ich mir für ein gedicht auf. demnächst in diesem theater.
lg Manfred

 styraxx (20.05.08)
Da ich mich selbst zu den Pendlern zähle (eine Stunde hin, eine zurück) kann ich mich mit deiner Erzählung bestens identifizieren. Gern gelesen, stimmungsvoll!

Schöne Grüsse c.

 ManMan schrieb daraufhin am 21.05.08:
danke, besonders für das attribut "stimmungsvoll"

lg. Manfred
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