5. Juni: Eine Überraschung kommt selten allein

Tagebuch

von  Raggiodisole

Von Rabanal del Camino nach El Acebo

Die Nacht halbwegs gut geschlafen bis zum ersten Speedypilger, der um 4:15 Uhr (ja, es stimmt wirklich) seinen Rucksack gepackt hat. Man muss ihm aber zugute halten, dass er das sehr leise getan hat. Ich hab es eigentlich nur bemerkt, weil er im Bett neben meinem lag. Die Dame im oberen Bett hat um 5 Uhr mit ihren Jogaübungen begonnen, was mich aber nicht weiter gestört hat und auch Lukas hat bis 7 Uhr geschlafen.
Wir waren aber diesmal nicht die Letzten, die zum Frühstück kamen. Auch ein Paar aus Bayern hat sich Zeit gelassen. Die beiden sind gestern relativ spät in der Herberge angekommen und die Frau hatte fürchterliche Blasen an beiden Fersen. Die Herbergsmutter hat sie gestern Abend noch fachmännisch verarztet und heute Morgen scheint es ihr besser zu gehen.
Nach dem Frühstück begutachte ich noch einmal die kleine Zehe von Lukas. Mach einen Drucktest – es tut nicht weh. Während ich noch überlege, ob ich ihm einen Schutzverband machen soll, falls es der Schuh ist, der die Zehe so blau gedrückt hat, beginnt er das morgendlich „Schuhanziehritual“. Füße noch mal ordentlich abgewischt bevor man die Socken anzieht, damit nur ja kein Steinchen oder Körnchen daran haften bleibt. Dann in die Socken und zum Schluss die botas angezogen.
Ich weiß nicht warum, aber er feuchtet eine Serviette an und wischt noch einmal über seinen Fuß. Wahrscheinlich  ein kitzekleines Staubkorn, aber wir wissen ja, was für verheerende Schäden so ein kleines Etwas anrichten kann. Und siehe da, als er über seinen kleinen Zeh reibt, verschwindet das Blau nach und nach. Ich starre mit offenem Mund auf seinen Fuß und dann breche ich in herzhaftes Lachen aus.
Was ich mir gestern schon alles ausgemalt habe, was mit dieser Zehe passieren könnte. Riesenblase, mit Blut gefüllt, bis hin zum Abfallen. Aber ich hab nicht im Geringsten daran gedacht, dass schlicht und einfach die Socke abgefärbt hat. Ok, Mamas sind nun mal so und stellen sich immer gleich die schlimmsten Sachen vor, und ich gebe zu, ich bin da besonders schlimm. Sei es wie es sei, ich bin erleichtert und wir machen uns fertig und um 8 Uhr verlassen wir die Herberge Richtung Cruz de Ferro.
Vorher darf ich noch in Foncebadon eine kleine Rast einlegen, wo wir auch „Schurl“ treffen. Dazu muss ich jetzt zwei Dinge erklären. Erstens: Lukas hat sich angewöhnt, den Pilgern, denen wir immer wieder begegnen, Namen zu geben. Und einen der Deutschen, der auch bei El Pilar gschlafen hat, den hat er „Schurl“ getauft. Und zweitens: „Schurl“ ist bei uns in Österreich eine Ableitung von Georg.
Weiter geht es zum Cruz de Ferro, das ich dieses mal ganz anders erleben darf. Keine Campingtouristen, die sich auf die „echten Pilger“ stürzen und diese fotografieren wollen.
Nebelschwaden ziehen über das kleine Plateau und die Stille ist beinahe greifbar.
Alle Pilger, die hier Rast machen und ihren „Sorgenstein“ ablegen empfinden scheinbar ähnlich. Man unterhält sich nur leise, macht gegenseitig Fotos und die meisten verweilen bei einem stillen Gebet vor dem Kreuz.
Es ist auch dieses mal nicht so vollgestopft mit allen möglichen und vor allem auch unmöglichen Sachen, die manche Pilger am Holzstamm befestigen. Wahrscheinlich hat man hier erst vor kurzem den Holzstamm saubergemacht.
Schurl, der eigentlich Toni heißt, aber mit einem Ypsilon- darauf legt er großen Wert- bittet uns, ein Foto von ihm zu machen und auch dem Paar aus Bayern tun wir gern diesen Gefallen.
Der aufkommende Wind vertreibt zwar den Nebel, macht es aber auch sehr kühl und so gehen wir weiter nach Manjarin, zu Tomaso, dem Aussteiger, der hier eine einfache Herberge betreibt.
Wir sehen immer wieder die Überbleibsel des Regenwetters der letzten Wochen.
Immer wieder tiefe Pfützen und Schlammlöcher, wo man entweder drum herum muss, oder im schlimmeren Fall einfach durch.
In Manjarin bleiben wir nur kurz. Es sind zu viele Leute da und es ist eng bei Tomaso. Ich kann hier aber endlich die Spruchkarten kaufen, zwar nur auf Spanisch, aber soweit reicht es ja, dass ich die Sprüche verstehen und übersetzen kann. Außerdem kenn ich sie ja schon vom vorigen camino. Jetzt können wir jeden Tag eine Spruchkarte ziehen. Die Karten in deutscher Sprache schenke ich der Frau aus Bayern, als sie mir erzählt, wie sehr sie die Stimmung beim Cruz de Ferro berührt hat.
Dann geht es weiter nach El Acebo. Ich erinnere mich an den Herbst, wie sehr sich die Kilometer gezogen haben und wir uns  mehr als einmal fragten, ob wir uns vielleicht verirrt hätten.
Wir machen ein paar Mal eine kurze Rast und dabei lernen wir Roberta aus Mantua kennen. Da ich ja seit Jahrzehnten leicht italophil veranlagt bin, nützt ich die Gelegenheit und unterhalte mich ein wenig mit ihr. Mein Italienisch ist noch ganz passabel.
Der Abstieg nach El Acebo ist hefti, aber irgendwie kommt er mir dieses Mal nicht so lang  und anstrengend vor – vielleicht, weil ich den Weg schon kenne.

In El Acebo steuern wir die kirchliche Herberge an. Zwei betten und warmes Wasser?
OK, dann bleiben wir. Heuer sind zwei Frauen als Hospitaleras tätig.
Wir suchen uns zwei Betten, duschen und holen uns dann in der nahegelegenen Tienda was zu trinken und frisches Brot und Thunfischsalat.
Lukas hat immer einen Mordshunger, wir werden auch zum gemeinsamen Abendessen in der Herberge gehen. Mal sehen, ob die zwei Frauen heuer besser kochen als die Hospitaleros im Vorjahr.
Mit Genuss verzehrt Lukas das späte Mittagessen und dann legt er sich ein wenig hin. Er ist aber auch wirklich auf Zack, mein Sohnemann. Wenn er so weitermacht, straft er alle Zweifler Lügen. Ich wünsch es ihm so sehr, dass er den Weg schafft und viel davon für sich mitnehmen kann.

Und jetzt gehen wir zum gemeinsamen Abendessen.

Vielleicht ist es hier notwendig, eine weitere Erklärung anzufügen. Es gibt da ein Kartenset mit 48 Karten zum Spanischen Jakobsweg, mit wunderschönen Bildern und Sprüchen.
Gitti und ich haben uns im Vorjahr ein Set geteilt und immer wieder eine Karte davon gezogen oder andere Mitpilger ziehen lassen.  Der Spruch des Tages war oft für mich Meditationshilfe oder Grundlage für tiefe Gespräche mit Gitti und anderen Mitpilgern. Gitti hat mir ein neues Set bestellt, dass aber nicht mehr rechtzeitig vor unserer Abreise angekommen ist. Wir wussten aber, dass man sie in Spanien auch kaufen kann und so habe ich die restlichen Karten vom Vorjahr mitgenommen und dann bei Tomaso das neue  Set gekauft.
und deshalb gibt es ab heute den Spruch des Tages auf Spanisch und auf Deutsch:

Tu eres rey y pordiosero,
tu eres todo y nada.


Du bist König und Bettler,
du bist alles und nichts.

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