9. Juni: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird

Tagebuch

von  Raggiodisole

Von La Faba nach Fonfria

Scheinen die „spichwörtlichen“ Tage zu sein. Aber es passt einfach. Es sollte gestern Abend nämlich noch ganz dick kommen.
Nach der Andacht haben wir noch ein wenig geplaudert und dann habe ich mich für die Nacht fertig gemacht. Wollte gerade in den Schlafsack kriechen, als ein Mann ins Zimmer kam und ganz baff vor meinem Bett stand und mich anblaffte, was ich denn in „seinem“ Bett wolle? Hallo, wieso sein Bett? Als ich ankam war dieses Bett eines der drei letzten Betten und ich hab es mir genommen. Das sei eine Frechheit, er sei schon zu Mittag in der Herberge gewesen und habe auch seine Jacke an den Pfosten des Bettes gehängt und da in der Ecke stünde sein ganzes Zeug, also sei das sein Bett.
Ich erinnere mich, dass da eine Jacke hing, aber ich bin davon ausgegangen, dass sie der Bewohnerin des oberen Bettes gehörte. Und da auf dem Bett kein Schlafsack ausgebreitet war, war ich auch davon überzeugt, dass das Bett noch frei ist.
Ruhig versuche ich, das dem Mann klar zu machen, aber er schimpft weiter vor sich hin. Da es schon spät ist und einige Pilger schon schlafen wollen, lotse ich ihn raus aus dem Saal und ich versuche, eine Lösung oder besser gesagt, die Hospitaleras zu finden. Aber ich kann sie nirgends entdecken. Er allerdings meint, dass er sie in der Bar gesehen hätte. Also beschließen wir, gemeinsam dorthin zu gehen und sie von dem Dilemma zu informieren. Inzwischen waren nämlich schon alle Betten belegt. Auf dem Weg dorthin hat der Mann geschimpft wie ein Rohrspatz, aber als die Hospitaleras dann vorschlugen, dass einer von uns in der Küche auf einer Couch schlafen kann, beruhigte er sich. Und ich innerlich auch ein wenig, weil irgendwie hatte ich schon ein schlechtes Gewissen. Aber ich hab mich nur an die Pilgerregel gehalten: Schlafsack auf dem Bett = Bett belegt, oder?
Egal, es hat sich dann doch alles in Wohlgefallen aufgelöst. Der Deutsche war so nett und hat in der Küche geschlafen. Und da er sowieso ein Speedypilger war, dürfte es ihm auch nicht viel ausgemacht haben, dass die ersten wie üblich schon um 5 Uhr Radau gemacht haben.

So, und jetzt zum heutigen Tag. Wir lassen uns heute ganz bewusst Zeit und genehmigen uns ein ausgiebiges Frühstuck in der Bar, damit wir für den Aufstieg auf den O Cebreiro gewappnet sind.
Gott sei Dank sind wir gestern noch bis La Faba hochgelaufen. Der Aufstieg zum Pass, der die Grenze zur Provinz Galicien bildet, war auch so noch anstrengend genug für mich. Aber es war landschaftlich auch wunderschön und wettermäßig am Anfang auch noch ganz gut. Je höher wir kamen umso kälter wurde es und wir sahen die Nebel über den Pass ziehen.

Und plötzlich waren wir mitten drinnen in der Nebelsuppe. Und oben am O Cebreiro war es auch nicht viel besser.
Wir wärmten uns in der Bar mit Caffè con leche und ergänzten die verbrannten Kalorien mit einem bocadillo de jamon y tomates. Und dann zogen wir weiter.
Auf der anderen Seite war das Wetter besser und wir konnten die herrliche Landschaft Galiciens bewundern.
Über den San Roque und den Alto do Poio hat mich Lukas einfach rüber geschleppt, mir aber bei jeder Bar eine kurze Rast genehmigt. Am Alto do Poio treffen wir auf ein Paar aus Bayern, ebenfalls Mutter und Sohn gemeinsam auf dem Camino.
Um 15 Uhr erreichen wir Fonfría, wo unsere mochilas schon auf uns warten. Und wir leisten uns den Luxus eines Doppelzimmers mit eigenem Bad. Nach einer ausgiebigen Dusche – ohne Flipflops- stopfen wir alle entbehrliche Wäsche in die Waschmaschine. Getrocknet wird gegenüber der Herberge, es weht ein ordentlicher Wind und wir so sparen wir uns die 3.- € für den Wäschetrockner.
Pilgermenü gibt es um 20 Uhr in der Meson auf der anderen Straßenseite und bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit Rätsel lösen. Und wir hatten sehr viel Spaß dabei. Irgendwie passt auch der heutige Spruch von John Milton.

La mente es un lugar per se misma,
ella puede hacer del cielo un inferno
y del infierno un cielo.

Der Geist ist eine Stätte für sich,
er kann aus dem Himmel eine Hölle machen
und aus der Hölle einen Himmel.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (07.11.17)
"spichwörtlich"?

 Raggiodisole meinte dazu am 07.11.17:
yup*ggg*
und danke für deinen Besuch

liebe Grüße
Raggio
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