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Darf ich mich setzen?

Kurzgeschichte zum Thema Einsamkeit


von Seelensprache

"Was jetzt?", schreie ich. Tränen versickern.
Die Sonne streichelt ein letztes Fernweh über das steinige Ufer. Bald wird das Wasser sie verschluckt haben.
Ich habe die Kapuze tief in das Gesicht gezogen.
"Was jetzt?", flüstere ich.
Ich schaue hinaus auf das Meer. Der Wind hängt voller Salz. Meine Fäuste schlagen in den erdigen Grund, greifen eine Hand davon und zerdrücken es. Ich hebe meine Arme gen Himmel und Sand rinnt daran hinab. Der Wind weht ihn davon.
Ich starre auf das Meer, das wandert und zieht und fließt. Ich hingegen sitze.
Mein Blick ist trübe und meine Wangen feucht. 
Ich greife ein paar Steine und werfe sie in das Wasser. Ich lausche ihrem Klang und dem der kleinen Wellen, die an das Ufer schlagen.
"Ich bin ohne Heimat wie du", sage ich. Es wird mich verstehen. Dies ist meine Hoffnung.
Mein Gesicht wiegt schwer; habe es mit vielen Dingen beladen und schwere Masken darauf abgelegt.
Ich ziehe meinen Blick am hohen Ufergras hinauf in den Himmel. Dunkle Wolken flüchten an ihm gen Norden. In Gedanken ziehe ich mit ihnen davon; bin eine von ihnen.
Ich atme schwer und es ist, als wollte ein jeder Zug den Brustkorb mir zersprengen. Ich lege die furchige Stirn in meine Hand und streichle darüber.
"Hi", sagt eine Stimme.
Ich schrecke hoch und wische mir den Moment aus dem Gesicht. Ich sage nichts.
"Darf ich mich setzen?"
Ich zögere. Ich will alleine sein, doch ich nicke. Sie ist jung. Ihre Hand streift durch ihr kurzes, pechschwarzes Haar. Sie hat ein Piercing auf der Nase und eines an der schmalen Lippe. 
Sie setzt sich, nimmt ein Streichholz, zieht es über die raue Oberfläche und entzündet eine Zigarette. Ich lausche dem leisen Glühen, das sich durch den Tabak frisst, als ihre Lippen daran ziehen. 
"Schön hier" 
"Ja", antworte ich.
"Bist oft hier?"
"Manchmal"
"Ich mag's hier. Ist anders."
"Anders?", frage ich.
"Ja, so wie du".
"Wie ich?"
Sie lehnt sich an meine Schulter. Ihr Körper ist warm. Ich bewege mich nicht. Ich bin steif und kann mich nicht davon lösen. Ich beobachte die Wellen, wie sie schäumend und ach lebendig an das Ufer treten. Jedes Ankommen, jedes Ufergreifen ein Ende und doch sind sie mehr als Welle, mehr als jene schlichte Begrifflichkeit. 
Ich sage: "Sind wir nicht wie die Wellen? Wir entstehen und vergehen und dann entsteht etwas neues und etwas neues vergeht. Doch das Ganze lebt."
Ihr Körper ist warm. Sie ist so warm, so, so schön warm. Ich bin kalt. Ich bin.., ich bin, bin bin.. . Weiß nicht zu sein. Ich bin.. verloren vielleicht. Wovon nur?
Meine Gedanken drehen sich im Kreis und mit dem Wind der uns umweht.
Sie nimmt meine Hand und ich spüre Finger und sie streicheln darüber. Ich spüre Lippen, die sich darauf drücken.
Ich sehe die Wellen. Sie sind schön und umarmen das Ufer, das ihnen Heimat ist; endlich Zuhause sein.
"Warum machst du das?", frage ich.
"Weil ich dich liebe". Sie spricht sanft.
"Du kennst mich nicht." Ich bin Realist.
"Ich kenne niemanden so gut wie dich"
"Wie kannst du mich kennen? Wie, wie kannst du..."
Ich springe auf. "Niemand kennt mich! Hörst du! Niemand!". Ich drehe mich davon und laufe. Ich werde schneller und schneller und schneller. Ich stolpere und falle und kralle mich hinauf am Sand und Sand dringt in meinen Mund und Speichel liegt auf meinem Gesicht. Ich keuche und ziehe alle Luft in mich hinein.
"Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich". Worte, die an Narben reißen und ich möchte sie greifen und halten und küssen, doch muss sie jagen und töten und ihnen Stille bringen. Ich laufe und laufe und weiß nicht, wann ich damit aufhören werde.

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