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Aberglaube

Text


von wupperzeit

Eine Anekdote, wie man viele erzählen könnte aus diesen dunklen Zeiten, die Geschichte begann im Jahre 1945 oder 1946, so genau weiß ich das nicht mehr. Im Haus meiner Urgroßeltern, um genau zu sein, einmal, in dessen Überresten, um noch präziser zu sein. Das Haus war zerbombt worden, meine Urgroßeltern von einer Evakuierung nach Pommern zurückgekehrt, sie standen an diesem Abend in den Resten ihres Hauses, mit den Überresten ihrer Familie, - es waren nicht mehr so viele. Menschen.  Am Anfang des Zweiten Krieges hatten sie elf Kinder gehabt, mit deren Ehegattinnen, Ehegatten und deren Kindern circa sechzig Personen, jetzt lebten noch fast vierzig, vielleicht ein paar mehr. Oder weniger. Die standen nun in den Ruinen, trotzdem war es still, sehr still, wie man sich denken kann, eine stille Trauer. Oder eine stille Verzweiflung, wenn Sie so wollen. Bis das Miauen einer Katze die Stille durchbrach, als Erlösung, natürlich, die Klage und die Verzweiflung wie Trauer in diesem Schrei. „Da hast Du Recht, Mietz, es ist auch alles mau", so meine Uroma, „ komm` herein, wenn Du willst:  gehörst Du jetzt zu uns.“ Die Katze hat das meiner Urgroßmutter nicht vergessen, nennen Sie es Aberglaube, dass die Kreatur oft dankbarer ist als der Mensch, oder finden Sie eine natürliche Erklärung, aber: in den Hungerjahren, die folgten, brachte sie von ihren Jagden lebende Tiere mit, sie wollte meine Urgroßmutter füttern, später, in den Wohlfahrtsjahren, nur noch tote Beute als Trophäe. Als Trophäe also. Bis meine Uroma sagte: „Ist gut, Mietz, kannst Du selber essen...“ Und die Wohlfahrtsjahre kamen, die materiellen, in den sechziger Jahren, fast erarbeitete man sich den früheren Reichtum zurück. Schließlich starb meine Urgroßmutter, mein Urgroßvater zwei Wochen später: der Schmerz des Verlustes war für ihn nach sechzig Ehejahren zu groß, obwohl er viele Tote betrauert hatte in seinem Leben, man kann sich das denken. „Einfach weg gegangen ist sie“, so seine letzten Worte, aber das ist eine Anekdote, die ich ein anderes Mal erzählen möchte, vielleicht. Oder nennen Sie es Aberglaube, dass jemand vor Kummer sterben kann, auch wenn er alle Trauer der Welt schon erlebt hat zuvor.  Jedenfalls lebt die Katze jetzt bei mir, ich habe ihre Treue und Liebe geerbt, so könnte man sagen. Seit Jahren geht sie nicht mehr zur Jagd, sie ist zu alt, alt wie eine ganze Welt, natürlich. Ich jage für sie in Supermärkten mit Geld, aber sie streunt noch herum, wie Katzen so sind. Es geht ihr gut, nach allem, was sie erlebt hat, hat sie ihren Frieden gefunden am Schluss, wenn es den überhaupt gibt. Allein, heute Morgen brachte sie einen lebenden Vogel mit von ihrem Streifzug durch die Nacht, es war gegen acht Uhr, glaube ich, und nennen Sie mein Erschrecken abergläubisch, aber... Merkwürdig, eigentlich, man könnte daraus folgern, dass es jetzt bald Frühling wird, die Vögel kehren aus dem Süden zurück. Oder dass sich die Verhältnisse doch nicht bessern werden in absehbarer Zeit, nicht so, wie es uns übermittelt wird fast täglich. Oder dass sich nur mein Zustand verschlechtern wird oder schon verschlechtert hat, als Urenkel meiner Zeit. Oder: Dass der Aberglaube Recht hat gegenüber der Anekdote als letztem Schluss.

Anmerkung von wupperzeit:

Für eine Ausschreibung des Literaturmagazines  Cognac und Biskotten , an der unsere Kollegin  Persephone mitarbeitet.

Der Text ist hier auch in seiner Urversion: "Eine Anekdote" erschienen.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Isaban
Kommentar von Isaban (13.10.2008)
(Die Projektstichpunktziffern werde ich mal, nur zum besseren Ein- und Überblick als Zuordnugnszahlen an den entsprechenden Kommentarstellen anbringen.)

(1 + 2) Hier wurde der Oberbegriff "Text" als Genre gewählt, was den Vorteil hat, dass e, wenn man von Rechtschreibung und Grammatik einmal absieht, keine bestimmten Vorgaben gibt, die erfüllt werden müssen.

(3 + 4) Thema und Titel entsprechen sich, eine Konstellation, die ich hier als sehr passend empfinde. Bei "Aberglauben" denkt man zunächst an "Toi, toi, toi" und das Spucken über die linke oder rechte Schulter und an Rituale, die abergläubische Menschen ausführen, um eine bedrohliche Wesenheit gnädig zu stimmen und so Unheil, beziehungsweise Unglück abzuwenden, aber Aberglauben kann auch den Glauben an bestimmte Vorzeichen beinhalten, daran, dass das Schicksal uns Vorwarnungen in Form von bestimmten, uns bekannten Zeichen schickt, um uns seinen nächsten Schlag anzukündigen. Letzteres trifft auf diese Geschichte zu, hier geht es um Vorzeichen - der Inhalt passt also wunderbar zum Thema.

(5) Man hätte den Text gewiss anders interpunktieren können, aber in diesem Falle bewirken die vielen Kommata, die langen Sätze und die Verschachtelungen eine bestimmte, beabsichtigte Stimmung. Hier trägt die etwas umständlich anmutende Erzählweise dazu bei, betüddelt so schön, dass der Leser sich in den Text fallen lassen mag, dass er erst am Ende aus dem langsamen, ruhigen Erzählfluss wieder aufwacht, um das, was er eben gelesen hat durch die angelegten kleinen Stolperfallen zu hinterfragen.

(7) Ich finde es spannend, wie hier die sachliche, distanzierte Erzählweise und das Einbringen von Tatsachen und natürlichen Verhaltensweisen oder Eigenschaften der Katze dazu benutzt werden, gleichzeitig Sachverhalte mit einfließen, nein, katzenartig einschleichen zu lassen, die nicht den Tatsachen entsprechen können.

(5 + 6) Katzen können so ein hohes Alter, wie es hier angegeben wird, nicht erreichen, gleichzeitig eine herrliche Anspielung auf die neun Katzenleben und die Erhebung der Protagonistenkatze zur Katze aller Katzen, zur (beinahe) unsterblichen Katze.

Ähnliches findet sich bei der Erwähnung der Tatsache, dass Katzen ihren Menschen manchmal Beute als "Geschenk", als Liebesgabe überlassen, ein Fakt, der gewiss mit den Instinkten zur Versorgung der Jungtiere zu tun hat, ebenso, wie das Anschleppen von lebender Beute eigentlich dem Training des Jagdinstinktes der Jungtiere dienen soll, was die die ganze Geschichte noch ein wenig gruseliger macht.

Hauskatzen sind jedoch keine Rudeltiere, versorgen weder Alte und Schwache, noch Kranke mit - und ganz davon abgesehen, ihre Beute, nämlich z.b. Mäuschen, eventuell Ratten, Jungvögel, Insekten u.s.w. ist nur höchst bedingt dazu geeignet, Menschengroßfamilien zu ernähren - nicht mal in Kriegs-, Nachkriegs- oder sonstigen Hungerzeiten, auch wenn man dann vielleicht einem Mäusesüppchen weniger abgeneigt wäre, als in Wirtschaftswunderzeiten, eine Tatsache, die uns der Autor durch die Vermischung von Fakten und Fantasie geschickt vergessen macht.

(8) Herrlich, wie sich der sanfte Grusel so behutsam, ganz langsam, fast unbemerkt einschleicht, wie man nach den abergläubischen Textstellen sucht, nur um am Ende anhand seiner eigenen Gänsehaut festzustellen, dass man durch den Text "verführt" wurde und mit dem Eintauchen in die Zeilen dem Aberglauben selbst anheim fiel.

(9 + 10 + 11) Ich finde es sehr gut, dass der Text so fern der Katzengruselgeschichtenklischees bleibt, dass er sich weder an Poes schwarze Katze anlehnt, noch an all die anderen mir bekannten Gruselgeschichten, in denen eine Katze vorkommt, nicht mal an Sprüche wie "nachts sind alle Katzen grau", "schwarze Katze kreuzt deinen Weg, das bringt Unglück" oder ähnliches anlehnt, sondern eine ganz eigene, irgendwie liebevolle Sicht, einen ganz neuen Katzenmythos eröffnet, praktisch einen ganz eigenen Aberglauben bastelt.

(12 + 13) Der Text gefällt mir sowohl inhaltlich als auch von der Stimmung her sehr gut, ist geschickt bebildert und die angewendete4n stilistischen Mittel entfalten meiner Meinung nach gelungen die erwünschte Wirkung, ich zumindest hatte am Ende eine leichte Gänsehaut, ein Schauern, was wirklich selten beim Lesen eines Textes vorkommt - und diese Wirkung wurde erzielt, obwohl der Autor auf alle drastischen Mittel, auf Gewaltszenen, auf reißerische Aktion u.s.w. verzichtet. Klasse! Ich wüsste nicht, was ich ändern würde.

Liebe Grüße,
Sabine
(Kommentar korrigiert am 13.10.2008)
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Didi.Costaire
Kommentar von Didi.Costaire (13.10.2008)
Der Text heißt einfach "Text". Der Titel ist schlicht gehalten und hätte auch das Thema sein können. In diesem Fall ist es gleichzeitig ein Projekt.

Es wirkt wie eine Erzählung im Live-Ton. Sätze sind mal lang, mal kurz, manchmal auch unvollständig. Absätze werden nicht gemacht. Letzteres ist ein wenig unkomfortabel, passt aber. Auf Effekte wird verzichtet, der Autor lässt Bilder sprechen. Die Geschichte läuft ab wie ein Schwarz-Weiß-Film.

Der kurze Text erzählt von Jahrzehnten. Nach dem Krieg taucht im besten einzelnen Satz der Geschichte eine Mietz auf, mit "tz". Über die Bewandtnis dieser Schreibweise bin ich mir nicht im Klaren, jedenfalls ist es eine Katze, die später nochmal ohne das "t" geschrieben wird.

Sie taucht in den Kriegstrümmern auf und ist immer noch da, als Menschen in Supermärkten einkaufen und auch heute. Wahrscheinlich lebte sie auch schon im Krieg, hat sie doch immer wieder mit Tod zu tun. Wie Tomas Katz - um mal wieder den Schwarz-Weiß-Film zu erwähnen und auf die erwähnten neun Katzenleben Sabines zurückzugreifen.

Der Text gefällt mir. Ich entsinne mich nicht, etwas ähnliches gelesen zu haben.

lg, didi
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Erebus
Kommentar von Erebus (15.10.2008)
Hallo Wupperzeit.

deinen Text habe ich jetzt mehrfach gelesen und werde damit nicht richtig warm. Das ein Text ein Text ist, bedarf keiner weiteren Erläuterung, da legt sich nichts fest, und damit ist Punkt 1 erledigt.
Allerdings wird Eingangs erwähnt, dass es sich um eine Anekdote handele. Eine Anekdote, so meine ich, lässt sich über eine Begebenheit aus, etwas aus dem Leben einer Person, und wie ich las, darf das ruhig auch erfunden sein. Hier im Text finde ich nun keine richtige Anekdote, vielmehr verschiedene Anschnitte von Anekdoten, bspw. dort, wo die Katze mit ihrem Miauen die Stille durchbrach, oder, einen anderen: die Katze, die immer lebende Beute fängt, bringt überraschend eine tote „Trophäe“, oder: der Ausspruch des Urgroßvaters zum Tode der Ehefrau ... Das alles wird aber nicht so tief ausgearbeitet, wie ich es für eine Anekdote erwartete. Ich meine, eine Anekdote sollte sich auf eine Begebenheit beschränken, hier wird ein ganzer Zeitverlauf über mehrere Jahrzehnte abgerissen, und deshalb scheint mir diese Zuordnung nicht zu passen.
Was mich auf Anhieb etwas abschreckt ist zudem das klumpige Auftreten des Textes. Das ist bei mir eine Sache der Bequemlichkeit, ich habe es gerne etwas vorsortiert, damit ich mich in den Zeilen nicht verirre. Einige Absätze oder Zeilenumbrüche würden dem Text gut tun.

Während des Lesens kann mich zudem das etwas Schwatzhafte nicht überzeugen, auch wenn ich abschließend zu dem Schluss komme, das ist hier Programm, ganz im Sinne eines Schlämmer’schen „Weisse Bescheid“.
Aber mir ist das zu dicke und zu redundant. Ich verspüre also eine leichte Abneigung gegen die Vereinnahmungen und palavernden Nebensätzlichkeiten wie „wie man viele erzählen könnte „ „so genau weiß ich das nicht mehr“ „um genau zu sein, „ „um noch präziser zu sein. – diese alleine aus den ersten beiden Sätzen. Das ist überflüssiger Krimskrams und dient bestenfalls zur Verdeutlichung eines gewissen Tonfalls, eines Snackens unter Nachbarn vielleicht, aber es erreicht mich leider nicht.
In die gleiche Kerbe schlägt: das fehlende Prädikat des ersten Satzes. „Eine Anekdote ...“ – ja was ist mit der? Das bleibt in der Luft hängen! Allerdings muss ich im Nachhinein sagen, dass ich das schon wieder für einen ganz gelungenen erzählerischen Kniff halte.
Wir wissen alle, wie schwierig der erste Satz ist, und wenn er hier in dieser Art sofort widerborstig daherkommt, dann hat das mehr Vor- als Nachteile.

Was mir dennoch gefällt, dass ist der Anklang an Zeiten, die meine eigene Erwachsenwerdung beinhalten, an Nachkrieg, an Großfamilie, an Not und Nichtnot, an Geborgenheiten und Treue, Leben und Tod. Das ist jetzt meinerseits etwas Bausch und Bogen, aber ich meine, das aus dem Text klingen zu hören.
Übrigens konnte ich das alles in Wuppertal erleben, das nebenbei, also meine persönlich Wupperzeit, wenn man so will.

Allerdings biegt er sich dann im letzten Teil etwas zu gewollt zu einem Sinn, dem, der im Titel bereits vorgewärmt wird. Aberglaube. Wo finde ich nun den? Nein, ich meine, hier geht es um Unausgesprochenes, nicht um Aberglaube, nicht darum, unter einer Leiter nicht hindurchgehen zu wollen, sondern: nicht hinauf zu können.
Das ist für mich ein sehr eingängiges Schreibmotiv, und ich habe den Text bei allen Kritikpunkten auch gerne gelesen. Aber: den letzten Satz kapiere ich schlichtweg nicht. Mir erscheint er einfach nur gewollt.

Jetzt muss ich noch mal die Checkliste durchgehen: ob ich denn alles gestreift habe, was Sache war.
Das Genre „Anekdote“ finde ich nicht richtig getroffen, ebenso wenig stimmt n.m.E. die Thematik „Aberglaube“. Deshalb meine ich, der Titel passt weniger gut zum Text.
Etwas wie „ Die Katze der Urgroßmutter“, etwas, das sich enger auf den Text bezieht als die nachträgliche sinnversehende Thematisierung als Aberglaube erschiene mir passender.
Grammatikalisch bin ich an ein, zwei Stellen angeeckt, da ich in dieser Hinsicht aber ein wackeliger Kamerad bin enthalte ich mich aller Ratschläge. Fast. Hier blieb ich bspw. hängen „ komm` herein, wenn Du willst: gehörst Du jetzt zu uns“ die Ellipse macht mich konfus, vielleicht sollte der Doppenpunkt weg. Außerdem ist es nicht der gestiefelte Kater, deshalb meine ich, würde die Kleinschreibung ausreichen.
Assoziativ wird der Text für mich, da er Verschiedenes meiner Epoche evoziert, s.o.
Die Verwendung der schwadronierenden Tones als „Erkanntes stilistisches Mittel“ behagt mir, wie gesagt nicht. Und den Rest spare ich mir jetzt., ich muss schließlich noch arbeiten.
;-)

Uli

Und damit mein Beitrag nicht so dürftig aussieht habe ich deinen Text etwas auseinander
genommen sowie die Stellen, an denen er mir zu blabla wird (aber ich glaube ja, das war beabsichtigt) italisiert:

Eine Anekdote, wie man viele erzählen könnte aus diesen dunklen Zeiten, die Geschichte begann im Jahre 1945 oder 1946, so genau weiß ich das nicht mehr. Im Haus meiner Urgroßeltern, um genau zu sein, einmal, in dessen Überresten, um noch präziser zu sein. Das Haus war zerbombt worden, meine Urgroßeltern von einer Evakuierung nach Pommern zurückgekehrt, sie standen an diesem Abend in den Resten ihres Hauses, mit den Überresten ihrer Familie, - es waren nicht mehr so viele. Menschen.

Am Anfang des Zweiten Krieges hatten sie elf Kinder gehabt, mit deren Ehegattinnen, Ehegatten und deren Kindern circa sechzig Personen, jetzt lebten noch fast vierzig, vielleicht ein paar mehr. Oder weniger. Die standen nun in den Ruinen, trotzdem war es still, sehr still, wie man sich denken kann, eine stille Trauer. Oder eine stille Verzweiflung, wenn Sie so wollen. Bis das Miauen einer Katze die Stille durchbrach, als Erlösung, natürlich, die Klage und die Verzweiflung wie Trauer in diesem Schrei.
„Da hast Du Recht, Mietz, es ist auch alles mau", so meine Uroma, „ komm` herein, wenn Du willst: gehörst Du jetzt zu uns.“ Die Katze hat das meiner Urgroßmutter nicht vergessen, nennen Sie es Aberglaube, dass die Kreatur oft dankbarer ist als der Mensch, oder finden Sie eine natürliche Erklärung, aber: in den Hungerjahren, die folgten, brachte sie von ihren Jagden lebende Tiere mit, sie wollte meine Urgroßmutter füttern, später, in den Wohlfahrtsjahren, nur noch tote Beute als Trophäe. Als Trophäe also. Bis meine Uroma sagte: „Ist gut, Mietz, kannst Du selber essen...“
Und die Wohlfahrtsjahre kamen, die materiellen, in den sechziger Jahren, fast erarbeitete man sich den früheren Reichtum zurück. Schließlich starb meine Urgroßmutter, mein Urgroßvater zwei Wochen später: der Schmerz des Verlustes war für ihn nach sechzig Ehejahren zu groß, obwohl er viele Tote betrauert hatte in seinem Leben, man kann sich das denken. „Einfach weg gegangen ist sie“, so seine letzten Worte, aber das ist eine Anekdote, die ich ein anderes Mal erzählen möchte, vielleicht. Oder nennen Sie es Aberglaube, dass jemand vor Kummer sterben kann, auch wenn er alle Trauer der Welt schon erlebt hat zuvor.
Jedenfalls lebt die Katze jetzt bei mir, ich habe ihre Treue und Liebe geerbt, so könnte man sagen. Seit Jahren geht sie nicht mehr zur Jagd, sie ist zu alt, alt wie eine ganze Welt, natürlich. Ich jage für sie in Supermärkten mit Geld, aber sie streunt noch herum, wie Katzen so sind. Es geht ihr gut, nach allem, was sie erlebt hat, hat sie ihren Frieden gefunden am Schluss, wenn es den überhaupt gibt. Allein, heute Morgen brachte sie einen lebenden Vogel mit von ihrem Streifzug durch die Nacht, es war gegen acht Uhr, glaube ich, und nennen Sie mein Erschrecken abergläubisch, aber... Merkwürdig, eigentlich, man könnte daraus folgern, dass es jetzt bald Frühling wird, die Vögel kehren aus dem Süden zurück.
Oder dass sich die Verhältnisse doch nicht bessern werden in absehbarer Zeit, nicht so, wie es uns übermittelt wird fast täglich. Oder dass sich nur mein Zustand verschlechtern wird oder schon verschlechtert hat, als Urenkel meiner Zeit.
Oder: Dass der Aberglaube Recht hat gegenüber der Anekdote als letztem Schluss.


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(Kommentar korrigiert am 15.10.2008)
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Kommentar von The_black_Death (31) (15.10.2008)
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wupperzeit meinte dazu am 16.10.2008:
Hallo, bd,

ganz herzlichen Dank für Dein Lob und für das Empfehlen meines kleinen Textes, ich habe mich sehr darüber gefreut.

Entschuldige bitte, wenn ich Dir einmal widerspreche, dies ist sicher nicht mein bester Text, ich habe da meine eigenen Favoriten.

Dir auch einen schönen Gruß,

Andreas
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The_black_Death (31) antwortete darauf am 16.10.2008:
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Kommentar von thammü (22) (22.10.2008)
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wupperzeit schrieb daraufhin am 22.10.2008:
Sie schreiben ja so viel, weil der Text Teil eines Kommentarprojektes ist, vielleicht hast Du einmal Lust, Dich zu beteiligen, es ist ja noch einige Zeit offen.

Aber ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar und für das Favorisieren meines kleinen Textes: Danke schön,

und auch Grüße,

Andreas
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thammü (22) äußerte darauf am 22.10.2008:
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Kommentar von boesefee (20) (05.11.2008)
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Kommentar von Wellblecheisenbahn (39) (27.11.2010)
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wupperzeit ergänzte dazu am 28.11.2010:
Vielen Dank. Und ich dachte, nach dem Lesen der Texte und Kommentare, jemanden erkannt zu haben, bin mir aber nach der Betrachtung des Portraits und der sichtbaren Benutzerdaten nicht mehr sicher. Trotzdem einen Gruß, Andreas
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wupperzeit
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Veröffentlicht am 12.10.2008, 4 mal überarbeitet (letzte Änderung am 22.10.2008). Dieser Text wurde bereits 2.875 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 14.12.2018.
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