Login für registrierte Nutzer
Benutzer: Passwort:

Noch nicht bei KV registriert?
Jetzt registrieren!
KV ist kostenlos und werbefrei!

Neu bei uns:
blackdove (25.07.), Mercia (18.07.), Misanthrop (16.07.), Thomas-Wiefelhaus (12.07.), FliegendeWorte (04.07.), Buchstabensalat (04.07.), Lir (04.07.), Mondscheinsonate (02.07.), hanswerner (30.06.), Gehirnmaschine (29.06.), Jedermann (29.06.), Entscheidungsrausch (26.06.)...
Übersicht aller neuen Autoren und Leser
Wen suchst Du?

(mindestens drei Buchstaben)

Zur Zeit online:
KeinVerlag.de ist die Heimat von 607 Autoren* und 68 Lesern*. Was es sonst noch an Neuem gibt, steht hier.

(*Im Gegensatz zu allen anderen Literaturforen zählen wir nur die aktiven Mitglieder, da wir uns als Community verstehen und nicht als Archiv toter Texte. Würden wir alle Nutzer zählen, die sich seit Gründung hier angemeldet haben, und nur die abziehen, die sich selbst wieder abgemeldet haben oder rausgeworfen wurden, kämen wir auf 15.013 Mitglieder und 437.290 Texte. Musste auch mal gesagt werden.)

Genre des Tages, 03.08.2020:
Ghasal
Das Ghasel ist eine romantische Liedform, die im 8. Jh. zwischen Indien, Persien und Afghanistan entstanden ist und seit dem... weiterlesen
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Meine Braut von Didi.Costaire (23.10.19)
Recht lang:  Auf die Gefahr hin, dass ich bloß krakeele (Ghasele) von Didi.Costaire (138 Worte)
Wenig kommentiert:  Der Vergangnen von Hecatus (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  WENN ICH AN DEINE WAHNSINNSSCHENKEL DENKE - geghaselte lust von harzgebirgler (nur 339 Aufrufe)
alle Ghasale
Lest doch mal ...einen Zufallstext!
Unser Buchtipp:

Streitbar und umstritten
von Delphinpaar
Projekte

keineRezension.de
KV woanders

keinVerlag.de auf Facebook
Eine Meinung: "Ich bin bei keinVerlag.de willkommen, weil das eine offene Plattform ist." (Menschdefekt)

die Folgen der antiautoritären Erziehung oder wie man am wirkungsvollsten sogar die liebsten Mitmenschen auf die Palme bringen kann ...

Tragikomödie zum Thema Erziehung


von tastifix

Klein-Jürgen darf daheim wirklich alles. Seine Eltern Maike und Michael haben nämlich eine extreme Hochachtung vor sämtlichen Regungen und Nicht-Regungen ihres Nachwuchses.

Dafür nehmen sie sogar sein Minuten andauerndes, unverschäntes Brüllen, die Tomatensuppe an der weißen Küchenwand, verdreckte Zimmer und die Scherben am laufenden Band in Kauf.
"Seine Persönlichkeit muss sich frei entfalten können!"

Jürgen entfaltet sich tatsächlich sehr frei. Dermaßen frei, dass er bald alle Freunde verloren hat und sich auch seine Eltern nach relativ kurzer Zeit relativ isoliert fühlen.
"Das kommt nur daher, weil die anderen Erziehungsberechtigten überhaupt keinen Durchblick haben. Ist es nicht entsetzlich, unter welchem Druck deren Kinder stehen?"

Maike und Michael sind so verblendet, dass ihnen die Tatsache, dass Jürgen weder im Kindergarten noch in der Schule gut gelitten ist, völlig entgeht.
"Der arme Junge!"

Jürgens Großeltern wohnen weit entfernt in New York, von Dortmund aus also nicht so ganz schnell zu erreichen. Deshalb sieht Maike ihre Eltern und der Kleine seine Großeltern nur äußerst selten. Ja, wenn Maike und Michael es recht überlegen, hat das letzte Zusammentreffen zu Jürgens Taufe stattgefunden.
"Oma und Opa werden staunen!"
Per Telefon ist schnell ein Termin vereinbart.

In Dortmund freuen sich dann Mutter Maike und erst recht der mittlerweile bereits sechsjährige Sohn Jürgen. Auch Michael sieht dem Treffen optimistisch entgegen, denn er hat sich per Telefon und Email mit seinen Schwiegereltern stets recht gut verstanden.

In Amerika freuen sich Oma Ingrid und Opa Kurt nicht nur einfach so, sondern strahlen regelrecht entrückt den Telefonhörer an. Dann sucht Oma Ingrid das neueste Foto ihres Enkels heraus:
"Sieh mal, Kurt: Ist er nicht ein entzückendes Kind?"
Bald werden sie ihn in ihren Armen halten.


Endlich ist es soweit: Die Koffer sind gepackt und von Jürgen mindestens dreimal wieder ausgeräumt worden.
"Es ist die Aufregung. Irgendwie muss er die ja los werden!"
Verständnisvoll nicken die Eltern. Kein einziges Wort der Ungeduld kommt über ihre Lippen.

Während der Fahrt zum Flughafen quengelt Jürgen unablässig herum:
"Ich will aber! – Nee, mach` ich nich! Bääh! ..."
Damit seine Eltern auch wirklich kapieren, wie ernst es ihm mit all dem ist, tritt er unentwegt gegen die Rückenlehne des Vordersitzes.

"Sie verstehen? Die Aufregung ... Zu Oma und Opa nach Amerika ...", erklärt Maike dem Taxifahrer.
Der versteht es nicht. Zwar zieht er ein ungnädiges Gesicht, verkneift sich jedoch die passende Bemerkung.
"Verdien` an denen ja gut und bald bin ich sie los!"

Am Flughafen verhält sich Jürgen auffallend friedlich. Der Trubel scheint ja ihn ziemlich zu beeindrucken.
"Wie gut wir ihn doch erzogen haben ... !"
Maike und Michael schwelgen in Selbstbeweihräucherung.

Im Flugzeug dann beweist ihr Sohn seine hervorragende Erziehung. Weil ihm die Fanta nicht schmeckt, schmeißt er per schwungvollem Aufschlag wie beim Tennis den noch halbvollen Becher in Richtung der Stewardess. Sie guckt fassungslos.
"Unser Kleiner ist völlig durcheinander. Eine so weite Reise ..."

Die junge Dame ist von Berufs wegen zur Höflichkeit verpflichtet und um dieser Pflicht ja nicht untreu zu werden, wendet sie sich rasch wortlos ab und dem nächsten Passagier zu. Solch eine Frechheit hat sie nämlich in ihrer immerhin schon zehnjährigen Laufbahn noch nie erlebt.

Zum Glück für alle Anwesenden verbringt Jürgen den weiteren Flug im Traumland, in dem selbstverständlich jeder und alles nach seiner Pfeife tanzt. Andernfalls würde er wahrscheinlich sogar noch im Schlaf das ganze Flugzeug zusammen brüllen.


Der Empfang in New York verläuft äußerst herzlich. Oma und Tochter Maike vergießen Tränen, Opa und Schwiegersohn Kurt umarmen sich. Dann ist Jürgen an der Reihe. Unverschämt grinst er seine schluchzende Großmutter an:
"Heulsuse!"
Oma Ingrid ist leicht indigniert.
"Aber, Jürgen!?"
"Kinder sind manchmal so, Mama!", lächelt Maike.
Oma und Opa schweigen.

Hastig lenkt Maike auf ein anderes Thema und die Stimmung ist gerettet. Nach einer halbstündigen Autofahrt erreichen sie die prächtige Villa der Großeltern. Durch den mindestens ebenso prächtigen Privatpark fahren sie direkt bis vor das Portal.
"Geil!", entfährt es Jürgen.

"B...Bitte??"
Opa Kurt ist entsetzt.
"Er findet euer Haus toll!", dolmetscht Michael eilig.
Den irritierten Blick der Großeltern ignoriert er tunlichst.

Drinnen dann bewundern Maike und Michael die wertvolle Einrichtung: Teure elegante Möbel, wertvolle Gemälde an den Wänden und teuere Teppiche. Überhaupt macht alles einen unerhört vornehmen Eindruck. Oma Ingrid und Opa Kurt sind sichtlich stolz auf ihr Zuhause.
„Hier sind Eure Zimmer!“

Der Raum für die Eltern lässt keine Wünsche offen. Über das extra breite Doppelbett wachen aus einem Goldrahmen zwei holdselig lächelnde Engel über das junge Paar.
„Ist ja Wahnsinn!“, jubelt Maike.
„Wirklich irre!“, tönt Michael und meint dies aber ein bisschen sehr anders.

„Und hier wirst du schlafen, Jürgen!“
Zum Glück hängen über jenem Bett keine Engel. Andernfalls hätte man des Knaben Geschrei sicherlich noch bis in den Keller vernehmen können. Nein, bei der Dekorierung dieses Raumes hat Opi Kurt anscheinend ein Wörtchen mitzureden gehabt.

Über dem Bett thront Michael Schumachers Konterfei im Riesenformat, auf dem Nachttisch spendet eine Autolampe Licht -dummerweise aber in Rosa. Opa Kurt hat ganz offensichtlich nen deutlichen Black Out gehabt.

„Mist Lampe. Eine für Weiber!!“
Jürgen ist beleidigt.
„Du kriegst ne andere!“, besänftigt Opa seinen Enkel.
Jürgen antwortet nicht einmal. Maike und Michael bleiben stumm. Wie immer.

Großeltern und Eltern wenden sich zum Gehen. Jürgen soll seinen Koffer auspacken. Missmutig knallt er das schwere Ding - schließlich ist da auch noch sein Fußball drin - gegen die Bettkante.

Kurz darauf sieht es in dem Zimmer aus wie bei Hempels unterm Sofa, überall liegt etwas herum. Den Rest pfeffert Jürgen total zerknüllt in den Schrank. Der schmutzige Fußball aber bekommt einen Ehrenplatz auf dem blütenweißen Bettzeug am Fußende der Liegestatt. Mit den Drecktupfen all over findet der Knabe es dann wieder echt cool.

Oma Ingrid betrachtet das Bettzeug und seufzt.
„Muss das sein?“
Mehr sagt sie nicht. Sie muss sich noch ans Oma sein und den damit verbundenen Pflichten wie vielleicht auch Rechten erst noch gewöhnen.

Flehend schielt sie zu ihrer Tochter. Nichts. Stattdessen:
„Eine tolle Idee, den mitzunehmen! Vielleicht findest du hier ja jemanden ... ?“

Leider stellt es sich heraus, dass in der Nachbarschaft keine anderen Kinder wohnen. Ein Tag lang hält es Jürgen noch so gerade aus, immer nur mit den Erwachsenen und deren doofen Gesprächen konfrontiert zu sein. Dann ist es mit seiner Langmut vorbei.

Er langweilt sich. Es ödet ihn alles an: Die Oma, der Opa, die seiner Meinung nach bescheuerte Einrichtung und überhaupt ...
„Kein Harry Potter, keine Krimis im Fernsehen ... einfach ätzend!“ 

Mies gelaunt geht Jürgen in seinem Zimmer auf und ab.
„Nich mehr mit mir!!“

Doch dem nachmittäglichen Kuchenessen mit Großeltern und Eltern kann er nicht ausweichen.
„Kind, nimm` doch noch ein Stück! Du siehst blass aus, du kannst es gebrauchen!“

Das Kind zieht eine saure Miene, beugt sich halb über den Tisch und schnappt sich ein Kuchenteil. Die Kuchenkrümel verteilen sich quer über den Tisch. Klacks, eine Kirsche folgt ihnen, rollt noch ein wenig herum und malt ein tolles, blutrotes Muster auf die Decke.

Anstatt das Malheur zu entfernen, bleibt Maike ungerührt sitzen. Währenddessen schmatzt ihr Sohn laut hörbar vor sich hin. Oma und Opa ist der Appetit vergangen. Ungläubig starren sie zuerst den Enkel, dann vorwurfsvoll die Tochter an.
„Darf er das denn einfach so ...?“

Sie müssen es einsehen: Ja, Jürgen darf und eine Zurechtweisung von Papa und Mama ist offensichtlich nicht zu erwarten.
Oma sieht es nicht mehr ein:
„Jürgen! Kannst du denn nicht besser aufpassen!“
Es klingt ziemlich barsch.

Jürgen sieht sie überrascht ob des für ihn gänzlich fremden energischen Tonfalls an, streckt wütend die Zunge heraus und springt vom Stuhl. Der poltert zur Seite und verfehlt nur um Haaresbreite eine Bodenvase. Den Jungen stört es nicht im mindesten, sondern er rennt stampfend aus dem Zimmer.

Für eine Minute herrscht peinliche Stille im herrschaftlichen Esszimmer.
„Weist ihr ihn noch nicht einmal zurecht?“, hakt Opa pikiert nach. „Das hätten wir uns früher mal erlauben sollen!“

Maike fühlt sich ein wenig in die Enge gedrängt.
„Ihr müsst es verstehen! Er hat hier keine Spielkameraden und ist frustriert.“
Sie erklärt ihren mit versteinerter Miene dort sitzenden Eltern die sämtliche Sich-frei-Entfalten-lassen-Erziehungspsychologie. Ehemann Michael nickt eifrig dazu, bei mancher Anmerkung sogar zweimal.

Oma Ingrid und Opa Kurt geben sich aus Liebe zur Tochter echte Mühe, noch irgendetwas von dem Sermon, der nun ihre Ohren und noch mehr ihre Geduld strapaziert, einzusehen. Umsonst.

„In ihm kämpfen sein Unterbewusstsein, Bewusstsein und Über-Ich miteinander und gegeneinander. Kann der Arme seinen Frust nicht raus lassen, könnte dies zu schweren Gemütsstörungen führen, die ihn dann vielleicht sein ganzes, weiteres Leben quälen würden.“

Bereits nach dem Begriff ´Über-Ich` haben Omas und Opas relativ normale Ichs beschlossen, sich nicht weiter mit dem vorgebrachten Krampf zu belasten. Sie schalten einfach rigoros ab.

Als die Beiden abends allein in ihrem Schlafzimmer sind, versichern sie sich gegenseitig ihre noch sehr gute, geistige Fitness und zudem:
„Die haben nen Vogel. Bei der nächsten Gelegenheit ... !“

Die naht mit Riesenschritten. Jürgens Wut ist nicht etwa verraucht, sondern er sinnt auf Rache.
„Na wartet!“
Jenes ´Na wartet!` erwartet eine gepfefferte Idee und die ist dann nicht von Pappe. Zufrieden ob seiner Eingebung sinkt Jürgen in einen darum noch zufriedeneren Schlaf.

Am nächsten Morgen provoziert er die Großeltern auf Deubel komm heraus, schreit durch die Gegend und sie sogar an. Erbost verweist ihn sein Opa des Zimmers:
„Was fällt dir eigentlich ein!?!“

Und zu Maike und Michael:
„Wäre es mein Sohn, hätte der jetzt eine Ohrfeige weg!!“
Doch Tochter und Schwiegersohn bleiben weiterhin den in ihnen fest verankerten, die Kindererziehung betreffenden Überzeugungen treu und unternehmen nichts.

Oma Ingrid und Opa Kurt starten einen letzten Bekehrungsversuch:
„Ist euch eigentlich klar, welches Verbrechen ihr an eurem Kind begeht? Wie soll sich Jürgen denn später jemals zurecht finden?“
Das war Oma.
„Kein Wunder, dass niemand mit euch etwas zu tun haben möchte!!“
Auch Opa platzt so langsam der Kragen.

Maike mag es nicht glauben. Ausgerechnet ihre eigenen Eltern stellen sich gegen sie. Die hat sie wahrlich für einsichtiger gehalten.
„Ich fass` es nicht! Wollt ihr Jürgens Selbstwertgefühl zerstören, dermaßen seine Seele verletzen?“

Gerade will Oma Ingrid zu einer saftigen Erwiderung ansetzen, da unterbricht sie ein schreckliches Klirren ausgerechnet aus ihrem Lieblingszimmer, in dem sie alles aufbewahrt, was ihr lieb und teuer ist. Von einer furchtbaren Vorahnung getrieben, benimmt sich diese ansonsten sehr distinguierte Dame urplötzlich alles andere als distinguiert.

Von einer Sekunde zur nächsten plötzlich kalkweiß, flucht sie laut los und rast in Richtung der unheilverkündenden Geräusche. Zornig poltert Opa Kurt hinterdrein. Maike und Michael folgen notgedrungen.

Entsetzt beobachten sie Jürgen mit seinem Fußball, wie er ungerührt dessen, dass sämtliche Nippes aus Omas Vitrine zerscheppert am Boden liegen, fleißig weiter das Tore schießen übt. Gerade peilt er als neues Ziel ein sehr besonderes Gemälde an. Auf dem ist Oma Ingrids Urahn-hoch-Fünf zu sehen, der gerade mit hoch gestreckten Armen vor einer ihn huldvoll anlächelnden Schönen kniet und sich als Minnesänger betätigt.

Damit hat jener bereits vor Jahrzehnten Omas Herz im Sturm erobert und ihr in den Stunden ehelicher Streitereien tröstende romantische Träume beschert.
„Ein toller Kerl, seufz! - Wenn mein Kurt, dieser Knurrkopf, doch auch mal ...“

Dass diese Schwärmerei für den ihr gänzlich Unbekannten ein absoluter Blödsinn ist, hat sie erfolgreich verdrängt. Dagegen ist jenes Kunstwerk zu ihrem drittgrößter Schatz nach Opa und selbstverständlich Maike avanciert.
Und genau dieser Schatz wird nun dermaßen dreist attackiert ... 

Die vier Erwachsenen stieren fassungslos auf den Scherbenhaufen. Eine Sekunde zu lange, denn mit einem wahren Kaiser-Schuss reißt Jürgen den Urahn von dessen Haken. Mit donnerndem Getöse knallt jener entfernte Verwandte zu Boden und verliert seinen Rahmen.

Aber, was noch viel entsetzlicher und keinesfalls entschuldbar ist, ist es, dass der Fußball ihm tatsächlich sein Gesicht zerfetzt hat. Stattdessen klafft dort jetzt ein Riesenloch.

Oma Ingrid, all ihrer Illusionen und ihres heimlichen Seelentrösters beraubt, erträgt es nicht länger.
„Un...unerhört!“, gurgelt sie noch, sackt in sich zusammen und dann in Ohnmacht.

„Es reicht jetzt!“, zischelt Opa, würdigt Tochter, Schwiegersohn und erst recht den Enkel keines Blickes mehr und verschwindet ins Bad.
„Wo ist denn bloß dieses eine penetrante Parfüm?“
Die Erinnerung an jenes grauenhafte Zeug jagt ihm einen Schauer über den Rücken. 
„Wenn überhaupt irgendetwas hilft, dann dies!“

Zwei Minuten später hält er Oma Ingrid die besagte Flasche unter die Nase. Die penetrante Duftnote sorgt für den zweiten Schock an diesem Tage. Vor lauter Schrecken wird Oma ruckzuck wieder munter und setzt ihre Schimpfkanonade an der Stelle fort, wo sie sie gezwungenermaßen unterbrochen hatte:
„Da seht Ihr, was bei eurer Mist-Erziehungsmethode heraus kommt! Dieser Rotzlöffel macht uns noch das ganze Haus kaputt!“

Maikes Mutterherz reagiert sehr empfindlich. Schließlich ist der Rotzlöffel ihr Sohn.
„Den Rotzlöffel nimmst du zurück!“, faucht sie.
Michael fühlt sich verpflichtet, seiner Frau zur Seite zu stehen:
„Allerdings! Sonst seht ihr uns so schnell nicht wieder!“
„Famose Idee! Bleibt am besten, wo der Pfeffer wächst. Übrigens: Den Schaden bezahlt ihr! - Und nun raauuus hier!!“, brüllt sich Opa Kurt die Kehle aus dem Leib.

Inzwischen hat sich Oma ein wenig erholt und legt noch eins drauf:
„Mir ist es sch...egal, ob jetzt euer Unter-, Über- oder auch irgendein so`n Zwischen-Ich ne Nervenkrise kriegt! Verschwindet endlich!“

Dennoch schmerzt sie beim Anblick ihrer ob jener harten Worte plötzlich verzweifelt drein schauenden Tochter das Herz und sie nimmt sie zur Seite:
„Erzieht diesen unverschämten Flegel endlich. Vielleicht kriegt ihr ja noch die Psycho-Kurve! Dann könnt ihr später wiederkommen!“
Nach einem letzten, traurigen Blick trennen sie sich.

Auf der Fahrt zum Flughafen schweigen Maike, Michael und sogar Jürgen vor sich hin. Auch den Heimflug bringen sie stumm hinter sich, was eindeutig nicht allein daran liegt, dass sie nach einer kurzen Weile ermattet einschlafen.

Als Maike und Michael wieder aufwachen, haben sie erst die Hälfte der Reise hinter sich und also noch genügend Zeit zum Grübeln. Die drastische Reaktion der Großeltern hat sie aus ihrem verdrehten Psychologie-Ideen-Himmel hinunter auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert.

„Machen wir doch etwas falsch?“, fragt Maike zögernd.
„Hm. Vielleicht sollten wir ... ?“, deutet es Michael vorsichtig an.
Selbst Jürgen ist kleinlaut.

Daheim setzen sie sich zusammen und überlegen. Dann ist es eine beschlossene Sache. Am nächsten Morgen melden sie sich zu einer Familienberatung an. In langen Sitzungen werden ihnen die Grundlagen wirklicher Erziehung vermittelt.

Es folgen nervenaufreibende Monate mit vielen Rückschlägen, aber noch mehr echten Erfolgen. Jürgen benimmt sich zunehmend weniger zügellos, gewinnt neue Kameraden und Maike und Michael sogar einen großen Freundeskreis.


Die Zeit geht ins Land. Jürgen ist erwachsen geworden. Immer öfter fliegen seine Gedanken zu seinen Großeltern in Amerika, die er viele Jahre lang nicht gesehen hat. Nur zu den Weihnachtsfesten haben Maike und Michael kurz mit ihnen telefoniert. So sind Oma Ingrid und Opa Kurt über die positive Entwicklung ihres Enkels bestens informiert.

Eines Tages entschließt sich Jürgen zu einem Überraschungsbesuch in Amerika. Nach dem langen Flug steht er dann vor dem Haus seiner Großeltern. Der Park und die nähere Umgebung sind ihm irgendwie noch vertraut. Nach einem Moment des Zögerns drückt er die Klingel. Kurz darauf wird geöffnet. Seine Großmutter steht vor ihm.

„J...Ja?“
Unsicher mustert sie den hochgewachsenen, elegant gekleideten jungen Mann. Forschend blickt ihm ins Gesicht und dann ... :
„J...Jürgen??“
„Kurt, Kurt! Jürgen ist da. Er ist es wirklich, Komm schnell!“, ruft sie.

Strahlend nimmt sie ihren Enkel in den Arm. Längst ist der schlimme Zwist vergessen und einer wachsenden Sehnsucht nach der jungen Familie gewichen. Auch sein Großvater freut sich sichtlich über das Wiedersehen.

Sie setzen sich ins Wohnzimmer. Jürgen hat sich zum wirklichen Gentleman gewandelt. Sein Benehmen lässt keine Wünsche offen. Gerührt verdrückt Oma Ingrid ein paar Tränen.
„Ach, Oma!“,
Jürgen drückt sie herzlich und dann auch den Opa.

Stunden um Stunden vergehen, Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken werden ausgetauscht. Vor allem die Gedanken. Dann erkundigt sich Opa Kurt:

„Sag` mal Jürgen: Was machst du denn beruflich?“
Es stellt sich heraus, dass Jürgen als Psychologe genau jene Kinder betreut, die wie damals er durch die antiautoritäre Erziehung aus der Bahn geworfen worden sind ...

 
 

Kommentare zu diesem Text


idioma
Kommentar von idioma (12.11.2017)
Kommt mir leider alles ziemlich arg bekannt vor,
obwohl ich weder in NY noch in solcher Villa wohne.
ARG GERNE würd ich den Schluss glauben,
kann's aber nicht
idi
diesen Kommentar melden

© 2002-2020 keinVerlag.de   Impressum   Nutzungsbedingungen 
KV ist kein Verlag. Kapiert?
© 2002-2020 keinVerlag.de