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Gedichtanalyse: Günter Eich "Inventur"

Interpretation zum Thema Verarbeitung/ Verdrängung


von Rebekka

Günter Eich: Inventur


Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.



Analyse

Günter Eich: Inventur


Das Gedicht „Inventur“ von Günter Eich aus dem Jahre 1948 zählt die Habseligkeiten des lyrischen Ichs auf.
Nach dem ersten Lesen wirkt das Gedicht sehr nüchtern und unpoetisch. Ich gewann den Eindruck, dass es aus einer emotionslosen Auflistung besteht. Durch die schmucklose Sprache wirkt es eher wie Prosa denn wie Poetik, weshalb ich es der Trümmer- und Kahlschlaglyrik zuordnen würde.
Das lyrische Ich zählt in dem Gedicht seine Besitztümer auf, auf einige geht es näher ein und beschreibt deren Verwendung. Es erwähnt sowohl Hygieneartikel, Kleidung wie auch eher wertlose Dinge, auf die es aber anscheinend trotzdem stolz zu sein scheint. Da es auf sein Rasierzeug eingeht, kann man davon ausgehen, dass es ein Mann ist.
Das Gedicht besteht aus sieben Strophen mit jeweils vier Zeilen. Das Druckbild ist regelmäßig und weißt keine Auffälligkeiten auf. Der Autor hat völlig auf Reime oder ein regelmäßiges Versmaß verzichtet. Fünf der sieben Strophen bestehen aus einem Satz, ein Satz ist auf die vierte und fünfte Strophe aufgeteilt.
Durch diesen Aufbau entstehen sehr viele Enjambements, was abgehackt wirkt, da optische Einschnitte entstehen, wie zum Beispiel in den Zeilen 7 und 8: „ich hab in das Weißblech / den Namen geritzt“. In diesem Satz wurden Hilfs- und Vollverb auf zwei Zeilen verteilt und somit getrennt, wodurch die optisch abgehackte Wirkung entsteht. Diese Enjambements bestärken die unpoetische Wirkung des Gedichtes: Sätze, die ohne Zeilensprünge der Prosa zugeordnet werden würden, bestimmen das gesamte Gedicht.
Diese unpoetische Atmosphäre passt zur Überschrift des Gedichts. Laut der Überschrift ist das Gedicht eine Inventur, worunter man normalerweise die numerische Erfassung von Beständen versteht. Dies ist ein sehr nüchterner und keinesfalls ein poetischer Vorgang. Dieser Aspekt der Aufzählung wird auch durch Anaphern wie in den Zeilen 26-28 „Dies meine Zeltbahn / Dies ist mein Handtuch / dies ist mein Zwirn“ verstärkt, da Anaphern eine monotone Wirkung haben. Insofern lässt sich der erste Eindruck eines unpoetischen Gedichts bestätigen, der Aspekt der  Emotionslosigkeit lässt sich jedoch bei genauer Betrachtung nicht aufrecht halten. Das lyrische Ich verwendet wertende Begriffe wie zum Beispiel „kostbar“ (Zeile 10) und „lieb ich am meisten“ (Zeile 22), die seine emotionale Bindung zu den Gegenständen zeigen. Es fällt auf, dass für ihn die eher wertlosen Gegenstände eine besondere Bedeutung und einen besonderen Wert haben. Als kostbar bezeichnet er seinen Nagel, seinen Wert bezieht dieser aus seiner Exklusivität: das lyrische Ich erwähnt die „begehrlichen Augen“ (Zeilen 11 & 12) vor denen er den Nagel „bergen“ (Zeile 12) muss, woraus ich schließe, dass das lyrische Ich einer der einzigen ist, die einen Nagel besitzen. Dies verdeutlicht die allgemeine Mangelsituation, von der das lyrische Ich umgeben ist, in der er selbst allerdings überdurchschnittlich gut dasteht: Er besitzt Dinge, die andere nicht haben und die deshalb einen besonderen Wert darstellen. Obwohl objektiv betrachtet wenige Dinge aufgezählt werden und viele existenzielle Gegenstände nur von provisorischer Natur sind, wie zum Beispiel die als Teller und Becher genutzte Konservendose oder die Pappe auf der das lyrische Ich schläft, wirkt diese Inventur nicht klagend. Wichtig ist, dass das lyrische Ich seinem Besitz Wert beimisst. Dies wird auch an der häufigen Wiederholung von dem Possessivpronomen „mein“ und der Tatsache, dass das lyrische Ich seinen Namen in die Konservenbüchse geritzt hat, deutlich. Das lyrische Ich ist Stolz auf seinen Besitz und beklagt nicht den Mangel.
Das Gedicht gibt auch etwas über die emotionale Situation des lyrischen Ichs preis. Es wird beschrieben, dass er tagsüber die Verse aufschreibt, die er nachts erdacht hat. (Zeilen 23-24). Dies lässt den Schluss zu, dass es nachts aus irgendwelchen Gründen nicht schlafen kann. Möglicherweise verarbeitet es diese Gründe in seinen Gedichten. Auf jeden Fall wird deutlich, dass das lyrische Ich sehr sensibel und emotional ist, was einen Kontrast zu der nüchternen, monotonen Form des Gedichtes bildet.
Die nüchterne äußere Form und die Überschrift passen also nicht vollständig zu dem Inhalt des Gedichts, der durchaus emotional ist, Wertungen enthält und über eine reine Inventur hinausgeht.
Betrachtet man den historischen Kontext des Gedichtes, dass kurz nach Kriegsende verfasst worden ist, liegt der Schluss nahe, dass das lyrische Ich ein Kriegsgefangener ist. Daraufhin weisen nicht nur die wenigen Gegenstände und der offensichtliche Mangel, sondern auch die Gegenstände selber, zum Beispiel das Zelt.
Dieser Hintergrund erklärt die Monotonie des Gedichts, die sicherlich auch in Gefangenlagern vorgeherrscht hat, sowie der Mangel an Gütern und provisorische Lösungen.
Aufgrund der Zeit und der nüchternen, monotonen und unpoetischen Sprache würde ich das Gedicht auch nach der Analyse noch als Trümmer- und Kahlschlagliteratur bezeichnen, obwohl es wie bereits ausgeführt auch emotionale Aspekte beinhaltet.
Meiner Meinung nach beschreibt das Gedicht einerseits nüchtern die Umstände in einem Kriegsgefangenenlager und damit auch die Nachkriegsverhältnisse. Durch den Titel „Inventur“ wird diese Nüchternheit unterstrichen und eine objektive, nicht-emotionale Erwartungshaltung geschaffen, die sich allerdings nicht erfüllt. Denn es werden durchaus Gefühle beschrieben, was zeigt, dass auch die Nachkriegszeit nicht völlig emotionslos war und dass Stolz keine Frage von objektivem Wert sein muss. Ein weiteres Thema, welches meiner Meinung nach in dem Gedicht angesprochen wird, ist die Verarbeitung von Kriegserlebnissen. Das Gedicht zeigt, dass diese Verarbeitung notwendig ist und auch und vor allem in Form von Gedichten möglich ist.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Graeculus (69) (04.04.2015)
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Kommentar von Graeculus (69) (28.06.2017)
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Rebekka
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Veröffentlicht am 27.11.2008, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 30.11.2008). Textlänge: 952 Wörter; dieser Text wurde bereits 75.965 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 16.11.2019.
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