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Electio

Geschichte zum Thema Fantasie


von Oriona

Eine warme Brise fuhr rasch durch die behagliche Kleinstadt, die am Hang des Berges Montono lag. Die gepflasterten Wege flimmerten in der Sonne und wenn man nicht genau hinsah, meinte man, dass die Straße schwamm. Die Fenster blitzten unter den wärmenden Strahlen, doch die Blumen in den Blumenkästen hingen schlaff da und sahen aus, als hätten sie seit Ewigkeiten kein Wasser mehr gesehen.
  Die Brise schlängelte sich in die geschwungenen engen Gassen, die selbst die Mittagssonne nicht mehr erreichte. Sie griff den herumliegenden Müll auf und nahm ihn klappernd mit sich. Eine Katze wich maunzend einer Dose aus, fauchte und starrte dann das Blechteil, welches neben ihr zum Liegen kam, empört und kampflustig an.
  „Astraea! Sei nicht albern!“ Die Ohren der Katze schnellten in die Höhe. Ihre gelben Augen begannen eigentümlich zu leuchten und der Schwanz schwang freudig hin und her.
  „Mau?“ Sie drehte sich um und starrte eine Gestallt an, die im verborgenen Schatten auf einer Holzkiste saß.
  „Astraea, komm her“, lockte die männliche Stimme der Gestallt. Sie klang warm, doch gleichzeitig etwas verbittert.
  Die schwarze Katze gehorchte maunzend, lief freudig mit dem Schwanz wedelnd auf den dunkel gekleideten Mann zu und schmiss ihr Köpfchen gegen seine Beine. Die schmalen blass aussehende Hände des Mannes packten das kleine Kätzchen und setzten es auf seinen Schoß ab, wo es begann ihre Krallen schnurrend an dem dunklen Stoff zu wetzen.
  „Brav, Astraea“, murmelte der Mann, dessen silberne Augenpaare kurz aufblitzten. Er kraulte das Kätzchen, woraufhin sie sich zusammenrollte und weiter schnurrte.
  Die warme Brise fand ihren Weg zurück an den Beiden vorbei und zerzauste dabei dem Mann das schwarze Haar. Kurz erkannte man die Narbe, die sich Sichelförmig an seiner rechten Wange entlang zog, doch dann verschwand die Brise und er saß wieder im Schatten.
  „Sieh an, sieh an - hier finden wir den bösen bösen Schwarzmagier!“ Die Stimme eines anderen Mannes wehte in die Gasse hinein. Sie triefte nur so vor Hohn und Schadenfreude. Sein Satz wurde von einem hässlichen Gelächter anderer Stimmen begleitet.
  Der Silberäugige blickte auf.
  Ein junger Mann in seinem Alter kam mit langsamen Schritten auf ihn zu. Er trug im Gegensatz zu ihm bunte und weite Sachen, die sehr fröhlich wirken würden, wenn er nicht so eine hinterhältige Grimasse dazu gezogen hätte. An seinem rechten Ohr baumelte ein roter Stein. Sein grünes, feines weites Hemd mochte gar nicht zu der braunen Curthose passen, die an einigen Stellen schon zerrissen war und sich in langen braunen Stiefeln verlor. Die bunten Bändchen an seinem rechten Arm machten sein merkwürdiges Aussehen perfekt. 
  Der Braunhaarige blieb kurz vor dem Schwarzhaarigen stehen und funkelte ihn mit braunen großen Augen angrifflustig an. Eine höhnisch lachende Meute folgte ihm und baute sich gleich einer Mauer schützend hinter ihrem Anführer auf.
  Die schwarze Katze hatte ihren Kopf gehoben und fauchte den braunhaarigen Mann böse an.
  „Kannst du mich nicht einmal in Ruhe lassen, Seramin?“, fragte der Schwarzhaarige mit gelangweilter Stimme.
  Seramin zog eine Grimasse.
  „Oh, habt ihr gehört? Travon fleht um Gnade.“ Die 'Mauer' hinter Seramin lachte höhnisch auf.
  Seramin funkelte Travon an und setzte ein fieses Grinsen auf.
  „Ihr könnt mich mal!“, zischte Travon giftig und sprang auf. Astraea wurde dabei von seinem Schoß geworfen und begann erneut zu fauchen.
  „Tst tst tst.“ Seramin schüttelte tadelnd mit dem Kopf und tat so, als würde er einem kleinen Kind die Schulregeln erklären. „Nicht so zornig, Schwarzmagier...“
  „Ich bin kein...“
  „RUHE!“, brüllte Seramin einen Schritt auf Travon zutretend. Selbst seine Bande verstummte. „Habe ich dir nicht gesagt, dass du verschwinden sollst?“, zischte der Braunhaarige mit einem gefährlichen Unterton. Travon wich etwas weiter in den Schatten zurück.
  „Du bist hier nicht der Bürgermeister. Du...“ Weiter kam er nicht, denn Seramin hatte ein Messer gezogen.
  „Wenn du nicht verschwindest, werde ich dafür sorgen, dass keiner mehr sich je an deiner abstoßenden Gestallt ärgert, Gruftie! Niemand wird sich je um so einen Schwarzmaler wie dich sorgen.“ Er grinste wieder hinterhältig und präsentierte dabei seine blitzend weißen Zähne. Er näherte sich mit dem Messer Travons Kehle und mit jedem Zentimeter wurde sein Grinsen breiter. 
  Travon verengte seine Augen zu Schlitzen. 
  „Macht ist nicht alles, Seramin.“
  Mit diesen Worten schoss wie aus dem Nichts eine Holzlatte hervor und traf Seramins Kopf.
  Travon hielt keuchend die Holzlatte in den Händen, während Seramin mit einem dumpfen Geräusch zu Boden ging, das von mehreren Klicken begleitet wurde. Die Bande Seramins hatte ihre Messer gezückt.
  „Jetzt bist du fällig, Schwarzmagier!“ Mit einem idiotischen Kampfgebrüll stürzten sie Travon entgegen, dessen Augen sich weiteten.
  Einige wurden jedoch von Astraea abgefangen, die den Männern ins Gesicht sprang und es fauchend zerkratzte.
  Sie mochte es nicht, wenn man ihre Ruhe störte.
  Travon holte mit seiner Holzlatte aus und fegte die vorderen Angreifer zu Boden. Gekämpft hatte er noch nie, da ihn sein reines Gewissen daran hinderte überhaupt einem Menschen oder Tier weh zu tun. Doch wenn sein Leben in Gefahr war, musste er es tun.
  Die restlichen Männer waren jedoch noch wohlauf und ließen sich nicht von ihren auf den Boden stürzenden Kameraden abhalten.
  Travon konnte nicht anders. Er warf die Holzlatte auf die Männer und wirbelte mit wehendem Ledermantel herum.
  Jetzt wusste nur eins: Er musste laufen!
  Er sprang mit einem Satz über die Holzkiste und verschwand wieder in den Schatten der Häuserschluchten. Er hörte, wie einige dieser Verrückten stolperten und schmerzerfüllt aufschrieen.
  „PACKT IHN!“ Seramin war erstaunlich schnell wieder zu sich gekommen. Travon beschleunigte seinen Lauf und verschwand um die nächste Ecke, eine Mülltonne umwerfend. Mit Seramin durfte man nicht spaßen.
  'Verdammt, was haben die auch gegen mich?', dachte Travon einen Karton aus dem Weg tretend und in die nächste Gasse einbiegend.
  Seit der melancholische und stets Einsamkeit suchende Travon hier in der Stadt aufgetaucht war, hatte es diese Bande auf ihn abgesehen. Sie lachten ihn wegen seiner Augen aus, kritisierten seine schwarze Kleidung und verhöhnten den schwarzen Stein, auf dem goldene Runen prangten und der um seinen Hals baumelte. Sie hatten dafür gesorgt, dass er in der ganzen Stadt als Schwarzmagier verschrien war - nur tat Travon auch nicht viel, um das Gerücht zu anulieren. Mit einem verbiesterten Blick eilte er stets mit wehendem Mantel durch die Stadt, kaufte nur das nötigste ein und verschwand dann gleich wieder in seiner kleinen Hütte, ohne je jemanden freundlich angesprochen zu haben. Kein Wunder, das die Leute tuschelten.
  Doch niemand fragte ihn, warum er so verbiestert schaute. Niemand sah genauer hin und entdeckte die tiefe Traurigkeit in seine Augen. Niemand bemühte sich um den trauernden jungen Mann.
  „Los, ihr Fettbacken!“, hörte Travon Seramin brüllen. „In seinem dreckigen Zauberumhang wird er eh nicht weit kommen!“
  'Das ist ein Ledermantel, du Idiot!', dachte Travon erbost, doch er sprach es nicht aus und sprang mit einem Satz durch ein zerbrochenes Fenster.
  Seine Stiefel trafen auf Scherben und es knirschte kurz laut. Travon spähte in die Dunkelheit, doch er konnte nichts weiter, als ein paar Kartoffelsäcke erkennen. Es roch stark nach Moder und irgendein Tier schien hier verendet zu sein.
  Travon hielt sich seine Nase zu und schlich auf Zehenspitzen zu den Kartoffelsäcken. Flink und leise wie ein Wiesel, verschwand er hinter ihnen und richtete seinen Blick auf das Fenster.
  Genau in dem Moment stürmte die johlende Meute an diesen vorbei ohne auch nur einmal einen Blick in das verlassene Haus zu werfen. Travon wartete vor Anspannung zitternd hinter den müffelnden Kartoffelsäcken, bis das Gejohle verstummte und atmete dann erleichtert auf. 
  Er richtete sich auf, putzte sich seine Kleidung ab und ging zurück zum Fenster, diesmal nicht auf die Scherben achtend. Wohl aber hielt er noch den Atem an, um den Gestank nicht einzuatmen.
  Behände kletterte er aus dem Fenster und wandte sich zum Gehen um.
  „Dachtest wohl, ich bin so blöd wie meine Kumpels und sehe nicht, wie du dort reinkletterst.“ Die höhnische Stimme Seramins ließ Travon im Gehen erstarren und ehe er sich versah, spürte er das spitze Messer in seinem Rücken.
  Travon schluckte, wagte es aber nicht sich zu rühren.
  „Sobald meine Kumpels zurückkommen, werden sie dich kaltmachen“, flüsterte Seramin in sein Ohr. „Und ich werde genüsslich zusehen.“
  Travon wollte erneut schlucken, doch er konnte es nicht mehr. Sein Hals fühlte sich rau und trocken an. Deswegen besann er sich und versuchte Seramin zur Vernunft zu bringen.
  „Warum willst du mich loswerden?“, fragte er mit kratziger Stimme. „Ich habe euch überhaupt nichts getan.“ Die Tatsache, dass er seinen Feind nicht sehen konnte, machte ihn nervös. Er starrte blinzelnd auf die Hauswand vor ihm.
  „Vorhin hast du uns schon was getan“, antwortete Seramins Stimme locker. „Ist doch Grund genug. Wegen dir bekomme ich eine fette unschöne Beule!“
  „Ich werd doch wohl mein Leben verteidigen können!“, antwortete Travon mit gereizter Stimme, was er sogleich bereute. Die Messerspitze bohrte sich tiefer in seinen Rücken und schien den teueren Ledermantel zu durchbohren.
  „Na na - am Ende stirbst du, bevor meine Kumpels zurückkommen - also halte dich im Zaume!“ Seramin lachte kurz auf. Travon antwortete nicht und starrte nun auf den Boden. Was sollte er tun? Davonlaufen? Ihn treten? Aber was, wenn Seramin eine Pistole bei sich trug? Er würde sein Leben noch schneller verlieren, als ihm lieb war... Doch besser kämpfend sterben als wie ein feiger Hund...
  Travon atmete kurz durch und wollte schon zu den noch immer lachenden Seramin herumdrehen, als...
  „Du elender Bastard!“ Eine kreischende alt klingende und schrille Frauenstimme drang an sein Ohr - kurz darauf ertönte ein dumpfer Schlag und ein „Aua!“ von Seramin her.
  Der Druck in Travons Rücken verschwand. Er atmete erleichtert auf. Einen Moment dachte er ans Weglaufen, doch dann obsiegte seine Neugier und er drehte sich um.
  Wenn Travon das Lachen nicht verlernt hätte, würde er jetzt tun. Eine alte Frau, die in einem Blümchenkleid steckte und deren graue lange Haare zersaust umher wirbelden schlug mit einem Regenschirm auf Seramin ein, der sein Messer fallen gelassen hatte und unablässig schrie.
  „Du elender Nichtsnutz, du!“, keifte die Alte, wobei sie ihre Adlernase rümpfte. „Nichts machst du richtig! Warum musste der Stein auch dich auswählen! Dummer Idiot!“ Travon hob das Messer wohlweislich auf und beobachtete dabei stirnrunzelnd, wie die Alte Seramin schimpfend verprügelte.
  „Aua! Aufhören! Sie bringen mich um!“ Seramin jammerte wie ein kleiner Junge und wälzte sich so lange auf dem Boden, bis die Frau endlich von ihm abließ. Ihre gelben Augen wanderten zu Travon, der unter dem Blick zusammenzuckte. Er war stechend und fordernd.
  „Und du!“ Sie deutete mit dem zersausten Schirm auf ihn. „Bist ein genauso großer Idiot!“ Travon öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder. Er verstand überhaupt nicht, was die Alte überhaupt von ihnen wollte.
  Sie stachelte mit ihrem Schirm Seramin noch einmal kurz an, bevor sie auf Travon zuging, der etwas verwirrt vor ihr zurückwich.
  „Von dir hatte ich wenigstens erwartet, dass du dein Schicksal erkennst, Idiot!“, keifte sie mit vor Zorn sprühenden Augen. „Aber nein! Unser selbstmitleidiger Herr muss sich ja in seine Wohnung zurückziehen und vor sich hin grübeln!“ Der Schirm schwenkte bedrohlich hin und her.
  Travon hob abwehrend die Hände.
  „M.... m.... Moment!“, rief er. „Woher kennen Sie mich? Und... ich weiß gar nicht, was sie meinen...“
  „NATÜRLICH nicht!“, schnappte die Alte und ihr von Falten gezeichnetes Gesicht verzog sich ärgerlich. Sie hob den Schirm und drückte mit der Spitze auf den schwarzen Stein, der um Travons Hals hing und auf seiner Brust ruhte.
  „Von Generation zu Generation suchen sich die Steine immer Dümmere aus!“, meckerte sie mit den Augen funkelnd. „Du weißt nicht, was du da um den Hals trägst, oder?“ Travon hob eine Braue und sah die Alte verwundert an.
  „Einen schwarzen Stein...“ Die Antwort war wohl falsch, denn dafür erhielt er einen schmerzhaften Hieb mit dem Schirm in die Seite.
  „Ein Runenstein“, setzte er hastig hinzu, doch der Schirm landete wieder in seiner Seite. Die Alte funkelte zornig und stach ihren penetranten Schirm wieder in seine Brust.
  „Das ist ein Electio!“, zischte sie.
  „Ein was?“ Dafür erhielt er noch einen Hieb.
  „Au! Mensch hören Sie auf, ich weiß es wirklich nicht!“ Travon verlor langsam die Geduld. Erst wurde er von einer mordlustigen Bande verfolgt und dann schlug ihn eine ihm völlig unbekannte Frau mit einem Schirm, nur weil er den Namen eines Steines nicht kannte.
  Die Alte funkelte ihn kurz an, bevor sie mit einer erstaunlichen Kraft Seramin, der noch immer auf dem Boden lag und sie mit aufgerissenen Augen beobachtet hatte, packte und ihn hoch zerrte.
  Seramin taumelte und stützte sich an einer Wand ab.
  „Das werden Sie bereuen, Alte!“, giftete er. „Sobald meine Kumpels...“
  „Ha!“, stieß die Alte aus und drückte nun ihren Schirm gegen Seramins Brust. „So schnell kommen die nicht wieder! Die haben mit dem Parsuswolf zu kämpfen.“ Beide Männer rissen gleichzeitig die Augen auf und fragten im einem Munde: „Einen was?“
  Der Schirm wanderte reihum und traf jeden je einmal am Kopf. Sofort verstummten sie.
  „Er wisst ja gar nichts!“, krähte die Alte. „Überhaupt nichts! Kein Wunder, dass draußen die Felder verdorren und der Kleinstadt das Wasser ausgeht!“  Die beiden Männer sahen nur noch verwirrter aus, antworteten aber nicht, da sie noch immer mit dem Schirm herumwedelte.
  „Heutzutage muss man alles selbst machen...“, murmelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart, bevor sie laut und befehlend brüllte: „Mitkommen!“ 
  „Ich werde nichts dergleichen...“ Bevor Seramin seine Worte ausgesprochen hatte, fauchte es hinter ihm laut.
  Travon starrte mit aufgerissenen Augen an ihm vorbei, während Seramin herumwirbelte und kurz aufschrie.
  Ein schwarzer Puma lauerte mit wedelndem Schwanz auf seine Mahlzeit. Er war so groß, wie die Alte selbst, die die Größe eines zehnjährigen hatte. Der Puma fletschte seine Zähne und beäugte Seramin gierig, welcher schluckte.
  „Er tut euch nichts, solange ihr mir gehorcht!“, keifte die Alte, dem Puma kurz einen überraschend liebevollen Blick zuwerfend. „Also folgt mir endlich!“ Diesmal geschah es ohne Wiederworte.
  Beide verfeindeten Männer liefen der voraneilenden Alten nach, die noch tiefer in die Stadt einzudringen schien.
  Der Puma folgte ihnen auf leisen Sohlen. Travon fragte sich, wie das Tier wohl unbemerkt in die Stadt eingedrungen sein konnte, doch er fand keine logische Erklärung. Vor allem, weil diese Tiere hier überhaupt nicht existierten...
  Nachdem sie der Alten eine Weile stumm gefolgt waren, schien Seramin wieder großmäulig zu werden.
  „Wenn sie weg ist, bring ich dich um“, zischte er Travon leise zu, der eine Braue hob. Er wollte ihm gerade fragen, wie er das ohne Messer denn anstellen wollte, als die Alte ohne sich umzudrehen dazwischen fuhr:
  „Gar nichts wirst du! Damit treibst du dich nur selbst in den Tod, Idiot!“
  „Pah! Sie und ihr Puma können mir dann nichts mehr tun!“ Die Alte lief einfach weiter.
  „Das nicht, aber du schaufelst dir auch ohne uns dein eigenes Grab, wenn du ihn umbringst...“
  „Warum?“
  „War ja klar, dass der Nichtsnutz das nicht weiß.“ Damit sagte sie nichts mehr und Seramin blickte noch fragender drein.
  Travon passte es gar nicht, dass er Seramin trotz allem noch ausgeliefert war. Selbst wenn die Alte ihn warnte, dass dieser sich selbst um die Ecke brachte, wenn er Travon „unauffällig verschwinden“ ließ, würde Seramin es sich nicht nehmen lassen ihn umzubringen. Dafür wurde er schon zu oft vor ihm gedemütigt. Travon könnte ja was ausplaudern...
  Zum Glück hatte er sein Messer und anscheinend war Seramin zu beschäftigt, um dies mitzubekommen.
  So folgten sie stumm der Alten, den Puma stets im Nacken, bis sie vor einem alten verfallenen Gebäude im Herzen der Stadt stehen blieben.
  Travon sah sich um. Er war hier noch nie gewesen... wie auch, wenn er sich ständig in seiner Hütte einschloss.
  „Wo sind wir?“, fragte Seramin patzig. Er sah sich mit angewiderter Miene um. Das Haus wurde von zwei übervollen Mülltonnen flankiert, um die Fliegen fröhlich summten. Alles lag im Schatten, da die anderen umliegende Häuser hoch in den Himmel ragten und somit der Sonne das Durchkommen verwehrten.
  Die Alte antwortete jedoch nicht und ging wortlos in das verfallene Haus.
  Seramin rümpfte angewidert die Nase und sah aus, als wollte er jeden Moment kehrt machen, doch als der Puma hinter ihm knurrte, besann er sich und folgte Travon, der schon vorausgegangen war.
  Dieser sah die Alte gerade noch „im Boden“ verschwinden. Sie kletterte eine alte Eisenleiter herunter, die sich in der Mitte des Zimmers befand. Travon, der keine Lust hatte mit Seramin in Konfrontation zu geraten, folgte ihr eilends.
  Er wurde angenehm überrascht, als sie unten ankamen. Er hätte die Kanalisation erwartet, doch niemals einen mittelalterlichen steinernen Gang, der von Fackeln matt beleuchtet wurde. Es roch zwar stark nach Russ und Öl, doch das gemütliche Flair gefiel ihm.
  „Das dunkle Rattenloch ist ja genau nach deinem Geschmack, Schattenmagier“, höhnte Seramin, der gerade die Leiter heruntergekrochen kam. Da der große Puma ihnen nicht folgen konnte, schien er wieder mutiger zu werden.
  „Tu mir einen Gefallen und halt einmal dein Schandmaul!“, kam es genervt zurück.
  „Oh! Langsam wird es interessant! Er währt sich!“ Seramin grinste ihn hämisch an.
  BANG
  Mit einem präzisen Schlag landete der Schirm auf seinem Kopf. Seramin schrie erbost auf.
  „Nichtsnutz!“, keifte die Alte, die unerklärlicher Weise hinter ihm aufgetaucht war. „Nichtsnutziges - elendes - Ungeziefer!“ Bei jedem Wort landete der Schirm mit einem dumpfen Geräusch auf Seramins Kopf, der auch jedes Mal mit „Aua“ antwortete.
  Travon betrachtete die Szenerie ausdruckslos, bevor er sich umwandte und in den dunklen Gang spähte, der nicht zu enden wollen schien.
  Seramin rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Hinterkopf, während die Alte wieder an ihm vorbeischritt und vorauseilte.
  „Was hab ich eigentlich mit der ganzen Sache zu tun?“, rief Seramin ihr hinterher. „Der Schwarzmagier hat doch den Stein!“ Er rührte sich nicht vom Fleck und verschränkte die Arme.
  „Dummkopf!“, kreischte die Alte sich zu ihm umwendend und ihn anfunkelnd. „Du Idiot hast doch auch einen, Nichtsnutz elender!“ Unwillentlich fasste Seramin an sein Ohr, wo der rote Stein dran baumelte.
  „Der?“ Er lachte kurz unsicher. „Den hab ich in den alten Mienen gefunden. Nichts besonderes... autsch!“ Diesmal war ein Stein gegen seine Schläfe geprallt, den die Alte wie einen Golfball mit dem Schirm zu ihm geschlagen hatte.
  „Komm endlich, du dämlicher Dummkopf!“ Seramin brummelte etwas vor sich hin, folgte aber dem Befehl der Alten, die schon wieder vorneweg eilte.
  Dem Schwarzhaarigen gefiel es durchaus, wie die alte Dame mit Seramin umging. Der hatte solch eine Behandlung deutlich nötig. Ihm sagte sonst niemand, wo es langging. Vielleicht lernte er daraus und vergaß, dass er Travon umbringen wollte.
  Auf dem Weg durch den steinernen Gang, schwiegen alle drei beharrlich. Man hörte nur ihre Schritte, die an den Wänden widerhallten und das Knistern der Fackeln.
  Erst nach fast einer Stunde, so kam es ihnen vor, blieb die Alte wieder stehen und kletterte wortlos eine Leiter hoch.
  „Hoffentlich bekommt sie einen Herzinfarkt“, murmelte Seramin wütend und ihr folgend.
  „Das hab ich gehört, Bursche!“, drang es von oben. „Warte nur, bis du rauf kommst!“
  Als Travon oben ankam, wurde Seramin schon wieder mit dem Schirm traktiert und mit Schimpfwörtern überhäuft.
  Travon runzelte die Stirn und sah sich um. Sie befanden sich doch im gleichen Haus, wie vorher...
Zumindest sah es so aus.
  „Los! Raus hier!“, keifte die Alte und schob kurzerhand die Beiden ins Freie. Grelles Licht strömte ihnen entgegen, so dass sich Beide die Augen schützen mussten. Als das Flimmern vor ihren Augen verschwand, erkannten sie, dass sie sich gar nicht mehr in der Stadt befanden, sondern auf einer vertrockneten Wiese vor dem Weg, der rauf zum Berg Montono führte.
  „Ihr werdet jetzt gemeinsam dort hoch gehen und eure Aufgabe erledigen!“, befahl die alte Frau bestimmt und funkelte beide an. Daraufhin erhielt sie empörte Blicke.
  „Ich soll mit dem da hoch klettern? !“, riefen Beide wie aus einem Munde und sahen sich gleich darauf angewidert an.
  „Jawohl!“, schrie die Alte schrill. Die jungen Männer zuckten zusammen. „Schlimm genug, dass ihr noch nicht einmal mitbekommen habt, dass ihr zusammengehört!“ Seramin machte ein Würgegeräusch nach und tat so, als würde er sich übergeben.
  „Ich gehöre bestimmt nicht zu einem, der mich umbringen will“, sagte Travon ruhig, während die Alte wieder auf Seramin einschlug.
  „Ich weiß, dass er ein Dummkopf ist!“, giftete die Frau. „Aber leider, Himmel Herr Gott, seit ihr Beide die einzigen, die die Dürre aufhalten können!“ Seramin hörte auf „Aua“ zu schreien und starrte synchron mit Travon die Alte an.
  „Wie bitte?“, fragten sie in einem Zuge.
  „Herr schmeiß Hirn vom Himmel!“, jammerte die Alte, den Schirm zum Himmel erhoben. „Hier!“, setzte sie noch hinzu und drückte Travon ein altes Schriftstück in die Hände. „Lest das unterwegs! Aber beeilt euch! Die ersten Flüsse trocknen schon aus!“
  „Aber...“
  „Und untersteh dich Travon umzubringen!“, giftete sie Seramin an. „Mein Puma wird euch auf Schritt und Tritt folgen, auch wenn ihr ihn nicht sehen könnt!“
  „Aber...“
  „Und seit vor morgen Sonnenuntergang zurück!“
  „Aber...“
  „Sonst haben wir nicht nur eine nicht enden wollende Dürre, sondern auch einen speienden Vulkan!“ Die Proteste der Beiden verstummten und sie sahen zum Berge auf, an dessen Hang nur Kräuter und Gräser wuchsen, doch keine Bäume. An einigen Stellen wuchs schon gar nichts mehr.
  „Er wird ausbrechen?“, fragte Travon vorsichtig.
  „Wenn ihr euch nicht beeilt - ja!“ Die Alte sprach das sehr lässig aus und wirbelte dabei mit ihrem Schirm durch die Luft. „Und nun - lauft zu! Die Sonne geht schon unter!“ Genau in diesem Moment wurde die Wiese in ein rotgoldenes Licht getaucht. Travon wandte sich stumm zu dem Weg um und lief los.
  „Und du auch!“, giftete die Frau und versetzte dem perplexen Seramin mit dem Schirm einen Hieb.
  „Geh ja schon...“, murmelte Seramin und langsam folgte er Travon. Selbst ihm leuchtete ein, dass er einen speienden Vulkan nicht überleben würde.

Unergründlicher Weg voller Tücken

  „Aber denk ja nicht, dass ich dich verschonen werde, wenn das hier vorbei ist!“, sagte Seramin, nach dem die Alte außer Sichtweite war. Er holte den voraneilenden Schwarzhaarigen schnell ein.
  „Du bist ein Volltrottel, Seramin!“, gab dieser zurück ohne ihn anzusehen. Er blickte sturr geradeaus und lief weiter.
  Seramin hob eine Braue.
  „Du forderst mich ja geradezu heraus, Schwarzmagier!“ Travon stöhnte und rollte mit den Augen.
  „Warum liegt dir soviel an meinem Tod?“
  „Waren wir da vorhin nicht schon?“
  Travon seufzte.
  „Du hast mir schließlich keine Antwort gegeben.“
  „Das werde ich auch jetzt nicht!“ Seramin funkelte Travon bösartig an. Dieser spürte den Blick deutlich in seinem Nacken, doch er wandte sich nicht um.
  „Dann brauchst du mich auch nicht umbringen“, sagte Travon monoton.
  Der Braunhaarige schnaubte verächtlich.
  „Du nervst mit deiner Melancholie!“ Travon blieb abrupt stehen und wirbelte mit wehendem Mantel herum.
  „Ach? Deswegen willst du mich also umbringen? Weil ich melancholisch bin? Erzähl mir keinen Mist!“ Travon hatte genug. Er würde sich endlich währen. Dieser Seramin konnte nicht einfach über sein Leben entscheiden!
  Seramin biss sich auf die Lippe. Zum ersten Mal seit Monaten wirkte er gegenüber Travon verunsichert. Doch das verflog schnell wieder. Vielleicht war es ja nur Einbildung gewesen...
  „Typen wie du nerven mich! Ich habe dir gesagt, dass du aus der Stadt verschwinden sollst, aber du wolltest ja nicht hören! Deswegen wirst du jetzt auch die Konsequenzen tragen müssen!“ Travon hob die Brauen.
  „So was wie du will erwachsen sein?“
  Er wandte sich um und lief einfach weiter.
  „Oh, Schwarzmagier wird mutig!“, schnarrte Seramin, doch der Schwarzhaarige blieb nicht stehen.
  Seramin trat wütend in den Sand und wirbelte dabei mächtig viel Staub auf.
  Es hatte ihn Spaß gemacht Travon zu ärgern. Der junge Mann war stets geflohen, hatte immer die falsche Antwort auf der Zunge gehabt und jetzt?
  Seramin verabscheute den jungen schwarz angezogenen Burschen schon seit dieser in der Stadt aufgetaucht war. Wegen seiner Aufmachung, wegen seiner Art - eigentlich wegen alles. Doch das tat er nicht ohne Grund. Etwas in Seramins Vergangenheit trieb ihn in diesen Hass hinein. Doch er gab es nicht zu und deswegen war er inzwischen soweit, dass er Travon umbringen wollte.
  Dieser blieb plötzlich stehen.
  „Was...“
  „Astraea!“, rief Travon mit einer überraschend fröhlichen Stimme.
  „Mau!“ Seramin verzog das Gesicht, als Travon eine schwarze Katze hochhob, die genüsslich und äußerst laut schnurrte.
  „Wo bist du denn hergekommen?“
  „Ach? Reden wir schon mit einem Schoßtierchen, Schwarzmagier?“ Dieser fühlte sich nicht angesprochen und setzte sein Tier auf die Schulter. Seramin ballte die Hände zu Fäusten.
  „Ich habe dich etwas gefragt, Schwarzmagier!“ Travon lief einfach weiter. Die Katze hockte gemütlich auf seiner Schulter und schien Seramin hämisch anzufunkeln.
  Abermals stampfte Seramin mit seinem Fuß auf und eilte dem Schwarzhaarigen hinterher.
  Neben ihm angekommen, lief er langsamer.
  „Erde an Schwarzmagier!“ Er wedelte penetrant mit den Händen vor Travon herum. „Noch da?“ Travon verzog das Gesicht und ballte seine Hände zu Fäusten.
  „Halt deine verdammte Klappe, Seramin und lauf einfach!“, zischte er giftig ohne ihn an zu sehen.
  Seramin wusste nicht warum, aber er fühlte sich unterlegen. Sonst hatte er immer diese Macht gespürt, wenn er Travon zur Schnecke machte.
  Er tastete nach seinem Gürtel und fand auch den Grund.
  „Mein Messer“, stellte er trocken und mit zusammengekniffenen Augen fest.
  „Schön, dass du es auch schon mitbekommst“, sagte sein „Wanderpartner“ verächtlich.
  Seramin starrte ihn an.
  „Du...“
  Travon stöhnte.
  „Ja, ich habe es und jetzt halt deine Klappe!“
  „Dafür quäle ich dich extra lange zu Tode!“, zischte er wütend.
  „Klar, mach ruhig!“ Er zuckte gleichgültig mit den Schultern und bog um die nächste Ecke.
Seramin öffnete den Mund, anscheinend nach Worten suchend. Da er keine fand, schloss er ihn gleich wieder.
  „Dieser Typ ist doch unmöglich!“ Er folgte Travon und blieb gleich darauf wie angewurzelt stehen. Travon lehnte mit verschränkten Armen an einer steilen Felswand und sah nach oben. Seine Katze sprang behände wie eine Bergziege auf kleine Felsvorsprünge und arbeitete sich nach oben vor.
  „Wie sollen wir da rauf kommen?“, stieß Seramin aus und deutete auf die Felswand.
  „Klettern“, kam die trockene Antwort. Abermals verengte Seramin seine Augen zu Schlitzen. Travon war eindeutig zu übermütig, wenn er ohne seine Bande mit ihm unterwegs war.
  „Das ist mir klar!“, gab er gedehnt zurück. Mit diesen Worten holte er das Pergament der Alten aus der Tasche,  zog seinen Ledermantel aus und legte ihn vorsichtig auf dem Boden ab. Zum Vorschein kam ein muskulöser gebauter Körper, der in einer schwarzen Hose und einem schwarzen T-Shirt steckte, welches sich in einem Ledergürtel verlor, in dem auch Seramins Messer steckte. Travons Arme waren noch blässer wie seine Hände. Mit den silbernen Augen glich er einem Albino, selbst wenn diese nicht rot waren.
  Travon steckte das Pergament nun in die Hosentasche, verschränkte seine Hände ineinander, dehnte sie kurz solange bis es laut knackte, schüttelte sie aus und packte dann jeweils einen hervorstehenden Stein.
  „Du bist doch vollkommen verrückt!“, stieß Seramin hervor. „Ich klettere da nicht hoch!“
  „Dann bricht der Vulkan eben aus“, murmelte Travon den nächsten Stein packend.
  Seramin sah nach oben und verzog ärgerlich das Gesicht. Er selbst wusste, dass er überhaupt nicht klettern konnte, doch er wollte sich nicht vor diesem melancholischen Typen zum Idioten machen. Dieser hatte auch noch das merkwürdige Pergament, was die Alte ihm gegeben hatte. Er musste also hinterher, um zu erfahren, was hier vor sich ging. Aber das Wie stand in den Sternen.
  Seramin stöhnte und blickte Travon nach, der schon die Hälfte des Weges geschafft hatte. Er, der große starke übermächtige Seramin, konnte nicht klettern.
  Seine Augen sahen sich hilfesuchend nach einem anderen Weg um, doch er fand keinen.
  „Verdammter Mist“, fluchte er. Er packte genau den gleichen Stein wie Travon vorher und begann zu klettern – oder versuchte es zumindest.
  Travon war inzwischen schon fast ganz oben. In seiner Kindheit war er oft auf irgendwelche Felsen geklettert und das zahlte sich nun aus. Er achtete nicht auf die Flüche, die Seramin unter ihm ständig ausstieß, sondern nur auf seine Katze, die maunzend vor ihm herumtänzelte.
  „Nicht so übermütig, Astraea – sonst stürzt du mir noch ab“, sagte er sanft. Er packte den nächsten Stein und zog sich nach oben.
  Eine merkwürdiger riesiger Stein in Kegelform kam in sein Sichtfeld. Er hievte seinen Körper nach oben und war auf dem Gipfel des Berges angekommen.
  Die Aussicht raubte ihm den Atem. Er konnte die ganze Kleinstadt beobachten, die unter den letzten Sonnenstrahlen noch einmal auffunkelte, als würde es ihr letzter Tag sein. Wie gebannt sah Travon in die Ferne, beobachtete die Sonne, die hinter den Kupferbergen langsam verschwand und bald nur noch einen roten Himmel zurückließ. Erste Sterne tauchten am Himmel auf und glitzerten vor Freude auf die dunkle Nacht.
  Travon wandte sich von dem Naturschauspiel ab und betrachtete den Stein näher. Astraea schlich ihm miauend um die Beine und schnurrte dabei laut.
  Er entdeckte zwei merkwürdig gleich aussehende runde Einkerbungen, doch sonst sah der Stein, bis auf seine Form, relativ normal aus.
  Travon zuckte mit den Schultern und hob seine Katze auf. Sie kletterte sofort auf seine Schulter und machte es sich dort gemütlich. Er sah noch einmal die Felswand hinunter und beobachtete ausdruckslos, wie Seramin sich fluchend abmühte und öfters mal abrutschte.
  Der Schwarzhaarige seufzte, setzte sich hin und holte das Pergament heraus. Er wollte endlich erfahren, um was es hier ging.
  Das Pergament sah schon uralt aus und es roch auch so. Er entfaltete es und begann zu lesen:

Siegel der Freundschaft

Des Berges Namen Montono sei des Gottes Namen, Montono der Dunkle genannt . Er, des Feuers Gottes, dem Streite der Menschen lang zusah. Doch versank der Mensch im Kriege, ward auf ewig verfeindet. Montono packte gar die Wut. Er suchte sich die Beiden, dessen Hass im gegenseitigen Sinne am größten ward und bat sie zu sich.
Er stellte sie vor eine gar grausam Wahl: Sie sollten sich vertragen auf ewig Zeiten oder die Stadt würde geplagt werden von der Hunger Not und des Feuers Tot.
Die Beiden Feinde waren gar verzweifelt, doch als der Gedanke an das Kinde und das Weib ihre Herzen überragte, schlossen sie Freundschaft auf ewig.
Montono ward zufrieden und gab den nun friedlichen Menschen Brot und Wasser im Überfluss. Doch schuf er zwei Steine, Electio genannt. Diese waren beseelt mit des Gottes Verstand und suchten, wenn vergangen war ein ganzes Zeitalter, die größten Feinde wieder auf..
Sie sollten ihren Bann der Freundschaft wohl besiegeln und der Menschheit Friede und Brot bringen. Solle, so drohte Montono, je einer den Bann verweigern, drohe dem Paradiese der Untergang.

  Travon ließ kalkweiß das Blatt sinken. Er sollte mit diesem Mörder Freundschaft schließen? Nie! Das konnte doch nicht gut gehen! Sie waren grundverschieden, hassten sich gegenseitig so sehr, als hänge davon ihr Leben ab, wenn sie es nicht täten.
  Ein langgezogenes Rasseln und Keuchen kündigte den anderen lautstark an.
  Seramin hievte sich nach oben und blieb dann einfach nach Luft schnappend auf dem Boden liegen.
  Travon reichte ihm wortlos das Blatt. Der Braunhaarige riss es ihm regelrecht aus der Hand und begann zu lesen. Nach einigen Sekunden weiteten sich seine Augen entsetzt.
  „WIE BITTE?“, stieß er aus. „ICH mit DEM? NIE!“ Travon runzelte die Stirn. Wenigstens waren ihre Gedankengänge gar nicht mal so unähnlich. „Das kann doch nicht war sein!“
  „Tja – wenn wir aber die Menschheit retten wollen, dann müssen wir wohl oder übel Freundschaft schließen“, stellte Travon trocken fest und selbst bei den Gedanken daran wurde ihm übel.
  Seramin musterte ihn kurz feindsinnig.
  „Du hast doch wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!“, giftete er. „Du glaubst doch nicht etwa diesen Scheiß?“ Travon antwortete nicht darauf und stand auf. Astraea maunzte kurz auf seiner Schulter, blieb aber ruhig sitzen.
  Er lief zu dem großen Stein, der in der Dunkelheit lag und der nicht einmal vom Mondlicht erreich wurde.
  „Doch, glaube ich“, murmelte er kurz und berührte dann das merkwürdige Loch des Steines.
  „Miau!“ Astraea streckte ihr kleines Pfötchen aus und stupste den Stein an, der um Travons Hals hing.
Travon musterte diesen kurz verwundert.
  „Du meinst... ja, du hast Recht!“
  „Sag mal... bist du jetzt völlig durchgedreht, oder führst du schon immer Selbstgespräche, Schwarzmagier?“
  „Halt dein verdorbenes Maul und hör zu!“, fuhr Travon giftig dazwischen. Seramin öffnete den Mund und starrte Travon ungläubig an.
  „Gar nichts werd...“
  „Diese zwei Löcher sind wie geschaffen für unsere Electios“, sagte der Schwarzhaarige, ohne auf die Proteste zu hören. Er fingerte am Schloss der Kette herum und ließ sie in seine Hand gleiten. Den Stein befreite er aus der Halterung, ohne auf die empörten Ausdrücke Seramins zu achten.
  Astraea fauchte diesen mit angezogenen Ohren an und zeigte ihre spitzen Zähne.
  Seramin musterte das Katzentier mit zusammengepressten Lippen, sagte aber nichts.
  Travon nahm inzwischen den Stein und probierte, ob er in eines der Löcher passte.
  Tatsache... mit einem leisen Klacken rastete der Stein ein.
    „Dein Electio!“, sagte Travon ungehalten.
  „Gar nichts werd...“ Als Astraea jedoch erneut fauchte und schon eine Pfote mit ausgefahrenen Krallen nach ihm ausstreckte, überlegte er es sich anders und stand auf.
  Er schraubte den Stein von der Halterung seines Ohrrings und schob in die andere Öffnung.
  „Zufrieden, Schwarzmagier?“, fragte er zynisch klingend. Travon hatte jedoch keine Zeit mehr zum antworten, denn kurz darauf ertönte ein lautes Rumpeln.
  Von irgendwoher fielen Steine auf die beiden jungen Männer und die Katze herab. Die jungen Männer warfen sich geistesgegenwärtig auf den Boden und schützen ihre Köpfe mit den Armen. Astraea wich geschickt den Steinen aus und tänzelte ständig an ihnen vorbei.
  Eine gewaltige Druckwelle schoss über sie hinweg und plötzlich verstummte alles.
  Seramin war der erste, der es wagte die Augen zu öffnen. Er blinzelte und hustete gleich darauf, da ihm eine Ladung Staub ins Gesicht wehte.
  Er richtete sich gleichzeitig mit Travon auf, der knapp neben ihm gelegen hatte und putzte sich die Klamotten ab.
  „Ganz große Klasse, Schwarzmagier, ganz große Klasse!“, sagte er bösartig. Er funkelten den Schwarzhaarigen mit gefährlich blitzenden Augen an  „Ich sage dir eins, wenn wir hier lebend rauskommen, dann...“
  „Ho! Ho! Ho!“ Seramin erstarrte in seinen Putzbewegungen, während Travon sich eher gleichgültig nach vorn zu dem Stein drehte. Seine Gleichgültigkeit fiel jedoch, als er erblickte, was über dem Stein schwebte. Ein riesiger breit gebauter Mann mit einer Frisur, die Jemanden in einer anderen Situation zum Lachen gebracht hätte. Die schwarzen Haare des Mannes standen nach allen Seiten ab und diese waren auch noch fast einen Meter lang. Der Mann selbst maß vielleicht zehn Meter... Er trug einen roten Umhang und musterte sie mit amüsiert ebenfalls roten aber leuchtenden Augen. 
  „Was zum...“, brachte er nur hervor. Seramin keuchte erschrocken auf und schlug sich die Hand vorm Mund.
  „Ihr elendes Gewürm“, rief der Mann mit dunkler Stimme. „Ist schon wieder ein Zeitalter vergangen?“ Er musterte die beiden verschreckten Männer, die auf die Frage nicht antworten wollten. Der schwebende Riese kratzte sich am Kinn.
  „Wohl war.“ Er seufzte. „Also dann... vertraget euch, aber husch husch – ich hab nicht ewig Zeit! Die reizende Amore wartet da oben auf mich.“
  Die Beiden antworteten noch immer nicht. Sie starrten den Mann nur mit aufgerissenen Augen an und rührten sich nicht vom Fleck.
  „Was fallet euch ein so zu starren, Gewürm?“, rief der Mann. „Habet ihr noch nie einen Gott vor Augen gehabt?“
  „Ehrlich gesagt, nein“, antwortete Seramin mit leichten Sarkasmus. 
  „Dann höret auf meinen Namen! Montono ward ich von allen genannt... wohl an... und nun vertragt euch endlich!“ Der Gott wedelte ungeduldig mit einer Hand und erzeugte dabei ungewollt einen kleinen Sturm, der die Männer ein wenig nach hinten wehte.
  Seramin fasste Mut. Er rief:
  „Ich lasse mich von niemanden zwingen mich mit dem da zu vertragen!“ Er deutete auf Travon, der sich ebenfalls aufrichtete, während seine Katze brav neben ihn hockte und sich das Fell leckte.
  Der Gott hob verwundert eine Braue.
  „Wahrlich nicht?“, fragte er. „Dabei seit ihr doch gar nicht mal so unähnlich – der eine von seinem Vater gar grausam verstoßen und verhöhnet während der andere so früh seine Familie verlor...“
  „Still!“, zischten beide auf einmal dem merkwürdigen Gott zu. Dieser stütze seine Händen bei seinen Hüften ab.
  „Oho!“ Er lächelte triumphierend. „Aber das ward noch nicht alles. Seramin, mein Lieber – du hasst Travon nur, weil er wie dein dämlicher... Verzeihung... gar unerzogener Vater herumläuft... und nur, weil er ebenso melancholisch ist, willst du ihn meucheln.“
  „Ihr sollt...“
  „Wie bitte?“ Travon wandte sich Seramin zu und funkelte diesen an. „Nur deswegen? Spinnst du?“
  „Er lügt...“, haspelte Seramin schnell, doch Travon schüttelte mit dem Kopf.
  „Nein mein Lieber, der einzige, der hier lügt, bist du. Du willst mich also umbringen, weil ich deinem Vater ein wenig ähnlich bin...“ Die Stimme Travons vibrierte vor Zorn.
  „Ja... äh nein...“                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   
  „HAST DU SIE NICHT MEHR ALLE?“ Seramin biss sich auf die Lippe, während Travon sich über sich selbst wunderte. Er hatte noch nie geschrieen. Aber irgendwie machte es ihm Spaß.
  „DU MUST JA AUCH SO HERUMLAUFEN WIE ER!“, brüllte Seramin zurück.
  „DAS IST MEIN STIL! ICH TUE DAS, SEIT MEINE FREUNDIN STARB!“
  „DAS IST MIR SCHEIßEGAL! DU SIEHST AUS WIE ER UND BENIMMST DICH WIE ER!“
  „Du gehörst doch ins Irrenheim...“. kam die abfällige Antwort. „Kein Mensch ist gleich. Was hat dein Vater so schreckliches getan, dass du gleich jeden hasst, der so aussieht, wie er?“
  „Was geht dich das an?“
  „Ich hab Zeit bis Sonnenaufgang“, fuhr der Gott schnell dazwischen. Er schnippte mit den Fingern und wie aus dem Nichts erschien eine Zeitung mit der Aufschrift „Götter-Tratsch“ vor seiner Nase.
  „Das geht mich ne ganze Menge an“, sagte Travon ohne auf den Zwischenkommentar des Gottes einzugehen. „Dann weiß ich wenigstens, ob ich so bin, wie er...“ Seramin biss sich abermals auf die Lippe und antwortete nicht. Er starrte auf den Boden, als ob dieser besonders interessant wäre.
  „Er ward von ihm geschlagen“, antwortete Montono für ihn. „Außerdem vermochte er mit seinen Schlägen die Mutter Seramins in den Wahnsinn zu treiben.“ Der Gott verschwand wieder hinter der Zeitschrift und musste herzhaft auflachen. „Typisch Unterweltgott...“
  Travon sah Seramin zornfunkelnd an, der noch immer den Boden musterte.
  „Dafür hältst du mich also?“, zischte er. „Für einen Verrückten, der Unschuldige schlägt und Frauen in den Wahnsinn treibt? Das bist ja wohl eher du!“
  Seramin sah auf. In seinen Augen glitzerte etwas merkwürdiges.
  „ICH BIN NICHT WIE MEIN VATER!“, schrie er.
  „Und ich erst recht nicht!“, kam es zurück. „Habe ich je jemanden ungefragt geschlagen? Nein! Aber du! Habe ich je jemanden in den Wahnsinn getrieben?“ Bei jedem Satz machte Travon einen Schritt auf Seramin zu, der zum ersten Mal zurückwich. Als er den letzten Satz aussprach, riss bei diesem der Geduldsfaden.
  „DU HAST MICH IN DEN WAHNSINN GETRIEBEN!“, schrie er mit geballten Fäusten. Travon stellte überrascht fest, das der Braunhaarige Tränen in den Augen hatte.
  „Ich dachte ich sei meinen Vater los, aber als du auftauchtest holten mich diese ganzen schrecklichen Erinnerungen ein!“, sprudelte es aus ihm hervor. „Und als du dich auch noch so benahmst wie er, gingen bei mir die Sicherung durch. DU VERDAMMTER IDIOT!“ Ein Schluchzen... „Warum musst du dich auch so kleiden wie er! WARUM?“ Die ersten Tränen liefen dem verzweifelten jungen Mann über die Wangen und er vergrub beschämt sein Gesicht in den Händen.
  „Ich kleide mich so, seit ich gesehen habe, wie meine beste Freundin von einem verdammten Raser überfahren wurde. Sie war meine einzige Freundin bisher gewesen. Und nun hör auf zu flennen! Das ist ja jämmerlich.“ Da Travon nicht wusste, wie man mit weinenden Menschen umging, erfasste er einfach mit beiden Händen seine Schulter.
  Er schrie überrascht auf, als Seramin aufschluchzte und ihn stürmisch umarmte. Er blinzelte auf den Kleineren herab und schluckte. Wollte dieser Mann ihn nicht umbringen? Wieso hing er jetzt an ihm wie ein kleines Kind?
  „Es tut mir Leid!“, schluchzte Seramin. „Ich habe mich so in meinen Hass reingesteigert, dass ich gar nicht gesehen habe, dass du gar nicht mein Vater bist! Ich habe dich bedroht, weil ich dich loswerden wollte. Ich konnte deinen Anblick nicht ertragen! Du du du …. Schwarzmagier !“  Travon packte erneut seine Schulter und schob den Braunhaarigen von sich. Seramins Gesicht war Tränenüberströmt. Er senkte sogleich den Kopf. 
  „Er hat dir wohl sehr viel angetan, wenn du mich gleich dafür umbringen willst, nur weil ich so aussehe wie er...“ Seramin nickte stumm und wischte sich dann mit einer energischen Handbewegung die Tränen aus dem Gesicht.
  „Ich bin so ein Idiot“, murmelte er.
  „Allerdings“, antwortete Travon leise.
  „Du bist keinen Dreck besser. Nur, weil mal jemand stirbt, verschließt du dich gleich vor allem!“ Travon verengte seine Augen zu Schlitzen.
  „Sie wurde rücksichtslos über...“ Doch er  verstummte, als Seramin mit dem Kopf schüttelte.
  „Du bist genauso ein Idiot...“
  „Ho! Ho! Ho!“, fuhr der Gott dazwischen. Er hielt die Zeitung noch immer in der Hand, sah aber mit einem rührseligen Lächeln auf die Beiden herab. „Meine Aufgabe ist ja wohl dann erledigt. Wohl an! Ich hoffe, wir sehen und nicht mehr.“ Er lachte noch Mal laut auf, so dass die Erde rumpelte. „Auf Nimmerwiedersehn!“ Mit diesen Worten verschwand der Gott mit einem dröhnend lauten ‚Puff’.
  Wieder schoss eine gewaltige Druckwelle über die Beiden hinweg. Seramin wurde erfasst und weg geschleudert - genau in Travons Arme, der mit ihm zu Bode ging.
  Der Staub verflog langsam. Seramin blinzelte und starrte auf etwas schwarzes. Er hatte sich instinktiv an das nächst beste geklammert und das war wohl Travons Oberkörper gewesen. Seramin wurde rot und sah in Travons ausdrucksloses Gesicht, der ihn nichtssagend musterte. 
  Dieser räusperte sich.
  „Es wäre schön, wenn du jetzt von mir heruntergehen würdest“, sagte er leise. Seramin sprang wie von der Tarantel gestochen auf und putzte sich die Kleidung ab.
  „Das bleibt aber unter uns“, sagte er dann in einem normalen Tonfall. „Und wehe...“ Seramin verstummte, da Travon vor ihn getreten war. Sein Gesicht war ausdruckslos wie eh und je und zeigte keine Emotionen.
  „Wolltest du mich nicht umbringen?“, fragte er mit dunkler Stimme. Seramin öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.
  „Wenn du weiter so komisch schaust, dann tue ich es wirklich!“, kam die rüde Antwort. Travon jedoch änderte seinen Gesichtsausdruck nicht.
  „Tut mir Leid, aber das ist mir angeboren...“ Er zuckte mit den Schultern. „Wir sollten uns wieder heimwärts bewegen.“


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