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PolsprungInhaltsverzeichnis

– eine gestaltete Interpretation

Interpretation


von MagunSimurgh

Der Text „Polsprung“ von F. S. aus dem Jahr 2010 ist eine Lüge. Er sagt die Apokalypse, das Ende unserer Zivilisation, im Menschen voraus. Sie ist dem Text zufolge kein wissenschaftlicher, aber dennoch ein logischer Vorgang, an dessen Ende der Mensch sich selbst erkannt oder zerstört haben wird.
Der Titel „Polsprung“ beschreibt ein Ereignis, wie es im Zyklus eines Planeten wie der Erde nur alle 250 000 Jahre vorkommt. Es beschreibt den Vorgang der Umkehr der Magnetpole des Erdmagnetfeldes. Wissenschaftliche Theorien darüber, was passieren könnte, würde dieses Ereignis plötzlich eintreten, verheißen apokalyptische Zustände. In diesem Zusammenhang lässt sich das Werk als Zäsur im Leben des lyrischen Subjekts verstehen.
Die 18 Verse des Werkes sind scheinbar willkürlich verteilt. Doch die Einschnitte ergeben bei genauerer Betrachtung durchaus ein komplexes Bild.
Das Werk beginnt mit einer Chiffre, die – gleich der Sphinx in Ägypten – über das Geheimnis des Folgenden zu wachen scheint. Innere Konversion (V. 1) ist ein Phänomen der Quantenmechanik, bei dem ein System strahlungsfrei aber unter Wärmeabgabe in einen energetisch niedrigeren Zustand wechselt. Übertragen auf das lyrische Ich lässt das zwei mögliche Schlüsse zu:

a) Innere Konversion ist eine Art letzte Wärmequelle für das lyrische Subjekt. Es verlässt seinen aufgeladenen Zustand (solch einer könnte Wut sein oder Freude), ohne größere Strahlungsmengen abzugeben. Ein Mensch, der seine Emotionen strahlungsfrei abbaut, ohne sich seiner Umwelt definiert mitzuteilen. Daraus resultiert eine soziale Abschottung. Eine Art Weigerung, über Entscheidendes zu kommunizieren. Offenbar labt sich das lyr. Ich an seinen eigenen Empfindungen, um irgendeine Quelle des Rückhalts und der Regeneration zu finden.

b) Deutet man den Vorgang weniger personenimmanent, ergibt sich auch die Möglichkeit, dass eine Art Abnutzung gemeint ist: Die Umwelt regt den Menschen an und auf. Er wird wütend, gefühlsduselig, traurig, sentimental, er betrinkt sich mit Emotionen. Den folgenden Rausch kann entweder unter heftiger Reaktion oder innerlich zerbrechend abbauen. Die Wärme wird in Fieber umgewandelt, wodurch sie seelisch unweigerlich verpufft. Das lyr. Subjekt verbraucht sich an seinem Nichtreden, es leidet.

Welche Interpretation man auch vorzieht, eins ist klar, der Zustand ist labil und mit seelischem Schmerz verbunden, die „[zerreißende] Plattentektonik“ stellt das bereits in Vers 1 unweigerlich klar.

In den folgenden beiden Strophen (Vers 2 bis 8) werden die verschiedenen Ermüdungserscheinungen des lyrischen Subjekts näher beschrieben. Die Strophen unterscheiden sich in der Bildebene. Während Vers 2 bis 4 eher chiffrenhaft und verschlüsselt wirkt, erzeugen Vers 5 bis 8 einen leichter zugänglichen Blickwinkel.

Sich „den Rausch aus[zu]schlafen“ (V. 2), führt den Eindruck des Eingangsverses über die seelische Zerstörtheit beziehungsweise Verstörtheit des lyrischen Subjekts fort, dabei setzt der Autor weiterhin auf Extreme. Der „Dreck“ (V.3) meint in diesem Fall ,Ablagerungen‘, die sich tief in der Psyche verankert haben. Schlafforschern zufolge haben Träume unter anderem eine Verarbeitungsfunktion für Probleme, die im Wachzustand, nicht oder unzureichend gelöst werden konnten. Wie weitreichend das im Fall des lyrischen Subjekts geht, lässt sich im Bild der „Knochen“ (V.3) ansatzweise nachvollziehen.
In den Versen 4 und 5 driftet der Text ins beinahe Absurde ab und übersteigert damit den bereits gewonnen Eindruck.
Strophe 2 wendet den Blick zu einer einfacheren, körperlichen Erschöpfung. Die „E-Gitarre“ (V.7) könnte Kreativität symbolisieren. Das lyrische Subjekt tobt sich quasi über eine kreative Ader aus. Dabei greift „vibrieren“ (V.6) das Irreale der ersten Strophe auf und bestätigt erneut den Eindruck der heftigen Aufgewühltheit.
In der folgenden Strophe wird das Bild der Musik als Überleitung benutzt, um dem Absurden impressionistische Züge zu injizieren. Dabei deutet „E-Moll“ (V.9) eine eher melancholische Grundstimmung an. „Traumwandler“ (V.10) könnte man wiederum ambivalent deuten:
a) Ein „Traumwandler“ könnte eine Art Maschine sein, die aus Träumen etwas Anderes formt oder sie gar real werden lässt. Für das lyrische Subjekt wäre das ein bequemer Weg, seine Handlungsunfähigkeit zu überwinden. Insofern ergibt es durchaus Sinn, so etwas zu fantasieren.
b) Aber ein „Traumwandler“ könnte auch eine Person sein. Eine Art Gespenst eventuell, die sich durch viele Träume des lyrischen Subjekts zieht oder ein Gestaltwandler, der in jedem Traum ein anderes „Gesicht“ (V.10) hat.

„Gesicht“ deutet schlussendlich jedoch eher auf Deutung b) hin. Das „verdrehte[] Pferd[]“ (V.11) ist eine romantisch/ impressionistisch verträumte Version eines Sternbildes.

Anschließend wird der Traumwandler in Strophe 4 näher charakterisiert. Interessant ist hierbei, dass er „[gebrochenes] Englisch“ (V.12) spricht. Dabei stellen sich dem Leser insbesondere mehrere Fragen: Ist Englisch die Muttersprache des Traumwandlers oder Fremdsprache? Letzteres würde die mangelnde Sprachfertigkeit erklären. Doch warum spricht er dann in einer Fremdsprache mit dem lyrischen Subjekt – dazu noch in einer textfremden? Möglicherweise ist das die einzige Kommunikationsebene für den Traumwandler und das lyrische Ich. Daraus resultiert auch die in Strophe 1 und 2 offen gelegte Sehnsucht nach Verarbeitung – der Traumwandler steht somit für das Unterbewusstsein, dessen Impulse und Probleme im Schlaf gelöst werden sollten. Dies erfolgt allerdings nur unvollständig.
Das „Herz“ (V.12) als Symbol impliziert, dass auch der Traumwandler die Wunden des lyrischen Subjekts mit sich trägt, er ist ein Spiegelbild. Dennoch scheint der Drang zur Aufarbeitung nicht nachzulassen. Gleich einem Gespenst sucht er das lyr. Ich immer wieder heim.
Die Metapher des Tanzes in Vers 12 kann als Versuch des Emotionsausdrucks verstanden werden. Der darauf folgende Vergleich „wie sich Kafka Nietzsche träumte“ (V.13) spielt auf zwei wichtige Figuren in Literatur beziehungsweise Philosophie zur Jahrhundertwende um 1900 an. Beide sind jedoch für ihre ausgesprochene Zerbrechlichkeit bekannt – sowohl körperlich als auch seelisch. Während bei Charakterisierungen Kafkas immer wieder das Trauma der schlechten Beziehung zu seinem Vater hervorgehoben wird, betont man bei Nietzsche of seine anhaltende, lebenslange Einsamkeit. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie ihr Leben lang keine anhaltende feste Liebesbindung führten. Beide starben nach Krankheit und relativ jung.
Das Wissen um diese Fakten charakterisiert den Tanz näher: Es muss ein trauriger sein und ein zarter. Der Traumwandler als Spiegel des lyrischen Subjekts scheint also in seinem allgemeinen Zustand vergleichbar zu sein. Das lyr. Subjekt gibt damit der Zerstörtheit, die es an sich sieht, erneut eine sehr krasse Versinnbildlichung. Der elliptische Abschlussvers dieser Strophe zieht ein erstes Fazit: „Große Namen, dahinter ein Mensch.“ (V.14) Nach außen hin sehr starke und profilreiche Charaktere sind im Grunde nichts als Menschen – und darin sehr schwach und angreifbar.

Die letzte Strophe wechselt noch einmal die Perspektive auf die Personifizierung des Traumwandlers. Im Vers 15 wird er als Lehrer oder Dozent dargestellt, der das Wissen an die „Tafel“ (V.15) bringt – dabei drückt der Neologismus „Kreidekleister“ (V.15) eine Unverwischbarkeit aus. Was einmal da steht, kann nicht zurückgenommen werden. Das ist eine Anlehnung an ein Zitat von Friedrich Dürrenmatt: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ (Die Physiker)
Diese Intertextualität kann als wichtiger Deutungshinweis des Autors verstanden werden. Er teilt dem Leser auf diese Weise mit, dass das Gesamtwerk in einem Absurden beziehungsweise Grotesken Zusammenhang verstanden werden soll. Allerdings verbirgt sich darin auch ein Hinweis auf eine weitere Qual des lyrischen Ichs. Es zermartert sich das „Hirn“ (V.16), bis zum völligen Paradoxon. Denn je mehr bedacht wird, je mehr Wissen in Überlegungen einfließt, desto von Selbstzweifeln behafteter wird das Ergebnis. Das Wortspiel „abgeschmiert“ (V.17) veranschaulicht ebendiese Ambivalenz. Es könnte sich um „abgeschmiert“ (wie ein kaputter Motor) handeln oder um „abgeschmiert“ (wie Dreck von der Hose).
So wie die Strophe mit keinem klaren Bild endet, führen die Überlegungen des lyrischen Subjekts zu keinem endgültigen Ergebnis. Deshalb das ernüchternde Fazit im Parallelismus (V.14 und V.18): „Großes Wissen, dahinter Verzweiflung.“ Bei allem offenbar vorhandenen intellektuellen Wissen und aller Bildung (wie sie durch Andeutungen mehrfach bewiesen wird) kommt das Gedicht zu keinem wirklichen Ende. Er könnte am Endpunkt genauso wieder bei der Erschöpfung des Anfangs beginnen. Beim Verlangen nach Schlaf als Rückzug.

In diesem insgesamt sehr fragmentarischen, abstrakten Gedicht beschreibt sich eine Art intellektuelle Identitätskrise. Das geballte Wissen der Entstehungszeit (so man denn textextern deutet) reicht nicht, um die ursprünglichste Frage des „Wer bin ich?“ zu klären. Der Text kreist damit um die Eingangsthese: Entweder der Mensch erkennt sich „am Ende aller Dinge“ (Friedrich Nietzsche) selbst oder er wird zugrunde gehen in einer Apokalypse, wie sie nur in einem Menschen stattfinden kann und niemals außerhalb.

PolsprungInhaltsverzeichnis
MagunSimurgh
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Dies ist ein Text des mehrteiligen Textes Polsprung.
Veröffentlicht am 22.04.2010, 3 mal überarbeitet (letzte Änderung am 16.05.2010). Textlänge: 1.319 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.244 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 03.11.2019.
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