Lila - Der Gutshof

Roman zum Thema Tragik

von  Mutter

Kurz nach Mittag, nachdem sie eine flache Furt überquert hatten, kam ihnen eine Gruppe Reiter entgegen. Das erste, was Tibao an ihnen auffiel, waren die feingegerbten Wolfsfelle, die alle fünf um die Schultern trugen. Zwei von ihnen waren mit sauber geschmiedeten Kettenhemden gerüstet, und alle bis auf einen waren mit langen Schwertern, kleinen Reiterschilden und einer langen Lanze bewaffnet. Nur der Anführer war mit zwei kurzen Äxten, die in seinem Gürtel steckten, bewaffnet.
‚Gelb zum Gruße, Reisende‘, grüßte der Anführer höflich, aber wenig freundlich.
‚Möge Blau Euch auf dem rechten Weg führen‘, antwortete Tibao gelassen.
‚Ihr seid nicht zufällig einem entlaufenen Briganten begegnet? Begleitet von zwei großen Hunden, wie sie unten in den Vogtlanden der Südmarschen üblich sind?‘ Der Mann ließ einen barschen Unterton mitschwingen, der deutlich machte, dass er eine umfassende Antwort erwartete.
‚Uns sind zwar Reisende begegnet, aber gewiss keiner, der zwei solche Hunde bei sich hatte. Sollten wir uns vor ihm in Acht nehmen? Was hat er auf dem Kerbholz?‘
‚Er hat ein einsames Gehöft überfallen und bei seiner Verfolgung zwei meiner Männer schwer verletzt. Wir müssen seiner dringend habhaft werden‘, entgegnete der Anführer.
‚Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Mitglieder des Wolfsordens seid?‘
Der Anführer nickte und Tibao konnte sehen, dass sich die Männer ein wenig aufrechter in den Sattel schoben, die Brust ein kleines bisschen mehr streckten. Die meisten von ihnen schienen noch sehr jung, kaum älter als zwanzig - aber keiner von ihnen besaß das weiche Gesicht eines Jünglings. In ihren Augen stand die Härte des erfahrenen Kriegers. Es würde für Harlan vermutlich nicht einfach werden, diesen Männern zu entkommen.
Der Anführer salutierte und lenkte sein Pferd am Wagen vorbei. ‚Habt Dank, meine Herren. Eine angenehme Reise - Gelb zum Gruß.‘
Ebenfalls salutierend, ritten die jungen Männer an den kleinen Zweispänner vorbei und galoppierten den Waldweg hinunter.
Ferron wartete einen kleinen Moment und wandte sich dann an Tibao. ‚Warum hast du ihnen nicht die Wahrheit gesagt? Ich habe keine Lust auf Ärger mit den Kerlen.‘
Tibao zuckte nur mit den Schultern. ‚Harlan wird genug Schwierigkeiten haben, den Ordensleuten zu entkommen - auch ohne unsere Hilfe. Er war wenigstens höflich genug, sich vorzustellen. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf.‘ Damit war die Diskussion für ihn beendet, aber Ferrons Stimmung hatte sich keinesfalls gebessert.

Ein, zwei Stunden vor Einbruch der Dämmerung erreichten sie den ersten Wegweiser, der auf das Weingut verwies, das sie suchten. Tibao ließ die Pferde eine etwas schnellere Gangart einschlagen, aber als sie eine Hügelkuppe erreichten, die eigentlich den Blick auf die verwunschene Landschaft des Weintals freigeben sollte, wurden sie grausam überrascht. Vom Herrenhaus des Weingutes standen nur noch schwelende Ruinen, und die Dächer der meisten Nebengebäude und Ställe hatten ebenfalls gebrannt und waren in der Folge eingestürzt.
Das Tor in der mannshohen Steinmauer, die das Anwesen umfasste, stand offen. Draußen waren keinerlei Spuren eines Kampfes zu erkennen, aber innen war der Sand des Hofes heftig durchwühlt worden und an vielen Stellen durch eingesickertes Blut bräunlich verfärbt. Leichen konnten sie keine sehen, aber außerhalb der Mauer, am Fuß der Weinberge, konnte Tibao eine ganze Reihe sorgfältig angelegter, frischer Gräber sehen.
Er machte Ferron darauf aufmerksam. ‚Glaubst du, die Angreifer hatten den Anstand, ihre Opfer zu bestatten?‘
Der große Mann zuckte nur mit den Schultern und lief den Weg nach unten auf das Gut zu. Tibao schnalzte mit der Zunge und setzte den Wagen in Bewegung, Ferron folgend.

Nachdem sie sich auf dem Gut und in der Umgebung umgesehen hatten, kam Tibao zu dem Schluss, dass vor ihnen bereits jemand hier gewesen war und unter anderem die Toten begraben hatte. Ob sich unter den Leichen auch Angreifer befunden hatten, ließ sich nicht abschätzen. Sie begannen, die Ruinen und Trümmer zu durchsuchen, um den Stein, nachdem Sua sie ausgeschickt hatte, zu finden.
Mit dem Schwinden des letzten Lichtes mussten sie die Suche aufgeben. Sie fanden sich außerhalb der Mauern, wo die Ponys geduldig in ihrem Geschirr standen, müde und verdreckt wieder ein.
‚Ich komme mir vor wie ein Leichenfledderer. Das Ganze widert mich an‘, stöhnte Tibao und ließ sich in das weiche Gras fallen.
Ferron fing an, die Ponys loszumachen und entgegnete: ‚Selbst wenn der Stein noch hier wäre - was ich bezweifele - haben wir keinerlei Chance, ihn unter den Trümmern zu finden. Wir müssten monatelang danach suchen.‘
Er fuhr sich durch die langen Haare. ‚Der Stein würde als einziges einen Grund für einen derartigen Überfall darstellen. Da drinnen sind mindestens zwei Dutzend Leute getötet worden. Ich nehme an, dass zumindest einige der Knechte mit Waffen umgehen konnten, so dass der Hof sicher keine leichte Beute darstellte.‘
‚Ich habe mir die Spuren angesehen. Ich schätze, dass es mindestens zwanzig, vielleicht dreißig Angreifer gewesen sein müssen - alle beritten.‘
Der blonde Schmied sah zu ihm rüber. ‚Also keine Gebirgsstämme.‘
Tibao schüttelte den Kopf. ‚Und auch keine Trolle, und niemand aus dem Hochland. Das hier waren keine Ponys, sondern richtige Pferde.‘
Sie hatten in zwei Eimern Wasser aus dem Brunnen auf dem Hof mitgebracht und Ferron begann, die Tiere zu tränken.
Weiter südlich läge möglicherweise der Verdacht nahe, dass Söldner oder unterbeschäftigte Soldaten den Überfall verübt hätten. Auf der anderen Seite des Hochlandes dagegen herrschte praktisch Bürgerkrieg zwischen den Grafen von Sedefan und Larkas, und derartige Gräueltaten waren keine Seltenheit. Tibao konnte sich nicht vorstellen, wer in dieser Gegend eine Untat von solchen Ausmaßen verüben konnte.
Schweigend aßen sie ein kaltes Abendbrot und legten sich bald darauf schlafen. Ihnen war nicht besonders wohl bei dem Gedanken, so dicht an dem ausgebrannten Gehöft zu lagern, aber andererseits schien die lautlose Stille des Ortes eine gewisse Sicherheit zu geben – fast so, als hätte sich die Gewalt hier bereits verausgabt.

Kurz nach Morgengrauen machten sie den Wagen reisefertig. Sie hatten sich entschlossen, keine weitere Zeit mit der Suche nach dem Stein zu verbringen, sondern über Andra nach Süden zu reisen, und auf dem Weg dorthin vielleicht etwas über den Überfall in Erfahrung zu bringen.
Das Wetter war in der Nacht wieder umgeschlagen und es hatte begonnen zu nieseln. In festen Filz gehüllt, lenkte Tibao niedergeschlagen den Wagen und philosophierte still über die Auswirkungen des Wetters auf die Stimmung und vor allem umgekehrt. Kurze Zeit später verstärkte sich der Regen und die Wege begannen, darunter zu leiden. Mehrmals wurde er aus seinen Gedanken gerissen, weil er den Wagen um sich bildende Schlammpfützen steuern musste. Einmal blieb der Wagen sogar stecken. Unter heftigen Flüchen und Zuhilfenahme eines stabilen jungen Birkenstammes gelang es Ferron und den Ponys, den Wagen wieder flottzumachen. Obwohl der Schmied vermutlich wusste, dass das Loch bei der schlechten Sicht kaum zu erkennen gewesen war, fühlte Tibao Ferrons stummen Vorwurf.
Der Tua hatte sich daraufhin entschlossen, vor dem Wagen her zu laufen. Tibao nahm an, das geschah mehr aus dem Bedürfnis heraus, eine Weile für sich zu sein, als aus der Furcht davor, ein weiteres Mal zu versacken.
Sie kamen an dem Tag nur schlecht voran. Durch den bedeckten Himmel und die früh hereinbrechende Dunkelheit mussten sie relativ früh einen Platz für die Nacht suchen. Eine Suche, die durch den sich verändernden Bewuchs nicht einfacher wurde: Die Bäume wuchsen so weit südlich spärlicher, und wo mächtige Eichen und Kastanien mehr und mehr schlankeren Birken und Eschen wichen, verschwand auch die Deckung, die sie vor dem unangenehmen Wetter boten.
Tibao entschloss sich, im Wagen zu übernachten. Ferron, für den im Inneren auch alleine kaum Platz genug gewesen wäre, wickelte sich dagegen in sein Fell und schlief unter freiem Himmel.
Die beiden hatten auch den Rest des Tages wenig miteinander gesprochen. Tibao fühlte die düstere Stimmung seines Freundes immer mehr auch auf sich übergreifen. Er wusste, dass Ferron tagelang in schwarze Melancholie verfallen konnte. Der Tua war daraus nur schwer wieder zu befreien.

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