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Erzählung


von Sanchina

Der alte Mann besaß seit Jahren keine eigene Wohnung mehr. Manchmal schlief er im Obdachlosenasyl. Doch meistens zog er es vor, draußen zu bleiben. Es machte ihm schon lange nichts mehr aus. Sein Stammplatz war die mittlere der fünf Bänke unter den Arkaden des alten Rathauses. Er schlief noch, wenn morgens Menschen an ihm vorbei zu ihren Arbeitsplätzen eilten. Er beneidete sie nicht. Er war auf seine Art zufrieden. Er war davon überzeugt, immer noch ein guter Christ zu sein. Deshalb stammte sein Bittspruch aus dem Vater-Unser: „Unser täglich Brot gib uns heute,“ sagte er zu den Leuten, als wäre jeder Passant der Vater selbst. Meistens bekam er nichts, gelegentlich erhielt er eine Münze, und einmal hatte ihm ein junger Mann seine Tüte voller Quarkbällchen hingehalten, aus der er sich bedienen durfte.

Eines Morgens fiel dem alten Mann eine Frau in einem dunkelroten Wintermantel auf. Sie mochte etwa in seinem Alter sein. Von diesem Tag an stand der alte Mann morgens sehr viel früher auf als bisher. Ungeduldig verfolgten seine noch vom Schlaf getrübten Augen die Zeiger der Kirchturmuhr, bis diese auf sechs Minuten vor halb acht Uhr standen. Jetzt stieg die Frau aus der Straßenbahn. Sie kam täglich zur selben Zeit, von Montag bis Freitag. Sicher arbeitete sie in einem Büro irgendwo in der Innenstadt. Täglich trug sie den dunkelroten Mantel. Die rissigen Lippen des alten Mannes formten lautlos den Namen „Maria“. So nannte er bei sich die Frau. Lange wagte er es nicht, sie anzusprechen.

Die Frau hielt stets gebührenden Abstand zu den von schlafenden Gestalten belegten Bänken unter den Rathaus-Arkaden. Doch eines Morgens musste sie dem sperrigen Gefährt der Straßenkehrer ausweichen und unter die Arkaden treten. Da nahm der alte Mann all seinen Mut zusammen und sagte zu ihr: „Unser täglich Brot gib uns heute.“

Für den Bruchteil einer Sekunde senkten sich die Blicke von zwei Paar blauen Augen ineinander: die rot unterlaufenen, glanzlosen, wässrig-blauen Augen des verlebten Mannes trafen sich mit dem Blick der hellwachen, tiefblauen Augen der Frau. Sie wandte sich aber auf der Stelle ab und ging eilig weiter. Es war kalt an diesem Tag. Die Schritte der Passanten klirrten auf dem frostkalten Kopfsteinpflaster.

Der alte Mann sank auf seine Bank zurück. Er hatte es verpatzt, fand er. Weil er gelogen hatte, sagte sein Gewissen. Denn ihm war nicht nach Brot zumute, sondern nach dem Leib Christi in seiner flüssigen Gestalt. Er wollte sich betrinken, was er dann auch tat. Deshalb legte er sich an diesem Tag recht früh am Abend zum Schlafen auf seine Bank. Am nächsten Morgen weckte ihn der Schlag der Kirchturmuhr um sieben Uhr. Er rappelte sich auf und heftete seine Augen an die Zeiger der Uhr. Dabei schalt er sich einen alten Narren. Er hatte doch nicht die geringste Chance.

Kurz vor halb acht Uhr erschien die Frau. Vor der Bank des alten Mannes verhielt ihr Schritt. Sie griff in ihre Tasche, zog ein graues Päckchen daraus hervor und reichte es dem armen Mann. Sein gestammeltes „Vergelt's Gott“ hörte sie nicht mehr, denn schon eilte sie weiter – wie jeden Tag.

Der alte Mann fand in der Tüte – Brot! Zwei Scheiben reichlich gebuttertes Graubrot, mit recht dicken Scheiben Wurst belegt. Ehrfürchtig steckte er die Gabe in die Tasche seiner Hose. „Danke, Maria,“ hauchte er.

Der Herr musste ihn erhört haben, dachte der alte Mann bei sich, obwohl er doch gar nicht gebetet hatte. Ihm war gar nicht bewusst, dass er mehr als tausend Mal täglich betete, indem er seinen Bittspruch sagte. Bewusst gebetet hätte der alte Mann auch nicht um Brot, sondern darum, gesehen zu werden. Gesehen und beachtet, nur noch einmal in diesem Leben.

Gesehen wurde er ja oft an jedem Tag – in seinem öffentlichen Elend. Aber beachtet wurde er nicht.
Maria hatte ihm ein Brot gemacht! Maria hatte ihn beachtet! Er sah sie in ihrer Küche stehen, die er sich ganz weiß vorstellte. Sie schnitt das Brot für ihn, bestrich es liebevoll mit Butter und belegte es mit Wurst. Und er war bei ihr. Er saß am Küchentisch und sah ihr zu. Marias kleine Wohnung war warm und behaglich. Der alte Mann folgte der Angebeteten in das kleine Wohnzimmer, wo ein Fernsehapparat einen alten Film ausstrahlte. Maria kuschelte sich auf die sauberen Sofakissen.

Seufzend setzte der alte Mann die Rotweinflasche an den Mund. Es war erst später Vormittag und es war kalt. In seiner Hosentasche hatte er noch immer das unantastbare Wurstbrot von Maria.

Es war schon dunkel, als die Brüder, die auf den Nachbarbänken wohnten, die Polizei verständigten: „Der da hat sich seit Stunden nicht gerührt!“

Der Tote wurde in einem Blechsarg fortgeschafft – nicht völlig würdelos, sondern mit einem unberührten Wurstbrot in der ausgebeulten Hosentasche.


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Kommentare zu diesem Text


AZU20
Kommentar von AZU20 (24.11.2010)
Eine traurige Geschichte, wenn auch nicht hoffnungslos. LG
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Kommentar von chichi† (80) (24.11.2010)
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Kommentar von Manu (56) (24.11.2010)
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Kommentar von SigrunAl-Badri (52) (24.11.2010)
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AvaLiam
Kommentar von AvaLiam (03.12.2019)
ganz sicher war er in diesen, seinen letzten Momenten glücklich... und auf eine besondere Art auch nicht allein...


sicher gibt es reichlich gedanklichen Spielraum

Ich möchte aber einfach an ein friedliches, glückliches Ausatmen und das Gefühl, jemanden etwas wert zu sein glauben.

lG - Ava
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Veröffentlicht am 24.11.2010. Textlänge: 781 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.382 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 04.12.2019.
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