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InhaltsverzeichnisEpochentypische Gedichte. Expressionismus (1910-1925). Jakob van Hoddis: Weltende

Epochentypische Gedichte. Aufklärung. Lessing: Der Tanzbär

Lehrgedicht zum Thema Eitelkeit


von EkkehartMittelberg

Aufklärung (1720–1785) ist die auf das Barock (1600-1720) folgende literarische Epoche. Dieses Zeitalter skizziere ich mit einigen wichtigen Merkmalen und mit diesen nur, insoweit sie für das Verständnis von Lessings „Der Tanzbär“ aufschlussreich sind.
 Die Aufklärung ist maßgeblich durch Philosophie bestimmt, insbesondere durch die Immanuel Kants, der in seinem Werk „Was ist Aufklärung?“ dieser Epoche die Orientierung am Verstand als Leitziel vorgibt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen."
 Der Philosoph Leibniz (1646–1716) verbreitete den für die Aufklärung typischen Optimismus, indem er die Lehre von der „besten aller Welten“ verkündete.
 Die gottgegebene Vorherrschaft des Adels wurde vor allem in den großen Handelsstädten durch das selbstbewusst auftretende Bürgertum gebrochen, das sich auf die Vernunft berief. So wurde der dritte Stand, verkörpert durch Theologen, Philologen und Gelehrte zur tragenden Schicht der Aufklärung.
 Die Lyrik suchte sich von den Konventionen der höfischen Dichtung zu befreien. Neben Oden und Hymnen mit starken Gefühlsregungen entsprachen vor allem Gedankenlyrik und Lehrgedichte dem auf Verstand und Vernunft setzenden Zeitalter.
 Unter den literarischen Textsorten eignete sich vor allem die Fabel zur Belehrung über vernunftgemäßes Verhalten. Lessing, der eine eigene Fabeltheorie (1759) verfasste, schrieb seine Fabeln zum Teil als Lehrgedichte zur Besserung des Menschen, dessen Schwächen Tiere verkörpern.
Bevor ich zu der Interpretation des Gedichts komme, noch ein paar Worte zu dessen Autor. Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der einer protestantischen Theologenfamilie entstammte, machte sich vor allem als Schriftsteller (wichtigste Werke: 1767 Minna von Barnhelm, 1772 Emilia Galotti, 1779 Nathan der Weise), Literaturtheoretiker (17. Literaturbrief, Hamburgische Dramaturgie, Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie) und Übersetzer einen Namen. Ein ausführlicher Lebenslauf findet sich bei Wikipedia und bei www.Klassiker-der-Weltliteratur.de/lessing


Gotthold Ephraim Lessing: Der Tanzbär

Ein Tanzbär war der Kett` entrissen,
Kam wieder in den Wald zurück,
Und tanzte seiner Schar ein Meisterstück
Auf den gewohnten Hinterfüßen.
"Seht", schrie er, "das ist Kunst; das lernt man in der Welt.
Tut es mir nach, wenn`s euch gefällt,
Und wenn ihr könnt!" - "Geh", brummt ein alter Bär,
"Dergleichen Kunst, sie sei so schwer,
Sie sei so rar sie sei,
Zeigt deinen niedern Geist und deine Sklaverei."

Ein großer Hofmann sein,
Ein Mann, dem Schmeichelei und List
Statt Witz und Tugend ist;
Der durch Kabalen steigt, des Fürsten Gunst erstiehlt,
Mit Wort und Schwur als Komplimenten spielt,
Ein solcher Mann, ein großer Hofmann sein,
Schließt das Lob oder Tadel ein?

Es handelt sich hier um eine Fabel in der Form eines Lehrgedichts, in der - entgegen dem seit Äsop geläufigen Muster - nur eine Tierart, nämlich Bären, auftritt.
Der seiner natürlichen Lebensweise mit Gewalt („der Kett’ entrissen“) entfremdete Tanzbär kehrt als vermeintlicher Künstler in seine ursprüngliche Weltabgeschiedenheit zurück. Offensichtlich hat er sich in der Welt Prahlerei und Geltungsbedürfnis zu eigen gemacht. Das fordert die Kritik des alten Bären heraus, der – freilich mit ironischem Unterton - nicht ausschließt, dass das von dem jungen Bären vorgeführte Stück Kunst sei („Dergleichen Kunst, sie sei so schwer, sie sei so rar sie sei“), wohlmöglich schwierige Kunst. Das Missfallen des Alten zielt auf die kritiklose Anpassung des jungen Bären, der sich seiner Natur hat entfremden lassen und stolz auf die Kunst derer ist, die ihn versklavt haben.
Ohne Umschweife und mit dem für die Aufklärung typischen Selbstbewusstsein des bürgerlichen Dichters und Gelehrten zieht Lessing nun einen Vergleich zwischen einem großen Hofmann, der zur Zeit des Barock noch in hohem Ansehen stand, mit dem Tanzbären. Seine belehrende Absicht, sein Bestreben, nicht missverstanden zu werden, lassen den Dichter auf raffinierte, elegante Satire verzichten. Er nennt die Dinge beim Namen. Der Hofmann zeichnet sich weder durch Witz (Verstand) noch Tugend, sondern durch Schmeichelei und List aus. Er erwirbt die Gunst der Fürsten nicht durch ehrliche Arbeit, sondern durch Kabalen (Intrigen) und durch falsches Spiel mit Worten und Schwüren, die diesen als Komplimente gelten und sie dadurch mit ins Zwielicht bringen. Die beiden letzten Zeilen beenden das Gedicht mit einer rhetorischen Frage, die jedoch doppeldeutig ist. Dem Hofmann/ Tanzbären ist das Lob anderer von ihm übertrumpfter Höflinge und der Fürsten gewiss, der Tadel der Bären, die sich durch eitle, weltläufige „Meisterstücke“ nicht blenden lassen, aber ebenso. Nun wird deutlich, wer Lessings Adressaten sind. Es sind neben den Höflingen auch Bürger niederen Geistes (Vers 10), die sich ihrer Welt entfremden und die höfische Welt der Verstellung bewundern.
Das Gedicht zeigt, dass Kunst durch die Absicht zu belehren, an Eleganz verlieren kann. Man ist durch diese Absicht vielleicht nicht verstimmt, stellt aber mit einiger Überraschung fest, dass dem großen Lessing ein paar leicht fertige, hausbackene Reime genügt haben (entrissen - Hinterfüßen, Bär – schwer, sei - Sklaverei, List- ist, sein – ein). Ganz ausschließen kann man freilich nicht, dass sich Lessing mit dieser so schlicht gereimten Fabel volkstümlich geben wollte.

 
 

Kommentare zu diesem Text


ViktorVanHynthersin
Kommentar von ViktorVanHynthersin (18.12.2010)
Lieber Ekkehart,
mir zeigt Deine´treffliche Interpretation, dass wir Schreiberlinge meist "nur" unsere eigene Zeit (oder uns selbstverliebt) im Blick haben bzw. widerspiegeln. Es gelingt uns nur bedingt, uns aus ihrem Kontext zu lösen und "über den Dingen zu stehen". Die Freiheit des Geistes stößt schneller an Grenzen, als uns lieb ist. Ich freue mich auf weitere Interpretationen und den damit verbundenen Anregungen aus Deiner Feder.
Ganz herzliche Grüße
Viktor
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 19.12.2010:
Du hast es wieder einmal auf den Punkt gebracht Viktor. Indem wir uns mit vergangenen Epochen beschäftigen, lernen wir unser Erbe kennen und nur so können wir es sinnvoll eiterentwickeln. Vielen Dank Ekki
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irakulani
Kommentar von irakulani (18.12.2010)
Ich hoffe, das ist der Beginn einer Reihe, in der du uns weitere epochentypische Gedichte vorstellst und damit unseren Horizont erweiterst.

Herzliche Grüße
Ira
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EkkehartMittelberg antwortete darauf am 19.12.2010:
Ich werde deiner Anregung gerne folgen, Ira, auch wenn es ein bisschen dauern wird, bis diese Interpretationen ihre Leser finden. Lieben Dank auch dir.
diese Antwort melden
Kommentar von Regina (05.07.2014)
Dieser Text bringt dem Leser richtig viel.
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 05.07.2014:
Vielen Dank für deine Einschätzung, Regina.
LG
Ekki
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Dies ist ein Teil des mehrteiligen Textes Epochentypische Gedichte.
Veröffentlicht am 17.12.2010, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 22.12.2014). Dieser Text wurde bereits 95.350 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 20.10.2017.
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