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Reportage
Lebender, auch die Stimmung einfangender Bericht vor Ort mit subjektiver Note des Berichterstatters.
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Die Verdächtigen

Erzählung zum Thema Abenteuer


von KayGanahl

Minuten nach der Tat
Der Täter war unserer ersten Vermutung nach ein Geistesgestörter, denn er bezog gegenüber uns, den Touristen, die sich hier eingemietet hatten, eindrücklich politisch Stellung, indem er mit Wachsmalfarben die Parolen "Ausländer raus!!!" sowie "Scheißkerle sind nur die Deu ... !" an die Hotelzimmerwand schmierte, womit er seine Ablehnung kundtat, auch persönliches und politisches Ressentiment. Es machte uns betroffen, als wir das sehen mussten. Die Augen konnten wir zunächst von der Wand nicht abwenden.
Lange konnte er sich nicht bei uns aufgehalten haben, weil wir ungefähr gegen 11. 30 h am Tag bei halb zugezogenen Vorhängen aufwachten, nachdem wir fast die ganze Nacht unterwegs gewesen waren.
Gleich ins Auge fielen diese Parolen, auch dieses unglaubliche Durcheinander, dessen wir trotz unseres fehlenden Sinnes für gute Ordnung ansichtig wurden. Dann schossen wir panisch zur Hotelzimmertür hinaus, um noch etwas oder jemanden zu erspähen, fanden aber lediglich einen Mann mittleren Alters, sauber und adrett gekleidet, der niedergestreckt worden war. Er lag in seinem Blut. Tot sah er aus.
Die Polizei zu rufen war eine unabwendbare Notwendigkeit. Mit dem Handy. Sehr rasch trafen mehrere Beamte der örtlichen Polizei und Kriminalpolizei im Hotel ein, sicherten den Tatort und stellten erste Fragen. Und bei dieser schrecklichen Gelegenheit stellten wir schon wieder unsere fehlenden Kenntnisse hinsichtlich der Gesetze und Sitten in diesem Land fest. Es herrschte in diesem Land – nunmehr offensichtlich - eine Unfreiheit, die wir von unserem Heimatland her nicht kannten. Das mussten wir mit jedem einzelnen Tag unseres Urlaubsaufenthaltes feststellen. Es war bedauerlich.
Auch und gerade die Polizei und Kriminalpolizei waren im Allgemeinen ziemlich unverschämt von oben herab, geradezu herrisch, manchmal auch frech – zumal durstig nach schnellen, ihren Vorurteilen entsprechenden oberflächlichen Erklärungen. Das mussten wir hier und jetzt leidvoll erfahren! Uns ließen die drei eingetroffenen Polizei- und Kriminalpolizeibeamten noch nicht einmal in Ruhe ausreden, was wir für Tatsachen hielten. Das empörte uns. Zu allem kam an diesem frühen Morgen unsere kaum noch erträgliche Müdigkeit hinzu, die wir trotz oder wegen der begangenen Straftat nicht abschütteln konnten.
Warum wir? Warum hatte diese Straftat in unserem Hotelzimmer stattgefunden? Wer war der Täter? Wer war der Mann vor unserer Tür? Die Beantwortung dieser Fragen lag uns sehr auf dem Herzen, aber mit diesen steifen und autoritären Beamten war kaum zu reden.

Die dunkelhäutige, gesprächige Marina, die im Morgenmantel mit den Beamten zu kommunizieren versuchte, sagte zu einem der Beamten verärgert: „Dass ist uns sehr peinlich. Der Mann da scheint tot zu sein! Wir haben damit nichts zu tun. Geschlafen haben wir!“
Der Polizist nickte nur mit dem Kopf, Gleichgültigkeit und Desinteresse vermischten sich mit einem Unwirsch-Sein, einem unerklärlichen emotionalen Widerstand gegen unseren Tourismusstatus, so dass uns hier und jetzt fast übel geworden wäre. Ich konnte diese Respektlosigkeit nicht akzeptieren. Wir waren in diesem Land Gäste. Dieser Status sollte uns, dachte ich, vor jedweder Respektlosigkeit schützen, doch damit lag ich wohl bezüglich der realen Verhaltensweisen falsch. Nicht nur bei Vertretern der hiesigen Behörden. Einige Einheimische, die uns begegnet waren, fanden wir allerdings auch interessiert, fremdenfreundlich und höflich.
Überraschend wurde der Tote dann doch von einem der Hotelangestellten identifiziert: es war der Hotelinhaber, der da mitten im Flur vor unserem Zimmer lag. Er war uns persönlich unbekannt und wir konnten nichts für die uns widerfahrene Unbill, die rein zufällig uns, ja uns, widerfahren war. Offenbar (oder wir hatten eine Einbildung) dachten die Polizisten etwas anders, denn sie wurden frecher und frecher, je länger sie bei uns standen. Das empfanden wir als unangemessen, geradezu als eine Bedrohung! Ich nahm da auch mit meinen spärlichen Kenntnissen der Landessprache die eine oder andere Äußerung auf, die darauf schließen ließ, dass man uns als Tatverdächtige einzustufen begann. Das war nun sehr empörend.

Unter Verdacht
Eine Pause von dieser großen Peinlichkeit, in dergleichen involviert zu sein, was zunächst mit der Aufnahme von Zeugenaussagen am Tatort verbunden war, genehmigten sie uns nicht. Wir mussten uns schließlich nach der Befragung eines jeden von uns im Zimmer vollständig ankleiden, wofür wir eine halbe Stunde Zeit bekamen. Währenddessen stand ein Polizist und stand auch eine Polizistin vor der Hotel-Tür Wache.
Während die Spuren am Tatort von inzwischen eingetroffenen Spezialisten gesichert wurden, wurden wir in einem blauweißen Fahrzeug der kleinstädtischen Polizeibehörde fortgebracht. Es war so, dass wir trotz unserer räumlichen Nähe zum Tatort im Grunde nichts wussten. Die zwei Beamten im Fahrzeug sprachen unverständliches Zeug zu uns, welches lediglich Marina wenigstens ein bisschen zu verstehen wusste. Stets sahen wir die Gefahr, in irgendeiner Hinsicht in den Nachteil zu geraten. Das war auf Dauer kein Zustand.
Was werden bald unsere Bekannten von uns sagen, wenn sie von unserem Leid erfahren? Werden wir von ihnen auch verdächtigt werden? Das Faktum, dass wir (auch) die Opfer einer Straftat waren, Ausgeraubte nämlich, schien momentan die Vertreter der Staatsgewalt wenig zu interessieren, geschweige denn zu stören. Sie steuerten das Fahrzeug zu einem grauen Gebäude am Marktplatz der Stadt, wo wir dem Fahrzeug erst einmal entstiegen und auf das Gebäude zugingen, wobei wir mit unfreundlich-ironischen Einladungen in das Gebäude auch noch verhöhnt wurden. So kam es uns jedenfalls vor! Die Beamten führten uns erheitert durch das Treppenhaus, da fehlten jetzt nur noch Handschellen.

„Was soll das?“ fragte ich gebrochen in der Landessprache den leitenden Polizeibeamten, der sich dann auf einmal vor uns aufbaute, - ein untersetzter schmächtiger Mensch mit spitzer Nase, spitzem Kinn und schmalem Oberlippenbart, alles in schwarz, dessen Schwatzhaftigkeit sehr enervierend war. Natürlich verstanden wir nichts. Auch Marina konnte jetzt nicht viel mit dem Geäußerten anfangen. Offensichtlich brauchten wir dringend einen Dolmetscher, damit es für uns besser weitergehen konnte. Mir war wirklich jede gute Stimmung ein Unmögliches. Marina blickte mich an und schwieg. Thomas versuchte sein nettestes Lächeln aufzusetzen, doch es misslang kläglich. Er war zwar ein Meter und neunzig Zentimeter groß, würde sich aber gegen die geballte Staatsmacht nicht wehren können.
Thomas sagte: „Wieder so eine Situation, mit der wir fertig werden müssen …!“
„Allerdings!“ gab ich ihm leise zu hören. Der Leitende starrte mich böse an. Er stieß mich in die rechte Seite, so dass ich auf einem der Stühle landete.
„Hier wird gearbeitet!!! Das kennt Ihr doch??!! Oder?“ sagte er mit großer Lautstärke, - und so frech, dass es mich empörte. Er sprach in unserer Sprache mit dem landessprachlichen Akzent. Trotzdem … ein Dolmetscher war ein Muss. Thomas wagte nicht einmal ein Kopfschütteln und Marina blickte zu Boden. Sie war ziemlich eingeschüchtert.
„Wir … wir allein müssen den Fall lösen ... was sonst. Von unseren Vorgehensweisen wissen Sie nichts. Deshalb sollten Sie uns vertrauen. Das hier ist die Polizei. Wir sind Polizisten! Vertrauen Sie uns, bitte!?“ sagte er zerknirscht.
„Sie sprechen aber gut …!“ reagierte ich darauf. Sein Lächeln wirkte auf mich aufrichtig. Dann kam da noch etwas aus seinem Mund in einem Ton, der den Eindruck vermittelte, dass er glaubte, es mit Analphabeten zu tun zu haben, oder mit Kindern, oder mit … keine Ahnung. Hiernach verweigerte ich jede weitere Äußerung. Alle verhielten wir uns nunmehr so. Danach wurden wir in Einzelzellen gesperrt. Unsere Empörung war groß, aber wir konnten gegen diese Maßnahme nichts tun.


Der Tag darauf
Am Tag darauf, gegen Mittag, traten wir, die wir aus Schlafmangel sehr müde waren, allesamt vor einen kriminalpolizeilichen Untersuchungsbeamten, dem Vorgesetzten des Vorgesetzten, dem wir von unserer Warte aus alles hatten schildern dürfen, doch ein Dolmetscher fehlte noch immer, was mir Anlass zu einigem Trübsinn war. Dies teilte ich dem Vorgesetzten des Vorgesetzten auch mit, woraufhin dieser mit dem Kopf nickte, sich steif an seinen Schreibtisch setzte und dazu überging, einen Gesichtsausdruck zu zeigen, der mir von Kälte und Ablehnung kündete, was mir feindselig vorkam, nichtsdestotrotz in dieser Situation hingenommen werden musste, weil die Polizei offenbar im Dunkeln tappte und nichts von gar nichts unterscheiden wollte. Die ganze Polizeibehörde dieser Stadt war vielleicht überfordert mit unserem Fall. Doch weil wir die Landessprache nicht beherrschten, war von ihrer Seite aus sicherlich Vorsicht, war Sorgfalt im Extrem vonnöten.
Während ich, vor diesem Untersuchungsbeamten sitzend, darüber intensiv nachdachte, erkannte ich die Notwendigkeit des Einsatzes eines Dolmetschers, weil wir für diese Leute eben Fremdlinge waren, die hier, auch für die Polizisten, vielleicht allem Anschein nach grundlos unseren Urlaub verbrachten. Sie mussten nicht unbedingt vermuten, dass wir einfach nur harmlose Touristen waren. Alles – unser Hiersein, unser Auftreten, unsere Verbindung zum Kriminalfall -  konnte ihnen wie ein billiger Versuch der Irreführung vorkommen. Wir wussten durchaus nicht woran wir waren. Aber: Sie wussten es - meinte ich annehmen zu müssen.
… die Parolen – die Leiche im Flur - gestohlene Klamotten. Wenn das zusammengezogen wurde, so musste diesen Beamten klar sein, dass wir unschuldig waren. Es musste auf der Hand liegen, oder? Warum waren sie so unfreundlich zu uns? Warum stellten sie uns nicht endlich einen Dolmetscher zur Verfügung, da wir uns hier doch in einem von Touristen frequentierten Ort befanden?
Der Untersuchungsbeamte gab einem der zwei Beamten einen Befehl. Dieser nahm sofort meine Frau fort. Sie wurde weggebracht.

„Ist das hier das übliche Verfahren?“ fragte ich nunmehr empört den Untersuchungsbeamten, der die Frage nicht zur Kenntnis nahm, wie es schien. Er wechselte ein paar Worte mit dem anderen noch anwesenden Polizisten. Meine eigenen Kenntnisse der Landessprache erschienen mir lächerlich gering. Vielleicht informierte sich der Untersuchungsbeamte gerade über die Möglichkeit oder auch nur die Notwendigkeit der Bestellung eines Dolmetschers. Es begab sich aber offenbar nichts Entscheidendes.
Die beiden Beamten verloren sich im intensiven Gespräch, das mir wie ein einziges Durcheinander-Quatschen vorkam. Ich wollte nur noch fort von hier. Gerne wäre ich jetzt zwischen die beiden gefahren: um sie zu zerren, zu irritieren, sie zu zwingen. Sie sollten nämlich wenigstens meinen Hand- und Armzeichen folgen, wozu sie sich, auch der Untersuchungsbeamte, momentan nicht imstande sahen.
Unsere Unschuld hätte jedermann gegenüber ganz offensichtlich sein müssen, eigentlich hätte man uns in der Pension lassen können. Die Vernehmung im Hauptquartier des Städtchens hielt ich für falsch. 

„Warum holen Sie nicht endlich mal einen kundigen Dolmetscher, damit wir die Zeit nutzen können!“ rief ich zum Untersuchungsbeamten rüber. Der staunte ob meiner Dreistigkeit.
„Da bin ich schon!!!“ tönte es in der Tür. Ein hagerer Mann in Shorts war sichtbar. Er grinste übers ganze Gesicht.

Vorhänge im Zimmer waren zugezogen worden. Ein paar Türen wurden geschlagen. Dann kehrte eine unheimliche Ruhe ein.
Marina fehlte. Ich und der Dolmetscher waren vorübergehend allein im Zimmer. Wir unterhielten uns. Er konnte nicht viel mit seinen Dolmetscher-Fähigkeiten zur Klärung des Sachverhalts beitragen, so hatte ich den Eindruck, aber immerhin erging er sich in dunklen Anspielungen zur derzeitigen politischen Lage im Lande, in welches wir besser nicht gekommen wären, wie er mir zu verstehen gab.
Dann zeigte er mir einen Vogel. ... ich zeigte ihm auch einen. Sodann setzten wir das Gespräch fort, was dadurch gefördert wurde, dass er in unserer Muttersprache wirklich fähig war. Aber er war auch politisch linksorientiert und gesellschaftskritisch. Plötzlich bemerkte er meinen Fotoapparat und schlug vor, Aufnahmen von dem Polizeipräsidium zu machen.
Sagte: „Hier herrscht sogar das Ausnahmerecht ... haben Sie das noch nicht kapiert? Seit vorgestern!“ Er wollte mich aufregen. Recht beunruhigend war er schon von seinem Äußeren her, trug er doch diese Shorts, einen dicken Ledergürtel, einen weißen Turban und Latschen, die den Jesuslatschen aus unseren heimischen Läden ähnelten. Eine Warnung aus seinem Mund folgte der anderen.
Seitdem wir in diesem Land angekommen waren, hatte sich die politische Lage ohne unser Wissen verschlechtert. Schlagworte und Schlagstöcke vergifteten das soziale Klima. Ein diktatorisches Regime drohte sich zu etablieren. Und ich und Marina waren mittendrin in diesem Schlamassel, für das wir nichts konnten, keinerlei Verantwortung dafür trugen, doch durch diesen Mord im Flur vor unserem Zimmer im Schlamassel steckten.

Ich dann zum Dolmetscher: „Ausnahmerecht? Das ist schlimm. Wir haben niemanden getötet. Warum sollten wir? Aber unsere Sachen wurden geklaut. Das scheint die Leute hier nicht zu scheren ... !“
Darauf der Dolmetscher mit Empörung: „Diese Veränderungen bewirken auch Veränderungen in der polizeilichen Praxis ... von wegen Botschaft ... Konsulat ... normalerweise hätten die mich sofort rufen müssen, normalerweise müsste jetzt schon ein Konsularbeamter bei Ihnen sein! Das steht fest. ... es steht auch fest, und der Eindruck muss richtig sein: es wird neuerdings so gehandelt, wie es nicht im Gesetzbuch steht. Sie handeln nach neuen Bestimmungen, die ihnen viele uns unverständliche Rechte einräumen. Genaugenommen können Sie froh sein, dass Sie mit mir sprechen können!“
„So … so!“ entgegnete ich sofort.
„Die Beamten waren zuvorkommend!“ sagte er, seine Stimme anhebend, damit ich es auch in mich aufnehmen konnte - als Dröhnen, als Politik, als Rechtfertigung. Er sei ein Linker und müsse alles Schlimme in Kauf nehmen. Er stehe auf ihren schwarzen Listen, Polizisten werden wohl zu Schergen degenerieren, sagte er. Ein Prozess der negativen Veränderungen sei in Gang gekommen.
„Das mag alles zutreffen, aber wir haben dieses Verbrechen nicht begangen … was soll aus uns werden?“ fragte ich mit zunehmender Ungeduld. Was ging mich letztlich die Politik des Landes an? Der Dolmetscher schwieg die folgenden Minuten. Ein Rechtsberater war er nicht.
Auf einmal sagte er: „Für die ist das eine Kleinigkeit angesichts der neuen politischen Situation: der Besitzer der Pension war ein Mafia-Typ. Deshalb dieses Problem!“ – Ohne sich zu verabschieden verschwand schließlich der Dolmetscher. Er war schnell gekommen, schnell war er wieder verschwunden. Von ihm blieb nicht viel.
Aus einem Nebenzimmer vernahm ich die Stimme von Marina, sie fauchte einen Polizisten an, der nichts verstand und zurück brüllte, als ob ihm eine Laus über die Leber gelaufen wäre. Mein rechtes Ohr hielt ich in die Richtung, aus der die Stimmen kamen!  Hier saß ich nun allein.
Beunruhigt saß ich auf dem Stuhl, umfasste von der Seite her die Rückenlehne des Stuhls, wollte mich nach rechts hin hängenlassen, um dadurch wie ein Geschundener auszusehen, wenn der Untersuchungsbeamte eintreten sollte, doch ich setzte mich gleich wieder aufrecht auf den Stuhl. Es ging um die Sache.
Diese Tat musste aufgeklärt werden. Auch wir als falsch Verdächtigte mussten ein großes Interesse an dieser Aufklärung haben, schon deshalb, damit es für keinen einen Endlosaufenthalt in diesem Land gab. Und so standen wir unter  Druck, weil wir unschuldig und kooperationsbereit aussehen mussten – mit Verständnis für die Verfahrensweisen der Polizei und voller Verständnis für das Land, in dem wir uns aufhielten. Die tatsächliche Wahrheit bezüglich unserer Unschuld musste deutlich gemacht werden. Sie war den Polizisten direkt vor Augen zu führen. Die Wahrheit betreffend brauchte es vielleicht sogar ein paar Schlichen und Tricks. Alles in allem stand es heute schlecht um uns. Es wäre mir besser, uns besser gegangen, wenn uns die Polizei zum Konsulat unseres Heimatlandes geschickt hätte, wo wir Hilfe bekommen hätten. Das ist doch keine Frage! Die Absurdität unserer Lage angesichts des Kriminalfalles wäre offenbar geworden.
Bei der hiesigen Polizei verstand man von uns nichts. Da war ich mir sicher. Selbst mit weitaus besseren Sprachkenntnissen der Landessprache hätte man uns hier nicht besser verstanden, man wollte es wohl auch nicht so richtig!
Der Untersuchungsbeamte kehrte zurück. Er machte ein Zeichen mit seiner behaarten linken Hand, das ich nicht zu deuten vermochte. Dann radebrechte er in Englisch – „… na bitte, geht doch!“ dachte ich.
Immerhin dies konnte er einigermaßen. Ich sollte zu meiner Marina rübergehen, was ich tat. Übrigens hätten wir schon vorher Englisch sprechen können. Es hatte diesen Menschen erst einmal irgendjemand darauf bringen müssen.

Nun saß ich mit Marina zusammen auf einem Sofa, einem knarrenden, zerschundenen, neben welchem eine Stehlampe stand. Wir schwiegen uns aus. Es war besser, erst das Erscheinen des Konsularbeamten abzuwarten. Ich sagte in meiner Muttersprache, dann in Englisch: „Ein Konsularbeamter muss kommen. Wir müssen dann reden.“
Ich wurde verstanden. Dann brachte man uns aus diesem Zimmer in den Gewahrsams-Trakt. Einsamkeit durchdrang uns. Ich konnte neben ihr gehen.
Zu Marina: „Es wird sich aufklären. ... mit der sprachlichen Verständigung hapert es eben. Morgen, … spätestens, so nehme ich an, wird jemand vorbeischauen. Im Übrigen: sie arbeiten daran, - warum hätten wir, gerade wir diesen Menschen töten sollen, warum? Darauf werden die auch noch kommen. Sie sind derzeit wegen der politischen Lage im Lande völlig konfus, wissen nicht ein, noch aus.“
Marina nickte hierauf zuversichtlich. Sie hatte Hoffnung, unschuldig fühlte sie sich allemal. Dann wurde sie in die eine, ich in die andere Einzelzelle geführt.
Ich flüsterte: „Resümieren? Zu früh. Katastrophe? Noch nicht. – Dieses … Land ist eine Katastrophe, aber unser Fall ist klein und einfach. Man muss uns morgen schon entlassen, es geht nicht anders!“
Nie zuvor war ich in einem Trakt wie diesem gewesen. Diese neue Negativerfahrung wollte ich nun möglichst hoch schätzen. Aber ich hätte sie lieber anderswo gemacht.
Auf der Liege in meiner Zelle sitzend, zitierte ich einen Dichter: Sie schlugen und sich küssten sich, ein Kuddelmuddel hob an, senkte sich. Und hier war einiges im Schwinden begriffen. Dergleichen ließ sich auf meine derzeitige Situation anwenden. Traurig war ich geworden, wollte schlafen, konnte aber nicht. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich wäre gerne raus spaziert, pfeifend und singend, vor Freude lustvoll kreischend. Nichts da, wir waren doch tatsächlich Häftlinge, woran am beängstigendsten war, das wir es während des Ausnahmezustandes in diesem Land waren. Ich glaubte zu träumen. Ich benahm mich merkwürdig und verlangte von einem Aufsichtsbeamten die christliche Bibel als wäre ich ein zu vielen Jahren Verurteilter.
„In Wirklichkeit,“ dachte ich natürlich, „werde ich am nächsten Morgen freikommen!“
Und auch: „Nee, … die werden … sich mit uns … nicht … belasten. Das können sie nicht verantworten!“

Es war dieser fremde Staat, der uns festgenommen hatte. Der tote Hotelinhaber war vielleicht, und das hatte der Dolmetscher noch gesagt, ein politisch Verfolgter mit einer Legende. Dies konnte uns in arge Bedrängnis bringen, - konnte ein Grund dafür sein, dass wir ohne Verhör, im Wartestand auf unseren Konsularbeamten, hinter Gitter geworfen wurden. Aufklärung? Vielleicht wollten die nichts aufklären!?
Schrecklich. Nie zuvor hatte ich mich in solch schlimmen Gedankengängen bewegt! Eng, dunkel und auch nass waren sie. Marina war noch getroffener als ich. Bestimmt heulte sie sich auf ihrer Liege in der Zelle die Seele aus dem Leib. Sie konnte jegliche Ungewissheit, sogar mal eine kleine Unklarheit kaum ertragen. Da war ich besser dran. Aufrechthalten konnte ich mich bis dato immer! Die Kräfte in mir waren allerdings ekelerregend, drängend, hämisch!
In dem vorliegenden Tötungsfall, der angeblich ein Mordfall war, konnte gar nichts in eine wie auch immer geartete Entwicklung kommen, befürchtete ich. Die Stunden in der Zelle zogen sich quälend langsam dahin. Es war ein Abend wie kein anderer. ... im Trakt, der in diesem Präsidium der Polizei war, kamen hin und wieder Geräusche auf, doch sie schienen ohne Bezug auf mich zu sein, so dass ich sie wieder vergaß, erst gar nicht zu interpretieren versuchte. Aber ich suchte im Ablauf der vergangenen Tage nach Anhaltspunkten für Seltsamkeiten, die sinnvoll deutbar waren.
„Es war mir suspekt ... diese Party letztens, diese Leute mit den goldbraunen Gesichtern, ... ,“ so sprach ich leise in der Zelle. Es war mir kalt und die Wolldecke reichte nicht aus. Ein helles, gut hörbares Gehen auf dem Gang störte mich kurz auf. Ich fuhr fort: „Sie taten schon so geheimnisvoll, wir hätten uns was denken sollen, doch unser westliches Verständnis für diese Welt hier ist eben bis heute unterentwickelt. Verdachtsmomente kommen erst gar nicht auf. Vieles erscheint nur als exotisch. Und politisch kommt man sich sowieso nur als ein Unbeteiligter, Desinteressierter vor. Ist dies ein Fehler?“ Auf dem Gang unterhielt man sich. Ich wollte nicht lauschen, vielmehr wollte ich meinen Gedanken nachhängen, also dachte ich: „…Sie werden uns zu Sündenböcken für eine Kampagne machen ...“ Doch vielleicht war das eine stark überzogene, abwegige Vorstellung? Auf Grund meines ausgeprägten politischen Verstandes sah ich mich dazu genötigt, jetzt so zu denken. Dass ich die Ausrufung des Ausnahmezustands in diesem Land nicht mitbekommen hatte, war unfassbar. Noch unfassbarer war, dass wir in irgendeiner Kampagne zugunsten der politischen Ambitionen einer neuerlich ans Ruder gekommenen Clique, Junta genannt, ausgenutzt werden sollten. Ich hatte ja zu Hause einen verantwortungsvollen Job. Vielleicht, nicht nur vielleicht, wussten diese Bullinskis, auch der Dolmetscher, dies.

„Es geht mir nicht gut. Es geht mir nicht gut. Die werden morgen früh nichts tun!“ faselte ich. Und ich empfand meine Situation als zunehmend extrem, daher sehr unsicher und äußerst unbequem. Von meinem Gefühl her war alles klar, ich erwartete mit vergehender Zeit, negativ denkend, apathisch werdend, sehr niedergeschlagen, hauptsächlich Übles, dessen ich mich nicht würde erwehren können. Was mich jetzt noch aufrechthielt, das war der politische Verstand, der rotierte, der rotierte und alles in einer endlosen Bewegung hielt. Sowohl Hoffnung als auch Berechnung blieben mir dabei erhalten.
So sagte ich: „Sie werden es nicht leicht haben mit uns.“
Tja, … mit Marina jedenfalls auch nicht! Wir als Opfer für diesen Staat, der nicht der unsrige war, der nicht einmal mehr der der Bevölkerung dieses Landes sein konnte, da eine Junta die Herrschaft für sich erobert hatte? Das sollte mit allen strafrechtlichen und diplomatischen Mitteln verhindert werden.
„Sie werden uns in einem Kerker auf dem Land verschwinden lassen,“ dachte ich. Dann versuchte ich einzuschlafen, denn mit meinen Grübeleien, die zum großen Teil  waghalsige Vermutungen waren, konnte ich in dieser Zelle selbstverständlich gar nichts bewirken. Vielmehr verstärkte sich meine Unruhe. Ich wurde schwächer, seitdem ich den politischen Verstand einsetzen ließ. Nun hörte ich, im letzten Moment vor dem Einschlafen, einen Schrei, der in die Hohlnis des Ganges hinein aushallte und nichts als eine Todesstille zurückließ. Am nächsten Morgen befand ich mich einigermaßen wohl.

Einen Kanten Brot bekam ich morgens durch eine Luke hindurch auf einem schmuddeligen Tablett serviert, den ich im nu verputzte und nicht einmal einen Krümel liegen ließ. Ich hatte es eilig. Ich hatte es eilig, herauszukommen. Meine Nervenstärke würde demnächst weiter absinken, musste ich annehmen. Obwohl ich mich einigermaßen wohl befand, dachte ich verstärkt nur noch an dieses verständliche Eine: „… raus und weg! Sie wollen uns stellvertretend unter irgendeinem, - was heißt irgendeinem?  Vorwand öffentlich abstrafen, damit sie den politischen Gegensatz zu unserem Heimatstaat kennzeichnen können und ihn in ein schlechtes Licht setzen können!“ Darum könnte es ihnen gehen.
Marina, wo war Marina? Sie würde mit mir in einen der Vernehmungsräume gehen müssen, hoffte ich inständig und schlürfte den kalten Kaffee, der zum überlaufen in dem Blechbecher gewesen war. Wir würden wieder Händchenhalten üben können. Wir würden zusammen sein. Wir würden miteinander sprechen können. Na sowas!? Schon war ich wieder ins Schwärmen geraten. Ich schwärmte mich aus dieser Zelle ins sonnige warme Freie der bildschönen Landschaft vor der Kleinstadt hinaus.


Kay Ganahl
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