Ganz andere Kaliber

Erörterung zum Thema Suche

von  theatralisch

Mein Gedächtnis, also quasi demzufolge Erinnern, befindet sich in schwindelerregender Höhe. Des Menschen Feind ist allem voran der Genuss, der, denn in ihm finden wir nicht die ersehnte Erlösung, uns in dem Irrglauben lässt, etwas Großartiges errichten zu können. Die Äquivalenz von Gleichungen, Erinnerung entspricht bedächtigem sowie erfolgreichem Denken, ist ein Anmerk.

Also beschloss ich, den Bestandteilen der Welt andere Quoten zuzuteilen als diejenigen, welche die Menschen sich erdenken: Einmal sprach ich mich gegen alles aus und doch hielt ich es noch für wahrscheinlich, mich am Ende eher gegen mich selbst als gegen ein maßgebliches Recht zu stellen. Hier zählt die Urteilsfähigkeit eines Totschlägers am Abgrund, auf-hängend-zu-tot, weder viel noch wenig. Er wird bei Lichte betrachtet die gleichen Todesqualen zu durchleiden haben wie jemand, der, der Kirche zugewandt, nicht des Jungen Leiche sah, die im daneben gelegenen Wald noch ein paar pantomimische Schmerzensschreie abgab; er wird dem Ableben nicht weniger duldsam entgegensehen als jemand, der sich gar nie darauf vorbereitet hat. Oder als jemand, der den bereits Totgeglaubten beim Sterben zusah, weil dies die Lust steigerte und, hier nicht detailliert zu betrachten, wiederum den Quoten der Morde den Anstieg erbrachte: Die Totgeglaubten sind solche, die einmal von der Bildfläche des oberflächlichen Lebens verschwanden und von uns aufgrund dessen als bereits tot spekuliert wurden, ehe man sich von der Wirklichkeit dieses Bildes überzeugen konnte. Menschen tendieren zur Blutrünstigkeit - immer ein Auge wachsam auf eine Kuh auf der Weide gerichtet, die, vielleicht zu nahe am Wald, von einer Bestie, welche dem bedeutungslosen Nichts entspringt, gerissen werden könnte. Der Mensch ist also ein überzeugter und geradezu überzeugender Verächter des Lebens, ohne es auch nur latent zu erahnen.

Zeigt man ihm, dem Menschen, also auf, auf welche irreal frappante Weise er, wenngleich latent, sich zum verdeckten Täter wie potentiellem Opfer macht, dann schlägt er zurück und zu: Er drückt dem Feind vielleicht nicht die Kehle zu, aber er sucht schon auch nach einem Gegenstand, der zum Morden geeignet, auch im Zweifelsfall nur als Waffe der Verteidigung zum Nutzen gereiche. Wie da nur nicht wahnsinnig werden, wenn man alles durchblickt mit seinem Röntgenblick?, fragen sich nur selten welche. Und doch gehen eindeutig zu viele Fragen über die Laufbänder, die beispielsweise der Publikation von Büchern endlich keinen Einhalt mehr gebieten: Viele Autoren, die sich des Weiteren Schriftsteller nennen, schreiben darüber, sich wenigstens der Kleidung zu entledigen, aber dafür umso mehr Denkanstöße mit sich herumzutragen, die auf welche Weise auch immer in die Weiten des Alls hinausbefördert werden müssen.

Ein Kind, das noch am Anfang steht, sieht in sich auch, wozu jemand gerade im Begriffe es zu machen ist: Scheusal, Liebhaber, Mutter, Kleiderständer und so weiter. Wir wissen nicht, was wir einem Kind mit unserem falschen Wissen aufbürden und handeln eben nach unseren Moralvorstellungen. Die richtige Handlungssweise wäre die, uns gegen jede Tat auszusprechen, die einer Massenvermehrung nicht im Wege steht. Will damit sagen: Sie müssten die Produktion ihresgleichen einstellen und dabei nicht vergessen, woraus sie bestehen - aus Fleisch und Blut. Doch das ist ein unmögliches Gelingen, denn um aufzuwachsen und langsam ein Teil dessen zu werden, was förmlich ausweglos dahingedeiht, muss man sich vom Bluttransfer trennen. Ein Austausch von etwas, was nichts bewirkt, außer womöglich Selbstmorde durch die tödliche Wirkung einer Injektion oder dergleichen.

Also Genuss: Der Genuss auf all seinen Wegen, wie er uns umgarnt und weiszumachen versucht, nur auf diese Weise ein Teil der sogenannten Gesellschaft zu werden. Jedoch erstens: Wir befinden uns in keinem Tunnel, sind weder umgeben von Raum noch Zeit; wir können, unabhängig davon, wer wir eigentlich sind, alles tun, um zu zerstören, denn anrichten können wir nämlich wahrheitsgemäß nichts Gutes - wir, die Blüten der Vergänglichkeit, auch Vergasung. Der Beschluss, es mit dem Tod und sogar mit dem Kampf, den wir manchmal mit ihm haben, aufzunehmen, wäre falsch und falsch.
Indes zweitens: Nichts ist von Interesse. Das zu erahnen, bedarf mehr, als hier im erträglichen Maße einer wahrheitsgemäßen Schilderung gerecht zu werden. Also nur in Gedanken auf das Tablett gebracht, hauptsächlich dem Verzehr zum Trotze, schon den Rasen wachsen gehört, da so ausgemergelt wegen Hungersnöten, dem Dürsten nach etwas, das unter keinen Umständen Leben ist: Deshalb kein Verzehr, kein Dürsten, also kein Genuss. Verständlich gemacht zum Trotze, da ja niemand je beteiligt am Geschehen, das da keines ist, da jedwedes Geschehen Teil eines Ganzen wäre, Teil der Gesellschaft, will ich sagen. Also rührt es nicht an, zu sagen, ich trenne mich vom Genuss, also bin ich weniger Teil einer Gesellschaft als irgendjemand sonst. Ich bin also niemand, der lange leben und deshalb jemandem zur Last fallen wird, der isst, trinkt, die Stellung wechselt oder seinem Haus einen neuen Anstrich verpasst. Meiner Meinung nach muss jeder alles tun, weswegen er zu tun nicht oder eben gerade schon imstande, eine Predikt über diesen verdammten Missstand halten muss, um zu thematisieren, was gar nicht zu thematisieren ist: Leben

Mein Interesse gilt nicht aus reinem Prinzip dem, was gerade ist: Ein Tun, das in seiner Schwere sich schon recht deutlich von dem Tun der anderen Menschen abhebt - also ein Tun, das beispielsweise einige Kerkerjahre beschert, weil ja der Wille, etwas zu tun, ohne darüber nachzudenken, hier im Vordergrund steht, ja, ausschließlich zählt. Das muss aber nicht sein, denn manchmal ist es Zeichen einer Wehmut, nichts zu tun, außer zu schreiben, denn im Schreiben bin ich zufällig Künstler und kann mich mir selbst als ein Jemand verkaufen, der zu sein ich zwar nie gedachte, doch aus allen Wünschen, Hoffnungen, Träumen, Gefühlsansätzen ich etwas zu holen glaube, woraufhin zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft das Streben nach Fortbestehen dem Brechen mit allem Erdenklichen weichen könne.

Also isst man vielleicht nur eine Orange an jedem Tag und frägt sich, ja, warum eigentlich? Daraufhin isst man nichts mehr und frägt sich, ja, warum eigentlich? Danach isst man immer dann, wenn einem etwas zu essen abgeboten wird und frägt sich, ja, was ist jetzt plötzlich mit meinem Magen los? Das bedeutet: Der Mensch mit seinen Organen gewöhnt sich irgendwann einmal an alles und selbst an den wahrscheinlich mit einer sonders schlechten Gewohnheit einhergehenden Eintritt des Todes, sofern man diesen denn verspürt.

Die Gewohnheit ist also gleichsam ein Teil, der wiederum an einen anderen grenzt - und so hinauf und hinab die Leiter an immer gleich schweren Teilen, die das ausmachen, was uns alle hier sein lässt: Eine Erde, die sogar aus Erde besteht. Weshalb wir Erde in offene Gräber werfen. Um tote Seelen zu verabschieden. Dabei gibt es keine Seelen. Es ist ja nicht aus diesem Grund nur die Hülle da, die wir zurücklassen. Aber das Denken daran ist genug. Die überlieferte Überzeugung ist genug. Alles ist also genug, solange wir am Leben sind. Wenn wir denn einmal nicht mehr am Leben sind, sind wir uns entweder selbst genug oder dem, der etwas erschaffen hat, was er gar nicht erschaffen haben kann, gewesen. Ich will damit sagen, dass am Anfang das Ende und am Ende der Anfang steht: Ehe wir zu sprechen begonnen haben, wollten wir schon mit dem Ende der Geschichte anfangen, denn was am Anfang oder Dazwischen ist, gerät ja ohnehin in Vergessenheit - es sei denn, jemand notiert sich alles und lernt es so lange auswendig, bis es so einprägsam ist wie etwas, das der Mensch tagtäglich erfährt - Autorennen in Deutschland, beraubte Senioren und zwischendurch auch Frauen von Prinzipalen, die irgendwann irgendeiner Sache beraubt wurden, junge Musiker, die die alten von der Bildfläche zumeist vollkommen unberechtigt verschwinden lassen - ich tendiere nämlich dazu, nichts abzuwerten, was vollkommen reicht.

Menschen kommen und gehen wie Fliegen, wie Tiere also. Dabei: Wir, das Tier. Das alles gerät jedoch nur dann in Vergessenheit, wenn es denn irgendwann einmal im Zentrum des Menschen saß und vorgab, zu sein und zu können. Was denn sein? Was denn können? Alles das, was eben von Nöten ist, etwas zu tun, wovon man glaubt oder nicht glaubt, es zu tun. Alles das, was sich über einer Atmosphäre befindet, die tatsächlich unser Leben ist, wird nicht wahrgenommen. Das ist ein individuelles Problem, wie man glaubt, und doch schöpft man Hoffnung daraus und eröffnet in einer Tour neue Geschäfte, wird Kaufmann anstatt des Kirchenpredigers, heiratet, wenn man entweder mutig und überzeugt genug oder dumm genug, etwas zu glauben, was man gar nicht glauben kann, ist.

Ein schweres Lied, das man kaum nachzusingen vermag. Wir alle fangen mit dem Nachahmen an, ob wir nun wollen oder nicht. Danach kommt nur selten die eigene Ausrichtung dessen, was wir uns zwangsweise aneigenen mussten, hinzu. Meistens fehlt die Zeit oder der Druck oder das Selbstbewusstsein oder nur Geld oder ein Machtverhältnis. Alle Probleme machen rein gar nichts, wollte ich schon immer einmal sagen, wenn man sich klar darüber ist, nur vorübergehend hier zu sein und nicht unbedingt etwas Großartiges ausrichten kann, wenn man ein Lehrer im Westen oder ein Kaufmann im Osten ist. Andersrum geht auch, geht immer. Alles geht - nicht nur mit dem entsprechenden Willen. Da könnte man sich fragen, warum die Welt dann nicht größenwahnsinniger ist als ohnehin schon: Wegen dem HI-Virus zum Beispiel. Und wegen den anderen unheilbaren Krankheiten. Dann bleibt einem von seinem eigenen Standpunkt aus betrachtet wirklich nichts mehr anderes übrig als zu hoffen. Andere hingegen wollen nur nicht mit einer Seuche in Berührung kommen, denn einmal verseucht, lebt es sich doch schon recht schlecht. Deshalb fehlt uns einfach, ja, einfach nur das Bewusstsein, das wir über alles stellen müssten, um erfolgreich am Leben zu partizipieren. Ein Bewusstsein, das uns sagt, wir klagen nämlich immer erst dann, wenn es uns wirklich schlecht geht und die Lage ausweglos scheint oder auch wirklich ist. Vorher sollen wir also gar nicht erst den Versuch starten, zu klagen. Tödlich endet das Suchen zwar immer, aber mal weniger und mal weitaus mehr schmerzvoller.

Unser Wunsch oder gar Bedrängnis, das Ende bereits am oder im Anfang zu sehen, hängt auch mit der Angst zusammen, die uns am Ende sogar am Leben hält. Die Angst vor der Angst, ein schlimmes Ende könnte uns dem Tode näher bringen, hält uns davon ab, zu handeln und oftmals eben auch richtig zu handeln. Ob das nun mutmaßlich falsch oder richtig ist, steht sicher schon tausendfach auf Papier geschrieben. Obschon wir uns ein Urvermögen an richtigem Handeln einverleiben und deshalb zwischen richtigen und falschen Handlungen differenzieren müssen, steht für mich außer Frage, dass alles gleichermaßen richtig und falsch ist: Ein Schneidebrett steht für Früchte, die wir teilen und in unsere Münder schieben. Ein Schneidebrett ist eben so ein Symbol - wie Kochnischen zum Beispiel oder Ringe, die in der Kanalisation landen. Ich hingegen würde denken: Vielleicht hat da jemand ein Verbrechen begangen. Gut, das macht die Paranoia aus mir, das Schlimme zu sehen, obwohl hier nicht einmal die Intention besteht. Das Schlimme sehe ich jedoch auch, weil ich das Gute nicht sehe - also, ich kann es nicht sehen, es ist wirklich nirgendwo und wirklich nirgendwo zu sehen.

Dabei vergesse ich zu atmen, aber nie lange genug, um gar anders zu empfinden. Nicht des Rausches im Tode wegen, sondern wegen ganz anderen Kalibern: Keine Waffen, nichts Spektakuläres auf Leinwänden, keine Naziabkömmlinge, kein Katzengejammer um Briefbomben.

Es ist eben nur eine, wenngleich menschliche, Angewohnheit, etwas zu tun, also zu atmen und dies einmal zu vergessen und eben zu sagen, nie lange genug. Es ist nichts von Wert, nichts von Gültigkeit, nichts von Dauer, es ist eben wieder einmal einfach so ein Satz.


Anmerkung von theatralisch:

Um Suchen und Finden im Text.

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Kommentare zu diesem Text

EliasRafael (50)
(06.01.11)
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 theatralisch meinte dazu am 06.01.11:
Musste zwischendurch einige Änderungen vornehmen.
Aber ehrlich, man bekommt ein ganz anderes Bewusstsein, wenn man die Nahrungsaufnahme kurzfristig einstellt.

Ja, es ist ein Kampf. Ich lese gerade ein Buch, da ist es so ähnlich. Doch irgendwie befreiend, wenn man so arg schwitzt beim Überarbeiten und Herausfiltern von eigenen Aussagen - ob die nun passen oder nicht.

Well, ehrlich gesagt macht das absolut krank oder besser gesagt noch kränker als ohnehin schon. Hinzu kommt der Unfall, der "Stations"wechsel, der nun folgt, und alles andere, was mich davon abhält, das Haus zu verlassen. Ah ja, Erkältung und Fieber habe ich vergessen.

P.S.
Und die immer gleiche CD von HIM. Man bekommt dann irgendwie den Eindruck, Zeit existiere auf jeden Fall nicht. Das ist zwar auch ohnehin so, doch dann...ja, dann...wahrhaftig!
(Antwort korrigiert am 06.01.2011)
EliasRafael (50) antwortete darauf am 10.01.11:
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