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Im Morgengrauen (Eine wahre Gespenstergeschichte)

Groteske zum Thema Vergangenheitsbewältigung


von Dieter Wal


Dieser Text gehört zu folgenden Projekten: "Auf Messers Schneide" - Selbsthass/-mord Lyrik, Essays., Texte vom Tod.
Es war vier Uhr früh, als ich erwachte. Meine Blase rief:  „Steh endlich auf, Fettsack, verschaff mir Erleichterung!“ Ich hörte auf diese lügnerische und respektlose Blase, stand auf, stellte mich in meine Sandalen und tappte verschlafen zum Badezimmer.

Da sträubten sich meine Nackenhaare und ich hatte das schreckliche Gefühl, in diesem Gang jetzt nicht allein zu sein. Etwas sehr Kaltes legte seine weiche Hand schlaff auf meine linke Schulter. Die Kälte verbreitete sich in Sekundenschnelle in meinen Körper. Eine Lokalanästhesie aus der Tiefkühltruhe. Ich sagte mir: „Jetzt nicht umdrehen und dann Marsch auf die Toilette!“

Aber ich drehte mich um und sah Hendrik, wie er mir noch vor einer Woche begegnet war. Hendrik hatte etwas entschieden Durchscheinendes, seine blauen Augen schimmerten auch jetzt so wässrig wie vorher. Alles an ihm sah so aus, als käme er komplett bekleidet vom Zigarettenholen.

Erhängte er sich in diesen Klamotten? Ich hatte die Schnauze voll. Der Kommissar wollte wissen, ob ich die Bilder des sich am Jägerstand erhängten Hendrik noch sehen wollte und ich hatte schnell verneint. „Aber danke!“

Ich wollte es nicht genau wissen. Meine Schuldgefühle glommen im Lauf der nächsten Monate zu einem orangeroten Schwelbrand. Hätte ich seine Not rechtzeitig bemerkt!

Dann kamen seine Freunde und schütteten mir ihr Herz aus. Einer bekam es mit der Angst zu tun und erzählte seiner Frau, er beabsichtigte, zur Sicherheit seine Pistole bei mir immer mitzunehmen. Sie warnte mich vor und ich erteilte dem Ärmsten Hausverbot.

Da begriff ich, dass mein ehemaliger Mitbewohner wie seine meisten Freunde komplett verrückt gewesen war.

Wie sollte ich auf diese Erscheinung reagieren?, dachte ich, als es mir über die Lippen kam: „Aber Hendrik, was tust Du hier? Du bist doch tot!“ Und Hendrik vergaß, dass ein Gespenst nicht viele Worte macht und erwiderte: „Du hast völlig recht. Eigentlich sollte ich tot sein, aber irgendwas ging schief. Du siehst ja, dass ich spuke!“ In meinem Bauch sammelte sich ein saturnaler Quecksilbersee. Schwere silbrige Wogen gischteten höher. Das war kein Traum, aber die ganze Realität driftete gerade in eine so seltsame Schieflage, dass ich mir am liebsten mit einem hysterischen Schrei Luft gemacht hätte.

„Zuerst erhängt er sich, dann kommen seine bekloppten Freunde und jetzt spukts! Mir reicht es!“

Hendrik bemerkte meinen Unwillen, setzte seinen durchscheinenden Fuß zurück und versuchte schwach zu lächeln. Es sah kläglich aus.

„Kannst Du mir nicht einen Durchgang frei machen? Bis gestern ging es noch ganz gut. Aber irgendwas klappt nicht mehr.“

Ich verlor die Beherrschung: „Für wen hältst Du mich? Seh ich aus wie Harry Potter? Wie soll ich denn für Dich einen Durchgang frei machen? Komm ich Dir wie ein Erzengel vor?
Ich gehe jetzt auf die Toilette. Wenn ich zurückkomme, will ich, dass Du hier endgültig verschwunden bist. Ist das klar?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete ich zittrig die Toilettentür, betrat das Badezimmer, schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um und hatte sitzend das Gefühl eines gerade beginnenden Sonnenaufgangs, nachdem die ersten Vögel in den Bäumen zwitscherten.

„Das darf nicht wahr sein!“, dachte ich beim Wasserlassen. Danach öffnete ich vorsichtig die Türe, hielt ängstlich nach Hendrik Ausschau und machte mich sogleich daran, alle Lampen im ganzen Haus anzuschalten und sah: Hendrik hatte wohl doch seinen Durchgang gefunden.


Dieter Wallentin

Anmerkung von Dieter Wal:

 Siehe auch.


 
 

Kommentare zu diesem Text


FloravonBistram
Kommentar von FloravonBistram (11.12.2012)
Dem Ungewissen trotzig ins Gesicht brüllen, egal, wie dick die Gänsehaut sich ausbreitet. In diesem sich selbst Überwinden steckt so viel Kraft...
Flo
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Kommentar von Anne (56) (23.12.2012)
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Dieter Wal meinte dazu am 23.12.2012:
Lass uns, falls du möchtest, einmal darüber privat reden. Wie gesagt, war die dargestellte Ausgangslage der Story alles andere als fiktiv, aber der Plot als Gespenstergeschichte reine Fantasie. Kenne aber in diesem und anderen Zusammenhängen spukartige Phänomene. Das beeindruckendste erzählte mir einmal ein Bekannter, der dadurch später angeregt wurde, Parapsychologie studiert zu haben.
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Anne (56) antwortete darauf am 25.12.2012:
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Kommentar von The_black_Death (31) (28.02.2013)
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Dieter Wal schrieb daraufhin am 22.03.2013:
Herr, erbarme dich des Kommentators!
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