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Phobie

Erzählung zum Thema Qual(en)


von Sanchina

Unbemerkt war sie erschienen, völlig geräuschlos. Plötzlich war sie da, an der Wand, und starrte Bernard mit ihren schwarzen, kugelförmigen Augen an. Der hätte am liebsten aufgeschrien, doch da war niemand, der ihn hätte hören können, niemand, den er hätte bitten können: „nimm sie weg!“

Doch Bernard konnte auch nicht aufspringen und fort laufen. Erstarrt im Entsetzen blieb er sitzen und musste sich beäugen lassen. Unfähig, hin zu sehen, sah er nicht den federartig behaarten Leib des Tieres, nicht das Wunder seiner vielen Beinpaare, auch nicht, dass die Spinne rehbraun war. Das Tier blieb völlig reglos. Außerdem war es vollkommen harmlos.

Nur die beiden winzigen, kugelförmigen Äuglein hatten sich Bernard eingeprägt. Er rührte sein Frühstück nicht mehr an. Gänzlich unmöglich war es ihm, in Gegenwart der Spinne zu essen. Was wollte dieses Tier von ihm?

Es kam ihm vor, als sei die Spinne aus einer anderen Welt gekommen. Denn in Bernards Welt gab es keine Spinnen. Er hielt seine kleine Wohnung peinlich sauber, weil er sich vor Ungeziefer aller Art sehr ekelte. Und nun saß plötzlich dieses widerwärtige Tier da an der Wand und starrte ihn unverwandt an. Zwei Stubenfliegen machten sich über das unberührte Marmeladenbrötchen her. Bernard bemerkte es gar nicht. Fliegen waren nicht bedrohlich. Nur vor der Spinne grauste ihm. Sie bedrohte ihn. Allein der Blick! Wer einen so anstarrt, führt doch Übles im Sinn!

Bernard wagte nicht, zurück zu starren, aus Angst, damit einen Angriff zu provozieren. Raubtieren – so hatte er gelernt – darf man nicht in die Augen schauen, weil sie sonst nämlich angreifen.

Was, wenn die Spinne ihn angreifen würde? Wenn sie wohlmöglich giftig war? Freilich wusste Bernard, dass es in ganz Mitteleuropa keine Spinnen gibt, die einem Menschen ernsthaft schaden können. Dies hatte seine Mutter ihm immer und immer wieder gesagt. Doch wusste er, woher die Spinne kam? In seiner Küche lagerten Bananen und grüne Bohnen aus Kenia. Und seine Mutter, die es sicher gewusst hätte, war schon so lange tot. Bernard war allein in seiner Küche mit diesem …. diesem …. Raubtier! Es bedrohte ihn!

Der Tag konnte nicht beginnen, weil diese Bestie da an der Wand war. Es war Bernard nicht möglich, einfach aufzustehen und die Küche zu verlassen – geschweige denn, darin zu verweilen. Wie tot saß er vor seinem unberührten Frühstück. Und dann fing er, der tief gläubige Katholik, auch noch damit an, mit seinem Gott zu hadern, der diese widerliche Kreatur erschaffen hatte. Die gesamte Apokalypse war gar nichts gegen diese Spinne an der Wand. Brachte sie ihm etwa eine Botschaft? Bernard schauderte. In seiner namenlosen Angst sah er  sich schon umdrängt von Insekten und Reptilien. Seine Haut begann zu jucken, doch er konnte sich nicht kratzen, weil die Spinne an der Wand jede Bewegung wohlmöglich missverstanden hätte. Lauernd, wie zum Sprung bereit, hockte sie an der Wand und glotzte.

Aus dem linken Augenwinkel heraus beobachtete Bernard das widerliche Vieh, das sich um keinen Millimeter von seinem Fleck rührte. Ohne genau hin zu sehen wusste Bernard, dass es, indem es dort hin gelangt war, eine hässliche Spur gezogen hatte. Eine Spur aus Blut und Bösem war auf die weiße Wand gezeichnet. Einfach grauenhaft. Die Spinne war die Inkarnation des Bösen, fand Bernard, gleich gefolgt von Würmern, Schlangen, kriechenden Insekten, Unken und Mollusken. Schleimig und giftig war die Welt all dieser Kreaturen. Ekelhaft.

Bernard überlegte, was seine Mutter gegen die Spinne unternommen hätte. Richtig: sie hätte den Staubsauger geholt!

Unter Aufbietung all seiner Kräfte gelang es Bernard, sich ganz vorsichtig, möglichst geräuschlos, vom Tisch weg zu schieben und den Staubsauger zu holen. Die Spinne starrte unbeteiligt vor sich hin.

In ziemlich sicherer Entfernung steckte Bernard den Stecker in die Dose. Mit dem lang ausgestreckten Saugrohr näherte er sich der Spinne. Dann tastete er mit dem Fuß nach hinten nach dem Schalter. Vor dem Motorengeräusch erschrak Bernard derart, dass ihm das Rohr des Staubsaugers aus den kraftlosen Händen glitt und unter Gepolter und Geheul zu Boden fiel. Es gelang ihm gerade noch, den Motor wieder abzuschalten. Die Spinne blieb von all dem unbeeindruckt. Erschöpft sank Bernard auf den Küchenhocker. Sich aus der Küche – oder gar aus der Wohnung – zu entfernen, so lange die Spinne anwesend war, kam nicht in Frage. Bernard hätte es in diesem Falle nämlich nicht gewagt, je wieder heim zu kommen. Die Spinne musste unbedingt verschwinden, und zwar besser tot als lebendig.

Die Rettung nahte in Gestalt des Freundes, den Bernard zum Frühstück eingeladen hatte. Wie hatte er ihn nur vergessen können? Es klingelte. Bernard erhob sich schwer von seinem Hocker und schleppte sich zur Wohnungstür.

„Was ist los?“ fragte der Freund, erschrocken über Bernards leichenblasses Gesicht.

„Da drinnen ist eine Spinne,“ stammelte Bernard und schlenkerte den Arm in Richtung Küche.

„Na und?“ wunderte sich der Besucher und betrat recht forsch die Wohnung.

„Sie hat mich stundenlang angestarrt!“ behauptete Bernard. Sein Freund lachte und ging in die Küche. Die Spinne saß da mit geschlossenen Augen und war ganz friedlich eingeschlafen. Bernard blieb im Türrahmen stehen und beobachtete entsetzt, wie sein Freund die Spinne in die Hand nahm und sie aus dem Fenster warf.


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Kommentare zu diesem Text


Kommentar von SigrunAl-Badri (52) (08.04.2011)
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (08.04.2011)
Man fühlt sich über den größten Teil der Erzählung in die Welt Kafkas versetzt.
LG
Ekki
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Kommentar von superweib (56) (29.04.2011)
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Sanchina meinte dazu am 04.05.2011:
Danke! Diesen Aspekt hab ich selbst noch gar nicht gesehen!
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Kommentar von dschenna (32) (19.05.2011)
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Laudalaudabimini (59) antwortete darauf am 02.11.2013:
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AvaLiam
Kommentar von AvaLiam (30.10.2019)
...ich hatte / habe viel mit Autisten zu tun... wie auch mit anderen Menschen, über die ich das Wort "normal" nicht fallen lassen möchte... (Relativität und so)

die unterschiedlichsten Ängste waren vertreten...einige davon herangewachsen zu regelrechten Phobien...
so gab es einen Jungen von 14 Jahren der vor losen Haaren panische Angst hatte, die mal an einer Jacke klebten oder auf einem Tisch lagen z.B. ...natürlich war das nicht nachvollziehbar...
welche Gefahr geht schon von so einem Härchen aus? ...von den Lehrern abfällig zur Pflicht gezwungen und von den Mitschülern ausgelacht änderte das natürlich gar nichts an seiner Angst... nur an der Macht die sie hatte...über ihn...

So gibt es eine anerkannte Angsterkrankung bei der Menschen panisches Unwohlsein erleben wenn sie von einer Ente angeschaut werden... skurril oder?
Ja - "wenn Blicke töten könnten" gewinnt da eine neue Bedeutung.

Immer wieder hörte ich Menschen lachen, diskutieren, debattieren über Ängste - studierte Lehrer und Sozialpädagogen, selbst Psychologen deutelten, stellten in Frage, werteten ab und gingen einfach über diese Ängste drüber weg. Unglaublich! Es ist doch scheiß egal WARUM ein Mensch Angst hat, wovor.
Das Einzige was in dem Moment zählt im Umgang mit diesem Menschen der gerade ein ECHTES (wird ja auch oft wegdiskutiert) Problem hat ist, dass er Angst hat - zum Teil Todesangst.

Deine Geschichte sollte u.a. in sozialen Einrichtungen (Schulen, Kliniken etc.) hängen - vielleicht rüttelte sie in ihrem Blickwinkel wieder ein wenig Menschlichkeit wach mit dem Verweis auf das Wesentliche - Angst.

liebe Grüße - Ava
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Kommentar von Regina (30.10.2019)
Welch ein Glück, dass es Staubsauger gibt!!!!
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Veröffentlicht am 08.04.2011, 3 mal überarbeitet (letzte Änderung am 15.03.2018). Textlänge: 841 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.613 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 29.05.2020.
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