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Miniaturwunderwelt

Kurzprosa zum Thema Absurdes


von Lala

Heute, an einem langen und langweiligen Tag, habe ich einen alten Freund getroffen, mit dem ich seinerzeit Wiesen abgeraucht, Weizenfelder geerntet, etliche Trauben verkostet und die griechische Inselwelt per Moped erobert habe.
Nachdem ich meinen Magister Artium hatte, gönnte er sich noch einen Doktor in Jura. Gelandet sind wir in vielen Betten und wurden schließlich alt genug, um aus dem Letzten nicht mehr aufzustehen – oder nur selten und nicht wirklich mit Elan – so sind wir im Dritten Programm der Wohlstandsgesellschaft gelandet. Vielleicht sollte ich arte sagen, damit ich verständlich bleibe?

Wir besitzen nicht nur das Zweit- oder Drittbuch, wir liegen nicht nur am Strand, erobern nicht in Reisebusstärke die Einsamkeit der Bergwelt, nein, wir interessieren uns für Kultur; die schönen Dinge des Lebens. Wir haben unser eigenes Buzzword-Bingo wie monologisch, kryptisch, virtuell, tautologisch, innovativ und Anagramm, Palindrom, Pointilismus und reflexiv. Das sind die Fraktale unserer dialogischen Instanz. Was das bedeutet? Wir haben unser Auskommen. Wir sind kreditwürdig. Wir sind satt.


Heute, als wir uns im ICE nach Bielefeld mal wieder wiedergetroffen haben, gab es das übliche „Mensch, du hier?“ Und im Überschwang der gegenseitigen Umarmungen ein : „Was für ein Zufall“. Letzteres wurde, wie bei einem Biss in eine Zitrone, sofort und wechselseitig mit einem mimischen oder verbalen „Sag nicht sowas“ oder neuerdings mit einem „Hallo?!“ quittiert.
„Sag nicht so was“ disziplinierten wir uns, weil jedem von uns beiden klar war, dass die Beliebigkeit, nur ein dummer Zufall oder schlimmer noch: ein Beliebiges zwanzig Millionstel eines durchschnittlichen Spermarotzes zu sein, welches auf einem just in diesem Moment dafür empfänglichen Eidotter gelandet war, nicht nur unsere Buzzwords nivellieren sondern unsere Egos geradewegs in ein Nichts verdampfen würde. Geht gar nicht.

Nach der üblichen Begrüßung überbrückten wir in höflicher Form das Gefühl, dass wir uns anödeten. Dieses Gefühl stellte sich sehr schnell ein und trug auch noch den pelzigen Geschmack, sehr alt geworden zu sein, denn die gemeinsamen Erinnerungen waren schal, staubig und sie wirkten grotesk, geradezu fratzenhaft. Dieser unangenehme Umstand brachte uns aber glücklicherweise immer auf Stichworte, Headlines aktueller Kleinkunstkünstler, die wir stets schon vor dem Mainstream kannten, und deren Zustandsbeschreibungen eigentlich unsere Mägen statt des Zwerchfells belasten sollten. Süßsauer schmeckt eben besser als Essig und ist obendrein noch: reflektiert. Und wer reflektiert ist, kann unbeschwert seinem ihm spiegelbildlich gegenübersitzenden Freund, ins Gesicht lachen.

Im ICE nach Bielefeld waren wir schnell bei unserem momentanen Favoriten Rainald Grebe, aber natürlich nicht bei dessen naheliegender Liedzeile, denn wir kannten seine Lieder schon, als der noch Schüler in Köln war, nein, wir verständigten uns stumm auf: „Du bist der Ausstieg aus der Spaßgesellschaft“. So hatten wir schnell die allgemeine Lage in Kunst, Kultur und Gesellschaft als Gesprächsthema. Spannend - aber unverbindlich genug um bis zum Ziel nicht schon aus purer Verzweiflung, den alten Freund oder sich selbst, aus dem Zug zu werfen.

Mein Freund erzählte mir, dass er kürzlich eine alte Freundin aus dem süddeutschen Raum getroffen hätte und mit ihr bei einer Lesung eines dort bekannten Künstlers war. Die Lesung sei aber gar keine Lesung gewesen, sondern eine grandiose Performance. Ganz erregt und mit warmem Herz, fuhr er fort:

„Als der, mit einem Male, so als sei er ein Gast, wie aus dem Nichts, im Zuschauerraum aufstand und in seinem ulkigen, irgendwie rätoromanischen Akzent, stakkatoartig, loszupoltern begann, strahlte der eine Präsenz aus ... Sa-gen-haft! Der hätte gar nicht auf die Bühne gemusst! War mir sofort klar. Aber dieser Berserker schob sich durch den Zuschauerraum, schoss dabei grandiose Slams aus der Hüfte ab, reagierte auf Zwischenrufe derart genial, dass ich gedacht habe, das müssen doch bestellte Gäste sein. So ein Magier war das, sag ich Dir.
Aber als er schließlich die Bühne, im wahrsten Sinne des Wortes, wie einen Gipfel erklommen hatte, als dieser große, schwere Klotz von einem Mann, als er endlich „oben“ war und ans Mikro trat, da – nein ... NEIN! Was dann kam, das errätst Du nie, da kommst du nicht drauf“, erzählte mein Freund voller Begeisterung so beängstigend lebendig, dass ich gespielt beiläufig und mit ironischem Unterton, um mich abzusichern, ohne Ausrufungszeichen und Fragezeichen oder gar einem Verweis auf Kaufmann dazwischenwarf: „Er schwieg“.

„Zu abgeschmackt, mein Bester. Das hat doch Andy schon gemacht! Nein, dieser Meister der Impro, der fing an, seine Zettel zu suchen.“
„Seine Zettel?“
„Genau. Seine Zettel. Auf denen angeblich die Texte, das Programm geschrieben sei. Innerhalb einer halben Stunde hatte er das Publikum vollkommen verunsichert und seinen eigenen Kunstraum geschaffen. Als Erstes verschwand das Programm, und obwohl er auf einer Bühne stand, ließ er auch die verschwinden. Hörst Du mir zu?“
„Ja, klar“, nickte ich und suchte in meinen Schachbibliotheken nach einer nimzowitzschen Variante, um dieses hipper-als-hipp Gambit zu durchbrechen.
“Mich hat beeindruckt, wie leicht er die Patterns von vierzig, fünfzig Menschen aufgelöst hat. Verunsichern, ohne etwas anderes zu tun, als zu suchen. Er hat nicht zum Publikum gesprochen. Er hat sich nicht gemeingemacht. Du hast nichts von irgendwelcher, affektierter Künstlerhybris gespürt. Der Kerl ist echt. Absolut authentisch. Das war für mich ein Caspar Hauser Erlebnis. Der scharfe Hund, das Publikum, war vollkommen zahm. Es schnurrte, obwohl nichts geschah.“
„So Basic?“, fragte ich skeptisch wie hilflos, und meine Verteidigungslinie, dass mein Freund eo ipso doch nichts erleben könne, was ich nicht schon selbst, ja notgedrungen durchschaut hätte, aufzulösen, fiel mir schwer genug.
„Absolut. Straight und strictly natural, mein Lieber“, lehnte er sich gönnerhaft-vertraulich zu mir herüber und ich merkte, wie sehr er seinen Triumph zu genießen begann, als hätte er eine Luftblase entdeckt, die ihn, wie einen toten Fisch, wieder zum Zappeln brachte, während ich nur eine tote Makrele in der ICE Büchse war.„Ab und zu“, fuhr er in seinem Erlebnisbericht fort, „stammelte dieser Künstler, dieses Bild von einem Menschen Halbsätze vor sich hin.“
„Er hörte auf, seinen Zettel zu suchen?“, witterte ich Morgenluft.
„Bitte? Nein. Er stammelte höchstens.“
„Also hörte er auf zu suchen?“
„Nein, denn, wenn er fand, dann waren es nur Buchstabenbruchteile. Und von den Buchstaben fand er öfters das "i". Und aus diesen rudimentären Wortfraktalen mit „i“ hat sich jeder im Publikum – wie Lego - “
„Erinnert mich an die Idee des Liedes: Gehirnlego“, unterbrach ich ihn und freute mich darüber, ein Unentschieden erreicht zu haben.
„Nein!“, rief er barsch.
„Nein?“, antwortete ich süffisant.
„OK: Vielleicht, erinnert es daran“, räumte er ein und ließ mich vorrücken, „Aber es ist besser als Gehirnlego. Was soll das? Gehirnlego? Blixa Bargeld ist ein alter Mann, der nichts mehr neu erfinden kann“, antwortete er versöhnlich lächelnd und ich wusste: Er hatte – mit seiner süddeutschen Freundin - vielleicht eine Epiphanie der Kunst gehabt, aber nichts verstanden. Aber wenigstens hatte ich ihn verstanden:

„Es erinnert mich aber doch an Lego“, lehnte ich mich nun ebenso vertraulich-gönnerhaft zu ihm und fuhr fort: „Weil es universelle Textbausteine gibt, die so ineinander passen wie Legosteine. Die Dekuvrierung der Bühne und des Künstlers besteht darin, dass jedem im Publikum, die Bausteine geliefert werden, um ein individuelles, ja, ein originäres Kunstwerk zusammenzusetzen. Das funktioniert: Vorausgesetzt der Zuschauer ist bereit, nicht nur Kulturmastschwein zu sein, und zu futtern, was der Bauer in die Spreu streut, sondern endlich – zweihundert Jahre nach Kant; sapere aude! – auch im Kulturbetrieb ein aufgeklärter Mensch zu sein. Ich gebe zu: ein hochinteressantes Konzept.“
„Unbedingt. Aber - entre nous im Foyer habe ich die Leute einen Stuss schwätzen hören. Nichts verstanden. Höre, mein Lieber, die Kevins und Manolitos werden uns bald regieren und – wie hast du es formuliert? – Kulturmastbetriebe für Pigs in Szene setzen. Das ist richtig. Aber Deine Lego Metapher geht trotzdem fehl, denn die Bausteine, die Du – reg Dich jetzt nicht auf – in abendländischer Erwartung, dass ein Anfang auch ein Ende haben muss, ein System immer erkennbar und mit Fuzzylogic auch das Chaos kartiert werden kann, wird von diesem Jojo vollkommen konterkariert. Löse dich von Deinem Lego-Denken.“

Während er mir dies ins Gebetbuch schrieb – wir saßen uns gegenüber – hatte er sich wie ein Verschwörer mehr und mehr vorgebeugt, seine Stimme gesenkt und als er geendet hatte sich ruckartig und triumphierend mit einem maliziösen Lächeln zurückgelehnt und leicht nach links geschielt, so als säße dort ein Publikum, das seinem Intellekt huldigen müsste. Dann griff er  in seine Sakkotasche und überreichte mir den Flyer zum Programm dieses Künstlers: „Jojo – Inkarnation der Anarchie.“
Ich schmunzelte und sagte nichts dazu. Aber, weil er mich zögern sah, bemerkte er, dass die Werbung ein Freundeskreis finanziert hätte. Aber ich schmunzelte, weil mir für einen kurzen Moment alles so lächerlich erschien.

Es war der Moment wo mir das Buzzword-Bingo eingefallen und ich die dritte Programm Metapher vor Augen hatte und vor mir saß in toto die Film-Amerikanerin, die soeben triumphierend Mr. Tod davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie nicht tot sein könne, weil sie nichts von der vergifteten Lachsschaumspeise gegessen hätte. Das war vielleicht korrekt, aber wer hat sich als der Mächtigere herauskristallisiert? Mr. Tod oder die Amerikanerin?

Ich hätte brüllen können vor Lachen und Verzweiflung, aber der Zugführer rettete mich und gab bekannt, dass Bielefeld in wenigen Minuten erreicht werde. So als hätte Dr. Pawlow die Klingel geläutet, begannen die Reisenden diverse Automatismen durchzuführen: Müll einsammeln, Sachen ordnen, Mantel anziehen und so weiter. Es kommt zwar eine gewisse Hektik auf, aber ich erlebte sie nur als immer schlimmer werdende Erstarrung in Routine.

Wenige Augenblicke später standen wir marschbereit an der Waggontür. Wir tauschten jetzt wirklich nur noch Wortfetzen allgemeiner Art aus und endlich stoppte der Zug. Ich drückte, denn ich stand näher zum Ausstieg, auf den grün gewordenen Ausstiegsknopf, die Tür glitt auf, ich drehte mich noch kurz nach rechts und erschreckte mich wie nie zuvor.

Ich wollte das erlernte „Auf Wiedersehen, bis bald und mach’s gut“ loswerden, erwartete ein „Ich sehe Dich, mein Lieber“ von ihm, aber er war nicht mehr da, beziehungsweise da stand nur noch etwas, was wie er aussah, aber keine Seele mehr hatte. Ich sah mich einer Figur wie aus dem Wachfigurenkabinett gegenüber. Aber es war kein Wachs. Es war etwas anderes. Die Gesichtszüge waren erstarrt in einem ironischen Grinsen. Ich glaube, ich atmete heftig und ich glaube ich habe auch geschrien. Meine Stimme hallte, aber nicht wieder. Ich spürte sogleich, mich hört hier keiner. Wenige Augenblicke später war ich nicht allzu überrascht, dass nicht nur mein Freund, sondern alles und alle anderen auch erstarrt waren.

Langsam stieg ich aus dem ICE, der nur ein Abbild eines ICEs war, und bemerkte, dass mein Freund weiterhin auf die Stelle blickte, wo ich eben noch gestanden hatte. Hinter ihm standen weitere Figuren, ebenso starr und in ein nirgendwo blickend.

So bewusst habe ich Luft geholt, dass ich gewahr wurde, wie aufgeregt ich war und wie schwer es mir fiel, nicht in Panik auszubrechen. Die ganze Welt hatte sich in die Idylle einer Modellbahnanlage verwandelt. Alle auf dem Bahnsteig, alle im Zug und einfach alles. Es war sehr sauber, sehr aufgeräumt und blank gewischt.

Ich fühlte meinen Puls. Ich zählte die Schläge und beschwor mich: Du lebst! Dabei wandelte ich in der Optik des alten, schönen im Jugendstil gebauten Bahnhofes Bielefelds umher. Er war sauberer und klarer als ich ihn in Erinnerung hatte, aber noch immer verspürte ich keinen Widerhall und Sandstein fasste sich wie Plastik an. Kein Geräusch berührte meine Ohren. Nur ein dumpfes, tiefes Rauschen konnte ich wahrnehmen, so als tauchte ich oder trüge Ohrstöpsel.

Die Figuren: alte Tanten, Hoheitspersonal, Geschäftsreisende, verbitterte Lehrer, naive Kerle, gefährliche Mädchen, sie waren alle da, aber alle kalt und steif. Und nicht aus Wachs sondern aus Plastik. Ja, ich habe sie berührt, angefasst und meine Lippen bewegt und war mir ganz sicher, dass alles aus Plastik war. Der Bahnhof, der Zug, die Menschen. Unwillkürlich musste ich grinsen, als ich in Erwägung zog, dass möglicherweise nur ich falsch und alle anderen gerade mich bestaunten. Aber zum Glück war ihr Blick starr und wanderte nicht mit meinen Bewegungen mit.

Modellbahnwelt, das war mein Schlüssel. Faller und Märklin. Denn nicht anders, so bildete ich mir ein, musste sich eine Miniaturwelt anfühlen. Alles sauber, alles starr. Sauber, weil der Müll sich nicht vermehrt sondern festgeklebt ist. Wie irre grinste ich, weil ich versuchte, diesen Schrecken in ein System zu bringen, ein System, das ich kenne oder durchschaue, weil ich überleben wollte. Ich hatte verschissene Angst. Vor allem, weil ich nichts hörte, so als könnte ich meine Gedanken nur lesen und nicht hören, was ich dachte. Pausenlos ratterten in Großbuchstaben auf der Innenseite meines Frontallappen Botschaften entlang. In diesem Moment wünschte ich mir, ich könnte meine Gedanken einfach zerfetzen, auseinanderreißen, weil meine Gedanken unaufhörlich die Bielefelder Bahnhofswelt reflektierten und das machte alles noch entsetzlicher.

Von Panik ergriffen, stürzte ich durch den Bahnhof, überlegte, meinen Koffer fallen zu lassen, aber hielt ihn dann doch fest, weil mein innerer Gedankenticker behauptete, ich solle ihn nicht fallen lassen, denn ansonsten würde ich mich endgültig verlieren, denn der Koffer sei eine Metapher für mich.

Das war ein schöner Blödsinn, einerseits, aber es war auch eine Überlebensstrategie und ich sehnte mich nach Überlebensstrategien, egal wie hergesucht sie auch erschienen. Und da ich nun einmal solche Gedanken gefasst hatte, zwang ich mich den Koffer weiterzuschleppen. Panisch redete ich mir ein, dass ein Bahnhof schlechthin das Symbol für eine Miniaturwelt sei, motivierte mich damit, dass viele Geschichten am Bahnhof begännen oder endeten und ich deswegen nur den Bahnhof in Bielefeld verlassen müsste, um mein Leben wieder zu bekommen, um mich wieder wie ein Fisch im Bielefelder Teich tummeln zu können. Voller Hoffnung stieß ich die verglasten Türen des Haupteingangs auf und hoffte wieder vollständige Lebendigkeit zu spüren.


Als ich die Türflügel aufgestoßen und nach draußen gestürmt war, befand ich mich auf der Bahnhofstreppe und schaute - hinweg über eine asphaltierte Fläche - auf ein weißes Gebäudeensemble. Für einen Moment war ich zu Hause, aber es war auch alles falsch. Denn es bewegte sich nichts, kein Auto, kein Mensch, kein Luftzug. Alles schien mir ein Fake zu sein. Alles. Bis auf die defekte Werbetafel, die über einer der Türen, des weißen Gebäudes gegenüber hing und deren Elektrobuchstaben unkoordiniert aufflackerten. Mal leuchtete ein B, U, A, G oder auch mal ein R und ein weiterer Buchstabe regellos auf.

Langsam stieg ich die Treppen vom Hauptbahnhof hinab und bedachte den Plastik gewordenen Reisenden, der mit fliegendem Schritt und Schlips die Treppen hinauf eilte, mit einem müden Blick. Antworten, so war ich überzeugt, würde es nur hinter der Tür mit der fehlerhaft leuchtenden Elektrofassade geben.


Als ich die Tür unter der Werbeschrift aufgemacht hatte, schlug mir von innen ein muffiger Geruch entgegen. Ich stand in einem Foyer einer Kleinkunstbühne. Der Boden war mit rotem Teppich ausgeschlagen und an den Wänden hingen schwarz-weiß Fotografien der aufgetretenen Künstler samt ihrer Unterschrift. Ob der stummen Atmosphäre fühlte ich mich eingeschlossen wie in einem Sarkophag. Ich schritt zum Zuschauerraum, dessen Eingänge alle geschlossen waren. So als fände eine Vorstellung statt. Natürlich fand keine statt. Aber der Saal war voll besetzt mit Figuren, die ich schon vom Zug und von der Bahnsteigkante kannte. Waren sie an den Gleisen noch in Bewegung erstarrt gewesen, so waren sie es hier in Vergnügung.

Ich wollte diese Exkursion schon als Fehlschlag verbuchen, da gewahrte ich im Hintergrund der Bühne einen alten Mann, der drei, vier Versionen ein und derselben Figur mal hierhin, mal dorthin auf den Bühnenbrettern verschob und daran sichtlich gefallen hatte. Ich getraute mich nicht, ihn anzusprechen, sondern beobachtete ihn nur. Er trug eine Brille, hatte weißes Haar, ein filigranes Gesicht und trotz allem: einen merklichen Bauchansatz.
Zufrieden und mit großem Vergnügen webte der Alte an einem seiner Bühnendarsteller, die alle sehr nach dem JoJo meines Freundes aussahen, einen Draht an dessen Schritt, so dass es aussah, als ob der auf das Publikum pisste. Das Vergnügen, welches der alte Mann daran genoss, schien mir kindlich zu sein.

Als ich an der Bühne stand, bemerkte mich der Alte endlich, aber er schaute nur kurz auf und ließ sich in seinem Tun nicht weiter beirren. Sehr bedrohlich oder gewichtig erschien er mir nicht und so fragte ich ihn leicht genervt, ob er(!) sich diese Miniaturwunderwelt ausgedacht hätte.
Er antwortete ohne mich anzusehen: Er bearbeite nur, was er vorgefunden hätte und fuchtelte dabei wahllos mit seiner Pattex Flasche in Richtung Publikum und Künstler. Schließlich lächelte er und meinte: ich solle doch froh sein, dass ich bewegt und nicht geklebt sei. So als ob er ernst werde, hielt er theatralisch inne, schob seine Brille herunter, inspizierte mich spöttisch interessiert von oben nach unten und bastelte dann weiter.

Fatzke, dachte ich und bemerkte kurz zu seinem Tun: „Das ist albern.“. Ich hatte die Skurrilität der Gesamtsituation vollkommen verdrängt.
„Warum?“, fragte er wie beiläufig und ließ sich weiterhin nicht in seinem Tun beeinflussen.
„Haben Sie sich ihr Publikum angesehen, alter Mann?“
Er schaute auf, blickte von den Brettern herab, setzte sich seine Brille zu recht und konstatierte: „Begeistert, wie immer! Findest Du nicht?“
„Wie ich es finde? Ich finde sie sind tot. Sie sind aus Plastik. Dieses Theater hier ist eine Farce. Eine groteske Farce...“ und ich verkniff mir herauszuschreien, dass es Bielefeld hoch zwei sei, wenn man einen wie Jojo auf ein festgeklebtes, festgefahrenes Plastikfigurenkabinett pissen lässt.
„Na, na.“, beschwichtigte er mich, „nicht so laut. Ich bin mir sicher, mein kleiner Bühnenstürmer, Du wirst Dich einleben. Vertreib Deinen Zorn und ersetze ihn doch einfach durch Ironie.“,dann atmete er tief durch, blickte in ein Nirgendwo und ergänzte: „Du musst die Welt nehmen wie sie ist, Du kannst sie nicht ändern. Nur ein bisschen verrücken – gutes Wort übrigens: „verrücken“. Mit Kleben, Fixieren, Binden, Verdichten, Festzurren hältst Du die Welt nur ganz kurz fest – aber Du änderst nie niemals nie nicht ihre Trägheit. Jeder fällt in seine Rolle.“
„Trotzdem klebst Du sie fest? Klebst sie fest, obwohl sie von alleine in eine Rolle fallen?“
„Ich verrücke nur.“, antwortete er merklich barscher und mittlerweile von mir gelangweilt.
„Sie fallen immer auf die Schnauze, aber sie fallen jedes mal anders?“
“Ich bin nicht Gott, ich kann nicht alles ändern. Ich verschaffe mir nur Abwechslung.“ Das Gespräch war damit seinerseits beendet.

Noch eine Weile beobachtete ich ihn, wie er mit seinen Figuren spielte, aber je länger ich seine Bemühungen betrachtete, umso langweiliger fand ich es. Grußlos verabschiedete ich mich aus dem Theater und versuchte mich, aufs gerate wohl in dieser falschen und doch richtigen Kleinstadt heimisch zu fühlen. Bis auf das Theater, erkannte ich alles – wenn auch leicht versetzt – wieder.


Die Zeiger auf meiner Armbanduhr bewegten sich nicht und auch der Sonnenstand blieb immer gleich, doch fürchtete ich schon, zu spät zur Redaktion zu kommen, umso mehr als ich gewahrte, dass ich im Kreis zu laufen schien: vom Bahnhof, zum Theater und zurück und vom Bahnhof zum Theater. Ich kam auch mit großen Schritten nicht vom Fleck.
Ich war verloren in dieser Miniaturwunderwelt samt Kulturprogramm und ich war erleichtert, so traurig es auch war, als eine große Hand mich heute aufnahm und Klebstoff unter meine Füße brachte und mich endlich hinter das Fenster meiner Stube, schräg gegenüber vom Theater platzierte und ich meinen Rhythmus, mein Leben, meine Freunde und arte im Bielefelder Wunderland wiederfand.

Ach ja, die Buchstaben B, U, A, G und auch mal ein R funktionieren noch immer nicht. Es ist aber auch egal, denn es sind nur flackernde Buchstaben in Bielefeld - ihr Licht reicht nicht darüber hinaus.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Vaga
Kommentar von Vaga (18.04.2011)
Ein hinreißendes, spannendes Vergnügen. Hab's nicht bereut, diesen, doch recht langen, Text gelesen zu haben. Ich mag so Zeug wie dieses, skurril-surreal, mit hintergründigen Anteilen, und ich konnte mich dementsprechend kaum satt"sehen" daran. Ein paar RS-Hinweise per PK. Gruß-Vaga.
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Lala meinte dazu am 21.04.2011:
Hallo Vaga,

vielen Dank für Lob und Hinweise. Obwohl es mit meiner mangelhaften Rechtschreibung besser geworden ist - dank einer brauchbaren Software -, bin ich umso dankbarer für Hinweise. Zumal wenn sie nicht nur die Rechtschreibung, sondern auch das Verständnis betreffen. Daher meine Bitte, falls ein Text meinerseits Deinen Geschmack treffen sollte, dürfen die Vorschläge und erst recht die Verbesserungen öffentlich sein. Damit habe ich kein Problem.

Die beiden Stellen wo der Text Dich verließ, habe ich überarbeitet und ich meine schon - vielleicht ist das blödsinnig - das es ein Gefühl gibt, das man sich anödet. Der Fehler ist wahrscheinlich, dass der Ich Erzähler schreibt:"Nach der Begrüßung überbrückten wir in höflicher Form das Gefühl, das wir uns anödeten."
Das kann er eigentlich nur schreiben, wenn er allwissend ist. Woher sollte er denn - und bei dem Verlauf der Story - darum wissen? Logischer wäre gewesen, dass ihn, dass Gefühl beschlichen hatte, dass sein Freund von ihm genauso gelangweillt war, wie er von ihm. So wäre es besser. Es teht immer noch anders da, weil ich diese Figuren als Spiegelbilder sehe. Für mich sind das nicht zwei, sondern einer - aber da ist hoffentlich im Text noch Luft drin.

Ansonsten habe ich - hoffentlich - die von Dir angesprochenen Mängel beseitigt und möchte nochmals sagen: Vielen Dank.

Gruß

Lala
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Vaga antwortete darauf am 21.04.2011:
Ich muss jetzt beim nochmaligen Lesen des Gefühlssatzes schmunzeln, denn du hast, wie aus deinem Re-Kommentar ersichtlich, (Sinn-)Fehler gefunden, die m. E. überhaupt nicht existierten, andererseits aber erneut das kleine RS-Fehlerchen übersehen, das ich für korrigierenswert hielt. Denn das Das mit einem S steht immer noch dort hinter dem Komma. So liest sich der Satz sinngemäß so, als
überbrückten wir in höflicher Form das unterschwellige Gefühl, welches wir uns eigentlich anödeten.
Gruß - Pingelfritzchen Vaga
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Lala schrieb daraufhin am 21.04.2011:
Danke. Jetzt, habe ich es auch begriffen. Falls nicht, bitte noch mal treten. Keine Rücksicht ;)
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Kommentar von Abrakadabra (41) (21.04.2011)
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Lala äußerte darauf am 25.04.2011:
Hallo Magic,

zu statisch und korrekt? Ist doch langweilig, oder? Vermutlich ist die erste Hälfte des Textes, das Gespräch, zu "aufgesetzt". Jedenfalls kämpfte ich mit ihr am meisten bzw. überarbeitete sie wieder und wieder. Wenn ich den Text in einem Monat noch mal lese, werde ich wahrscheinlich wieder daran rumlöten. Die erste Zeile ist eigentlich ein no go - wer will so etwas langes am Stück lesen, wenn in der ersten Zeile lang und langweilig steht? - aber da bleibe ich bockig und wüsste auch nicht wie ich diesen Teil "fluffiger" hinbekommen könnte? Allen recht machen? Nein. Nur mir und das kannste glauben, aber Leseerfahrungen sind spannend und reflektieren meistens doch die Schwächen eines Textes. In diesem Sinne teile ich Seelenliebes Einschätzung, dass wir Amateure sind.

Gruß

Lala
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Kommentar von fdöobsah (54) (19.12.2018)
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keinB ergänzte dazu am 19.12.2018:
Eheheh! Kaum dran gewöhnt, ist der Disclaimer schon wieder verschwunden.
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Lala meinte dazu am 23.12.2018:
@fdöobsah

Leider kann ich zur Erhellung heute nicht mehr viel beitragen. Ausser, dass ich in der Nachbearbeitung mehr Zeit, viel mehr Zeit, mit dem ersten Teil verbracht habe, um einen lesbaren Dialog zu fabrizieren. Toll, flüssig und wirklich gewieft ist er immer noch nicht, aber als ich den Text nochmal gelesen habe, konnte ich zumindest festelllen: Mit ein bisschen guten Willen, kommt man durch. Er scheint mir schon wichtig, um diese intelelle Sattheit, Drögheit zu bechreiben. Es ist aber ein zuviel an Buzzword Bingo. Aber ist offensichtlich, dass der Text vor dem September 2015 erschienen ist. Es gibt wieder, wenn auch gleich mit aller Schärfe eine gesamt gesellschaftliche Diskussion, Fronten und nicht nur arte oder 3Sat.

Damals, dass weiß ich noch, war ich schon unter dem "Curse" von Baumann. Und damals war hier nich jovanj (oder so) ein Buchstabenkünstler, den Bergmann bewunderte und ich nicht verstand. Also kV stand mal wieder Pate. Aber ich weiß, dass es mir dann um mehr gegangen war. Aber was? Und was die Buchstaben bedeuten sollen? Boah? Weiß ich nicht mehr. Ein Weizen zu viel wahrscheinlich. Sorry.
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Lala meinte dazu am 30.12.2018:
Ein kleiner Nachtrag:

Solch einen unsäglichen Mist

https://www.welt.de/kultur/pop/article186319576/Gemeinsamer-Song-Till-Lindemann-hat-Haftbefehl-verarscht.html

hätten die Bahnfahrer nach Bielefeld auch verzapfen können. Gefangen in ihren Vorstellungen, gefangen in ihren Idealen und Heroen. Festgeklebt.
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Lala
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Veröffentlicht am 18.04.2011, 5 mal überarbeitet (letzte Änderung am 21.04.2011). Textlänge: 3.186 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.557 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.04.2019.
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