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von Fremdkoerper

Wenn er denn schon hier war, wollte er wenigstens noch mal die Lieblingsplätze seiner Kindheit aufsuchen. Vorbei an Werbeplakaten, die mit bleichhaarigen und rotbäckigen Kindern vom Familienfest am kommenden Wochenende kündeten, lief er über den brüchigen Asphalt zum Stadtrand. Hier auf der Wiese blühte überall der Löwenzahn, aus dessen Blüten er früher zusammen mit seiner Mutter oft Sirup gekocht hatte. Heute wusste er, dass nur wegen der Gülle, die zwei Mal im Jahr auf die Wiese gekippt wird, hier so viel Löwenzahn wächst. Hinter der Wiese erreichte Sven mit dem Wald sein Ziel. Der Wald war von mittelalterlichen Bergbauversuchen zerklüftet, überall wiesen tiefe Trichter auf die Hoffnung der grabenden Menschen. Sven entspannte daraus in seinem kindlichen Kopf Phantasielandschaften, die er in akribischer Detailarbeit kartographierte. Gebirgszüge, Täler, Ebenen und Städte wurden aus dem deformierten Waldboden mit seinen dichten Moospolstern aufs Papier übertragen. Mit sechzehn Jahren ging er in die örtliche Großraumdisko, tanzte zu deutschem Hip Hop und warf seine ganze Kartensammlung in den Papiercontainer.

Hier allein im Wald ließ sich Heimat ertragen. In dieser Form war sie für ihn immer halbwegs erträglich gewesen und aus diesem Grund blickte er auch nie mit Unbehagen auf seine Kindheit zurück. Natürlich war er überwiegend allein gewesen aber das verschaffte ihm Luft, die alle anderen Kinder bereits seit dem späten Kindergartenalter in den abgestandenen Atem der peer groups eingetauscht hatten. Bis zu dem Zeitpunkt, als er meinte, seinen Sexualtrieb nicht mehr allein mit Wichsen befriedigen zu können, untersuchte er seine ganze Umwelt, die kaum vorhandene menschliche ausgenommen, unter jährlich wechselnden Interessen. Wenn er nicht Landkarten zeichnete, Wolken, Sterne, Vögel, Schmetterlinge beobachtete oder Mineralien untersuchte, verkroch er sich in seine abgedunkelte und spärlich beleuchtete Lesehöhle. Er war ein Kind des Aufnehmens und dafür wurde er von anderen Kindern nicht gehasst, sondern zu seinem Glück nur völlig ignoriert.

Im Gegensatz dazu entwickelte er zu seiner Jugend mit jedem weiteren Jahr eine größere Distanz. Kaum vorbei und so unwirklich und fremd wie nichts auf der Welt schien sie ihm. Wie bei fast allen führte sein Weg aus einer Einsamkeit, die ihm gerade erst bewusst geworden war über den rebellischen Schein einer Individualität, die genau genommen die Anpassung an kaum unterscheidbare Formen des physischen und psychischen Schmückens bedeutete. Der Rahmen jeglichen Austauschs, gleich ob geistiger, ästhetischer oder sexueller Art, war stark begrenzt. Das Netz der Kleinstadt ließ wenig Raum zur Entfaltung und der gemeinsame Lebensraum mit seinen engen Horizonten zwang alle in die abstoßende Harmonie oberflächlicher Gemeinschaft. Hier tranken Dorfnazi und Dorfpunk gemeinsam, denn letztendlich war man ja „von hier“, spielte gemeinsam im selben Fußballverein und hielt zusammen gegen irgendwie fremd anmutende Einflüsse, vor allem gegen Wessis.

Das Menschliche provinzieller Jugend wurde Sven erst in seinen Teenager-Jahren vertraut und in Gestalt seiner selbst lernte er es später zu verachten. Erst an diesem Punkt konnte er beginnen, sich damit auseinander zu setzen. Sein Glück war die Möglichkeit und die Entscheidung zum Studium, die den Ausbruch gelingen ließen und überhaupt erst im Rückblick eine Betrachtung möglich machten, die sich dem jugendlichen Sven auf der Suche nach Anerkennung und Annäherung noch entzogen. Und selbst unter den Studierenden waren viele, die es gruppenweise in die gleiche Stadt zog, um dann jedes Wochenende gemeinsam nach Hause zu fahren, einen Ort, den es in dieser Form für Sven nicht mehr gab und dessen Bezeichnung mehr und mehr aus seinem Gedächtnis verschwand und jede ortsgebundene Bedeutung verlor. Jeder Besuch dieser Heimat war für ihn seitdem ein geistiger Rückschlag, der ihn zwang, sich mit Gedanken auseinander zu setzen, die er vom Podest seines philosophiestudentischen Millieus längst für nicht mehr existent hielt. Die bestehenden familiären Reste hielten ihn deshalb auch für arrogant und trugen ihm seine geringe Anteilnahme an Familienfeiern und Geburtstagsfesten Verwandter zweiten und dritten Grades auch immer wieder nach.

Von seinem heutigen Besuch wusste auch kein Verwandter etwas. Sven wollte noch am selben Abend den Zug zurück nehmen und möglichst niemandem, der dann womöglich auch noch beleidigt wäre, über den Weg laufen. Hier im Wald war Vergangenheitsbewältigung ohne störende Mitmenschen seiner Vergangenheit möglich. Nur von einem Hundebesitzer und dessen sabberndem Anhang wurde er, zum Glück mit ausreichendem Abstand, skeptisch beschnüffelt. Ansonsten war der Pfad auf die kleine, von geometrisch angeordneten Fichten bewachsene, Hochebene frei von Menschen. Weiter oben war der Waldboden zerklüfteter und  mit Felsen durchsetzt, und Fichten wechselten sich hier mit Tannen, Kiefern und Birken ab. Sven kämpfte sich kurz durch das Tannendickicht und erreichte einen kleinen, rundum von scharfkantigen Felsen begrenzten See. Dieser ehemalige Steinbruch war so lange sein Rückzugsort, bis er meinte, keinen solchen mehr zu benötigen und stattdessen mit Freunden am Lagerfeuer saß, Freundinnen tauschte und Steine ins Wasser warf.

Er stieg auf einen Felsen, der weit in den See hinein reichte und mehrere Meter hoch war. Von der Seite hatte er die Umrisse eines Schiffbugs, weshalb ihn Sven immer Titanic-Felsen genannt hatte. Hier hatte er oft seine Beine über die Kante baumeln lassen und das Getier im und um das Wasser beobachtet. An dieser Stelle knutschte er auch zum ersten Mal mit einem Mädchen, das heute als Einzelhandelskauffrau in der Nachbarstadt arbeitet und womöglich auch eine solche ist; unter der Berücksichtigung der Möglichkeit, dass nicht jeder Mensch das ist, als was er arbeitet. Damals mit sechzehn spielten sie die Pose aus dem Titanic-Film nach und Sven konnte ihr seine Witzigkeit beweisen. Die Verbindung von Witz und Romantik und deren gegenseitiges Überspielen funktioniert immer und in allen Altersklassen. Eine gewisse Sehnsucht konnte er auch jetzt nicht unterdrücken; der Gedanke an das Adrenalin körperlicher Verliebtheit flammte wieder in ihm auf und er nahm sich vor, diesen Gedanken wieder mehr in seinem Leben zu verankern, da nicht zuletzt sich dieser Zustand durch äußerste geistige Produktivität äußert. Wenn auch gleichwohl viel Schund dabei herauskommen sollte, so hoffte er doch auf einige gute Einfälle für sein kleines Notizbuch, dass er in der Hosentasche mit sich führte.


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Kommentare zu diesem Text


Kommentar von CurzonDax (27) (02.08.2011)
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Fremdkoerper meinte dazu am 02.08.2011:
klar änder ich das, sowas kann ja mal passieren;)
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Gedankenwut (21) antwortete darauf am 03.06.2012:
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Veröffentlicht am 27.07.2011, 4 mal überarbeitet (letzte Änderung am 02.09.2011). Textlänge: 973 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.052 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 23.09.2020.
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