Déjà-vu

Erzählung zum Thema Leben/Tod

von  Kontrastspiegelung

Feierabend! So, die Decke habe ich nun endlich fertig ockerfarben verkalkt, die Ornamente an den Seitenwänden weiss nachgestrichen und nun muss alles nur noch richtig trocknen und mein Meister bringt mich endlich zurück in die Stadt. Hach, sieht das Innenleben der Kirche, wie in der Christ König-Kirche in Ludwigshafen, was gestern renoviert wurde nun richtig frisch und lebendig aus. Dafür fühle ich mich jetzt nach getaner Arbeit alt und freue mich auf die Heimreise. Würde mein Meister nur nicht so lang bei einem Kundengespräch verharren. Ich wäre schon längst zu Hause. Stattdessen stehe ich draußen vor der Tür und schaue runter auf die kleine Stadt, welche durch die aufziehenden, schwarzen Wolken düster wirkt. Nicht so wie hier Oben, wo die Sonne mich, bei schätzungsweise fünf C°  warm anlächelt. Vögel zwitschern auch noch dabei. Doch die Realität sieht anders aus.
Beim  Gang über das kalte Gräbermeer des örtlichen Friedhofs zum Auto, rufe ich unbewusst Erinnerungen hervor. Erinnerungen wie…

Ich stehe bei der Beerdigung  meines Großvaters. An den Fingernägeln kauend blicke ich in die trübe Atmosphäre und sehe zahlreiche verweinte Gesichter. Selbst meine jüngere Cousine. Ich versuche ebenfalls zu weinen, mit glaube 13jahren. Doch keine Träne kullert über meine Wangen. Kein Ausdruck, einer Form von Trauer. Der Gedanke Ihn zu küssen, einen kalten leblosen Körper. Ich will das nicht. Er merkt es sowieso nicht. Nun bin ich an der Reihe und stehe direkt vor Ihm, mit geneigtem Kopf und ertappe mich insgeheim, bei einer egoistischen Frage. „Warum jetzt? Ich hab noch nicht gegen dich Schach gewonnen. Die letzten Male warst Du labil und dementsprechend ein leichter Gegner. Nur eine weitere Erinnerung für die Ewigkeit, die ich nie vergessen werde. Warum nur... kann ich jetzt nicht flennen? Egal wie sehr ich mich bemühe, es gelingt mir nicht. Ich empfinde nichts für dich und das obwohl Du vor mir liegst, adrett gekleidet. Auf einem hölzernen Ablegetisch mit Rollen.
Wie ich selbst immer wieder auf einem lag, damals während zahlloser Krankenhausaufenthalte. Mit dem Unterschied, dass ich mich, wenn auch vergebens, wortlos und mit vollem Körpereinsatz gewehrt hatte. Bis mir im Nachhinein klar wurde, dass dies ein sinnloses Unterfangen ist, wenn man an Händen und Füssen gefesselt ist. Ja ich war wach. Du aber bist Tot... Ich will weinen, jetzt und hier, doch…ist jetzt  der Nächste an der Reihe und ich habe mich nicht von dir verabschiedet. Ich hab mich nur innerlich ausgeheult und wollt das nicht einmal. Nun ist es vorbei. Ich weiß einfach nicht was ich dir zurücklassen könnte, außer Tschüss.

Im Auto eingeigelt, wache ich aus dem Déjà-vu auf und überlege, warum ich damals nicht weinen konnte und ob ich überhaupt einen toten Menschen jemals beweinen könnte, selbst wenn dieser mir wichtig wäre. Oder ob ich schlicht  gefühllos wie ein Eisklotz bin.

Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren

Kommentare zu diesem Text

benni20.0 (29)
(17.09.11)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
supernova (51) meinte dazu am 17.09.11:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Kontrastspiegelung antwortete darauf am 17.09.11:
Ja, hi benni ;) ,

ja, ich wollte mal sowas rauslassen, gerade wegen der frage ob man gefuehllos ist. als ein kleines kind ist es vorstellbar das sie so reagieren, doch wie ist es wenn sie erwachsener werden... Reagiert der eine und der andere villt. noch so wie in seiner kindheit?

Lg, kathi

 Kontrastspiegelung schrieb daraufhin am 17.09.11:
Hi bea....
Ui hast du einen déjà vu ^^
Hab mich doch entschlossen den langweiligen text zu veroeffentlichen.

 princess (17.09.11)
Hallo, liebe Kathi,

es gibt weit verbreitete Vorstellungen davon, wie Menschen in welchen Situationen zu reagieren haben. "An Großvaters Grab sollte ich weinen". Nun weint deine Protagonistin aber nicht. Verhält sie sich jetzt deshalb verkehrt? Oder glaubt sie lediglich verkehrte Gedanken über sich und die Welt? Frage ich mich gerade mal so.

Liebe Grüße, Ira

 Kontrastspiegelung äußerte darauf am 17.09.11:
Hallo Ira,

interessante Frage stellst du meiner Protagonistin.
Ich wuerde behaupten, das sie das schwarze Schaff in dieser Welt ist. Denn sie benimmt sich als einzigste vekehrt und moechte sich anpassen, doch funktioniert das nicht, denn sie hat einen eigenen Kopf/Gefuehl. Das ist ihr nach all den Jahren bewusst geworden. Die Welt scheint sich normal zu drehen, nur nicht die Menschen selbst.

Liebe Gruesse, Kathi ;)

 franky (17.09.11)
Hallo liebe Kathi,

Oft ist nur eine Person nötig, die in Tränen ausbricht und die ganze Gesellschaft zerfliest in einem Tränenmeer. Die Weinen meist um sich selbst und nicht um einen verlorenen Menschen. Wenn nach dem irdischen Dasein etwas Himmlisches kommt, sollte man es jedem Verblichenen gönnen.
Alle zeitlichen Parameter werden auf Null gestellt und nichts von hier kann ins Jenseits überschwappen.

Herzliche Grüße

Franky

 Kontrastspiegelung ergänzte dazu am 17.09.11:
Hallo lieber franky,

Türlich hast du recht, das etwas Himmliches jedem Verblichenen gegönnt ist, doch, wer kann außer den Verblichenen wissen, wer dieser "Engel" ist? Diese sind nicht auf den ersten Blick erkennbar und können auch mal Tränen über die Wangen kullern lassen. Oft gibt es wirklich Trauernde die ihre Emotionen offenherzig zeigen und wiederum gibt es die Schweiger, die nicht wissen, wie sie etwas ausdrücken sollen.

Liebe Grüße, Kathi
(Antwort korrigiert am 17.09.2011)

 Lala (17.09.11)
Hallo Kotrastspiegelung.

Interressantes Thema, gute Ideen. Aber die Überleitung finde ich nicht gut. So ist die mir zu dünn und zu hölzern. Da ich das Bild, das Drumherum spannend finde, würde mir eine behutsamere Überleitung als: die Realität sieht anders aus, besser gefallen. Die Realität sieht sowieso ummer anders aus, als die Bilder die ich mir per Buchstabensuppe erzeuge ;) Da mir oll war, habe ich mal eine gebastelt - aber nur, um Dir meinen Widerspruch verständlicher zu machen:

Nicht so hier oben. Auch wenn es kühl ist. Mein Tagwerk ist verrichtet und ich bin's zufrieden. Die Vögel zwitschern, als wollten sie meiner Genugtuung eine Melodie verleihen und obendrein lächelt die Sonne zu mir. Soll der Meister noch stundenlang sabbeln oder predigen; mein Herz ist voll. Aber als ich vom First der Kirche den Friedhof erschaue, bin ich mit einem Male wieder bei der Beerdigung meines Großvaters.

Gruß

Lala

 Kontrastspiegelung meinte dazu am 18.09.11:
Hallo LaLa,

ja, normalerweise sollte dieser Bereich auch etwas anders sein. Mit Paradoxe erscheinungen, doch wollte ich es Realitäts getreu schreiben^^

Dein Widerspruch ist verständlich! Ich werde es mir zu Herzen nehmen und danke dir für deinen Kommentar. :)

Lg, Konti
Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram