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Fabricius möbliert

Parodie


von Schreiber

Obwohl er den klangvollen Namen Fabricius trug, war er von ausgesprochener Trägheit, besaß darüber hinaus zwei linke Hände und eine dritte davon gewissermaßen auch im Geiste. So verwunderte es durchaus, dass er eines Tages aus der Kreisstadt kam, freudig erregt einen Kaufvertrag vorzeigte und seinem Stammtisch erklärte, er habe gerade eine neue Wohnwand gekauft. Es sei alles ausgemessen und bei „Glawe & Co“ bestellt. Die Lieferung käme in zwei Wochen.
Nun muss man wissen, dass sein ebenerdiges Häuschen in einem Fünfhundertseelendorf stand, das mehrheitlich von dem verschiedenen Hausgetier bewohnt war, das die Leute zu ihrem Vergnügen oder zu ihrem Unterhalt durchfütterten. Der Kaufvertrag war daher durchaus ein Thema, über das am Stammtisch kontrovers gesprochen wurde. Im starrköpfigen Mittelwiesau wurde Mobiliar nach wie vor über die Generationen vererbt, was einige der jungen Frauen gern geändert hätten, sich aber nicht trauten, weil das als achtlos und verschwenderisch galt. Fabricius aber hatte es gewagt und stieg dadurch vom belächelten Schulabbrecher zum angehimmelten Modernisten auf.
Dann kam das Möbelauto und mit ihm drei Männer, die die verpackten Teile ausluden und in den Hausflur stellten, gleich neben die Tür zu dem Wohnraum, den sie verschönern sollten. Konrad Fabricius hat es so gewünscht, um drinnen dann nach und nach das Zusammenbauen und Aufstellen eigenhändig vorzunehmen. Der Flur teilte das Haus und hatte zur Hofseite einen zweiten kleinen Austritt. So schien es Fabricius nicht wichtig, den großen Hauptzugang mit seiner schweren Doppeltür frei zu halten. Man stellte also vorn den Flur mit den sperrigen Kisten voll, die Möbelträger ließen sich die Lieferung quittieren und verschwanden. Fabricius hatte keine Eile. Er fand alles geschützt und trocken verstaut, und auch der Zugang über den Hof durch die Hintertür war benutzbar geblieben.
Erschöpft von der ungewohnten Betriebsamkeit suchte er Erholung. Die fand er in seiner Schlafkammer vor dem Fernsehgerät, dem letzten Stück, das er aus der bisherigen Wohnzimmereinrichtung übernommen hatte, welche einstweilen raumfüllend in der Küche stand und  in den nächsten Tagen abgeholt werden sollte. Die Küche schien ihm für die paar Tage entbehrlich. Er war ohnehin kein Freund von Hauswirtschaft und Küchenarbeit. Vorsorglich hatte er die Mikrowelle mit ins Schlafzimmer gestellt. So konnte er direkt vom Bett aus eine Mahlzeit aus der Konserve erwärmen, dazu durch die Kanäle zappen und schließlich satt und halbinformiert, er verfolgte nie einen Nachrichtenkommentar über seine ganze erschöpfende Länge, in den Schlummer fallen.
So geschah es an diesem Abend.
Am Morgen fand er das alles nicht mehr so richtig bequem, eher etwas beschwerlich, denn der Mülleimer stand noch unter der Spüle, an die er aber jetzt wegen der alten Möbel nicht heran kam, und der schmutzige Plastikteller von den „Rouladen mit Rotkraut und Petersilienkartoffeln“ war plötzlich immerzu im Wege. Außerdem hatte er vergessen, den Wasserkocher mitzunehmen. Fabricius konnte sich deswegen nicht einmal an seinen gewohnten Frühstückstee setzen. Er tröstete sich damit, dass er heute Abend nach seiner Rückkehr aus der Kreisstadt, wo er als Hausmeister entschieden mehr laberte als arbeitete, die neuen Möbel aufbauen und damit einen großen Bereich seines Häuschens wieder wohnlich machen würde.
Diesem Vorsatz folgte er entschlossen. Er hatte auf der Rückfahrt am späten Nachmittag noch einen Kasten Bier erworben, denn ihm war gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass in seiner Küche auch der Kühlschrank, dessen Inhalt zum großen Teil aus Flaschen dieses kraftvollen Getränkes bestand, erst später wieder zugänglich sein würde, viel zu spät für den eventuell aufkommenden Durst. Fabricius schleppte den Bierkasten aus dem Auto in den Hof und stellte ihn hinten neben das Türchen, um im Notfall das kühle Pils gleich griffbereit zu haben. Kühl war es nicht wirklich, weder das Pils noch der Abend. Sommerliche Gewitterschwüle lag über Mittelwiesau, die Fliegen summten und das ungehaltene Muhen der Kühe drang von der Weide herüber. 
Ein Auftaktbier zum Stärken und Beginnen, das wollte er jetzt noch trinken, bevor er den Möbelpaketen zu Leibe rückte.
Die Flasche ging überraschend schnell zur Neige. Es schien Konrad Fabricius, dass so eine kleine Flüssigkeitsmenge nicht geeignet sei, neben der Funktion des Auftaktbieres auch noch die Funktion der Stärkung und des Beginnens erfüllen zu können. Also nahm er zwei weitere Flaschen aus dem Kasten, um ihnen die noch offenen gebliebenen Aspekte in der genannten Reihenfolge zuzuweisen.
Getrieben von der unerfreulichen Aussicht, ohne eine echte Aktivität niemals wieder Tee zu bekommen, erhob er sich schließlich etwas wackelig von der Türschwelle, auf deren grobem Fußabstreicher er bequem gesessen hatte. Im Halbdunkel des Flures begann er, nach der ersten Kiste zu suchen. Er hatte sich vorgestellt, sie wären irgendwie der Reihe nach nummeriert.
Es gab tatsächlich jede Menge Nummern, aber keine für die Reihenfolge.   
Enttäuscht ging er daran, das nächststehende Paket zu öffnen. Von unter der Pappe quoll ihm vielfältiges Verpackungsmaterial entgegen, darunter auch dünne Platten aus Schaumpolystyrol, die in seinen Fingern zu unermesslichen Mengen kleiner weißer Kügelchen zerbröselten und sich wie von Geisterhand bewegt sogar an all jene Oberflächen hängten, die noch nie irgend etwas anderem als höchstens den Fliegen Halt geboten hatten. Selbst an den Händen blieben die aufdringlichen Plasteteilchen kleben, und Fabricius gab es bald entnervt auf, diese lästige, schwerelose Invasion der Polymerarmee abwehren zu wollen.   
Es war lange nach Mitternacht, als er ein erstes Ergebnis seines anstrengenden Wirkens begutachten konnte. Wie durch ein Wunder hatte er zwei Pakete erwischt, die ein Unterschrank und ein Oberteil waren und sich durch Aufeinanderstellen zu einem vollwertigen Element der Wohnwand formen lassen würden. Begeistert betrachtete er die beiden Kuben, die er montiert hatte. Sie waren zwar noch ohne Fronttüren, aber das schöne Ganze ließ sich schon erahnen.
Das Oberteil passte nicht auf das Unterteil.
Nicht, dass er während des Zusammenbaues einen Fehler gemacht hätte, doch der Raum war zu niedrig. Alles hatte er ausgemessen, aufgeschrieben und mühevoll in den Grundriss gezeichnet. Aber an die Deckenhöhe hatte er nicht gedacht.
Dieser Rückschlag irritierte ihn nur für den Moment. Er war weit davon entfernt, darin ein unlösbares Problem zu sehen. Damit beschäftigte er sich erst gar nicht. Jeder andere hätte eine schlaflose Nacht gehabt, aber Konrad Fabricius war geübt in der subtilen Kunst, jede unpassende oder über Gebühr anstrengende Herausforderung noch im Moment ihres Erscheinens komplett aus seinem Sichtfeld auszublenden.
Dass ihn das irgendwann wieder einholen würde, hatte er schon als Kind deutlich erfahren. Im Gegensatz zum Gros seiner Mitschüler war es ihm immer entschieden bequemer erschienen, die Ruhephase bis zum Eintritt der Katastrophe entspannt auszukosten. Was war der kurze, flüchtige Schmerz des „wird nicht versetzt“ gegen die herrliche Zeit unbeschwerten Umherstreifens in den Wiesen und Feldern? Was konnten die Pauker ihm denn, ihm, der ganz genau wusste, wer die Schuld an seiner Misere hatte? Nichts konnten sie ihm! Und seine herzensgute Mutter hatte den einzigen Sprössling ihres späten Glücks immer bedingungslos in Schutz genommen gegen die böse Welt da draußen vor der Tür, die gleich neben der Hausnummer 14 – es gab in Mittelwiesau nur eine Straße, sie hieß unvermuteter Weise „Dorfstraße“ - ihre hinterhältigen Fallen für ihren kleinen Jungen aufgestellt hatte. Man muss ihr lassen, dass sie ihn abgöttisch liebte. Für sie war er alles und ein Genie sowieso. Aber das bekam ihm nicht, zumindest nicht auf die Dauer. Mehr und mehr entglitt ihm das Wertegefüge der Neuzeit, dem unter anderem eigentümlich ist, dass man zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten eine einigermaßen klar umrissene Aufgabe zu lösen hat, falls man denn am Ende des Monats eine passable Gutschrift auf seinem Konto entdecken möchte.
Erst Jahre später, nach dem Tode seiner Mutter, die ihm bis zuletzt und bis zu ihrem buchstäblich letzten roten Heller wieder und wieder aus seinen finanziellen Nöten geholfen hatte, musste er sich der gnadenlosen Realität stellen. Auf rätselhafte Weise war er dann bei seiner Odyssee, eigentlich hatte er eher eine zwanglose und beschauliche Kreuzfahrt daraus gemacht, durch diverse Ämter, Beschäftigungsgesellschaften und Zeitarbeitsfirmen auf eine Hausverwaltung gestoßen, die einen Hausmeister suchte. Da er dort für seine Einstellung nichts vorlegen musste, was einen handwerklichen Hintergrund gehabt hätte, fielen seine Unbeholfenheit und Ideenlosigkeit in Bezug auf praktische Tätigkeiten niemandem auf. Er selbst wusste trotz aller Selbstüberschätzung ungefähr, was er konnte oder eben auch nicht, baute aber guten Mutes darauf, alle anfallenden Arbeiten fremdbeauftragen zu können.
So fand er sich schon nach kurzer Zeit als eine Art Oberaufsicht über allerlei Dienstleister und Gewerke wieder. Diese so schöne wie bedeutungslose Position stärkte sein Selbstbewusstsein.
Anscheinend war die Hausverwaltung mindestens so unfähig wie ihr neuer Hausmeister, denn die nun vermehrt eingehenden Rechnungen wurden als Zeichen engagierten Wirkens fehlgedeutet. Weil die zu betreuenden Objekte verstreut in der Kreisstadt und manche auch in deren Umland lagen, konnte Konrad Fabricius sich gleich noch ausgedehnte Wegezeiten einbuchen lassen, was er schamlos und bis an die Grenze des Vernünftigen ausreizte, ohne dass es ihn davon abgebracht hätte, sich bis aufs Blut ausgebeutet zu fühlen. Wenn die Situation zwischen ihm und seinen Vorgesetzten doch einmal bedrohlich wurde, was zum Glück selten vorkam, hüllte er sich wortreich in eine Wolke platter Phrasen, die keiner recht anzugreifen wusste, weil darin kein Inhalt war, nichts, was anzugreifen gewesen wäre. 
Mit dem Glück des bekannten blinden Huhns hatte er für sich den richtigen Job gefunden.
Die Sache mit der Deckenhöhe wurmte ihn plötzlich doch.
Er vertagte das aber unverzüglich und entschieden wie immer, sodass daraus nicht erst noch eine belastende Überlegung werden konnte. Außerdem hatten das Bier und die ungewohnte nächtliche Anstrengung ihn längst ermüdet. Wenigstens waren die Reste auf dem Plastikteller von gestern inzwischen so weit durchgetrocknet, dass er ins Bett gehen konnte, ohne besondere Vorsicht walten lassen zu müssen.
Am nächsten Morgen erschien er misslaunig in seinem winzigen Hausmeisterbüro. Er hatte erneut keinen Frühstückstee gehabt, auch nichts gegessen und musste erst einmal die Tagesgrundlage in seinem Magen herstellen, bevor daran zu denken war, strukturiert zu arbeiten, was auch immer er darunter verstand. Es wurde Mittag, bis er den Bäcker und den Fleischer hinter sich gebracht, ein paar Brötchen geschmiert und sich bei einer Tasse Kaffee endlich wieder auf der Reihe hatte.
Diese Entbehrungen, die ihm seine gegenwärtige Wohnsituation auflud, mussten ein Ende haben. Fabricius dachte in der ihm eigenen Schmalspurigkeit darüber nach, was er tun könne, und ihm kam tatsächlich eine Idee, die im Grunde auch zu fortgeschrittener Stunde aus dem Dunst seiner Stammtischrunde hätte aufsteigen können: Er würde den Raum den Möbeln anpassen.   
Diese Erkenntnis, die er sich nicht leicht gemacht hatte, entsprang dem Für und Wider, das sich aus der Tatsache seiner örtlichen Vorreiterrolle einerseits und dem Aufwand einer umständlichen Geschäftsrückabwicklung andererseits ergab. Entscheidend war am Ende sein fester Wille, den eben erst errungenen Status des Revolutionärs nicht gleich wieder zu verlieren.
Er reichte drei Tage Urlaub ein, fuhr in den Baumarkt und kaufte das Werkzeug, das er für nötig hielt. Optimistisch wie selten kehrte er nach Hause zurück. Die Aussicht, zu den neuen Möbeln auch bald ein neues Zimmer zu haben, belebte ihn. Es war indes öfter so, dass er sich über ein virtuelles Ergebnis, das real noch in weiter Ferne lag, so freuen konnte, als sei es schon erreicht. Oftmals machte es diese Freude dann gar nicht mehr notwendig, für Unbeteiligte ein Ergebnis überhaupt hinzustellen. Er hatte es in seinem Herzen, das allein war genug - und bequem dazu.
Diesmal hing mehr daran. Wenn das Zimmer nicht fertig wurde, konnten die Kisten nicht aus dem Flur, konnte keiner den ganzen alten Rümpel aus der Küche abtransportieren und … kein Frühstückstee, kein Abendbrot, kein kaltes Bier.
Noch stand die Sonne hoch am Himmel, die Kühe lagen kauend und dösend in der Wiese nebenan, und der dicke, graubraune Kater mit den zerfetzten Ohren schätzte aus schmalen Augenschlitzen ab, wie viel Kampf es ihn kosten würde, das Revier mit dem Bierkasten im Hof zu seinem eigenen zu  machen. In diese Idylle brach der tatendurstige Hausbesitzer nun schon kurz nach Mittag derart ungestüm ein, dass die Ameisen in den Ritzen zwischen den Wegplatten ob der heftigen Schritte in einige Panik verfielen.
Fabricius hielt es für notwendig, zunächst einige der Flaschen aus dem Kasten in einem Eimer kalten Wassers auf Trinktemperatur abzukühlen, denn er rechnete fest damit, bald schon auf Erfrischung zurückgreifen zu müssen. Der an den Außenwasserhahn angeschlossene Gartenschlauch lag verschlungen und mehrfach geknickt im Hof herum, ein verbeulter Eimer, in dem Fabricius vor längerem Zement angerührt hatte, stand dabei und bot trotz des darin ausgehärteten Zementrestes genug Volumen zum Einstellen von vier, fünf Bierflaschen, was Fabricius in die Lage versetzte, sein Vorhaben ohne Umstände auszuführen. Er sah sich damit auf halbem Wege beim Umbau des Wohnzimmers.
Eifrig ging er nun daran, dort zunächst die Scheuerleisten von Wand und Dielen zu lösen. Er tat das so sorgfältig, wie es ihm eben möglich war. Immerhin erreichte er, das er einen Teil der Leisten als unbeschädigt betrachten konnte, nachdem er die Demontage abgeschlossen hatte. Anfänglich war er einmal optimistisch von hundert Prozent Wiederverwendbarkeit des Materials ausgegangen, doch angesichts der bei den Arbeiten angefallenen Trümmer korrigierte er diese Zahl mit leichtem Bedauern nach unten.
Nach diesem Meilenstein im Baufortschritt ging er hinaus, wechselte das Wasser im Zementeimer und gönnte sich einen Probeschluck. Der war über Erwarten gut und fiel daher etwas üppiger aus. Genau genommen war die Flasche danach leer.
Es kostet ihn viel Überwindung, sich von der Schönheit des warmen Sommernachmittags und dem Wunsch nach einem zweiten Bier zu lösen und stattdessen in den Bereich zurückzukehren, in dem weitere Aufgaben seiner harrten. Die Dielung musste heraus.
Offensichtlich hatte vor reichlich hundert Jahren der längst verblichene Handwerker solide Kenntnisse und Fertigkeiten in seinem Fach besessen und penibel eingebracht. Gespundete Bretter lagen da vor Fabricius, die fest miteinander verfugt, auf Balken aufgenagelt und einzeln wie insgesamt nicht zu bewegen waren. Unerwarteter Widerstand gegen jeden Handgriff schlug ihm wie eine Welle des Hasses entgegen. Die schwere Dielung trotzte all seinen Angriffen. 
Schwitzend, keuchend und entnervt gab Fabricius nach einer halben Stunde das Unterfangen zunächst auf. Er war fix und fertig. Mit hängenden Schultern schlich er in die Nachmittagssonne hinaus, öffnete ein weiteres Bier und hatte nebenher die Spitzhacke im Visier, die seit Monaten drüben am Schuppen im wuchernden Gestrüpp lag.
Aufräumen war nie seine Stärke gewesen. Er fühlte sich in diesem Moment einmal mehr in seiner Unordnung bestätigt, weil sie ihm in Situationen wie dieser einen gewissen Überblick über das Vorhandene bot, das er sonst erst hätte im Schuppen suchen müssen, wo das Strandgut seiner Nachlässigkeit wild durcheinander lag und wie ein dornenreiches Dickicht zivilisatorischen Sperrmülls von Spinnen und Mäusen bewohnt wurde und manchmal einer Katzenmutter, die hier ungestört ihren Nachwuchs zur Welt brachte.
Mit der Flasche in der Hand ließ er sich auf dem Fußabstreicher an der Treppe nieder. Die Spitzhacke würde den Erfolg schon erzwingen. Dann brauchte er jedoch neue Dielen. Die konnte er sich nicht leisten, nicht nach der Ausgabe für die Wohnwand. Es ging kein Weg daran vorbei, die Dielung aus  eben diesen Brettern wieder herzustellen.
So vielen, so komplizierten, so problembeladenen Gedanken hatte sich Fabricius schon lange nicht mehr stellen müssen. Sein Ausblendreflex hatte ihm das immer zuverlässig erspart. Doch heute wuchs er über sich selbst hinaus und versuchte sich an einer Lösung der Aufgabe. Das fiel ihm unsäglich schwer, aber die sozialen und finanziellen Konsequenzen eines Scheiterns verlangten es ihm ab.
Er erhob sich also diesmal, ohne sich die allein dafür erforderliche Anstrengung weiter vor Augen zu führen und setzte trotzig fort, was er begonnen hatte. Es dauerte lange, bis er das erste Brett hinaus in den Hof legen konnte. Aber da er von jetzt an einen Eisenkeil zwischen Balken und Dielenbrett treiben konnte, ließ sich die Vernagelung endlich leichter aushebeln und lösen.
Der Mond hatte schon lange sein kaltes Licht auf den Hof gegossen, als Fabricius erschöpft und zufrieden mit dem letzten der Bretter in die Nacht hinaus trat. Er legte es vorsichtig zu den anderen, die ihre krummen Nägel wie Reifentöter zum Himmel reckten.
„Fleißig, fleißig“, sagte eine Stimme. Konrad erkannte seinen Freund Horst Claasen. Der hatte ungewöhnliche Geräusche gehört und war deshalb von seinem Heimweg aus der Dorfkneipe abgewichen, um auf dem Anwesen seines Nachbarn und Freundes irgend etwas zu bekämpfen, Diebe vielleicht, streunende Hunde oder einen Brandherd. Beim Näherkommen kollidierte er mit dem Zementeimer und bekam einen nassen Schuh. Das irritierte ihn leicht, aber er ging nicht darauf ein. Insgesamt war seine Peilung ein wenig ungenau, da er zwar in der Kneipe einen Kaffee getrunken hatte, aber nur, um nach den Pfefferminzschnäpsen wieder auf die Beine zu kommen. Horst war dünn, fast unterernährt, und er besaß über jede Vorstellung hinaus abstehende Ohren, die ihm seit seiner Kindheit den Spitznamen „der Segler“ eingebracht hatten. Solche kleinen Makel sind auf Kosten jeder beliebigen Krankenkasse korrigierbar, wenn man nicht gerade in Mittelwiesau zu Hause und daran gewöhnt ist.
Claasen fand nichts an seinem Spitznamen. Er hörte darauf.
Im Ort kursierte eine Geschichte, nach der er vor Jahren einmal von einer starken Windböe über die Felder geweht worden sei. Er habe sich dann glücklicherweise nahe der Kreisstadt mit den Ohren in einem Maschendrahtzaun verfangen und konnte so gerettet werden. Um seine Rückkehr habe sich die Postfrau gekümmert, von der er in einen frankierten Briefumschlag gesteckt worden sei. Leider wäre wohl, hieß es, beim Stempeln der Marke sein Kopf ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden.
„Mann, Segler, was machst du denn um diese Zeit hier?“
„Hab da noch was gehört.“
Horst Claasen hatte jetzt den Bierkasten erspäht, steuerte ohne Umstände darauf zu und bediente sich. Wenig später saßen sie in schöner Eintracht auf dem Abstreicher und unterhielten sich. Ihre Unterhaltung glitt zunehmend aus dem Rahmen der klassischen Dialogform, denn bald sprach jeder seins, nicht rechthaberisch oder gereizt etwa, sondern nur unbeirrbar und auch manchmal gleichzeitig mit dem anderen.
Nachsichtig überzog der Mond die Landschaft mit einem silbernen Anstrich, der selbst den dunklen Rücken der Kühe etwas Samtiges verlieh.

Die Unternehmung, das Zimmer passfähig für die Möbel zu machen, währte nun schon den dritten Tag. Fabricius schienen es drei Jahre zu sein. 








(wird fortgesetzt,
unregelmäßig,
je nach Möglichkeit,
hab dazu noch einen Job,
… der gefällt mir ja auch)


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Veröffentlicht am 06.08.2012. Dieser Text wurde bereits 401 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.10.2018.
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