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Auf Abwegen

Kurzgeschichte zum Thema Fremdgehen


von quergeist

Manchmal, da kollidieren ja zwei D-Züge, einfach so, kannst du nicht vorausahnen. Insassen sterben, Lokführer sind schuld oder Schrankenwärter oder Weichensteller, Blut fließt, die Presse kreischt und zeigt mit Zellulosefingern auf den Lokführer, den Schrankenwärter, den Weichensteller, den Bahnführer, die politischen Führer oder sonstwen, und falls sie keinen Schuldigen findet, zeigt sie die Opfer. Wie das Unglück zustande gekommen ist? Niemand weiß es, es war ein wunderhübscher Tag, die Sonne schien, die Leute im Zug unterhielten sich über die Abschlussfeier der olympischen Spiele in London, die Usain-Bolt-Geste der französischen Handballmannschaft, den Supercupgewinner Bayern und die Frage, ob das der letzte Pokal der alten oder der erste Pokal der neuen Saison war, und so, alles paletti, sie starren in ihre Smartphones und iPads und Laptops und haben Kopfhörer in der Ohren, wie man das so kennt, heutzutage. Dann der Knall. Bumms!
Alles paletti, alles in Sack und Tüten, denke ich, bist zwar aufgeregt, aber bleib cool, übersetz hier noch deine paar Zeilen, du schaffst das, bleib ruhig. Dann dusche ich doch, rasiere mich, putze die Zähne, diesel mich ein, ratsche mir die Sackhaare kurz und muss ständig dran denken, dass die sich heute alle kahlrasieren, das muss doch krabbeln, ist das in oder was, und lassen sich die Chicks nur noch von Kahlsackigen poppen oder wie, ja, sogar unter die Achselhaare kommt etwas Spray, ich habe noch welche, da bin ich nicht so, die Haare, das sind doch Antennen, die brauche ich noch, denke ich. Kommt mir gelegen, bin ja sonst nicht so reinlich, putze mich so gut wie nie, der Dreck der Welt, den muss ich an mir tragen, irgendwie, das ist echter als immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Wie immer mach ich das Ganze eigentlich nur aus Eigennutz, wann komme ich schon mal dazu, mich zu reinigen? Das Wasser strömt über die Haut, Bartstoppeln sammeln sich im Waschbecken, Schamhaare in der Kloschüssel, schnippschnapp, ritscheratsche, also, das geht mir schon gehörig auf die Eier, mich so um mein Ding zu kümmern, pun intended. Aber, sage ich mir, sei auf alle Eventualitäten vorbereitet. Sage ich mir zwar immer, ja, sage ich mir immer, also, warum nicht heute auch?
Was sollst du auch denken? Und woher die Aufregung? Allein der Gedanke an sie macht mich verrückt, dabei war alles so ruhig zugegangen in der Serengeti, die Löwen hatten Mittagsschlaf, und die Antilopen konnten in aller Stille grasen, bis allesamt aufgeschreckt wurden, von jemandem, der auf der Suche ist und einfach keine Rücksicht nehmen kann, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er irrt, irren muss, und das, das kommt von ganz unten, aus dem Abgrund, der Tiefe, das kannst du nicht wegmeditieren, sedieren, mit Medikamenten zustopfen, wegsaufen, nein, das macht die ganze Scheiße nur noch schlimmer. Sie hatte die Tiere geweckt, da gab es nix dran zu rütteln, und jetzt würde sie kommen, verdammt. Ruhig, Brauner, ruhig. Glaubst du echt, dass es notwendig ist, das Bett zu räumen? Gut, die Alten sind im Urlaub, sturmfrei und so, und warum, warum verflixt schreibt die dir ständig bei Facebook, warum lässt die sich nich abschütteln, warum kommt sie schon wieder lang, was will sie? Es kann nur ein Antwort geben: Sie folgt dem Gesetz der Anziehung, wie du, so zufällig es auch sein mag, dass sie dich aus den tausend Magneten gewählt hat, die da durch die Welt geistern und an die sie sich kleben könnte. Ihr seid euch über den Weg gerannt, da gibt es nichts zu rütteln, Zufall hin oder her, Schicksal oder nicht, sie kommt, sie kommt, nur noch eine Stippvisite bei ihren Eltern, ein Alibi, dann ist sie da.
Das Bett machen. Warum das Bett machen? Denkst du wirklich? Kondome einstecken. Warum Kondome einstecken? Denkst du wirklich? Jumheidi, jumheidi, fiderallalla, zwischen der Aufregung bist du cool wie die Gletscher in Innererde, und die Sonne strahlt, sie strahlt heiß vom Himmel, ein schöner Tag, der deine Aufregung kompensieren kann oder auch nicht, zumindest laufen, laufen. Die Alten sind im Urlaub, wie gesagt, an der Ostsee, und du weißt nicht, wann genau sie eintrudeln wird, wahrscheinlich gleich, aber du musst in Bewegung bleiben, immer in Bewegung bleiben, also kannst du ja auch gleich mal die Viecher versorgen, eine Büchse Taubenfutter im alten Kanarienstall schöpfen und den gurrenden Symbolen des Friedens, den Ratten der Großstadt, die hier in der Kleinstadt gezüchtet werden, diesen bunten Körnermix in ihre Futterrinnen gießen, eine Dose pro Stall, oben im Taubenschlag, hinten in der Taubenbude, ganz hinten im Garten, wo ab und zu der Habicht zustößt. Sie kommen angeflattert, das ist so Usus bei denen, aber du kommst nicht zum zugucken, du wartest auf sie, schüttest gleich noch den Hühnern eine Schippe Futter hin, bietet sich ja an, da klingelt es.
Komm rein!, schreie ich, Kannst reinkommen!
Bummbumm, das muss sie sein, es klingelt schon wieder, das Handy, das Telefon, die Klingel.
Kannst reinkommen!, schreie ich, es klingelt schon wieder.
Verdammt, rafft die das nicht, hört die das nicht? Na, auf jeden Fall ist sie da, also vor, das braune Eisenfaltentor öffnen, das schon älter ist als du selbst, da steht sie.
Sag mal, hörst du mich nicht?
Sag mal, hast du mich nicht gehört? Ich hab doch die ganze Zeit von hinten geschrien, komm rein! Nicht gehört?
Nee, nich gehört.
Ist sie also da, jetzt, was tun, was nur tun, außer den großen Pretender spielen, und in der ganzen Aufregung mit ihr nach den Muckchen gucken, die Tauben zeigen und wasfürseltsameviecherdochhühnersindneindawärstduniemitklargekommenzumglücklegenseeier plappern, und überhaupt, warum tust du das, wo sie doch immer sagt, sie stehe nich auf so Viechzeuch, eigentlich so gar nicht? Aber es macht nix, sie ist dabei, hörig fast, auf der Suche wie du, sie klammert sich an jeden Satz, an dein wildes Herz, die unaussprechliche Verheißung, das Abenteuer, was auch immer, sie weiß es noch nicht, aber sie ist da. Selbst vor dem Gelaber über Tomaten, Gurken und Kürbisse läuft sie nicht weg, sie läuft dir hinterher wie ne Katze, wie ein neugieriges Erdhörnchen, irgendwas ist da, irgendwas, zum Beispiel die Nussbäume, die Vadder hinten aufs Feld gepflanzt hat und die jetzt irgendwer eingezäunt hat, jaja. Reden, nur reden, um nicht in dieses seltsame Schweigen zu verfallen, in dem es nur eine Lösung gibt, nur eine. Warum ist sie nur hier, warum? Sie muss doch wissen, sie muss es doch wissen, dass das hier nicht mit Reden zu lösen ist, nicht mit Reden lösbar ist, spürt man doch, sonnenklar wie der Tag.
Kann ich dir was anbieten? N Kaffee? Wasser?
Wenn der mit Zucker und Milch kommt, ja.
Augenblick!
Der Augenblick dauert Stunden, gefühlte Jahre, du wetzt durch die Bude, kippst den letzten Rohrzucker in eine kleine Espressotasse, schnappst ne 3,5-prozentige H-Milch ausm Kühlschrank, setzt Kaffee auf, denkst an das gemachte Bett und den Brief, den du geschrieben hast, den schnappst du auch noch, obwohl du nicht weißt, ob du ihn ihr wirklich geben wirst, du hast ihn nicht kopiert wie die anderen, und wahrscheinlich wird sie auch nicht antworten, wie die anderen. Die Kondome sind in der Tasche, alles klar, immer gut, von den Dingern dabei zu haben, obwohl die Packung zwei Jahre alt ist und du noch nicht einen einzigen davon benutzt hast, nicht einen einzigen, haha.
Augenblick noch, komme gleich!
Ne Wasserkaraffe noch abfüllen und auf den Dreckskaffee warten, der da in der Aufkochkanne Jahre braucht, in der Zeit hätten sich Dinosaurier entwickeln und aussterben können, die ganze Evolution spielt sich vor deinen Augen ab, gefühlt zumindest. Dann das ganze Zeug rausschleppen, immer schön in Bewegung bleiben, hetzen, ihr was Gutes tun, sie steht auf dem Hof und nimmt Kontakt auf zu Hagen, dem kleinen Viech, für Katzen hat sie nichts übrig, nur für Bongo, ihren großen Hund, sagt sie, da habe sie sich dran gewöhnt, aber ansonsten eben kein Viechzeug, nee.
Zack, und schon sitzen wir uns gegenüber, noch die Muttikissen auf die Obistühle, das macht man doch so, jedenfalls machen das alle so, und wenn das alle machen, dann muss es zwar nicht stimmen, aber der Anstand, der Anstand gebietet es.
Tja, und dann bleibt nichts, als die Leere zu füllen, um das Prickeln zu umschiffen, eine nach der anderen zu rauchen, Kaffee zu schlürfen und zu plappern, über ihre Veränderung, den Psychologen spielen, den versteckten Lover herausholen, zuhören und faseln, irgendwas, darüber, wie du die Frau deines Lebens verlassen musstest, weil dein Herz wie Feuer brannte, weil du gehen musstest, so schwer es auch fiel, dass genau in dem Jahr, in dem du Schluss machen musstest, ihre beiden Opas gestorben sind, also das Leben, nein, das Leben, das nimmt einfach keine Rücksicht auf deine Gefühle. Sie wisse nicht, was mit ihr los sei, sagt sie, das kenne sie nicht, sagt sie schon wieder, warum ist sie hier, warum? Sie hat doch gerade erst ihre Ehe auf die Kippe gebracht, der Kuss mit dem 16 Jahre jüngeren, der Frau und Kind hat, der ihr seine Liebe gestanden hat, der sie auf dem Frühlingsfest und beim Männertag abgeknutscht hat und nun keinen Mucks mehr von sich gibt. Wie mit Diane, wie mit Diane, denkst du, und du sagst es: Das Gesetz der Anziehung, schräg, dass man da gleich drauf kommt, wie ähnlich man doch erlebt hat, wie man fühlt, aber das ist ja immer so mit dem Magnetismus, der Anziehung, dass du die Dinge siehst, die sich überschneiden, und nicht den ganzen zähen Ölteppich aus Unterschieden, alles, was nicht passt, nicht stimmt. Du siehst immer nur die Gemeinsamkeiten, den Drang des Augenblicks, du musst es tun, da bleibt dir keine andere Wahl, es sei denn, du willst heute schon sterben oder den Rest des Lebens in einer dunklen Kiste verbringen, in der du dich in Ruhe hin- und herwälzen kannst und dir Vorwürfe machst, dass du nicht gelebt hast.
Warum?, fragt sie, die Frage, die du dir noch verboten hattest, mit der Frau deines Lebens, das Warum führt dich durch ein Labyrinth aus Antworten, aber es wird dich nicht retten, nichts wird diese Welt retten, außer eines. Dann diese Stille, die Augenpaare, die sich begegnen, wer zwinkert zuerst, und du rauchst eine nach der anderen und sie sitzt da so verschränkt in ihrem Stuhl, dir gegenüber, verschränkte Arme, angezogene Beine, wie ein kleines Mädchen blickt sie dich an, lächelt, sie spürt es und wartet ab. Warum? Warum? Unmöglich das, eigentlich, mit ihrem Ehemann, das ist ein Spiel mit dem Feuer, sagt sie, ich weiß, ich weiß, mein Kind, aber deswegen bist du doch hier, oder nicht? Oder was?
Siehst du, und da schweigen wir schon wieder.
Du zuckst mit den Schultern, was sollst du auch tun, es gibt nichts, was du tun kannst, es hilft nichts, es brennt. Kein Wunder, das, was dazwischen ist, nein, das lässt sich nicht mit Worten ausdrücken, das muss gelebt werden, da kann der Verstand sich in tausend Erklärungen flüchten, alle möglichen Zukünfte berechnen, hadern, zögern, tausend Warnschilder aufstellen, es reicht nicht. Was zählt, ist der Augenblick, nur der Augenblick.
Ich bin aufgeregt, gestehst du zitternd, rauchst, alles Fragen, alles Reden nützt nichts.
Scheiße, ich will das jetzt nochmal probieren, ob das ohne Suff auch funktioniert, sagst du.
Dann passiert es, was willst du auch tun, du stehst auf, gehst zu ihr rüber, und dann versenkst du deine Zunge in ihren Hals, der Mahlstrom der Sinne, fast ein Ehebruch, fast ein Ehebruch, mitten auf dem Hof, der nur eine Ehe kennt, seit hundert Jahren, gefühlt. Nichts zu machen, es musste sein, ging gar nicht anders, auch wenn die Position ja jetzt nicht so optimal ist, so halb gebeugt über ihr, deine Hand in ihrem Nacken, Lippen auf Lippen und die versenkten Zungen, nee, also, weswegen lebt man eigentlich, wenn man keiner Frau die Arme entlangfahren kann, wenn sich ihr Haar nicht über die Hände legt, wenn alle Hüllen fallen, dieser ganze Schwust aus falschem Charakter, der den Diamanten im Innern verhüllt, dieses brackige Alltagsleben, der immergleiche Trott, aufstehen, arbeiten, ärgern, schlafen und zwischendurch mit Menschen, von denen man schon weiß, was sie sagen werden, in der immergleichen Runde sitzen, saufen und dummes Zeug labern, als würdest du durch eine zähe Masse gehen, den süßen Brei der Gewohnheit, der aus allen Häusern quillt. Warum? Sie fragt immer nach dem Warum, und ich lasse von ihr ab, schaue so schräg nach oben, direkt vor ihrem Blickfeld, öffne meine beiden Hände, male eine riesigen Kreis in die Luft, ihren Geist, eine Schale, vielleicht das ganze Universum, dann ziehe ich eine Zickzacklinie hindurch und sage, das ist das Warum, ein Weg durchs Labyrinth, aber davon gibt es tausende, das Labyrinth des Lebens führt immer zum Ausgang, egal, wie du irrst und wohin du dich verläufst. Eins spürst du noch, ganz deutlich, als du ihre rechte Brust in der Hand hast, als sie deine Hand hält und langsam, ganz langsam schmilzt: Da ist eine Festung in ihr, ein Bollwerk, das du stürmen kannst, aber das allem standhalten konnte, bis jetzt, bis heute jedenfalls, ganz klar, kein Hereinkommen, muss ihr Mann sein, was sonst. Gut so, bloß keine Klammer an der Backe. Aber impfen, impfen wirst du sie nur können, wenn sie aufgeht, die kleine Lotusblume, na, was solls, darüber kann man an einem anderen Tag seine endlosen Gedankenfäden spinnen.
Und?
Ja, schön.
Ich weiß, warum du hier bist, Hübsche, und, verdammt noch mal, diese Küsserei macht einen weich wie einen Kinderpopo, ganz sanfte Gedanken quillen da auf, also Frauen, Mann, die rauben einem noch den letzten Willen, diese Sirenen, bloß nicht verlieren, in diesem Gefühl, in der Nähe, deren Obertöne du hören kannst, wenn du mal die Kopfhörer absetzt, die Obertöne, die davon singen, dass da keine Trennung ist, dass wir, so schwul es klingt, alle eins sind, aber die Metapher vom Sternenstaub, vom expandierenden Urknall, das hat ja nun wirklich schon Spinnweben angesetzt. Meine Güte, wie weich, wie verloren, jetzt den Rest des Tages in ihren Armen verbringen, bloß weg, Abstand gewinnen und den Psychodoc spielen, mit dem Verstand retten, was noch zu retten ist.
Das ist ein Spiel mit dem Feuer.
Ist es, habe ich ja gesagt.
Und du bist schon der zweite.
Eben, ich weiß.
Warum ist sie hier? Sie sucht, sucht nach etwas, das ihr der Verstand nicht schenken können wird, braucht sie Liebe, aber was ist das denn, die Liebe? Dieser bekloppte Begriff ist so endlos wie Gott, das Kribbeln, die Eltern, die Kinder, der Mann, der Liebhaber, alle lösen etwas anderes in dir aus, und immer sagst du Liebe, genau wie der 16 Jahre jüngere, besoffene Kerl, der ihr gegenüberstand und ich liebe dich gesagt hat, das muss bei Frauen immer gleich die Ewigkeit bedeuten, dabei rutscht einem das schon mal über die Lippen, wenn es brennt, das Feuer muss sich ja irgendwie über die Zunge Luft machen, und wenn nicht, dann eben übers Geschlecht. One-Night-Stands, nein, noch nie gehabt, Affären, ja, die gab und gibt es doch immer, in guten wie in schlechten Zeiten sagst du, wenn du heiratest, und was soll das denn anderes heißen als Untreue, als ein Gefühl, dass du im Augenblick nicht halten kannst, weil du dich allein entwickeln musst, weil du, wenn du ehrlich bist, immer allein bist, und die Liebe, das Festhalten an einer Person, das Einzige ist, dass dich die Leere und Sinnlosigkeit dieses ganzen Ameisenhaufens, der sich Menschheit nennt, der aber nur rennt und rennt und rennt und das wieder gerade biegt, was er im Affekt verzapft hat, erkennen lässt. Ja, das meine ich doch, das Freie-Liebe-Experiment der 68er ist doch auch schiefgegangen, aber so eine Affäre, die kann einer Beziehung auch frischen Wind verleihen, das kann man nutzen, und überhaupt, man kann alles nutzen, ich nutze immer alles, das Gute wie das Schlechte, immer nutze ich es, versuche es zumindest, daraus das Beste zu machen, aus Scheiße Gold, quasi. Und der Schmerz, ja, der Schmerz gehört dazu, das ist nur verletzter Stolz, das Ego, dass du dein ganzes Leben bekämpfen musst, wenn du auf dem Weg bist, und wir sind alle auf dem Weg, auch wenn wir es nicht wissen. Also, Kind, wenn du mit dem Feuer spielst, musst du damit rechnen, dich zu verbrennen, und KNUTSCHEN lässt sich zu STUNK, NE? umstellen, das war ein Zeichen, ganz am Anfang, bei Facebook noch, und dein ach so sensibler Mann wird dir auf die Schliche kommen, und es wird Tränen geben und Aussprachen und Worte, die nur den Schmerz verbergen und affektierte Handlungen, weil wieder irgendwer verletzt wurde, weil er nicht loslassen kann, und dann wirst du wohl auch deinen Mann freilassen müssen. Aber ihr werdet euch wiederfinden, ich weiß es, dafür gehört ihr zu sehr zusammen, ich weiß es einfach. Ich will dich nicht, ich will nur in dich und meinen heiligen Geist in dich flößen, meinen durchgeknallten Samen, die Impfung, die dich gefeiter machen wird für die kommenden Stürme, ach, scheiß, ich spinne wieder.
Ich würd gern noch bleiben, zu gern, aber ich muss los.
Ja, ich muss auch noch arbeiten, passt schon. Da hab ich dir ja jetzt wieder was zum Nachdenken mit auf den Weg gegeben.
Ich will eh noch in den Garten, Unkraut jähten, da kann ich noch ein bisschen die Gedanken schweifen lassen.
Wie wird es weitergehen, wo soll es enden, wohin führt der Weg, wenn du nicht mehr Warum fragst, sondern einfach tust, was der Augenblick von dir verlangt? Sie schiebt ihr Rad zur Blechtür, noch ein Kuss auf die Wange, den Brief hast du ihr noch zugesteckt, sie hat ihn gefaltet, in die Tasche gleiten lassen, hab ich ja eh schon alles gesagt, kannst du nochmal nachlesen, hoffentlich ist er nicht zu verrückt, hast du gesagt, du hast ihn nicht kapiert.
Los jetzt, auf geht’s.
Du gibst ihr noch einen Klaps auf den Po, sagst, dass sie schreiben soll, das sei einfach gut, weil man sich da selbst anschauen muss und sich finden muss oder so, schaust nicht hinterher, wie sie in ihren Alltag davonradelt. Du harrst der folgenschweren Dinge, die da kommen, die bekloppte Zukunft, die Wut, den Hass, all der Dreck, der dir da aus den Seelen der Verunglückten entgegengeschleudert werden wird oder auch nicht, hoffentlich, oder hoffentlich nicht, dir egal, du hast gehandelt, geküsst. Ein Kuss, ein so unschuldiger Kuss, das Eindringen in eine fremde Welt, ein Brückenschlag. Es wird Schweigen folgen, folgen schwer wird Schweigen.

Anmerkung von quergeist:

Aus meiner Privatreihe "Stilklau", Part two. ;-)


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