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Mit Stil im Jugendstil.

Essay zum Thema Krieg/Krieger


von Dieter Wal


Dieser Text gehört zum Projekt Essays.
Alexander Geyer gewidmet.

. . .



Die Nacht war tief, das Meer war tot und fahl,
Die Schwingen schien ein böser Traum zu breiten,
Ein irres Netz von tausend Ängstlichkeiten;
Am Himmel glomm ein Stern wie ein Opal.

Das Wellenschweigen brach ein Hornsignal
Und eine Riesenflotte sah ich gleiten
Und lautlos furchen die bedrückten Weiten,
Die Wimpel zitterten im Mondenstrahl.

Es regten in den grauen Stahlbastein
Sich menschliche Gestalten, schwarz und klein,
Hoch an den riesenhaften Eisenborden.

Der Rauch schwamm Brücken und Verdeck entlang,
Die Nacht durchflog der Schraube leerer Klang,
Und ihre Lichter schwanden bleich gen Norden.


Dievenow 1905

Wolf von Kalckreuth


Weist ein Dichter nicht prophetisch in seine Zeit hinein und über sie hinaus, ist er kein Dichter. Im Sonett Wolf von Kalckreuths ist dieses Versprechen eingelöst. Individuelles wie Überpersönliches wird darin zur Sprache gebracht. Ich halte dieses Sonett für Wolf von Kalckreuths Bedeutendstes.

Mit dieser von ihm vermutlich tatsächlich so beobachteten Szene gelang ihm der große Wurf. Hat Wolf 1905 faktisch die nächtliche Flotte beobachtet, kann sie sich nur direkt in der Ostsee von Dievenows, des heute polnischen  Dziwna der Woiwodschaft Westpommerns
im Nordwesten Polens bewegt haben. Die Sommerferien verbrachte die Familie Kalckreuth auf ihrem Gut im früheren Höckricht und heutigen Kulów, Polen. Von dort fuhren sie etwa 400km an die Ostsee.

Da die Familie den Sommer 1905 in Stuttgart verbrachte, dürfte Wolfs Dievenow-Aufenthalt in den Herbstferien stattgefunden haben. Eine  Riesenflotte von Panzerkreuzern sticht nächtlich in See. Im ersten Quartett wird sie mitnichten erwartungsgemäß dargestellt. Stattdessen malt Kalckreuth eine verdunkelte Seelenlandschaft. Der Imperfekt der kurzen Verbformen entspricht dem protokollarischen Berichtsstil, der das Seelenbild des Beobachters mit der aufmerksamen  Beobachtung der Flotte ideal verbindet. Die meist einsilbigen Verbformen des Imperfektes eignen sich am besten für diese Anschaulichkeit bei relativ hohem Abstraktionsvermögen. Sie wirken wie kurze Regieanweisungen.

V. 1 evoziert die Tiefe der Nacht und eröffnet damit einen hohen, weiten und tiefen Raum des Himmels und der See. Das Meer wird als tot und fahl beschrieben. Die Kälte und Stille des Meeres wie des lyrischen Ichs. V. 2 "Die Schwingen schien ein böser Traum zu breiten" ist ein mehr oder weniger typischer Wolf von Kalckreuth-Vers. Auch die Abstraktion des Bildes auf "Traum" der flügelgeöffeten Metapher ist bemerkenswert. "Ein irres Netz von tausend Ängstlichkeiten", eine erstaunlich prägnante Metaphorik. Die Angst als irres Netz. Sie fängt, sie fischt, sie entzieht die Lebenskraft des Menschen. Abschließend ein Vers, der einen Schlusspunkt der Seelenlandschaft bietet und das erste Quartett zu ausdrucksstarkem Abschluss bringt: "Am Himmel glomm ein Stern wie ein Opal." Opalisiert die Venus?

Erst im 2. Quartett zieht die Flotte an ihm vorbei. Die bedrückende Stille wird durch ein Hornsignal unterbrochen. "Wellenschweigen" halte ich für einen ausgezeichneten Neologismus. In V. 7 werden die bedrückten Weiten "gefurcht". "Lautloses Furchen" ein Sprachbild, das kaum an Großartigkeit zu überbieten ist. Die zerstörerischen Panzerkreuzer furchen das schweigende Meer wie Äcker. Das schweigende Meer wird von Metallschiffskörpern aufgerissen. Was erwächst dieser Saat? Der Krieg. 9 Jahre vor Beginn des ersten Weltkrieges schrieb ein junger Mann ein Sonett, selbst noch kein Soldat, der das Militär liebte und Napoleon ein Drama schrieb. Doch wie er die Flotte beschreibt, lässt alles andere als Kriegsbegeisterung erkennen. Wie am Ende des 1. Quartettes einen besonders schönen und prägnanten Schlussvers: "Die Wimpel zitterten im Mondenstrahl."

Die menschlichen Gestalten, die sich in der ersten Terzine auf den Schiffen zu regen beginnen, werden als schwarz und klein dargestellt. Im Gegensatz zu "riesenhaften Eisenborden", deren Größe ausdrücklich als "hoch" beschrieben wird. Die Übermacht der Technik durch Industrialisierung, mit der sich die Autoren der Jahrhundertwende herumquälten, ist hier ein hoffnungsloses  Unterfangen. Die Kriegsmaschinerie läuft reibungslos. Menschen sind längst keine Menschen mehr, sondern "Gestalten". Sie wurden zu Soldaten umfunktioniert. Sie funktionieren gut und bringen den Tod. All das hat Kalckreuth nie  ausgeschrieben. Sein Gedicht bewertet nicht. Es dokumentiert.

Rauch schwimmt Brücken und Verdeck entlang. Sinnbild der Vergänglichkeit. Die Nacht oder der Schraubenklang können als Subjekte gelesen werden. Die Nacht selbst durchfliegt den leeren Klang der Schraube. Die Nacht, das Dunkle, der Tod wurde der Flotte einverleibt. Selbst die Nacht ist im Auftrag der Militärs unterwegs. Sie hat keinen Willen. Sie ist kein Gegensatz des Tages. Dualität aufgehoben. Licht und Dunkel, hier und dort, hübsch getrennt? Pustekuchen. Selbst die Nacht wurde willenloses Werkzeug der Großindustrie.

"Und ihre Lichter schwanden bleich gen Norden."

Am 9. Oktober 1906 erschoss sich Wolf von Kalckreuth. Er wurde 19 Jahre alt. Acht Tage vorher hatte er im Artillerie-Regiment in Stuttgart-Cannstadt zu dienen begonnen. Er durfte ein Zimmer außerhalb der Kaserne mieten und hatte einen Diener, der ihm am Abend zuvor den Gebrauch seiner Pistole erklärte, mit der er sich wenige Stunden später erschoss.

Aufgeschlagen lagen die an den Tod gerichteten Schlussverse von Baudelaires Blumen des Bösen im französischen Original. Kalckreuth hatte den Band der Blumen des Bösen innerhalb von zwei Monaten im Sommer 1906 nachgedichtet.

Sie erschienen 1907 im Insel-Verlag. 1999 erhielten  Baudelaires Blumen des Bösen in der Übertragung Wolf von Kalckreuths als Jubiläumsausgabe zum Hundertjährigen Bestehen des Insel-Verlages mit den originalen Jugendstilillustrationen Heinrich Wilhelm Wulffs, eines Wolf von Kalckreuthfreundes, ihre Neuauflage.


Dieter Wallentin

Anmerkung von Dieter Wal:

Werk:

- Charles Baudelaire: Blumen des Bösen (Original: Les fleurs du mal). In deutsche Verse übertragen von Wolf von Kalckreuth. Leipzig: Insel 1907, Neuauflage 1999

- Gedichte und Übertragungen. Herausgegeben von Hellmut Kruse. Heidelberg: Schneider 1962

- Paul Verlaine: Ausgewählte Gedichte. Übertragen von Wolf von Kalckreuth. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel 1993



Literatur:

- Hellmut Kruse: Wolf Graf von Kalckreuth. Gestalt und Werk des jungen Dichters. Dissertation Freiburg (Schweiz) 1948

- Frauke Velden-Hohrath: Wolf Graf von Kalckreuth. Existenz - Übersetzung - Dichtung. Das lyrische Werk zwischen Todessehnsucht und Kriegslust. Würzburg: Königshausen & Neumann 1998

- Ortrun Gutjahr & David Graf von Kalckreuth: "Überstehn ist alles". Wolf Graf von Kalckreuth im Bild seines Vaters Leopold und in Rilkes Requiem. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von MelodieDesWindes (36) (07.02.2013)
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Dieter Wal meinte dazu am 07.02.2013:
Danke, lieber Ben (Jan?).
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AZU20
Kommentar von AZU20 (07.02.2013)
Wie immer genau und gewissenhaft zusammengestellt. Ein Lesevergnügen und eine Neuentdeckung für mich. LG
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loslosch
Kommentar von loslosch (07.02.2013)
offensichlich eine spezialbegabung. wenn ein körperlich beeinträchtigter unbedingt zum militär will, haben die eltern, graf und gräfin, versagt. lo
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Dieter Wal antwortete darauf am 07.02.2013:
Allein am Gehfehler lag es weniger. Die dritte Literaturempfehlung gibt Aufschluss eines Hamburger Psychotherapeuten der Kalckreuthfamilie, David Graf von Kalckreuth, der einen psychotherapeutisch erhellenden Essay über die Familienkonstellationen und damit verbundene Belastungen für Wolf verfasste. Sehr schönes Buch mit farbigen Abbildungen. Wolfs Vater war berühmter Maler. Seine Wolf-Portraits sind enthalten. Wolf war zweitbester Abiturient seiner Schule. Und nicht nur das.
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Kommentar von AronManfeld (43) (07.02.2013)
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Dieter Wal schrieb daraufhin am 08.02.2013:
Vielen Dank für deinen interessanten Trollbeitrag, lieber Aron. Wolf wollte tatsächlich seiner Mutti gefallen. Aber will Aron das etwa nicht und sagt das etwas über Arons oder Wolfs Literatur aus? Wollte Wolf nicht auch dem dt. Kaiser gefallen und Aron nicht auch Mutti Merkel? Hättest du Kalckreuths Sonett in deinem Kommentar erkennbar berücksichtigt, würde ich übrigens nicht von einem Trollbeitrag geschrieben haben.
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Kälte im deutschen Gedicht zwischen 1804 und 2017InhaltsverzeichnisOnce upon a time: M. A. von Thümmel's Sämtliche Werke.
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Dies ist ein Absatz des mehrteiligen Textes «Bienen besuchen mich» - Literatur-Essays. Literatenportraits..
Veröffentlicht am 07.02.2013, 23 mal überarbeitet (letzte Änderung am 02.08.2015). Textlänge: 843 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.190 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 18.08.2019.
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