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Die Moabiter Sonette. Albrecht Haushofers Mücken im Bernstein unter die Lupe genommen. Betrachtung von Haushofers Sonett «Albert Schweitzer».

Essay zum Thema Holocaust


von Dieter Wal


Dieser Text gehört zum Projekt Essays.
Der am 7. Januar 1903 in München geborene und am 23. April 1945 in Berlin ermordete Universitätsdozent   Albrecht Haushofer war wie sein Vater Karl Haushofer im Dritten Reich den  Verlockungen der Macht erlegen. Der Geograph, Diplomat, Schriftsteller und spätere  Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Albrecht Haushofer ließ sich gern von Nazigrößen befragen, mischte gern gebeten im Hintergrund beratend mit. Erhielt diplomatische Aufträge und erfüllte sie. In solcher Funktion hätte ihm eine eigene Meinung gut zu Gesicht gestanden. Sie unverhüllt auszusprechen oder wenigstens später darüber Klartext zu schreiben, gehörte leider nicht dazu.

Seine von Späteren als «Moabiter Sonette»  bezeichnete Sammlung von 80 Sonetten stellt eine an dem spätantiken römischen Philosophen Boetius orientierte Trostschrift dar.

Sie kann wie die unter dem Titel als   «Der Trost der Philosophie» 523 n. Chr.  entstandene antike Vorlage in erster Linie als Trost für ihren Autor verstanden werden.

Boethius' «Der Trost der Philosophie» wie  Haushofers «Moabiter Sonette» wurden unter  Haftbedingungen verfasst. Beide Autoren überlebten ihre Haft leider nicht.

Der zwischen die Fronten geratene Philosoph Boethius kam erwiesenermaßen unschuldig ins Gefängnis. Albrecht Haushofer beteiligte sich an der Verschwörung des 20. Septembers, was für ihn spricht.

Wer das   überaus heiter-beredte Boethius-Werk mit Haushofers Sonetten vergleicht, kommt zu dem niederschmetternden Ergebnis, dass die «Moabiter Sonette» dem literarisch nicht ansatzweise standhalten. Als würde ein von fetten Goldadern durchzogenes Alpenmassiv mit einer Mücke im Bernstein verglichen werden.

Haushofers Sonett über Boetius heißt einfach «Boetius», das 64. Sonett. Haushofer formulierte darin gültige Worte über Boetius' Trostschrift und ihren Entstehungshintergrund. Das Sonett ist eine Reminiszenz und Hommage an Boetius. Haushofer kam in seinen Sonetten nicht nur dem Bildungsauftrag eines ehemaligen Universitätsdozenten nach, sondern unternahm darüber hinaus eine erhebliche Selbststilisierung.

Mit anderen Worten: Der Mann log sich und andere selbst noch in Gefängnis in die Tasche. Der überaus erfreuliche Bildungsreichtum seiner 80 Sonette sind so gesehen nur Mummenschanz, Hebebühne für schnelle Kostümwechsel und Kulisse eines literarischen Selbstdarstellers in mehrfach wechselnden historischen Dramen.

Ihr Autor erweist sich darin weder als besonders begabter Schauspieler, Dramatiker noch als Lyriker. Während Haushofer unter teilweise schwierigen Umständen, dann wieder privilegierten  Häftlingsbedinungen zwischen dem 13. Dezember 1944 und dem 23. April 1945 die «Moabiter Sonette» verfasste, saßen die eigentlichen Dramatiker längst im Führungsbunker oder sicherten sich auf andere Weisen ihre Pfründe (Am 30. April 1945 beging Hitler Suizid.).

Dennoch gelangen Haushofer teilweise beeindruckende Sonette.

Erstaunlich viele in kurzer Zeit von vier Monaten entstandene. Haushofer arbeitete bis zuletzt parallel zu den Sonetten an einem Drama, das nie zur Aufführung gelangte.

Fast unglaublich, mit was für blinden Flecken er seinen Vater ("Den Hauch des Bösen hat er nicht gesehn. Den Dämon ließ er in die Welt entwehn.", 38., "Der Vater") und seine Mutter skizziert, aber über seine anfänglich passive Mittäterschaft an Kriegsverbrechen, indem er von Massenvernichtungen wusste, aber nichts bis viel zu wenig dagegen unternahm, gerade mal die Worte übrig hat: "Ich klage mich in meinem Herzen an:/Ich habe mein Gewissen lang betrogen,/ich hab mich selbst und andere belogen -//Ich kannte früh des Jammers ganze Bahn./Ich hab gewarnt - nicht hart genug und klar!/Und heute weiß ich, was ich schuldig war." (39. Sonett, "Schuld").

"Heute"? Das wusste er erst im April 1945?  Haushofer erweist sich dadurch als heuchlerischer Nazi, dessen gespielte Reue reiner Showeffekt war. Solche "Bekenntnisse" wirken auf Spätere als schlechter Witz.


LXVIII

ALBERT SCHWEITZER

Den Arzt von Lambarene kenn ich nicht,
Der Orgel spielt, den Meister Bach versteht,
Als Deutender durch Christi Leben geht,
Der Inder Denken prüft in klarem Licht.

Nun lebt er, in der Ferne lang verweilend,
Am dunklen Kongo. Gerne fragt ich ihn,
Warum er sich dem Abendland entziehn,
Sich läutern musste, kranke Neger heilend.

Ich wüsst ihn gerne frei von allem Streit ...
Vielleicht verwies er auf des Herzens Drang,
Der ihn zu Dienst in schlichter Güte zwang -

Vielleicht verwies er auf die wirre Zeit,
Vielleicht auch lächelt er: Du blinder Tor!
Und spielte mir die «Kunst der Fuge» vor.


Es könnte interessant sein, sich darüber Gedanken zu machen, über welche Themen Haushofer in seinen Sonetten nicht schrieb. Zum Beispiel hätten sich Caesar Nero und Seneca als Thema eines solchen Sonettes  empfohlen. Vermutlich dachte Haushofer über ein solches Sonett nach. Zu deutlich drängten sich einem historisch Interessierten die Parallelen zu Hitler auf.

Warum verfasste Haushofer kein Nero-Sonett? Hoffte er tatsächlich, zu überleben?

Albert Schweitzer teilte nicht nur den Vornamen mit Albert Einstein. Beide charismatische und unkonventionelle  Wissenschaftler von enormer Bandbreite. Beide verkörperten als Pazifisten den Geist der Humanität, der sich mit höchster Intelligenz untrennbar verbunden hatte.

In Haushofers Gefangenschaft musste ihm Schweitzers Lebensentwurf mit Kongo und als gelegentlich weltreisendem Spendensammler wie eine Insel der Seligen erscheinen. Im Haushofer-Universum der 80 Sonette ist Schweitzer die humanitäre Lichtgestalt. Das absolut Positive.

Wann schlief Schweitzer  eigentlich? Lange schlief er nie. Irgendwann musste er ja seine zahlreichen Interessen und Betätigungsfelder verwirklichen. Noch heute gültige Standardwerke Schweitzers im Fachbereich christliche Theologie: "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung", 1906, 651 S.; "Die Mystik des Apostels Paulus", 1930, 407 S.; Musikwissenschaft: "Johann Sebastian Bach", 1908.

Schweitzers in den 30er Jahren eingespielten Bachinterpretationen für Orgel sind nach wie vor hörenswert. Seine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung liest sich so klar und zeitlos gültig, als hätte ein lupenreiner Bergkristall höchstpersönlich sie geschrieben. Selbst sein Standardwerk über Paulus wird von keinem Theologen, der noch bei Verstand ist, ernsthaft bezweifelt. In seiner vergleichsweise kurzen Schrift "Das Christentum und die Weltreligionen" begab er sich in interreligiöse Gefilde und schnitt auch dabei gar nicht so schlecht ab. "Der Inder Denken prüft in klarem Licht.", schrieb Haushofer. Wie erstaunlich! Haushofer scheint diese 1925 erschienene Schrift tatsächlich gelesen zu haben. Wie sonst wüsste er, dass Schweitzer die indischen Religionen wertend in ihren verschiedenen  Entstehungsformen beschrieb und miteinander verglich. Eine Darstellungsweise, die völlig aus der  religionswissenschaftlichen Mode kam und heute als wissenschaftliche "Todsünde" gälte. Schweitzer prüfte wie ein Oberlehrer Brahmanismus und Hinduismus, und wenn es den Anschein erweckt, er hätte sich damit lächerlich gemacht, überwiegend gelang das Schweitzer super!

Haushofers Frage im 2. Quartett lässt sich heute beantworten, weil Schweitzer im Jahr 1952 selbst die Antwort gab:

"An einem strahlenden Sommermorgen, als ich - es war im Jahre 1896 - in Pfingstferien zu Günsbach erwachte, überfiel mich der Gedanke, daß ich dieses Glück nicht als etwas Selbsverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse. Indem ich mich mit ihm auseinandersetzte, wurde ich, bevor ich aufstand, in ruhigem Überlegen, während draußen die Vögel sangen, mit mir selber dahin eins, daß ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahre für berechtigt halten wollte, der Wissenschaft und der Kunst zu leben, um mich von da an einem unmittelbaren menschlichen Dienen zu weihen."

Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken, Der Entschluss, Urwaldarzt zu werden, Fischer tb, S.65 f.

Menschen wie Albert Schweitzer oder Albert Einstein machen Mut. Und Albrecht Haushofer mit ihnen.






Literatur:

- Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette. Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 1999, 127 S., ISBN 3-7846-0547-8

- Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken, Fischer tb 1993, ISBN 3-596-25040-4



Die Verwendung des 68. Haushofer-Sonetts in dem Literaturessay erfolgte mit freundlicher Genehmigung durch © Andrea Haushofer Schröder und den Verlag C.H. Beck, vormals Langewiesche-Brandt. Herzlichen Dank an J.R.!

Anmerkung von Dieter Wal:

38 seiner 80 Sonette find ich lesenswert. Folgende: 1, 3, 4, 9, 14,17, 18, 20, 22, 24, 25, 27, 28, 30, 31, 37, 38, 39, 41, 43, 44, 45, 55, 57, 59, 61, 64, 65, 67, 68, 69, 71, 73, 75, 76, 78, 79, 80.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von AronManfeld (43) (09.02.2013)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Dieter Wal meinte dazu am 09.02.2013:
Weil dir die Moabiter Sonette und Albert Schweitzers wissenschaftliches Werk unbekannt sind? Oder weil dir kein besseres Trollpost in den Sinn kam? Please, try again.
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MelodieDesWindes
Kommentar von MelodieDesWindes (10.02.2013)
Ich finde den Essay in mehrfacher Hinsicht interessant, obgleich ich mir sie erarbeiten musste. Es ist also kein Essay, der den Leser an die Hand nimmt und durch geschicktes Exkursieren die für ihn charakteristische Breite, durch pointiertes Formulieren die für ihn charakteristische Tiefe verwirklichen würde. Das kann man, muss man aber nicht, als Kritik verstehen, denn es steht nirgens geschrieben, dass es nur die eine Art gäbe, einen Essay zu verfassen. Es spricht aus dieser Anmerkung also eher mein Wunsch denn ein gattungstheoretisches Axiom - nun gut, zum Text also.

1) Die Gegenüberstellung von Schweitzer zu Haushofer trägt ein starkes Spannungspotential in sich - das ist schon einmal nicht schlecht, um zu essayieren. Der Eine ist Philanthrop, der Andere Misanthrop. Jener ist Humanist, dieser NS-Ideologist. Weitere semantische Differenziale ließen sich eröffnen, was dem selbstdenkenden Leser überlassen bleibt. Im Prinzip also ließe sich ein spannungsreiches Hin-und-her-Directionieren eröffnen, was mir aber im Essay zu kurz kommt. Spannend wiederum ist, dass die Sicht Haushofers - der mir bis dato unbekannt war - auf Schweitzer die These, dass Ersterer sich selbstverklärend inszeniert und dafür Letzteren mit einzuspannen versucht, im Sonett deutlich wird.


LXVIII

ALBERT SCHWEITZER

Den Arzt von Lambarene kenn ich nicht,
Der Orgel spielt, den Meister Bach versteht,
Als Deutender durch Christi Leben geht,
Der Inder Denken prüft in klarem Licht.

Nun lebt er, in der Ferne lang verweilend,
Am dunklen Kongo. Gerne fragt ich ihn,
Warum er sich dem Abendland entziehn,
Sich läutern musste, kranke Neger heilend.

Ich wüsst ihn gerne frei von allem Streit ...
Vielleicht verwies er auf des Herzens Drang,
Der ihn zu Dienst in schlichter Güte zwang -

Vielleicht verwies er auf die wirre Zeit,
Vielleicht auch lächelt er: Du blinder Tor!
Und spielte mir die «Kunst der Fuge» vor.


Das wird besonders in der Wortwahl deutlich, denn Begriffe oder Phrasen wie "am dunklen Kongo" oder "sich dem Abendland entziehn" oder auch "kranke Neger" wären Schweitzer so niemals über die Lippen gekommen, geschweige denn aus der Hand geflossen, enthalten sie doch ns-ideologische Implikationen. Zwar sagt Haushofer gleich zum Auftakt, dass er "den Arzt von Lambarene" nicht kenne - was dann in den gewählten Worten klar zum Ausdruck kommt - aber er versucht dennoch, ihn sich erkenntlich zu machen. Es ist ein, obgleich impliziter, Akt der Identifikation mitschwingend, denn anders als durch diesen Freudschen Verdrängungsmechanismus mag nur schwerlich erklärbar sein, warum sich Haushofer gerade zu Zeiten der eigenen Inhaftierung mit ihm - und nicht etwa mit Nero, was zutreffender wäre - auseinander setzt. Es zeigt sich darin vielleicht der Wunsch, eine Persönlichkeit wie Schweitzer zu sein, aber eben sozusagen spiegelverkehrt unter der weiß-rot-schwarzen Flagge mit dem grausam verwinkelten Kreuz. Das wird auch dadurch untermauert, dass er andere große Persönlichkeiten wie Bach anführt, der in der NS-Ideologie ja sehr weit oben angesiedelt worden ist - im Sinne propagandistischer Instrumentalisierung genialer Menschen arischer Abstammung. Im Grunde ist diese Ausführung in einem der Sätze des Essays enthalten:

Der Autor dieses Essays konnte sich nicht durchgehend des Eindruckes erwehren, dass Haushofer in seinen Sonetten nicht nur dem Bildungsauftrag eines ehemaligen Universitätsdozenten nachkam, sondern darüber hinaus eine erhebliche Selbstmystifizierung unternahm.


2) Dies (unter 1. ausgeführte) ist also das Kernstück des Essays gewesen. Die es umrahmenden Passagen hingegen kommen mir so vor, als wären sie Füllmaterial. Das ist nicht verwerflich - aber "wenn schon, denn schon" richtig - also richtig füllen, beispielsweise solche Sätze wie folgende:

Mit anderen Worten: Der Mann log sich und andere selbst noch in Gefängnis in die Tasche.

oder

Dennoch gelangen Haushofer teilweise beeindruckende Sonette.

Es drängt sich die Frage (oder der Verdacht) auf, ob dies durch die den Essay abschließenden Verweise auf Publizist und Verlag etwas damit zu tun haben könnten. Man müsste sich dafür eben das Buch anschaffen, was wiederum den Essay im Licht eines Marketingprojektes erschienen ließe. Das wiederum sei keine Unterstellung, wäre aber Hochverrat an dieser so besonderen Form, ohne die das Literarische, etwa Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst, verbindende, um Einiges ärmer wäre. Nun gut. Du kennst jetzt meine Meinung dazu.

3) Im Vergleich zu den anderen Essays, darunter einige sehr bis unbedingt lesenswert, sackt dieser ab. Oder flattert davon. Jedenfalls ruht er nicht in sich, sondern schwankt Hin und Her, mal tolle Ansätze eröffnend, diese dann aber nicht ausnutzend. Mal tiefer gehend, ohne diese Tiefe dann aber in der Weite zu vernetzen. Das kannst Du besser, Dieter, wie mir andere deiner Essays aufgezeigt haben.

Soweit, so gut. Bin gespannt auf deine Antwort :)
MDW
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Dieter Wal antwortete darauf am 10.02.2013:
Lieber MDW,

vielen Dank für deinen tiefer gehenden Kommentar.

"Es drängt sich die Frage (oder der Verdacht) auf, ob dies durch die den Essay abschließenden Verweise auf Publizist und Verlag etwas damit zu tun haben könnten. Man müsste sich dafür eben das Buch anschaffen, was wiederum den Essay im Licht eines Marketingprojektes erschienen ließe. Das wiederum sei keine Unterstellung, wäre aber Hochverrat an dieser so besonderen Form, ohne die das Literarische, etwa Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst, verbindende, um Einiges ärmer wäre."

"Hochverrat" *g Beängstigend schnell ertappe ich mich immer wieder selbst bei unbewusster Übernahme bestimmter Wortfelder. Herr Wal, Sie haben sich schuldig gemacht, den heiligen internationalen Essay hochverraten zu haben. Bitte stellen Sie sich und erwarten Sie das SS-Rollkommando. Ganz so dramatisch verhält es sich nicht, aber es bewegt sich tendenziell in die von dir angedeutete Richtung. Ein Hinweis auf das Copyright eines komplett angeführten Textes, auf dem Urheberrecht liegt, ist sinnvoll, um damit zu verdeutlichen, dass der Autor, also ich, beim betreffenden Verlag das Recht erhielt, ein sogen. "Vollzitat" straflos machen zu dürfen. Do ut des, lautet die lat. Regel solcher juristischer Gepflogenheiten. Verlage, die unter solchen Vorausetzungen meist bereit sind, dass Texte ihrer Autoren im Vollzitat gebracht werden dürfen, werben tatsächlich damit, dass solche Copyrightverweise gebracht werden.

Mir persönlich geht es in dieser Essayserie generell darum, unbekanntere dt. Lyrik bekannter zu machen. Alle meine Literaturessays auf kV dienen letztlich mit für Verlage kostenlosen Werbezwecken im Sinne einer feuilletonischen PR-Arbeit. Hier eine aus Gründen des Geldverdienens, ich verdiene damit kein Geld, sonst unübliche Form von PR-Arbeit.

Bringt eine größere Zeitung z. B. im Feuilleton eine werbewirksame Buchbesprechung, ist es für den besprochenen Autor bzw. seinen betreuenden Verlag allgemein üblich, dann dort eine angemessen große entgeldliche Zeitungs-Werbung als Dank (do ut des) zu schalten.

Abmahnanwälte wollen auch leben, und leben von ihrer Arbeit meist recht gut, betreuen den Bereich von Urheberrechtsverletzungen, sobald ein Autor noch nicht mehr als 70 Jahre verstorben ist. Haushofer starb 1945, also wäre ein Vollzitat frühestens im Jahr 2015 legal im Sinne des Urheberrechtes. Ich möchte ungern Abmahnforderungen wegen Lyrikfeuilletons finanziell nachkommen und halte mich deshalb brav an geltende juristische Spielregeln und branchenübliche Gepflogenheiten.

Dass dich die kritische Grundthese des Essays überzeugt zu haben scheint, in der u. a. sinngemäß gesagt wird, Haushofer hätte die gewaltige Themenvielfalt in 80 Sonetten neben dem Bildungsvermittlungsaspekt eines Unidozenten nur deshalb gebracht, um sich nachträglich zu rechtfertigen und zu mystifizieren, freut mich als Kritiker.

Was ich hätte besser machen können: Das Schweitzer-Sonett ebenfalls kritisch zu analysieren und es damit in den Dienst der Hauptaussage zu stellen, die Haushofer als definitiv nicht vorbildtauglich zu demontieren beabsichtigt. Der Kalckreutessay, den du meines Wissens lobtest, ist eine Gedichtinterpretation. Hier habe ich einfach einen Kommentar auf das Sonett geschrieben, das Sonett aber nicht selbst kritisch kommentiert. Die Kritik an der Lauterkeit der Intentionen Haushofers brachte ich bereits vorher. Was mir im Gegenzug deines Kommentares wieder sehr gefiel, war, dass du das Sonett kritisch unter die Lupe nahmst und dabei zu keinen wirklich positiven Erkenntnissen über Haushofer gelangtest, dabei stellt das Sonett in meinen Augen noch eins der lit. rel. gelungeneren dar. Neun Sonette Haushofers halte ich für im engeren Sinn literarisch wertvoll. Erwähnte, dass ich Haushofer für keinen besonders guten Lyriker halte. Aber neun gelungene sind in meinen Augen viel. Ja auch nur ein wirklich vollendetes Sonett rechtfertigt in meinen Augen die übrigen weniger vollendeten. Genau eines gelang ihm vollendet in meinen Augen: Das LXI., "Die beiden Frösche".

Dieser Essay hat im ersten Teil bis zum Sonett mehr den Charakter einer kritischen Polemik, die sich über Instrumentalisierung (nach dem dritten Reich) und Selbstinszenierung (im dritten Reich) eines Autors verbreitet, der ehrenhaft als Widerstandskämpfer starb, aber definitiv unehrenhaft als Nazikollaborateur lebte.

Als Essayist ging es mir auch darum, die Sonette vom Sockel zu stoßen, auf dem sie bei vielen Lesern neben den Briefen etwa der Weißen Rose stehen. Dort gehören sie definitiv nicht hin!

Die Polemik des ersten Teiles, die sich auf die ganzen Moabiter Sonette bezieht, begründet schon, aber analysiert nicht erschöpfend wie eher der Kommentar im Kalckreuthessay, der wirklich möglichst restlos argumentativ begründend überzeugen wollte. Insofern stimme ich deinem Kommentar in den Worten "3) Im Vergleich zu den anderen Essays, darunter einige sehr bis unbedingt lesenswert, sackt dieser ab. Oder flattert davon. Jedenfalls ruht er nicht in sich, sondern schwankt Hin und Her, mal tolle Ansätze eröffnend, diese dann aber nicht ausnutzend. Mal tiefer gehend, ohne diese Tiefe dann aber in der Weite zu vernetzen." zu und bedanke mich für deine kritische Sorgfalt.

Als Zeitdokument und im Sinn des Bildungsauftrages des Verfassers der 80 sonettierten Historikblitzlicher kann ich die Moabiter Sonette historisch Interessierten Lesern und Lyrikern wärmstens empfehlen. Hoffe aber, dass sie sich im Falle der Lektüre weniger literarisch von ihnen inspirieren lassen.

Gruß
Dieter
(Antwort korrigiert am 10.02.2013)
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Möwe (63) schrieb daraufhin am 10.02.2013:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Dieter Wal äußerte darauf am 10.02.2013:
Liebe Ilona alias Möwe,

vielen Dank für dein Feedback! Untersuchen müsste man die Moabiter Sonette lesend weniger, eher zu sich sprechen lassen und in sich hineinhorchen, welche Stimmungen und Gedanken sie transportieren. Wer nicht gerade Historiker, Germanist oder Literaturwissenschaftler ist, könnte sie als Zeitdokument eines Nazis lesen, der letzlich viel zu spät leider erfolglos in Verbindung mit anderen versuchte, die längst ins Tal gestürzte Lawine noch in ihrer gewaltigen Zerstörungswelle irgendwie aufzuhalten, die Verbrecher abzusetzen und eine neue deutlich bessere Regierung einzusetzen. Das war ja wirklich vorbildlich an Haushofer. Seine Sonette sind es eben in ihrer Haltung des Autors leider nicht. Typisch feiger Diplomat, er hoffte wohl doch auf ein zwar unwahrscheinliches, aber rein theoretisch mögliches Überleben und ordnete dem seine künstlerischen Möglichkeiten unter. Vielleicht war der Mann aber auch tatsächlich einfach zu verblendet, um den Mumpitz einzusehen, mit dem er seine Eltern mehr oder weniger treffend skizzierte, sich selbst jedoch beschönigend in manchen Sonetten verschwurbelte.

Gruß
Dieter
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (10.02.2013)
Lieber Dieter,
von deinen Essays über unterschiedliche Dichter scheint mir der über Haushofer besonders gelungen, während andere, zum Beispiel der über Murakami, leer bleiben. Gelungen deshalb, weil du Haushofers Ambivalenz als Dichter und Mensch überzeugend herausarbeitest, indem du auf beiden Feldern ins Detail gehst.
Mir ist deutlich geworden, dass die bisher, so weit ich weiß, unangefochtenen Moabiter Sonette Schwächen haben, die nicht zuletzt durch die Ideologieverhaftung Haushofers bedingt sind. Auch die Ambivalenzen des Menschen Haushofer erkenne ich durch deine ideologiekritische Sicht. Deren Beurteilung erscheint mir jedoch als zu hart. Sicherlich stimmt es, dass sich Haushofer von der Verstrickung in die nationalsozialistische Ideologie nur unzureichend befreit hat und sich zu exkulpieren versucht. Aber wie schwierig war das in jener Zeit und wie menschlich sind seine Schwächen.
Ich bin unschlüssig, wie ich deine Betrachtung des Sonetts „Albert Schweitzer“ als Exempel beurteilen soll, weil es unausweichlich dazu geführt hat, dass du in dem Essay über Haushofer einen zweiten über Albert Schweitzer schreiben musstest. Ich gebe aber zu, dass meine Kenntnis der Sonette Haushofers nicht gründlich genug ist, um beurteilen zu können, ob du Haushofers Unzulänglichkeiten an einem anderen Beispiel eben so gut hättest darlegen können. Dennoch überprüfe deine anderen Essays einmal darauf, ob du nicht zu Exkursionen neigst, die Gefahr laufen sich zu verselbständigen.
Gleichwohl habe ich durch deinen Essay viel über Haushofer und einiges überAlbertSchweitzer gelernt.
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Dieter Wal ergänzte dazu am 10.02.2013:
Lieber Ekki,

Essay war bei dem Dialogordner über Murakami falsch angeklickt. Jetzt als "Experimenteller Text". Wollte darin im Grund nur erfahren, wer welche Bücher von ihm liest etc. und dieses Interesse nicht völlig stenogrammartig artikulieren. Die meisten Sonette Haushofers halte ich für rel. schlecht geschrieben, ein Schicksal, das sie mit sicher 99% sämtlicher je entstandenen Sonette weltweit teilen. Dass fast alle stilistisch nicht einmal mittelprächtig gerieten und vor Pathos strotzen, erklärt sich, wer den Entstehungshintergrund nachempfindet. Er wartete auf seine mutmaßliche Hinrichtung. Kann als kaum erheiternd vorgestellt werden, sieht man einmal von Leuten wie Kleist ab. Im Schweitzer-Sonett bezeichnete er die zu erwartende Willkür unter der NS-Herrschaft möglicherweise als "die wirre Zeit". Dass er für jedes seiner Sonette ein häufig historisches, oft international angesiedeltes Thema wählte, ist auch aus seinem Wunsch heraus verständlich, die sicher äußerst schwierige Haft für ihn psychisch erträglicher zu gestalten, indem er gestalterisch tätig wurde. In einem seiner besten, Nr. 75, sehnt er sich zu der japanischen Insel  Miyajim zurück, die er wenige Jahre vorher als Diplomat unter Hitler besucht hatte. Das geriet ihm optimal, weil er darin nicht klagt, sondern ungebrochen in der aktiven Imagination bleibt, was stark wirkt und ein bemerkenswertes Sonett ergab. Dass bisher wirklich niemand sonst aufgefallen wäre, dass die meisten Sonette dieser Sammlung erheblich schwurbeln, kann ich mir kaum vorstellen.

Vom Essayaufbau her wäre es stimmiger geraten, hätte ich nicht die erste Hälfte meist ohne ins Detail zu gehen, was zwangsläufig kritisch-polemisch angelegt sein musste, die 80 Sonette insgesamt in Bezug zu den Lebensumständen ihres Autors kritisch durchleuchtet, sondern wäre einfach einer Analyse des Sonettes gefolgt. Da mir Schweitzers Werk vorliegt, wollte ich das einsetzen. Nach einem inhaltsbezogenen Kommentar des Sonettes noch im Einzelnen Kritik am Sonett zu äußern, was möglich gewesen wäre, widerstrebte mir. Ich hatte das Wesentliche über Haushofers Sonette in Haft bereits beschrieben.

Gruß
Dieter
(Antwort korrigiert am 11.02.2013)
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.02.2013:
Vielen Dank für deine erhellende Antwort, Dieter.
Was uns noch trennt ist dieses:
"Die meisten Sonette Haushofers halte ich für rel. schlecht geschrieben, ein Schicksal, das sie mit sicher 99% sämtlicher je entstandenen Sonette weltweit teilen."
Mit den 99% übertreibst du sehr stark. Bei dem anspruchsvollen Genre Sonett werden viele kunsthandwerkliche Fehler gemacht. Wenn ein Sonett metrisch-rhythmisch und im Aufbau stimmt, kann es nicht schlecht sein. Das verbleibende Kritierium ist der Inhalt und über den kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein, es sei denn, der Autor schreibt sinnfrei oder offensichtlich dümmlich ideologisch.
Ich hatte früher schon manchmal den Eindruck, dass du Sonette an einer persönlichen Idealvorstellung misst, mit der du dann schnell vergleichst, ohne dich wirklich auf die Aussage des kritisierten Autors einzulassen. Aber selbst wenn ich dir damit nicht gerecht werde, ist es unwahrscheinlich, dass "99% sämtlicher je entstandenen Sonette weltweit relativ schlecht" sind. Warum sollte das bei Oden, Stanzen usw. anders sein?
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Dieter Wal meinte dazu am 10.02.2013:
Schonmal von Sonettomanie gehört? ;)
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.02.2013:
Jau, habe ich. Der Hinweis mindert deine Übertreibung aber nur.
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Dieter Wal meinte dazu am 10.02.2013:
Don Quijote, Vorwort! :)
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.02.2013:
Oblomov, gesamter Text!
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Dieter Wal meinte dazu am 10.02.2013:
Nur für dich hab ich schnell ein Sonett gedichtet, um damit zu verdeutlichen, dass "Wenn ein Sonett metrisch-rhythmisch und im Aufbau stimmt, kann es nicht schlecht sein."

Kann es. Bitte lies selbst:

I

DAS SCHWERT

Ein Schwert wie dieses ist für vieles nützlich:
Du kannst es halb nur zücken, damit drohn,
doch ziehst du blank es, wirkts wie blanker Hohn,
schlägst du wild um dich, ist es gar nicht witzig.

Schon piekst dich seine Spitz am Hals. Bist kitzlig?
Du als sein Vater, dir ist es dein Sohn.
Dir dargereicht als eine Schale Mohn.
Im Zorne bestes Flammenschwert. Wie blitzig!

Durchtrennst mit ihm den Irrsinn aller Zeiten,
an deiner Seite wird es dich begleiten,
durch dich geführte Klinge aus Damast.

Schon glüht die Morgenröte hinter Wolken,
die Kühe in dem Stall sind längst gemolken,
Sonett misslungen, du hast es erfasst.
(Antwort korrigiert am 11.02.2013)
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.02.2013:
Kann dieses Sonett misslungen sein, w e n n es keinen Geringeren als mich widerlegt? ;-D
Lass es mit diesem witzigen Abschluss gut sein, mein Freund.
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Bert Brechts: An die Nachgeborenen, 1939InhaltsverzeichnisFriedrich Hagens Gedichte - Ein Leben zwischen Deutschland und Frankreich in Lyrik und Prosa
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Veröffentlicht am 09.02.2013, 16 mal überarbeitet (letzte Änderung am 05.03.2015). Dieser Text wurde bereits 3.038 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.09.2018.
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