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InhaltsverzeichnisLa fée verte qui te sauve la vie

Eine Hochzeitsreise mit Untiefen

Roman zum Thema Traum/ Träume


von EliasRafael

„Dort unten ist eine Prinzessin gestorben.“ Ich zeige schräg nach links auf die Einfahrt unter der Pont d’Alma. Auf dem Beifahrersitz zuckt Jessica kurz zusammen, noch etwas benommen von der mehr als sechsstündigen Fahrt, von der sie wenigstens die Hälfte im Halbschlaf verbracht hat. Mit hoch gezogenen Augenbrauen schaut sie mich an. „Die Prinzessin der Herzen“, ergänze ich, „nur eine Fußnote in dieser an Geschichte so reichen Stadt.“ Kurz darauf passieren wir den Eiffelturm. Die futuristische Konstruktion ragt seltsam unpassend heraus aus der von klassizistischen Bauten gesäumten Kulisse. Wir schauen uns verstohlen aus den Augenwinkeln an. Gegensätze. Ich drehe Musik an, Jessica schließt ihre Augen wieder. Vom Einband des Reiseführers auf ihrem Schoß lächelt mich die Mona Lisa an. Unser Wagen gleitet im dichten Verkehr. Noch etwa 20 Minuten bis Clarmant, wo ein romantisches Hotel auf uns wartet. Das Finale unserer lange überfälligen Hochzeitsreise. Ich nehme eine Zigarette aus dem Etui in der Mittelkonsole und zünde sie an. Das mache ich irgendwie gerne. Zündeln. Dabei summe ich leise bei Charlotte Gainsbourgh mit, die verführerisch aus den Lautsprechern flüstert.

Der nächste Tag ist mit einem klassischen Besuchsprogramm gefüllt. Nach einem kleinen Frühstück, Croissants und Café au lait, haben wir uns vorgenommen, die dunklen Seiten von Paris zu erkunden. So nennt der Reiseführer die kleine Tour ein wenig dramatisch. Die Fahrt mit der Metro zeigt uns bereits düstere Realität. Schmuddelige Clochards und martialische Jugendliche, die aus den Banlieues in den Kern der Metropole strömen. Bei Sonnenschein wirken die letzten Ruhestätten von Morrison, Piaf, Proust und anderen in Père-Lachaise wie gewöhnliche Gräber, Sacré-Cœur wie eine sakrale Fassade und die leblosen Wasserspeier von Notre-Dame, unserem letzten Halt, eher pittoresk denn bedrohlich. Unseren Füßen hätte auch der Reiseführer gereicht. Erschöpft sitze ich auf einem kleinen Mauervorsprung, schmeiße Steinchen in die ruhig dahin fließende Seine. Jessica klagt über leichte Kopfschmerzen. Wir beschließen, zum Hotel zurückzukehren, ich wende mich noch einmal der Kathedrale zu. Dabei verfängt sich mein Blick, einer der steinernen Gargylen fixiert mich mit seinen kalten Augen. Endlose Sekunden verstreichen, ein Film läuft in meinem Kopf ab. Lara. „Dort steht ein Taxi“, Jessicas Stimme erlöst mich aus der Starre, ich stehe auf, krame zielstrebig einen Blister aus meiner Hosentasche, den ich ihr in die Hand drücke, „sonst bekommst du nachher wieder Migräne.“ Und dann nur hastig weg von dem auf einmal doch so düsteren Ort.

Dunkel war es auch in Brüssel. Ich lernte Lara auf einer Techno-Party kennen. Ohne viele Worte, dafür war es zu laut. An Orten wie diesen regierte die Grammatik der Körpersprache. Auf ein paar interessierte Blicke von mir folgte ein Lächeln von ihr, ein Drink an der Bar, eine geteilte Mitsubishi. Zu den treibenden Rhythmen exerzierten wir ein archaisches Ritual. Immer wieder kurze Berührungen, flüchtig, später begierig, die sich tief in uns einbrannten. Irgendwann eine Line Kokain, auf dem Klo. Und dann, als Höhepunkt der Nacht, ein rauschhafter Kuss auf einem Podest in der Mitte der Tanzfläche, bei dem Lara mit aller Kraft klammerte und mich beinahe erdrückte, bis das Einsetzen der Bassdrum uns brutal auseinander riss. Wir starrten uns ungläubig an, irritiert, als ob der maximal zulässige Nahkontakt damit hinter uns läge, unser Tanz blieb unterbrochen, die Intensität verflüchtigte sich im Stroboskopgewitter. Grammatisch korrekt blieb die weitere Nacht unverbindlich, unser Umgang leicht distanziert. Am Morgen wollten wir uns dennoch nicht trennen, setzen uns in meinem Wagen und fuhren ziellos durch die belgische Hauptstadt. Wir genossen die ungewohnte Stille, die uns neuen Raum gab, abseits dieser Regeln. Lara erzählte jetzt ein wenig. Von einer gescheiterten Beziehung. Ihrem daraufhin erfolgten Umzug in eine andere Stadt. Einem neuen Job. Von zu vielen Veränderungen in zu kurzer Zeit. Sie sehne sich nach Konstanz, seufzte sie, während ihr Kopf an meiner Schulter ruhte. Das Wort gefiel mir.

Eher zufällig erreichten wir irgendwann den Boulevard du Centenaire. Nicht weit von hier wohne sie, flüsterte Lara. Ich schlug die Straße ein. Vor uns erschienen die Umrisse des Atomium. Das Wahrzeichen für den technokratischen Fortschrittsglauben baute sich bedrohlich immer höher vor uns auf. Erinnerte uns an Regeln der Grammatik. Den eingeschlagenen Weg konsequent verfolgen. Diese Fahrt bis zum Ziel fortsetzen. Mein Nacken versteifte sich, Lara zitterte auf einmal, fing leicht an zu weinen. Als wir direkt unter der Stahlkonstruktion durch rauschten, flehte sie mich verzweifelt an, dass ich anhalten solle. Wir sollen stehenbleiben, den Tanz dieser Nacht irgendwie konservieren. Ich blickte nach oben, Sonnenstrahlen reflektierten zwischen den Kugeln hin und her und tanzten. Die Nacht war längst vorbei. Beinahe zwanghaft trat ich aufs Gaspedal, um sie schnell bei ihrer Wohnung abzuladen. Dann ging es schnell. Nach einer sehr kurzen Abschiedsumarmung, ohne Kuss, brachte ich sie noch zur Tür. Sie verharrte am Fuß der Eingangstreppe, schaute mich düster an, „Wenn nicht jetzt, dann in zehn Jahren“. Ich hielt dem Blick nur wenige Sekunden stand und nickte zurück. „Jetzt nicht.“ Wortlos stieg ich zurück in den Wagen. Beim Anfahren konnte ich Lara im Rückspiegel beobachten. Sie und ich, wir taten mir leid.

Obwohl wir uns nie wieder gesehen hatten, konnte ich Lara nicht vergessen. Als ich vor einigen Wochen eine Email unter ihrem Namen erhielt, war ich zwar überrascht, doch die Erinnerung warf mir sofort gestochen scharfe Bilder von damals auf meine innere Leinwand. Erst tanzen wir, dann steht Lara mit düsterem Blick auf der Treppe. Ob ich wüsste, wie viel Zeit vergangen sei. Ich wusste es beinah sofort, fast auf den Tag genau. Ich versuchte mir einzureden, dass das nichts zu bedeuten hätte. Zufall. Ein Geräusch holte mich aus meinen Gedanken. Jessica betrat das Arbeitszimmer. Seit fast fünf Jahre wohnten wir zusammen, vor zwei Jahren hatten wir geheiratet, dachten immer öfter an ein Kind. Diesen Sommer wollten wir daher endlich unsere Hochzeitsreise nachholen. Eigentlich war ich dabei, zu diesem Zweck ein paar Anregungen im Internet suchen. Die Mail vor mir war anregend. Lara schrieb, im August wären zehn Jahre vergangen. Sie sei in Paris und bereit. Ich schaute verlegen zu meiner Frau und lächelte sie an. „Was hältst du von einer Reise nach Frankreich, mit einem Abstecher in die Stadt der Liebe, mein Schatz?“ Jessica strahlte und umarmte mich stürmisch.

In den nächsten Wochen korrespondierte ich noch einige Male mit Lara. Die Mails fielen knapp aus, emotionslos geschrieben, wir versuchten uns auf Fakten zu beschränken. Ich schickte ihr ein Foto, um das sie mich bat, und erzählte von meinem Leben, meiner Ehe, die mir ein beschauliches Leben erlaube. Lara bekundete, sie würde alleine in Paris leben, dort als Kunsthistorikerin und Restauratorin arbeiten. Ihre Arbeit würde sie ausfüllen, sie beschere ihr die ersehnte Konstanz. Obgleich ich jede ihrer Nachrichten mit Spannung erwartete, konnte ich nicht einschätzen, was ich für Lara empfand. Auch sie zeigte sich reserviert, als ich nach ihren Erwartungen fragte. Da seien keine mehr, ihr Beruf habe sie gelehrt, die Vergangenheit zu konservieren. Ich war verwirrt, wollte gar nichts denken, ihr düsterer Blick ließ mir jedoch keine Ruhe. Schließlich gab ich ihr die Adresse des Hotels, in dem wir in Paris wohnen würden. Ich solle ihr nicht mehr schreiben, sie würde sich melden.

Die Zeit verging wie im Flug. Anfang August brachen wir auf. Wir verbrachten eine wunderschöne Woche in einem kleinen Fischerdorf in der Bretagne. Der Sommer war heiß und der Atlantik warm genug, um darin zu schwimmen, was Jessica ausgiebig tat, während ich mich am felsigen Strand sonnte und sie gelegentlich beobachtete. Ihre Bewegungen im Wasser muteten beinah schwerelos an. Mit ihr war alles so leicht. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der Provinz vergaß ich die Begleitumstände der Reise fast. Sollte ich nicht viel lieber Dinge so nehmen, wie sie sind. Dies war auch unsere Hochzeitsreise. Lara war ja ausgewichen auf meine Frage, ob wir uns wiedersehen würden. „Du wirst sehen“, hatte sie vieldeutig geschrieben. Mittags verließen wir das malerische Dorf. Jessica blickte sehnsüchtig durch das Rückfenster auf die kleiner werdenden Boote und Häuser der Fischer, so als ob die beste Zeit bereits hinter uns läge. Alors, nur 400 km bis Paris zeigte das Navi. Das klang nicht weit. Wir waren uns in diesem Moment so nah.

Nach einer etwa halbstündigen Fahrt hält das Taxi direkt vor unserem Hotel. Ich reiche dem Fahrer einen 20-Euro-Schein. „C’est bon“. Jessica schwankt etwas, als wir aussteigen, „Mir ist schwindelig, lass uns bitte direkt nach oben gehen.“ Ich schaue sie besorgt an, „Natürlich, wie du willst“, nehme behutsam ihre Hand und lächele in mich hinein. Die Wirkung von Alprazolam setzt bei ihr für gewöhnlich ziemlich schnell ein. Ihr Schlaf wird heute tief und fest sein. Als wir die Eingangshalle durchqueren, rührt sich der Concierge, „Monsieur, eine Nachricht für sie.“ Endlich. Ich überspiele meine Erregung, versuche betont gelangweilt zu wirken und entgegne ihm etwas zu unwirsch „Geben sie schon“. Ein Blick auf die sichtlich angeschlagene Frau neben mir versöhnt ihn. Wir müssen uns beeilen. Mir wird ein dunkelgrauer Umschlag in die Hand gedrückt, den ich hastig in der Jackentasche verstaue. „Merci.“ Mit dem Aufzug fahren wir in den zweiten Stock und begeben uns auf das Zimmer.

Jessica lässt sich sofort erschöpft auf das Bett fallen. Als ich wenig später aus dem Bad zurückkehre, ist sie bereits bis auf Slip und T-Shirt entkleidet und liegt. Ihre Augen sind geschlossen, der Atem flach. Ich decke sie zu und ziehe den Leinenvorhang um das Nachtlager, bis auf einen kleinen Spalt, sodass ich sie noch sehen kann. Sie sieht so friedlich aus. Ich überlege, ob und was sie wohl träumt, vielleicht von dem kleinen Fischerdorf, verwerfe dies jedoch rasch wieder. Sie träumt sicher nicht von mir. Das Präparat lässt sie sonst traumlos durchschlafen. Zufrieden wende ich mich ab, lasse meine Gedanken etwas schweifen. Auf dem Nachttisch entdecke ich zu meiner Überraschung eine angebrochene Flasche Hennessy Black, meine Lieblingsmarke, und mache mir einen Drink. Erschöpft lasse auch ich mich schließlich auf einem der beiden dunklen Sessel nieder, die sich zusammen mit einem schon etwas älteren aber geschmackvollen Holztisch in der Mitte des geräumigen Zimmers befinden, und leere mein Glas. Ein in jeglicher Hinsicht angenehmer Ort, ich bin zufrieden mit meiner Wahl und schließe die Augen.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Songline
Kommentar von Songline (15.02.2013)
Erst dachte ich: neee, zu lang,
dann dachte ich: Aber von Elias,
jetzt weiß ich, warum ich reingeschaut habe.
Ich bleibe dran!
Liebe Grüße
Song
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EliasRafael meinte dazu am 15.02.2013:
ohja, die Länge ist echt ein Problem, grad am Bildschirm, aber kürzer gings dann auch nicht... ich dank dir (für dein Vertrauen!)
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Dies ist ein Kapitel des mehrteiligen Textes Die Toten Augen der Mona Lisa.
Veröffentlicht am 15.02.2013, 12 mal überarbeitet (letzte Änderung am 02.04.2013). Dieser Text wurde bereits 707 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 12.10.2018.
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