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Gérard de Nervals Sonett «Delfica» des Sonettzyklus «Die Chimären» 1854.

Essay zum Thema Bildung/ Wissen


von Dieter Wal

 Gérard de Nerval (1808-1855)

Delfica

Motto: Jam redit et  virgo
Schon kehrt die Jungfrau zurück
Vergil, Bucolica, IV, 6

La connais-tu, DAFNÉ, cette ancienne romance
Au pied du sycomore, ou sous les lauriers blancs,
Sous l'olivier, le myrte, ou les saules tremblants
Cette chanson d'amour ... qui toujours recommence!

Reconnais-tu le TEMPLE au péristyle immense,
Et les citrons amers où s'imprimaient tes dents? 
Et la grotte, fatale aux hôtes imprudents,
Où du dragon vaincu dort l'antique semence. 

Ils reviendront, ces Dieux que tu pleures toujours!
Le temps va ramener l'ordre des anciens jours;
La terre a tressailli d'un souffle prophétique ... 

Cependant la sibylle au visage latin
Est endormie encor sous l'arc de Constantin: 
- Et rien n'a dérangé le sévère portique.


Motto: Jam redit et virgo
Schon kehrt die Jungfrau zurück
Vergil, Bucolica, IV, 6

Sie kennst du , DAFNÉ, jene alte Romanze,
Am Fuß der Sykomore, oder unter weißen Lorbeerbäumen,
Unter dem Olivenbaum, der Myrte, oder den bebenden Weiden,
Jenes Liebeslied ... das immer wieder von vorn beginnt!

Erkennst du den TEMPEL zum immensen  Peristyl,
Und die bitteren Zitronen, in die du deine Zähne grubst?
Und die Grotte, verhängnisvoll für unverschämte Gäste,
Wo des besiegten Drachens alter Same schläft.

Sie werden wiederkehren, jene Götter, die du seit je beweinst!
Die Zeit wird uns die Ordnung der alten Tage wiederbringen;
Schon erbebte die Erde unter prophetischem Anhauch ...

Doch die Sibylle mit dem lateinischen Antlitz
Schläft noch unter dem  Bogen des Konstantin:
- Und nichts erschütterte den strengen Portikus.



1. Dieses Sonett Gérard de Nervals ist aus einem "Die Chimären" benannten Kapitel und enthält ausschließlich elf an der Zahl ähnlich magisch-symbolistische Sonette. Sie wurden letztgültig 1845 veröffentlicht.

Die einzelnen Sonette darin heißen: "El Desdichado, Myrtho, Horus, Anthéros, Delfica, Artémis, Christus am Ölberg und Goldene Verse".

Bei "Christus am Ölberg" handelt es sich um einen eigenen fünfteiligen Sonettzyklus. In fünf  Sonetten wird darin je eine fiktiv-historische Szene dramatisch gestaltet, die sich um das Phänomen des christlichen Messias dreht und in der israelisch-römisch-griechischen Antike zur Zeit Christi spielt. Die dort dargestellten Figuren sind historisch verbürgt, aber aus Sicht eines dramatisch bewanderten Lyrikers dargestellt.

Damit arbeitet de Nerval kreativ eine der Prophetie nahe fantastische Erzählung Jean Pauls seines Romans "Siebenkäs" (1796–97) um. Jean Pauls Titel: "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei."

Der Jean Paul-Titel weist auf die Gedankenwelt und Stoßrichtung der gesamten "Chimären" hin. Sie sollen verzaubern und "religionswissenschafliches" bzw. international synkretistisch-religiöses oder auch magisches Material gegen die "giftigen Dämpfe des Atheismus" (Jean Paul) des mit zunehmender Industrialisierung sich verbreitenden Atheismus bieten.

2. "Delfica" ist die geläufige Bezeichnung der Priesterin des Orakels zu Delphi, die unter die Sibyllen gerechnet wurde.

Vergils Motto zitiert einen Teilvers von Vergils 4. bukolischem Hirtengedicht (Bucolica) seiner berühmten prophetischen 4. Ekloge. Darin wird eine neue Form der Göttin Dike (Sieg)
angekündigt, die das Goldene Zeitalter wieder herbeiführt.

Es scheint, das Sonett möchte durch ansprechende Bilder sakrales Leben im Leser bewirken. Ob das im Einzelnen gelingt, wissen die Götter. Oder gibt es die gar nicht?

Die Ambivalenz meiner ironischen Frage war auch zu Zeiten de Nervals gegeben und wird von ihm mehrfach in seiner Prosa erörtert.

Das Sonett Delfica ist ein Sprachkunstwerk ersten Ranges eines, heute würde man sagen, definitiv verfrühten Religionswissenschaftsbegeisterten.

Denn Religionswissenschaft ist erst ein Kind des 20. Jahrhunderts. Wer im 18. Jh. an derlei entflammte, wandelte sich zu einem für damalige Verhältnisse fast magisch schillernden Gelehrten mit Kenntnissen, die vielleicht einem Magier des späten 15.Jh.s noch mehr oder weniger offen zugestanden worden wären, weil die eh nicht selten zu synkretistischen Gedankenformen neigten, aber bitte doch nicht kurz nach dem Zeitalter der Aufklärung in Frankreich!  Ein Mensch, der sich im Europa jener Zeit generell für Religionen interessierte und alle für wert erachtete, so viel wie möglich über sie in Erfahrung zu bringen, war ein Unikum.

Romantikern war vieles möglich. Doch wer, außer ihm selbst, zog mit? Wer heute seine Lyrik und Prosa liest, darf sich reich beschenkt fühlen. Dass de Nerval sich auch mit jüdischer Kabbala und Alchemie umfangreich beschäftigte, versteht sich von selbst.

De Nerval anverwandelt in seinen Versen 7 und 8 ("Und die Grotte, verhängnisvoll für unverschämte Gäste,/Wo des besiegten Drachens alter Same schläft.") Goethes Verse 4 und 5 der dritten Strophe aus   "Mignon" ("In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;/Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.").

Die Terzinen versprechen viel, "Sie werden wiederkehren, jene Götter," klingt manchmal in mir nach, weshalb ich diesen Essay schrieb,  aber halten wenig.

"Doch die Sibylle mit dem lateinischen Antlitz
Schläft noch unter dem Bogen des Konstantin:
- Und nichts erschütterte den strengen Portikus."

Der Text hält dreisterweise nicht, was er  verspricht. Er verrät uns nämlich nicht, w a n n oder w i e die angeblich beweinten Götter wiederkehren.

Das bleibt völlig offen. "Und das ist auch gut so!", würde jetzt Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit berechtigterweise ergänzen. Ein hermetisches Gedicht im besten Sinn s o l l ja gerade die Fantasie anregen und Leser motivieren, sich mit den Inhalten tiefgehender auseinanderzusetzen. Es möchte sprachmagisch wirken, bietet formal ein vollendetes Sprachkunstwerk, verteilt Schuldscheine, aber löst sie nicht ein.

Die "Schuld", das Kapital, die Schatzhöhle, seinen geistigen und seelischen Reichtum erschließt sich der davon angesprochene Leser selbst. Dichtung erschafft sich ihre Leser. Das leistet die Literatur de Nevals par exellence. Sie gestaltet ihre Leser um nach ihrem Bilde. Sie wachsen unmerklich im Lauf der Zeit in die Gedankenwelt de Nervals, in die Gedankenvielfalt und den Kenntnisreichtum ihres Autors. Chiffren, die magisch wirken. Zauberzeichen, die im Raum stehen, aber nur von wenigen erkannt werden. Keine Signalschilder, symbolistische Gemälde.

Wer sich angesprochen fühlt, ist willkommen. Nerval drängt niemand. Es locken farbenfrohe, ästhetische, spielerisch-heitere und tiefsinnige Lyrik und Prosa, dass sein Leser immer wieder dankbar auf ihn zurückgreifen kann und nie mit der Lektüre am Ende angelangt sein wird. Denn einmal lesen genügt nicht.


Dieter Wal,
17.02.2013.




3. Johann Wolfgang von Goethe:



MIGNON


Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl? Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl? Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier such im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl? Dahin! Dahin
Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn!



1814




Literatur:

Nerval, Die Töchter der Flamme - Erzählungen und Gedichte, Winkler Weltliteratur Dünndruckausgabe 1989. ISBN: 9783538053427 (3538053421)



Delfica findet sich dort auf S. 192 f.. Anmerkungen S. 559 f. und im Nachwort S. 642 f..

Die hier gebotene Übersetzung orientiert sich an dem Text der Übersetzer, übersetzt jedoch immer wieder wörtlich, wo die Übersetzer nur sinngemäß übersetzten, ohne dem genauen Wortlaut in seinen Sinnbezügen den Vorzug gegeben zu haben. Auch wurden bei Nerval offensichtlich willentliche Umstellungen des Satzbaues, welche die Übersetzung stillschweigend übergeht, hier im Deutschen ebenfalls umgestellt. Es handelt sich im Essay demnach um eine stärkere eigene Bearbeitung der Nachdichtung, die jedoch auf dem gedruckten Text basiert.

 
 

Kommentare zu diesem Text


EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (18.02.2013)
Die Wiederkehr des golgenen Zeitalters wird sich sub specie aeternitatis vielleicht erfüllen und auch nur dann, wenn man das erste nicht für eine Fiktion hält.
Jedoch das wunderschöen Sonett Nervals, deine Übersetzung und die kenntnisreichen Erläuterungen stellen einen Kairos unter deinen literarischen Portraits dar.
diesen Kommentar melden
Dieter Wal meinte dazu am 18.02.2013:
Wow! Danke. Das "Goldene Zeitalter" ist immer (momentan) da, wo sich Menschen auf Augenhöhe begegnen.
diese Antwort melden
EkkehartMittelberg antwortete darauf am 18.02.2013:
Eine geistreiche moderne Definition.
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Dieter Wal
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Dies ist ein Absatz des mehrteiligen Textes «Bienen besuchen mich» - Literatur-Essays. Literatenportraits..
Veröffentlicht am 17.02.2013, 15 mal überarbeitet (letzte Änderung am 24.10.2013). Textlänge: 1.226 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.458 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 30.03.2020.
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