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Genre des Tages, 12.12.2019:
Tragikomödie
Verbindung von tragischen und komischen Elementen in einer Handlung, die aus der Zwiespältigkeit der Welt resultiert.
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Kunst und Köter von AchterZwerg (11.12.19)
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Wenig kommentiert:  Tiefenbummler von Artname (noch gar keine Kommentare)
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live aus istanbul 2

Reportage zum Thema Orientierung


von rochusthal

live aus istanbul 2


die interferenzen zwischen europa und asien sind in dieser stadt allgegenwärtig. wohin man auch blickt, man sieht immer gerade das andere. auch alt und jung berühren sich ungewähnlich oft, christentum und islam sogar ständig. interferenzen kann man sich wie sich durchdringende kreise vorstellen, die entstehen, wenn man flache steine an der mündung des goldenen horns in den bosporus wirft. dieses ringen um die ringe, das nie endet, obwohl es anfing, das zittern und komponieren zugleich ist, dieses ringen ist die welt, wo sie im innern auseinanderfällt. 
ich habe mich heute der altstadt wie einer frau hingegeben, und wie jede frau jung wird, die man nimmt, so wird auch diese wirklich alte altstadt jung und frisch und zum aphrodisiakum, wohlgemerkt, metaphorisch. im riesigen und labyrinthischen historischen bazar gibt es etwas mehr als alles, vor allem mehr als man je gebrauchen kann. aber es gibt dieses alles mehr als sympathisch, natürlich auch für touristen als spektakel aufbereitet, polyglott in szene gesetzt, voll verkitscht, aber dann auch auch wieder täuschend echt naiv. denn die menschen, die da schaffen, schaffen wirklich werte für sich und ihre familien. es gibt zum beispiel erstaunlich viele goldhändler, darunter auch ganz junge, und das heißt, dass den söhnen viel zugetraut, aber auch viel zugemutet wird. es gibt dort nationalen klimbim zuhauf, und den brauchen die turkmenen, die heute in scharen da waren, auch, denn sie hatten alle die gleichen blauen jogginganzüge an.
überhaupt kamen heute doch noch ein paar touristen, ein ganzes schiff voller deutscher, und ungefähr eine million amerikaner und japaner. zu den gestern erwähnten sprachen gesellte sich noch russisch, das besonders in dem viertel gesprochen wird, in dem mein hotel liegt. immerhin verstehe ich da jedes achte wort. 
die restriktive heiratspolitik der familien hatten wir an anderer stelle schon einmal als ein nur anderes glücksmodell dargestellt. während bei uns die partner frei und rein nach gefühl gewählt werden können, wird etwa die hälfte glücklich und die andere hälfte trennt sich, allerdings meist nicht gleich. beim restriktiven und traditionellen modell dagegen werden genetische und finanzielle vorgaben in der familie gründlich diskutiert und harmonisierte paare zusammengestellt, die allerdings nur zur hälfte glücklich werden, die andere hälfte läuft unglücklich hintereinander her. allerdings hat dieses modell noch den vorteil der geschlechtergruppen. männer und frauen haben gar nicht das ziel, als paar ein optimum zu werden, sondern bleiben gleichzeitig in ihrer geschlechtergruppe, in der moschee, im kulturverein, auf der straße, so dass sie auch mehr trost haben, wenn die ehe unglücklich ausgeht. zum straßenverkehr steht dieses vernunftgesteuerte verhalten reziprok. auf der straße wird jeder verstand ausgeschaltet und keine regel eingehalten, falls es sie überhaupt gibt oder, wenn es sie gibt, sie jemand kennt. es wird geschimpft und dannn doch so gemacht, wie der angreifer wollte. beide bleiben letztlich freundlich. in der gürtelmacher gasse gab es heute einen stau vom feinsten. die gasse hat ein gefälle von mindestens fünfundreißig prozent, wovon sich aber niemand beeindrucken oder hindern ließ, sich einen vorteil von wenigen zentimetern zu verschaffen. niemand hörte auf den einzigen vernünftigen, der von auto zu auto lief, um vorschläge zu machen, wie man auseinanderkäme. sieger wurde der teeverkäufer, der seine dreiradkarre durch das gewühl schob, weil er punktlich zur pause an der streng bewachten universität sein musste. denn niemand braucht mehr tee als die studenten, die ihre bücher und notate in den bloßen händen halten. nur die deutschen sind das volk der taschen. auch ich wurde belohnt, heil durch die gasse gekommen zu sein, nicht nur mit dem leben, sondern auch mit dem grabmal des großen baumeisters sinan, der opfer und gewinner der knabenlese und der größte architekt des osmanischen reiches war. von ihm stammt die brücke über die drina in bosnien, die großwesir sokollu mehmet paşa in auftrag gab, der auch ein bosnischer junge war, der zwangsrekrutiert und zwangsislamisiert, aber auch zwangsverglücklicht wurde, von sinan stammen aber auch die süleymaniye und weitere hundertunddreißig moscheen und zweihundert andere bauwerke. jede mutter von jedem geraubten christlichen knaben hoffte übrigens auf eine solche karriere, aber auch damals schon war nicht jeder begabt zum genie.
beim abendbrot in einem kebaphaus, dessen wirt sehr gut englisch, aber dafür akzentfrei deutsch sprach, war ich mit einer guppe junger hongkongchinesen zusammen. sie waren äußerst freundlich und neugierig, aber sie fotografierten alles, aber auch wirklich alles. und selbst beim essen kommunizierten sie über ihre handys, die so flach waren wie pergament und schnell wie der wind. der vielsprachige wirt flambierte unter großer medienaufmerksamkeit, die ich gerne fotografiert hätte, um mich meinerseits am internationalen und sogar globalisierten medienspekatakel zu beteiligen, aber leider ging meine kamera aus hongkong eine stunde vorher entzwei. sie meldet nur noch ihren eigenen fehler, statt zu fotografieren.
während heiratspolitik und straßenverkehr sich diametral gegenüber stehen, bilden heirat und wirtschaft ein komplementärpaar. während die mädchen und jungen frauen sich auf den haushalt und die kinder vorbereiten, werden die jungen und jungen männer fast militärisch organsiert in der wirtschaft eingesetzt, vom teeboy des bazars bis zum aufreißer für restaurants, vom mafiösen straßensteher bis zum pappenfahrer. es sieht so aus, dass, wer pappenfahrer wird, weder eine frau noch jemals einen andern job bekommt, das ist bitter, aber süßer als hartzvier. überall sieht man die jungen männer stehen und rennen, immer haben sie gute laune, obwohl es uns hart vorkommt, den ganzen tag wartend, rauchend und rennend zu verbringen, aber hart ist immer noch nicht hartz. ich vergleiche nur die volkswirtschaften, ich will nicht sagen, dass ich das eine modell dem anderen einfach nur vorziehe – es ist so wie bei der heiratspolitik: mathematisch sind sie gleich. ich will nur sagen, was wir alles aufgegeben haben mit unserer techniksucht, als kalauer ausgedrückt: wer technik sucht, verfällt in techniksucht. aber eben nicht nur das, er wird auch unglücklicher, die einen, die das geld verdienen, dass sie es so teilen müssen, die andern, die das geteilte abbekommen, dass sie nur geteiltes abbekommen und darüberhinaus unbefriedigt bleiben.
das erklärt die kleberollenverkäufer. keine erklärung habe ich für die gürtelmacher- und gürtelschnallenmachergasse: warum konzentrieren sich gleiche gewerke an einem ort?
der neue öst-westliche divan, das neuerliche zusammenkommen, zwar interferenter, aber doch auch scharf getrennter welten, fast kann man manchmal von hassliebe sprechen, die neue, die unlösliche verbindung wird der bald fertiggestellte öst-westliche tunnel unter dem bosporus sein. der wird uns für immer versöhnen.

Anmerkung von rochusthal:

jetzt parallel zu 'rochusthal.blog.de' aber leider nicht verlink- und bebilderbar



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