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live aus istanbul 4

Reportage zum Thema Orientierung


von rochusthal

live aus istanbul 4
ist 29
der bosporus war schon immer eine metapher

selbst die abenteuerliche theorie, dass es den bosporus erst seit siebentausend jahren gibt und sich das mittelmeer sintflutartig in das schwarze meer ergoss, bedient sich sagenhafter bilder. auch der name ist ein bild: io, nach der auch das ionische meer heißt,  wurde auf der flucht zu zeus in eine kuh verwandelt und durchschwamm die engste stelle, seitdem heißt die ganze meerenge: rinderfurt. seit mehr als zehntausend jahren wird hier gesiedelt, ob nun mit oder ohne wasser, das wissen wir seit den grabungen für den ersten tunnel. metro und eisenbahn sollen ab 2015 unterirdisch fahren können.
das eigentliche symbol ist aber die trennung der kontinente, die keine trennung ist, weil man überall das andere ufer sehen kann, weil man übersetzen und sogar überfliegen kann: ahmed celebi, ein ganz junger gelehrter und erfinder soll vom galata turm aus 3358 meter über den bosporus geflogen sein, was seinen sultan murad IV. zunächst begeisterte. dann aber bekam der sultan angst, manche meinen aus religiösen gründen, weil man nicht fliegen können darf, manche meinen, aus machtpolitischen gründen, weil man nie schlauer sein darf als sein herrscher. ahmed celebi wurde allerdings nicht getötet wie damals und hier üblich, sondern nach algerien verbannt, wo er einunddreißigjährig starb. diese leicht überwindbare distanz ist die metapher. zwei erdteile treffen aufeinander, aber sie driften auch auseinander, wie alle erd- und menschenteile. das christentum, das hier zur staatsreligion wurde, spaltete sich hier zum ersten mal, im großen morgenländischen schisma 1054, auch wenn das nicht ganz korrekt ist, wir leben immer lieber mit daten und dateien. die gegenseitige exkommunikation von papst leo IX. und patriarch michael I. wurde erst 1965 aufgehoben.
und als schließlich mehmet II. fatih konstantinopel eroberte, brach europa in stücke, und noch heute glauben wir, dass westeuropa qualitativ etwas anderes ist als osteuropa. zwar räumen wir ein, dass mit dieser eroberung die renaissance erst so richtig beginnen konnte, dass mehmet selbst auch eher ein renaissancetyp war, aber letztlich bleibt eine scheu, die sogar dazu geführt hat, dass die deutschen behörden die mörder der dönerlädenbesitzer in deren eigenen reihen gesucht haben statt am rechten rand unserer gemeinsamen gesellschaft. wir sollten lieber sehen, dass hier an dieser naht die möglichlichkeit der annäherung gegeben ist.
natürlich kann ich jetzt das schiff nicht zum vehikel meiner wünsche machen: auf allen schiffen werden alle sprachen gesprochen. zunächst war ich überrascht und enttäuscht über die tausendfünfhundert mitreisenden. außer in paris und london sind wir immer dem massentourismus ausgewichen. da ich einen ganz schlechten sitzplatz hatte, dachte ich schon, meine kamera wäre deswegen kaputtgegangen, weil ich sowieso nicht fotografieren könnte. als ich aber die pforte zum schwarzen meer (karadeniz, marea neagra, черное море) sah, sprang ich auf, riss meine alte digitalkamera aus dem etui und hielt die annäherung fest: im norden das schwarze meer, blau wie immer, links europa, rechts asien und hinter mir der bosporus mit dem nicht und niemals endenden istanbul, das ich deshalb, im vergleich und im gegensatz zu rom, die unendliche stadt nenne, sonsuz şehir.
das kleine dorf anadolu (karadeniz, marea neagra, черное море) auf der asiatischen seite, genau gegenüber von rumeli kavaği, besteht aus gaststätten, die kaum etwas anderes zu tun haben, als täglich auf diese tausendfünfhundert menschen zu warten. diese ergießen sich dann in das dorf, und es kommt darauf an, die meisten jeweils für sich als essensgäste zu gewinnen. viele aber  gehen erst einmal den berg hinauf. dort ist die ruine einer byzantinischen burg und der beste ausblick auf die pforte des mittelmeeres in das schwarze meer. es gibt ein gedicht von franz werfel, das genau diese situation in einem kleinen italienischen ort namens chioggia beschreibt. da das schiff dort in chioggia um drei uhr dreißig wieder abfuhr, reimt sich das ganze gedicht auf –eißig, das ist schon sehr kunstvoll, am besten gefällt mir der lehrer, der bärbeißig seine schar schüler führt. daran sieht man, dass menschliches verhalten nach immer gleichen mustern abläuft, egal wo, wann und wer man ist und isst. auf halber höhe war das letzte restaurant, ich aß dort einen hirten salat (çorban salatası) und sinnierte über die ähnlichkeit zu italienischen restaurants in ähnlichen lagen, die allenfalls etwas aufgeräumter, keinesfalls etwas leiser sind. die salate und die brote sind gleich gut.
obwohl sich meine überzeugung festigt, dass ein system, das weitgehend im chaos verblieb, der freundlichkeit als ordnender kraft bedarf, während vom verstand geordnete systeme sich auf sich selbst verlassen können, weshalb so viele bei uns glauben, dass sie auf freundlichkeit verzichten können, während sich also diese meine überzeugung festigt, muss ich mit den ausnahmen leben: ich wollte ein antikes dach, das kurz vor dem herunterfallen war, auf einem hof der dorfarmut fotografieren, aber das wollte ein unfreundlicher verhindern. vielleicht hat er es ja gut gemeint – mit sich. es war aber keine eskalierende situation. in sarajevo, was auf türkisch saraybosna heißt und wo es ganz wenige fremde gibt, bin ich fürs bloße fotografieren übel beschimpft worden, aber sie hielten mich wohl für einen amerikaner,  in istanbul freuen sich alle.
außerdem war, jedenfalls heute vormittag, der erste warme frühlingstag, zwar nur, wenn man vor dem dauernordwind geschützt war, aber höchst angenehm und erfreulich. in berlin schneit es wieder und noch.
mein schiff fuhr dann punkt drei und ich plauderte mit einer inderin über ihre kinder. der sohn ging, mit einem weißen europäischen mantel angetan, die ganze fahrt mit seinem tablet pc spazieren. daran sieht man, dass nicht nur die westeuropäer unruhig und überarbeitet sind. ein österreicher fütterte mit seiner dreijährigen tochter dreihundert möwen. die russen fotografieren fast so viel wie die japaner und amerikaner. die deutschen hört man überall. bei uns im osten gab es ein lied, das hieß ‚wir sind überall‘, das war aber anders gemeint.  nur die türken auf dem schiff blieben auffällig still. sie waren in der minderheit.
wieder im stadtteil eminönü, nach der unübersehbar größen moschee benannt, angekommen, rief der kapitän einer kleinen barkasse, immer noch in rasender geschwindigkeit: bosporus bosporus bosporus bosporus bosporus bosporus … bestimmt hundertzanzigmal in der minute. ein wahrer wortakrobat.


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