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Reportage zum Thema Orientierung


von rochusthal

live aus istanbul 7



heute vormnittag habe ich eine gasse fotografiert, um das normale, außerhalb der touristischen prozessionsstraßen liegende istanbul auch einmal festzuhalten. dabei beobachteten mich zwei alte männer. als ich bei ihnen angekommen war, lud mich der besitzer des kleinen ladens an der ecke zu einem tee ein. entweder dachte er dann, dass tee zu schlecht sei oder sein freund wollte lieber kaffee. jedenfalls zeigte er mir ein tütchen nescafé und ein tütchen zucker-milch-mischung, wusch dann zwei teegläser und den wasserkocher aus und setzte das wasser an. ich setzte mich in dem laden auf eine umgekippte tonne, die als sitzgelegenheit auch schon vor mir gedient hatte. in dem laden gibt es lebensmittel, reinigungsmittel, alkohol, das überall unverzichtbare wasser. während das wasser kochte, rief der ladenbesitzer noch andere freunde herbei, nicht mit seinem handy, sondern mit seiner stimme. aber es war wohl niemand zu erreichen. der laden ist sehr klein und sehr vollgestopft. die menschen kommen in schlurfpantoffeln und holen sich eine sache, die sie beim großeinkauf vielleicht vergessen haben, ein brot zum beispiel, legen die lira auf den tisch und schlurfen nach gegenüber oder nebenan. das wasser kochte. vorher hatte mir der ladenbesitzer noch stolz seinen alten dienstausweis gezeigt, er war bei der polizei gewesen, früher, eski, eski. wir gingen mit dem kaffee nach draußen, da saß schon sein freund, der den zweiten kaffee bekam. er wollte zunächst nichts sagen, und der grund war, dass er schon viel von dem wenigen deutsch, das er damals konnte, vergessen hatte. er hatte einst in hagen in westfalen als gesenkschmied gearbeitet, von 1970 bis 1990. ich weiß nicht, was das ist, aber jetzt weiß ich, wovon die alten männer im humboldthain im wedding oder in der hasenheide in neukölln träumen: sie wollen nescafé zuhause vor dem kleinen laden trinken, aber da sind ihre kinder nicht. er freute sich, dass ich ihn nicht nur gut verstand, sondern auch für sein deutsch lobte. der ladenbesitzer freute sich, dass er das alles richtig gemacht hatte. er rief noch einen weitern freund an, der auch deutsch konnte und aber nicht so richtig am handy übersetzen wollte. es ist ihnen gar nicht so richtig klar, wie wertvoll es ist, zwei sprachen zu können. er musste aber doch lachen, als ich sagte, wie schön es ist, dass hier so viele menschen deutsch können und bei uns so viele türkisch.
ich gebe zu, dass ich die gasse auch ein wenig voyeristisch fotografiert hatte. auch bei uns gibt es armut und auch bei uns fotografiere ich so etwas zuweilen, aber ich war ja nicht ‚bei uns‘. nicht? die beiden freunde jedenfalls fanden mich nicht fremd. wir redeten noch über das haus gegenüber, in dem es noch gardinen, aber keinen bewohner mehr gibt, seit einem jahr, weggezogen, nicht gestorben. der putz bröckelt ab und legt das marode fachwerk bloß. um das zu stützen, hatte jemand eine konstruktion aus dünnem kantstahl angelegt. ein haus war besser, ein haus war schlechter in dieser gasse. ist es in der welt denn anders? wir verabschiedeten uns so, als hätten wir uns schon jahrelang gekannt.
gleich hinter der lâleli moschee in der riesigen ordu straße beginnt der stadtteil aksaray mit großen bus terminals, mehrstöckigen kreuzungen und schwarzmärkten, auf denen es zwar wieder alles gibt, aber auch alles schlechter. ich wollte schon wieder zurückgehen, da sah ich, wie vier halbwüchsige roma mädchen einen bus mit autowaschwerkzeugen und autowaschschaum attackierten. sie bespritzten einsteigende menschen. ich ging näher: ihr eigentliches ziel war es, mitzufahren, aber alle busfahrer, denn der vorgang wiederholte sich im dreißigsekundensekundentakt bei jedem ankommenden bus, wehrten das ab, indem sie die tür schlossen, wenn eines der mädchen gerade darin war, oder indem sie die tür öffneten, um die mädchen selbst zu vertreiben. das problem war, die anderen, willkommenen fahrgäste einsteigen zu lassen. immer wenn die mädchen unterlagen, und sie unterlagen immer, bespritzen und beschmierten sie die fenster, drücketen ihre hand auf den schaum und warfen mit ihren schaumschlägern nach dem bus. alle menschen, die dort standen, sahen dem geschehen hilflos zu. auch die busfahrer wurden allein gelassen.
wir müssen uns endlich einmal entscheiden. wollen wir die roma in unserem omnibus mitnehmen oder wollen wir unter uns bleiben. aber selbst das ist schon rassistisch ausgedrückt. die roma sind ein europäisches volk seit sechshundert jahren, manche sagen, seit tausend jahren. wir können nicht mehr so tun, als seien das fremde, die in unseren bussen nichts zu suchen hätten. wir können das problem nicht einem land überlassen oder gar einem busfahrer. es ist auch kein polizeiproblem. die ganz kleinen romajungen, die am galatakay nach lirastücken suchen, sind wie die kleinen spatzen, lästig, dreckig, aufdringlich, niedlich. als die chinesen unter mao tse tung mit klappern die spatzen so lange in der luft hielten, bis sie tot herunterfielen, hat sich ganz europa aufgeregt.
keiner hat eine lösung. das ist doch keine lösung! das ist noch nicht einmal der versuch einer lösung. wir müssen eine europäische lösung finden: die roma müssen als minderheit anerkannt und geschützt werden. ihre sprache muss erforscht, gelehrt und gelernt werden. es muss überall zweisprachige bildungsangebote geben, alle roma sind sprachbegabt, das bleibt nicht aus  bei leuten, die viel herumkommen. die regierungen müssen anfangen, positiv zu denken und die vorurteile abzubauen. das wird bestimmt hundert jahre dauern. aber wenn wir jetzt nicht endlich anfangen, dauert es noch länger. wenn uns in europa, und ich rechne die türkei schon lange dazu, jemand von außen beobachtet, dann kann er gut sagen: die haben so viel geschafft und geschaffen, aber bei diesem problem leben sie selber noch im mittelalter. es ist so, als wenn man mit einem smartphone eine folterung beobachten würde, so behandeln wir eine minderheit, die schon so lange mit uns lebt und uns besser kennt als wir selbst.
ich weiß auch, dass die mädchen von der aksaray kreuzung vielleicht gar nicht mit dem bus fahren wollen, weil sie wissen, dass sie es nicht schaffen. vielleicht machen sie das aus sport oder frustration. vielleicht wollen ihre kleinen brüder am galatakay gar keine münzen finden. aber vielleicht doch. vielleicht leben sie doch von dem abfall unseres reichtums.


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Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Graeculus (69) (31.01.2017)
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