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live aus istanbul 10 (schluss)

Reportage zum Thema Orientierung


von rochusthal

live aus istanbul 10 schluss

die emotionalisierte wirtschaft. abspann

trotz aller rationalisierung hat auch der moderne westeuropäer eine seele, er füllt sie mit emotionen, sehnsüchten, geschichten. aber dann, wenn die geschichte erzählt ist, hält er oft schon den abspann nicht mehr aus, so als wäre man gereist und hätte dann nicht mehr die geduld beim ausspannen der pferde zuzusehen, sich bei pferd und kutscher zu bedanken, sich in den neuen ort hineinzudenken. insofern hat sich der orient seine alte gelassenheit bewahrt: bei aller hektik so großer städte, und istanbul ist die zweitgrößte islamische stadt, lange zeit war hier das kalifat, man muss sich die füße waschen, bevor man zu sich kommt. ein gebet muss keinesfalls eine innere einkehr, es kann auch das gefühllose herunterleiern vorgefertigter texte sein, ist aber auch die chance zu meditation. der koranschüler kann ein einfacher traditionalist werden, von dem nichts neues ausgeht, aber er kann auch genau der imam werden, der dem westlichen fotografier- und besichtigungswahn einhalt gebietet: wie willst du, tourist, deine seele von innen fotografieren? das geht nicht. du musst dir die füße waschen, dich still vor die sokollu mehmet paşa moschee setzen und gott oder dich selbst befragen, was du in dieser welt willst und sollst.
die moscheen sind aber nicht nur inseln der einkehr, sondern auch orte des lebens. der hauch der heiligkeit, den jeder sakralraum auf der ganzen welt hat, wird hier kontrapunktiert durch die alltagstätigkeiten des waschens, der vorbereitens (be prepared!), der sammlung. wenn ich diesen raum betreten will, muss ich mich sammeln, jegliches hat seine zeit! sie sind immer offen. dass gerade in deutschland das hauptargument für die hermetik der kirchen der diebstahl ist, ist mehr als merkwürdig. weil die kirchen keine orte der gemeinschaft im alltag mehr sind, weil sie nicht beachtet sind, fühlt man sich als dieb auch unbeobachtet. die vorsicht war uns wichtiger als die nachsicht. natürlich kann man nicht voraussagen, ob es jemals wieder möglich sein wird, die abertausenden kirchen in west- und osteuropa wieder zu orten lebendigen lebens zu machen.  das wird auch ein anderes leben sein, als etwa das verstecken vor den türken in den kirchenburgen siebenbürgens. fremdherrschaften verbreiten immer schrecken, deshalb haben die völker, die einen krieg gewannen, ihn wirklich verloren. kriege kann man nicht gewinnen. das christentum und der islam sind das ende der heere. engel können niemals bewaffnete wesen sein. wie wollen sie dann in die seelen eindringen? all diese metaphern von krieg und streit und heer und herr sind kinder ihrer zeiten, vermenschlichungen nicht zu vermenschlichender transzendenz.
die interferenzen zwischen christentum und islam sind symbolisch sichtbar in solchen gebäuden wie der haggia sopha/ayasofya. man sieht sie aber auch in jeder moschee: der innenhof ist von einem kreuzgang umschlossen. brunnen und taufbecken haben beide ihren ursprung im orientalischen streben nach staubfreiheit, nach reinigung der seele. am faszinierendsten ist diese gemeinsamkeit im bau der kuppeln zu sehen. schon die wortgleichheit, kuppel im deutschen (im europäischen: cupola) und kubbe im türkischen ist bemerkenswert. von rom wanderte der kuppelbau nach byzanz und von dort wurde er über die ganze christliche und islamische welt verbreitet. die abbildung des himmels in uns ist die äußere transzendenz, die die innere nicht erst möglich macht, aber ihr doch sehr hilft. die erhabenheit des sakralbaus führt zur inneren erbauung des menschen. mit der rationalisierung und säkularisierung ging auch dieser schöne begriff verloren. er wurde zwar auch missbraucht, aber niemand will zu einer mechanischen gottgelehrtheit zurückkehren, die immer auch eine gottgeleertheit ist. wir würden schon, wenn es überhaupt möglich ist, aus den religionen eine moderne geistigkeit machen und diese auch mit neuen formen und neuen inhalten vorstellen wollen. offen sind die meisten menschen für gemeinschaft, geschichten, transzendenz, meditation, glauben an die kraft der symbole. 
nicht offen scheint der so genannte moderne mensch für den eingriff in seine individualität. dafür nimmt er die schlimmsten krankheiten hin. vielleicht sind unsere orientalischen nachbarn nicht fähig zur individuation, können sich nicht aus ihrer gruppe heraus denken. wir jedoch sollten überlegen, ob uns der preis für die individualisierung nicht doch zu hoch ist, ob wir im osten nicht doch etwas lernen könnten. diese gegenseitigen einsichten - wieviel individuum braucht der mensch? -  sind immer gut mit dem automobil zu vergleichen, und wir erinnern uns, das automobil wurde nicht in marrakesh erfunden, sondern in mannheim. jeder weiß, dass das automobil letztendlich falsch ist, in istanbul kann man kaum über eine straße gehen, und doch liebt es jeder. bu can bir ikilem – das ganze leben ist ein dilemma.
wir alle kennen den berühmtesten satz der großen frauentheoretikerin simone de beauvoir, dass man zur frau nicht geboren, sondern erzogen wird. eine ganze wissenschaft ist ihm auf dem fuße gefolgt. wie sehr das auch für männer gilt, zeigt sich jetzt – es zeigt sich natürlich immer, aber vielleicht jetzt wieder einmal besonders – in dem hang zu vergewaltigungen in solchen gesellschaften wie indien und südafrika. das türkische und das westeuropäische modell haben zwei unterschiedliche lösungen hervorbebracht, die beide erfolgreich sind und beide einen männertyp erzeugen, der allgemein akzeptabel ist: die sublimierung der hypersexualität durch vollbeschäftigung am tage oder vollbeschäftigung in der freizeit. beide modelle treffen sich wieder in der liebe zum automobil, in gewisser weise auch im drogenverhalten. für alle emanzipationsanhänger ist die zurückgedrängte rolle der frau im islam und in der türkischen gesellschaft vielleicht nicht hinnehmbar. wer sie aber nur einfach kritisiert, weil sie anders ist als bei uns, der sollte bedenken, dass der lebenswert nicht durch luxus wirklich größer wird, sondern durch kinder. das ist eineindeutig. das beliebte gegenargument des weltbevölkerungswachstums zielt gerade an unserem einwand vorbei, denn die bevölkerung wächst nur da (und auch nur bis 2050), wo es kaum andere lebenswerte gibt und wo kinder nicht nur lebenswert, sondern auch wirtschaftsfaktor sind. in europa wächst nichts. natürlich ist migration schon immer eine lösung von problemen gewesen und wird es auch immer sein, wir sind alle migranten. insofern ist es auch gut zu wissen, dass wir eine so große und gut integrierte gruppe von migranten bei uns in deutschland haben, nämlich über drei millionen türken, also genau so viele wie berliner, aber hier muss man die eulerschen schnittmengen bedenken. 
aber wir wollen nicht über migration und integration nachdenken, sondern darüber, was wir voneinander lernen können. während bisher der kern der europäischen gemeinschaft sich nicht nur als motor, sondern auch als modell verstanden hat, was auch nicht ganz unerfolgreich war und ist, ist bei der vereinigung mit solch einem großen system wie der türkischen union, nicht mehr ‚aufnahme‘, also vereinnahmung, hinneinnahme ins schon vorhandene system gefragt, sondern die überprüfung der kompatibilität zweier unterschiedlich erfolgreicher teilsysteme. die ganze stadt istanbul, hatten wir beobachtet, ist ein markt. dieser darf  und kann nicht von brüssel aus reglementiert werden. überhaupt muss reglementierung mehr die verwirklichung einer inneren regel sein, als die einhaltung äußerer standpunkte. denn nie kann ein regelwerk die entstehung neuer nachfragen voraussehen. die genehmigungsmentalität in brüssel und berlin wird immer wieder scharf verurteilt. die deutsche bahn ist ein sehr gut funktionierendes system, aber sie behindert sich selbst durch überbürokratisierung und langsamkeit. sie kann nicht perfekt sein, weil nichts und niemand perfekt sein kann. hier können wir von der türkischen post lernen, die ein bürokratisches system mit einem solidarpakt vereinigt hat. der bazarcharakter so vieler einrichtungen im orient ist nicht nur verwirrend und faszinierend, sondern funktioniert genau so gut wie unser reglementiertes system. allerdings führte die zweihundert jahre währende rationalisierung zu einer parallel verlaufenden entemotionalisierung, man kann gut auch sagen, zu einer sublimierten verrohung. es könnte sein, dass sich durch reglementierung mehr aggressionen anstauen als durch ein chaotisches system, das auf freundlichkeit beruht. wenn man das orientalische verkehrssystem so beschreibt, dass immer der angreifer gewinnt, aber der verlierer nicht aggressiv wird, dann hat dieser verkehr mathematisch gesehen die gleiche durchlässigkeit wie ein reglementierter, aber zugleich bleibt er mental ausgewogener. natürlich gibt es auch im orient kein gleichgewicht, schon weil es mehr armut gibt. aber wo kommt die fröhlichkeit her? aus der sonne?  aus der seele? aus der religion? diese frage wird niemand beantworten können. unsere frage heißt, was können wir voneinander lernen.
wir haben zweihundert jahre lang, vielleicht sogar seit der renaissance, unsere welt immer weiter rationalisiert und demzufolge ein defizit an emotionen, das wir zwar durch wohlstand und kunst auszugleichen versuchen, was aber nicht zu einer insgesamt heiteren gelösheit führt. wir haben alles auf eine einzige karte gesetzt, und die heißt effektivität der produktion. daraus folgt ein konsumuniversum für alle, aber kein universum der tat oder des lächelns. unsere welt ist nicht weniger solidarisch als der orient, aber weniger heiter. und das liegt daran, dass wir keine kultur der reproduktion neben die in der tat höchst effektive produktion gestellt haben.
unter reproduktion wollen wir zunächst die körperliche wiederherstellung durch essen, trinken, hygiene, schlaf und liebe verstehen. dafür gibt es im orient eine reiche kultur. den ganzen tag wird gegessen, was aber bei gleichzeitiger bewegung, bei höherer geschwindigkeit des lebens und bei einem größeren energieverbrauch durch lachen, freude und geselligkeit nicht zu mehr übergewicht als bei uns führt, eher zu weniger.
zweitens ist reproduktion die seelische erneuerung und erbauung. bei dieser spielt die religion, ein bei uns weitgehend aufgegebener faktor, eine  große rolle. genauso wichtig ist aber die kraft der gemeinschaft unter der gestattung von ausnahmen.
sodann gehört zu kultur der reproduktion die lebenskraft der ruhepunkte, über die eine gesellschaft verfügt. natürlich gibt’s es zum beispiel parks überall in der welt. es wäre auch absurd zu behaupten, dass nur der orient eine lebensfähige gemeinschaft hervorgebracht hätte. das würde auch die attraktivität des nordens mit seiner effektivität ignorieren. aber öffentliche räume der ruhe, des austauschs und der liebe sind schon selten.
die handwerklichen fähigkeiten zur herstellung von dingen schließen die reparatur  ein, also die reproduktion der dinge, die uns liebgeworden oder zu teuer sind, um sie ständig zu erneuern. der austausch von modulen ist kulturverfall. diese fähigkeit zur handwerklichen reproduktion bringt im verbund mit dem ständigen aufenthalt in der natur weniger entfremdung als sie der westeuropäer erleiden zu müssen glaubt. denn er könnte auch einfach nach draußen gehen. vielleicht treibt ihn der sport, den er wegen seines übergewichts machen muss, statt ins fitnessstudio auch bald wieder geradewegs nach draußen. er wird dann diese seltsame art der oxygenen befreiung erleben.
reproduktion heißt auch, die welt abzubilden. dazu gehört die unsitte des fotorafierens genau so wie der zunehmende schöpferische umgang mit dem ton. musik und töpfern sind die ältesten künste, gleichzeitig metaphorisch mit gott verbunden, denn die kreator metapher ist gleichzeitig die töpfer metapher. in barockgedichten heißt es: der große häfner… musik ist die universelle sprache, die vor dem turmbau zu babel war, der in beiden großen büchern, der bibel und dem koran steht.
und schließlich bedarf es zur reproduktion der bevölkerung in einem demografischen sinne auch der kinder. die gibt es in westeuropa bald nicht mehr. frankreich und schweden sind die wohltuenden ausnahmen, italien und deutschland die besorgniserregenden normalfälle. wie egoistisch muss man sein, sich ohne kinder zu denken, wie wenig vertrauen hat man in sich selber, wenn man diese welt nicht mit seinesgleichen teilen will. wenn es also mehr egoismus gibt als früher oder als im osten, dann durch den selbst gewählten kindermangel. kinder sind immer optimisten, kinder sind immer schneller. nach den kindern müsste man sich orientieren, wenn man die welt vorwärts verstehen wollte. statt dessen begnügen wir uns oft genug damit, sie rückwärts verstehen zu wollen und sogar, was noch schlimmer ist, rückwirkend für gut zu erklären. hätten wir größe, unsere bildung den kindern anzupassen, würden wir, statt widersprüche zu reproduzieren, der neuen welt immer schneller freiräume schaffen. die verwurzelung ist natürlich gegeben. beobachtet man vorwärtsstürmende kinder, so blicken sie immer im augenwinkel zurück zu den eltern.
jeder weiß, dass das wort orientierung nur die ausrichtung an der himmelsrichtung des sonnenaufganges meint. wer oder was sollte uns aber hindern, das wort ab sofort auch zur hinwendung zum emotionalisierung der wirtschaft, des lebens zu meinen, zur verheiterung im sinne einer infantilisierung der gesellschaft, die eine ausrichtung an der zukunft bedeuten würde. dies ist umso wichtiger, als der demografische schwund nicht mehr aufzuhalten ist. bleiben wir heiter, werden wir orientalischer: ihr reisebüro.


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