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Stalingrad - der historische Ort einer SchlachtInhaltsverzeichnisDer Erste Weltkrieg - Katastrophe zweier Zeitalter

Stalingrad: General Friedrich Paulus - Analyse eines Sündenbocks

Essay zum Thema Historisches


von TrekanBelluvitsh

Jahrzehntelang hatte man auf deutscher Seite einen Schuldigen für die Katastrophe an der Wolga ausgemacht: Den Oberbefehlshaber (OB) der dort vernichteten 6. Armee General Friedrich Paulus. Der Vorwurf lautete, dass er nicht – auch befehlswidrig – den Ausbruch seiner Truppen befahl. Und noch heute ist es nötig, einen unverstellten Blick auf ihn und die damalige Situation zu werfen.



I. Historischer Abriss

Als Paulus zu Beginn des Jahres 1942 den Oberbefehl über die 6. Armee erhielt, überraschte das viele, war er doch ein Stabsoffizier ohne Fronterfahrung. Aber vor allem war er kein Truppenführer. Seit er zum letzten Mal einen Truppenverband (ein Bataillon) geführt hatte, waren über 10 Jahre (sic!) verstrichen. Man glaubte, dass er das Kommando nur aufgrund seinen Beziehungen zu seinem Vorgänger und früherem und nun kurzzeitigen Vorgesetzten General von Reichenau erhalten hatte. Von Reichenau starb jedoch im Januar 1942 an den Folgen eines Schlaganfalls.
  Paulus' abwägender Charakter ließ ihn oft zögerlich erscheinen, weshalb man ihm im Mai 1942 den Obersten i(m) G(eneralstab) Arthur Schmidt als 1. Generalstabsoffizier zur Seite stellte. Dieser galt als energisch und mit der nötigen Härte ausgestattet. Menschlich fanden die beiden Männer nie eine Basis, was sich in ihren überkorrekten Umgangsformen ausdrückte. Was sie jedoch verband, war der Glaube an ihren 'Führer' und an seinen 'glücklichen Stern'.
  Indes war auch die 6. Armee, die im Ruf stand, ein Eliteverband zu sein, während der Operation „Blau“ – die deutsche Sommeroffensive in 1942 im Süden der Ostfront – nicht in der Lage, größere feindliche Verbände zu zerschlagen. Die Rote Armee hatte aus den Fehlern des Jahres 1941 gelernt und wich den deutschen Einkreisungsversuchen immer wieder geschickt aus. Auf der Landkarte sahen die Landgewinne immens aus, doch geschlagen waren die sowjetischen Truppen nicht. Im Gegenteil bereitete das STAWKA – das sowjetische Oberkommando – seinerseits seit dem September 1942 eine gewaltige Offensive vor.

Ab August 1942 kämpfte die 6. Armee das aus, was wir heute 'die Schlacht von Stalingrad nennen'. Doch je weiter die deutschen Truppen auf das Stadtgebiet der Wolgametropole vordrangen, desto mehr zerfiel der Vormarsch in kleine und kleinste, extrem blutige und für die deutschen Divisionen ungewohnte Einzelgefechte. Operative Entscheidungen – die Hauptaufgabe eines Armeeoberbefehlshabers – gab es für Paulus kaum noch zu fällen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Armee bereits ab September 1942 unterversorgt war und ihre – zumeist eingeschränkte – Einsatzbereitschaft schon zu diesem Zeitpunkt oft nur durch Luftversorgung sichergestellt werden konnte.
  In dreimonatigen Kämpfen gelang es den Angreifern den sowjetischen Verteidigern der 62. Armee unter dem Befehl von General Wassili Tschuikow Stalingrad fast zur Gänze zu entreißen. Doch dabei blutete die 6. Armee langsam aus. Am 19./20. November 1942 begann die Gegenoffensive der Roten Armee („Uranus“), die zur Einschließung der deutschen und verbündete Truppen führte.

Hier setzen Paulus' Kritiker zum ersten Mal an. Ihren Meinung nach hätte er zu diesem Zeitpunkt die Kämpfe in Stalingrad selbst sofort abbrechen lassen müssen, um sich mit seinen Divisionen nach Westen zurückzuziehen.

Allerdings hilft da schon eine kleiner Blick in die Prinzipien der operativen Führung. Bereits Clausewitz hatte geschrieben, dass ein Einkreisender (hier: die Truppen der Roten Armee) stets Gefahr laufe, selbst eingekreist zu werden. Folgt man dem, so hätte Paulus seinen Divisionen Angriffe nach Nordwesten und Südwesten befehlen müssen, um die vorgepreschten sowjetischen Truppen ihrerseits abzuschneiden. Dies geschah nicht. Der Grund dafür war aber nicht, dass der OB der 6. Armee dies nicht erkannt hätte oder sein zögerlicher Charakter. Die ihm unterstellten Truppen waren zu diesem Zeitpunkt zu solchen Operationen einfach nicht mehr in der Lage. Die 6. Armee, der einstige Eliteverband der deutschen Wehrmacht, war, unterversorgt und durch die harten Kämpfe und hohen Verluste ausgelaugt, ein immobiler Verband geworden. Die wenigen Reserven hätten nur noch einen unzureichenden Vorstoß von wenigen Kilometern erlaubt. Außerdem war Stalingrad bereits zu einer Etappenstadt geworden. Stäbe, Unterstützungseinheiten (wie z.B. Fleischereikompanien) und Reparaturdienste hatten in den Ruinen der Stadt Schutz vor dem mörderischen Winter gesucht. Diese verfügten über keinerlei nennenswerte Kampfkraft und waren in vielen Fällen auch nicht beweglich. Hätte Paulus in dieser Situation den Ausbruch befohlen, hätte er in erster Linie nicht die Rettung seiner Armee, sondern immense Verluste zu verantworten gehabt, denn ein großer Teil der Truppen in und um Stalingrad hätten zu einem solchen Angriff gar nicht erst antreten können und hätten zurückgelassen werden müssen, wären in sowjetische Kriegsgefangenschaft gegangen. Aber dazu war die 6. Armee ja eh nicht in der Lage. Darum war die Entscheidung der Armeeführung an Ort und Stelle zu bleiben, zu diesem Zeitpunkt (Ende November 1942) nicht nur nachvollziehbar, sondern auch die einzig mögliche.
  Ganz ähnlich war die Lage Mitte Dezember 1942, als der deutsche Entsatzstoß bis auf gut 54 Kilometer an Stalingrad herankam. Die Luftversorgung war in den vergangenen 3 Wochen unzureichend gewesen. Nach Berechnungen von Paulus' Stab waren seine Divisionen nur in der Lage, 20 Kilometer weit vorzustoßen, bevor Munition und Brennstoff verbraucht gewesen wären. Unter solchen Umständen war an einen Ausbruch nicht zu denken, der auch in diesem Fall das Zurücklassen von vielen Männern bedeutet hätte.

General Paulus hatte also keine Chance zur Rettung seiner Armee vertan. Nichtsdestotrotz wurde dies nach dem Kriege immer wieder behauptet. Mit der Realität der strebenden 6. Armee hatte das aber wenig zu tun.
  Die sowjetische Kapitulationsaufforderung vom 10 Januar 1943 schlug Paulus aus. Interessanterweise wurde ihm das nur selten zum Vorwurf gemacht, doch dazu später mehr.



II. Der Sündenbock

Stalingrad war die erste für jeden sichtbare Niederlage der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg. Das dafür nach einem Sündenbock gesucht wurde, ist nicht verwunderlich, ist ein solches Verhalten doch unabhängig von Zeit und Staatsverfassung. Man denke nur an Cannae (216 v. Chr., Römischen Reich, Sündenbock: Terrentius Varro) oder Pearl Habor (1941, Vereinigte Staaten von Amerika, Sündenbock: Husband Kimmel). Hier soll nicht auf die Gründe für die deutsche Niederlage an der Wolga eingegangen werden. Der Hinweis, dass sie komplexer Art sind, soll genügen. Als Hauptschuldigen machten die überlebenden Beteiligten nach dem Krieg Adolf Hitler aus, was nicht wenigen sehr recht war, um ihre eigene Rolle in die eines Opfers umzudeuten, der alles versucht habe, aber an der Sturheit des Diktators gescheitert sei. Doch das alleine reichte nicht aus. Die Kommandokette vom in seinem Hauptquartier sitzenden Oberbefehlshaber der Wehrmacht zum einfachen Soldaten, der hungernd und frierend an der Wolga umkam, war einfach zu lang. Der ehemalige OB der 6. Armee Friedrich Paulus bot sich aber an, saß er doch nach dem Krieg zwischen allen Stühlen.

In sowjetischer Gefangenschaft hatte er sich für den BDO (Bund deutscher Offiziere) engagiert, jedoch erst nach langem Zögern. Die anderen Mitglieder der Organisation waren wenig beeindruckt und nicht wenige waren darum sehr gegen ihn eingenommen und in Westdeutschland, wo man die Mitglieder des BDO, den man als bloße sowjetische Propagandaorganisation verurteilte, als Landesverräter betrachtete, verachtete man Paulus. Diese Verachtung steigerte sich noch, als Paulus nach seiner Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1953 in die DDR/nach Dresden übersiedelte.
  Deshalb eignete Paulus sich nach dem Krieg so wunderbar als Sündenbock. Vereinfacht ausgedrückt: Niemand mochte ihn und niemand wollte ihn verteidigen.

Die damals beteiligten Offiziere hatten auch allen Grund, von ihrem eigenen Tun abzulenken, denn an die Verantwortung für die ihnen unterstellten Männer hatte im Winter 1942/43 während der Krise an der Wolga kaum einer gedacht, sondern sie waren stattdessen unterwürfig ihrem 'Führer' gefolgt. Und dafür gab es Gründe.
  Aus ideologischen Überlegungen heraus hatte Hitler der in seinen Augen viel zu konservativen und verstaubten Generalität stets misstraut. Die militärischen Erfolge in den ersten Jahren des 2. Weltkriegs überdeckten diesen Konflikt, wenn auch nicht so eindeutig, wie es oberflächlich betrachtet scheinen mag (siehe dazu: Frieser, Karl-Heinz; Blitzkrieg – Legende; München 2005; S. 368 – 393 über den Haltebefehl vor Dünkirchen 1940). Mit der ersten unübersehbaren Krise – dem Scheitern der deutschen Offensive vor Moskau und der sowjetischen Gegenoffensive im Winter 1941/42 – brach dieser Konflikt wieder aus und führte zur Entlassung des OB des Heeres General von Brauchitsch. Den Oberbefehl über das Heer übernahm Hitler gleich selbst. Doch der Konflikt schwelte weiter. Im Zuge der Planungen und der Ausführung der Operation „Blau“ stieß Hitler immer wieder mit dem Generalstabschef des Heers General Franz Halder zusammen. Zuletzt konnte man sich jedoch auf einen Operationsplan einigen. Die militärischen Erfolge in Nordafrika (Gazala, Tobruk) und am südlichsten Ende der Ostfront - die Eroberung der Festung Sewastopol - überdeckten die Risse kurzzeitig. Ein kurzes Zeitfenster schien offen gegangen zu sein, das strategisch bedeutende Siege für den Sommer versprachen. Doch schon mit Beginn der Operation "Blau" brach die Führungskrise wieder offen hervor. Die allzu pessimistischen Einschätzungen des Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd Fedor von Bock waren der Auslöser. Denn trotz großer Geländegewinne entkamen die sowjetischen Verbände. Während Hitler gespannt auf die Karte schaute, zog von Bock die Operationen in Zweifel. Am 13. Juli 1942 wurde er durch General Maximilian von Weichs ersetzt. Der Kern des Problems - die eigentliche Operationsführung angesichts der Schwäche de deutschen Truppen - blieb jedoch ungelöst. Diese Auseinandersetzungen führten letztlich dazu, dass auch der Bayer Halder von Hitler Ende September 1942 seines Postens enthoben wurde. Er war einer der wenigen Generale, die es in jenen Tagen wagten, Hitler zu widersprechen – zumindest in militärischen Fragen an sich. Dasselbe galt auch für den Chef des Wehrmachtführungsstabes General Alfred Jodel, der, wie Halder, gebürtig aus Würzburg stammte. Anfang September 1942 hatte Hitler ihn in den Kaukasus entsandt. Der 'Führer' war davon ausgegangen, dass Jodel dort der seiner Meinung nach zu zögerlichen Führung seine strikten Befehle übermittelte. Stattdessen machte der sich vor Ort ein Bild der Lage und teilte schließlich die pessimistischen Einschätzungen der Frontkommandeure. Zurück im Hauptquartier teilte er Hitler das mit, worauf dieser einen Wutanfall bekam. Jodel wurde zwar nicht entlassen, aber quasi kaltgestellt. Von da an bestand seine Aufgabe nur noch darin, die militärische Lage zu erörtern. Eigene Vorschläge wollte Hitler von ihm nicht mehr hören. Das obligatorische Ritterkreuz verweigerte er ihm.

Dies ist für das Verhalten der deutschen Generale in der folgenden Schlacht von Stalingrad von großer Bedeutung. Mehr oder weniger hautnah hatten sie mitbekommen, wie zwei hoch angesehene Vertreter ihres Standes aufgrund eigenständiger Meinungen in militärisch-operativen Fragen – ein Gebiet, das deutsche Stabsoffiziere seit jeher als ihr Ureigenes betrachten - Macht und/oder Posten verloren hatten. Wenn man seinen Kommando behalten wollte, schien es also nicht opportun zu sein, gegen Hitler zu opponieren. So agierten die Beteiligten im Winter 1942/43 bereits streng nach den Vorgaben ihres Oberbefehlshabers und stellten die Eigeninitiative hinten an. Nach dem Krieg sollte sich das als 'glückliche Fügung' erweisen, konnte man doch so Hitler alle Schuld für die Niederlage bei Stalingrad zuschieben.
  Es fehlte nur noch die Verbindung zur Front.
  Und da kam Friedrich Paulus ins Spiel, der aufgrund seines Verhaltens nach seiner Gefangennahme zum Sündenbock prädestiniert war.

Einige Erklärungen noch zu dem nach dem Krieg oft bemühtem Vergleich Rommel – Paulus. General Erwin Rommel befahl im November 1942 während der Schlacht von El Alamein in Nordafrika den Rückzug seiner Verbände gegen Hitlers ausdrückliche Befehl. Dies hätte Paulus auch tun können und sollen, lautet der auf dem Vergleich beruhende Vorwurf. Das er dazu aufgrund des Zustands seiner Armee im November 1942 gar nicht mehr in der Lage war, wurde gezeigt. Doch selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, kann man die beiden Situationen, in denen sich die Generale Rommel und Paulus befanden, nicht miteinander gleichsetzen. Rommel befehligte alle Truppen auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz. Seine Befehle und Ideen konnten also direkt umgesetzt werden, während seine Vorgesetzten im OKW (Oberkommando der Wehrmacht) und in Rom (Commando Supremo) über keine Mittel verfügten, direkt in seine Führung einzugreifen. Paulus war nur der OB der 6. Armee. Bei einem Rückzug – der kontrafaktisch gedacht mindestens bis hinter den Donbogen hätte führen müssen – hätte er sich mit den Nachbararmeen verständigen müssen. Dies wäre dem OKW und damit Hitler nicht entgangen und man hätte dem wirkungsvoll entgegenwirken können.



III. Fazit

Es war eine Überraschung, als General Paulus den Oberbefehl über die 6. Armee zu Beginn des Jahres 1942 erhielt. Allerdings war er bei weitem nicht eine derartige Fehlbesetzung, wie es manche Urteile nach dem Krieg vermuten ließen. Es gab schlimmere und ungeeignetere Kandidaten, die im 2. Weltkrieg auf deutscher Seite höchste Kommandoposten einnahmen. Hier sei nur an den rücksichtslosen Durchhaltegeneral Ferdinand Schörner erinnert oder an den OB der Heeresgruppe Weichsel vom Januar bis März 1945, den militärischen Dilettanten Heinrich Himmler. Paulus' Verhalten in der Schlacht von Stalingrad war angemessen. Vor allem hatte er oft kaum andere Möglichkeiten. Und spätestens nach der Einkesselung gab es für ihn nicht mehr viel zu führen und tatsächlich saß er oft nur herum, vertraute auf den 'Führer' und seine Vorgesetzten. An eine Ausbruch war zu keiner Zeit zu denken, dafür waren seine Truppen viel zu schwach, die Versorgung mit Munition und Brennstoff nicht gewährleistet und die allermeisten seiner Soldaten hungerten nur noch dem Ende entgegen. Vorwürfe in diese Richtung gegen seine Person waren und sind absurd, jedoch trotzdem wirkungsvoll. Sie hinterließen derart tiefe und langlebige Spuren, dass z.B. der Name des Generals Erich von Manstein – Paulus' direkter Vorgesetzter nach der Einkesselung – in vielen TV-Dokumentationen, Büchern oder Artikeln über die Schlacht von Stalingrad noch nicht einmal vorkommt! Überhaupt blieb Mansteins Ruf als 'größter Stratege der deutschen Wehrmacht' von der Niederlage bei Stalingrad seltsam unberührt. Hitler war Schuld an Stalingrad! Hitler und natürlich der Oberbefehlshaber der 6. Armee, General Friedrich Paulus!

Dabei gibt es wirklich einen Punkt, in dem man Paulus nicht von Schuld freisprechen kann. Interessanterweise wurde dieser Vorwurf nie mit gleicher Vehemenz erhoben wie sein vorgebliches Versagen bei den nicht erfolgen Ausbruchsversuchen. Hierbei geht es um die Ablehnung der sowjetischen Kapitulationsaufforderung vom 10. Januar 1943. Zu diesem Zeitpunkt war es unübersehbar, dass die 6. Armee in Stalingrad untergehen würde. Mit seiner Weigerung entschied sich Paulus gegen die Fürsorge der ihm anvertrauten Soldaten. Die folgenden drei Wochen waren nicht nur blutig und verlustreich. Es gilt auch zu bedenken, dass nicht wenige deutsche Soldaten darum in sowjetischer Gefangenschaft und recht bald umkamen, weil sie schon lange vor ihrer Gefangennahme chronisch unterversorgt und unterernährt waren. Derart geschwächt waren viele von ihnen nicht in der Lage, noch lange nach der Aufgabe zu überleben. Noch mehr trifft das auf die unzähligen Verwundeten zu, von denen der größte Teil in den letzten Wochen gar nicht mehr versorgt werden konnte und in den Ruinen der sterbenden Stadt im besten Fall vor sich hin vegetierten. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Rote Armee bis zuletzt nicht mit einer so großen Zahl von Gefangenen gerechnet hatte. Erst nach der Einstellung der Kämpfe Ende Januar/Anfang Februar 1943 wurde den Sowjets bewusst, wie groß ihr Sieg an der Wolga eigentlich war. Jeder Tag früher, an dem der Widerstand eingestellt worden wäre, hätte das Leben deutscher Soldaten gerettet. Doch dazu konnte sich General Friedrich Paulus nicht durchringen und darin liegt seine eigentliche Schuld.



Literatur:

siehe:   Stalingrad - der historische Ort einer Schlacht

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von chichi† (80) (07.06.2013)
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AZU20
Kommentar von AZU20 (07.06.2013)
Was konnte ein Mensch damals schon ausrichten, außer sich selbst zu vernichten? Die meisten haben mitgemacht oder stillgehalten. LG
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chichi† (80) meinte dazu am 07.06.2013:
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 07.06.2013:
Ich verstehe sehr gut, dass ein solcher Text gerade bei Menschen eures Alters auch Emotionen wachruft. Denn auch wenn ihr ja nicht selbst in den Krieg gezogen seid, habt ihr die Folgen, auch die psychologischen, die er bei jedem Einzelnen hinterlassen hat, in eurer Kindheit sehr deutlich mitbekommen, ob ihr euch dessen bewusst ward oder nicht. Und auch wenn dies bei diesem Essay nicht so deutlich wird, bin ich auch sehr an dem Thema 'Der Krieg und was er mit dem Menschen macht' interessiert. Das wird vielleicht auch an meiner Erzählung  Todesstille deutlich (wenn ihr den gelesen habt, erinnert ihr euch vielleicht daran.

Fachlich muss ich euch jedoch auch ein wenig widersprechen. Natürlich konnte in der Zeit von 1933 -1945 ein Einzelner allein nicht den Lauf der Geschichte ändern, obwohl das einem Georg Elser mit dem seinem Attentat auf Hitler im Oktober 1939 beinahe gelungen wäre. Sein Fall zeigt das Perfide des '1.000jährigen Reichs' sehr deutlich, denn er wurde noch kurz vor Kriegsende ermordet, frei nach dem Motto: "Wenn wir schon untergehen, nehmen wir dich noch mit".

Aber innerhalb seines Bereichs hatte jeder die Möglichkeit, etwas gegen das System zu tun, ihm nicht bedingungslos zu dienen. Natürlich waren die Möglichkeiten des Stahlarbeiters in Essen da eher eingeschränkt. Aber Paulus hat z.B., als er den Oberbefehl über die 6. Armee übernahm, einige der menschenverachtensten verbrecherischen Befehle seines Vorgängers von Reichenau zurückgenommen und das ohne jegliche Folgen und das ist nur ein Beispiel. Das eine direkte Auflehnung gegen die nationalsozialistische Diktatur lebensgefährlich war, ist selbstverständlich, man denke hier nur an die 'Weiße Rose', die dem Regime ja keinen direkten Schaden zugefügt hat und trotzdem für ihre tapferen Taten mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Wie gesagt, in seinem Bereich hätte jeder ein wenig das Schlimmste vermeiden können. Doch die meisten Deutschen taten das eben nicht! Sie handelten nicht neutral! Schlimmer noch: Sie handelten dem System entgegen (dazu kann ich nur die 2-bändige Hilterbiographie von Ian Kershaw empfehlen - für jeden den das interessiert und der sich 'das antun will' - dessen Hauptthese das ist).

Ja, ich weiß: BEim Thema 2. Weltkrieg und '3.Reich' rede ich zu viel... ;-)
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (07.06.2013)
Trekan, ich verstehe von Militärgeschichte fast gar nichts und bin zu wenig Historiker, als dass ich deine entlastenden Argumente für Paulus auf ihre inhaltliche Stichhaltigkeit hin beurteilen könnte.
Ich kann aber sagen, dass dein Essay als Genre sehr gelungen ist mit seiner klaren Gliederung, sorgfältig geprüftem Wortschatz und Satzbau und dass deine Argumentation sehr überzeugend wirkt, ohne dass man als Leser den Eindruck hat, gegen den in Frage gestellten Mainstream überredet werden zu sollen.
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 07.06.2013:
Ja, mir ist schon klar, dass das ein sehr militärhistorisch spezifischer Text ist. Auf der anderen Seite blieb mir ja gar nichts anderes übrig, als so zu verfahren, wie ich es getan habe, wenn ich gegen die Aussage Paulus=Sündenbock Stellung beziehen will. Und es ist hoffentlich klar geworden, dass ich nicht als sein Apologet auftreten wollte, was an der Frage der nicht angenommenen Kapitulationsaufforderung vom Januar 1943 deutlich wird, Es gilt eben auch für Friedrich Paulus, was für Geschichte im Allgemeinen gilt: So einfach ist die Sache nicht und auch nicht so eindimensional.

Das der Text als solcher als Essay deine Zustimmung findet, freut mich. Denn wenn ich jemanden für das gewinnen will, interessieren will, womit ich mich beschäftige, ist ja gerade von Nöten, dass man mir folgen kann, ich den Leser bei meiner Argumentation nachvollziehbar 'ein Stück mit auf den Weg nehme.'
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WortGewaltig
Kommentar von WortGewaltig (16.06.2013)
Ein sehr lesenswerter Text ! Nur fehlen mir mehrere Anmerkungen die für das Verständniss mir wichtig erscheinen :

- Zum einen das es eine Führerweisung gab die Stalingrad ursprünglich nur unter *die Gewalt der Waffen bringen sollte* d.h. Das Sperrren des Schiffsverkehrs auf der Wolga und das Ausschalten Stalingrads als Rüstungsschmiede. Dieses Ziel war im Grunde schon erreicht.

- Das Teilen der Heeresgruppe um gleichzeitig die Ölfelder des Kaukasus unter die Kontrolle zu bringen. Das war ja wohl auch das vorrangige Ziel um mit dem Kaukasusöl den Krieg weiter am Laufen zu halten. Für beide Angriffsziele war die Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt wohl schon zu schwach.

- Und zu guter Letzt: Das Ausharren der 6. Armee hatte auch eine militärische Bedeutung. Ohne wäre der Rückzug der Truppen aus dem Kaukasus wohl nicht möglich gewesen und die Heeresgruppe Süd wohl schon zu diesem Zeitpunkt zerschlagen worden. Aus menschlicher Sicht ein Höchstgrad an Perversion, aus militärischer Sicht war das Opfern nachzuvollziehen.

- Kurze Zeit später kapitulierten im übrigen auch die Heeresteile in Nordafrika. Die Verluste waren ähnlich derer in Stalingrad. Doch ist diese Niederlage im heutigen Gedächtniss fast vergessen. Was wohl auch mit der Zeit nach dem Krieg und dem kalten Krieg und dem damit verbundenen ( zumindestens im Westen ) herausgearbeiteten Feindbild Russland ) zusammenhängt.

LG
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TrekanBelluvitsh äußerte darauf am 16.06.2013:
Ich danke dir für deinen Kommentar. Und ich bin so eitel zu meinen, dass du mit 'lesenswert' auch gut zu lesen meinst.

Zu deinen Anmerkungen:

Dies ist ja mein zweiter Essay zu dem Thema Stalingrad:
-) Du findest Aussagen von mir zu den meisten von dir angesprochene Punkten hier:  Stalingrad - der historische Ort einer Schlacht
-) Natürlich haben beide Texte Lücken, was aber auch daran liegt, dass sie kurze und knappe Zusammenfassungen seien sollen, auch für Leute, die sich sonst nicht mit der Materie beschäftigen, fokussiert auf die Ereignisse in und um Stalingrad selbst. Es gibt nicht umsonst unzählige Publikationen zu diesem Thema. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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Kommentar von Graeculus (69) (02.08.2013)
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TrekanBelluvitsh ergänzte dazu am 02.08.2013:
Es ist sicherlich (auch) immer eine Frage des wann und wer. Und Paulus war auch sicherlich nicht der typische 'Vorwärts'-General der Wehrmacht wie z.B. ein Guderian. Aber letztendlich wurde er vor eine nahezu unlösbare Aufgabe gestellt. Schon von Beginn der Schlacht um Stalingrad an, verfügte die 6. Armee nicht über die benötigten Mittel, um die Stadt zu erobern. Hinzu kam noch die äußerst geschickte - wenn auch für die sowjetische Seite extrem blutige - Verteidigung durch die 62. Armee unter General Tschuikow.

Was zu der Sündenbocklegende sicherlich beigetragen hat, war Paulus' Charakter. Er war nun einmal kein großer Widersprecher. Auf der anderen Seite besaß er z.B. den Mut, verbrecherische Befehle seines Vorgängers von Reichenau explizit für die 6. Armee aufzuheben.

Hinzu kommt noch, dass sich nach dem Krieg (in allen beteiligten Ländern) eine Art 'Fankultur' für Generale entwickelt hat. Und Paulus hatte nun einmal keine 'Fans', niemand verspürt auch nur die geringsten Lust, für ihn apologetische Schriften zu verfassen. Was umso erstaunlicher ist, wenn man z.B. an General von Rundstedt denkt, der sich schon während des Westfeldzuges im Jahre 1940 eher als General des 1. Weltkrieges entpuppte. Aber ich schwafele schon wieder... ;-)
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Graeculus (69) meinte dazu am 02.08.2013:
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Stalingrad - der historische Ort einer SchlachtInhaltsverzeichnisDer Erste Weltkrieg - Katastrophe zweier Zeitalter
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Veröffentlicht am 07.06.2013, 5 mal überarbeitet (letzte Änderung am 26.03.2018). Dieser Text wurde bereits 1.552 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 13.12.2018.
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