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Der Erste Weltkrieg - Katastrophe zweier Zeitalter

Essay zum Thema Historisches


von TrekanBelluvitsh

Betrachtungen zur Neuzeit werden von zwei Begriffen dominiert: dem langen 19. Jahrhundert, das von 1789 bis 1914 angesetzt wird und dem kurzen 20 Jahrhundert, welches Historiker 1918 beginnen und 1989 enden lassen. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass diese Einordnung die Zeit von 1914 bis 1918 ausgespart. In diesen Jahren tobte der 1. Weltkrieg.

In Deutschland standen und stehen seine Ereignisse und Bedeutung immer im Schatten jener der Jahre von 1939(1933) bis 1945. Tatsächlich geschieht dies nicht ganz zu unrecht, doch die Monstrosität des 2. Weltkriegs verstellte lange Zeit völlig den Blick auf das Geschehen im Ersten. Nationalistisch-chauvinistische Deutungsmuster verschwanden erst langsam im Zuge der Fischerkontroverse und erst in den letzten Jahren entdeckte die deutsche Historiographie den 1. Weltkrieg wieder für sich. Doch das ist nicht überall so. In Großbritannien sind die Ereignisse, obwohl sie fast 100 Jahre zurückliegen, sehr viel präsenter. Noch heute findet man dort in jeder älteren Schule/Universität Erinnerungstafeln mit den Namen der Gefallenen, die diese besuchten und nicht selten - wie ihre Altersgenossen überall in Europa – damals direkt von den Schulbänken in die Kasernen einrückten, ausgebildet wurden und in den Schützengräben den Tod fanden. Nicht umsonst sprechen Briten, wenn sie den 1. Weltkrieg meinen, vom Great War.



Eine Einordnung der Ereignisse:

(Anmerkung: Dies ist nicht der Platz, um auch nur eine kurze Ereignisgeschichte des  1. Weltkriegs zu schreiben, weil ein solches Unterfangen den Umfang dieses Textes sprengen würde. Mir ist bewusst, dass ich damit beim Leser (zu?) viel Grundlagenwissen voraussetze, doch anders ist es leider nicht machbar. Wer sich näher mit dem 1. Weltkrieg als singuläres Ereignis beschäftigen möchte, den verweise ich auf die Literatur am Ende des Textes.)

Während der Julikrise des Jahres 1914 zeigten alle Staatsführer und ihre beteiligten Minister eine erstaunliche Gleichgültigkeit der Erhaltung des Friedens gegenüber. Es gilt zu konstatieren, dass ihnen die Frage „Krieg oder kein Krieg?“ kaum schlaflose Nächte bereitete. Hinzu kam noch, dass sie ständig unter dem Druck ihrer jeweiligen militärischen Führungen standen, die sich in allen beteiligten Ländern bereits seit Jahren auf diese Situation vorbereite hatten. Schon längst waren die sorgsam erarbeiteten Pläne aus den Schubladen geholt worden und das einzige, was die Generale fürchteten, war, dass der Gegner ihnen einen Schritt voraus seien konnte. Das Schlüsselwort war hier Mobilmachung, die im Kontext der Zeit als inoffizielle Kriegserklärung angesehen wurde. Niemand wollte als erster mobil machen und so als Aggressor dastehen, doch gleichzeitig wollte man keinen Tag verlieren.
  Es kann also keine Rede davon sein, dass die Welt in den Krieg schlitterte. Vielmehr führten Ignoranz, scheinbar kalkulierbares Risiko und der Wunsch nach eigener nationalen Größe dazu, dass die Welt Anfang August 1914 von den Mächten Europas in einen Großen Krieg gestürzt wurde. Die öffentliche Meinung in den Ländern war hingegen zumindest gespalten. Man darf sich von der patriotischen Propaganda und den scheinbar eindeutigen Jubelbildern nicht täuschen lassen, denn sie geben – zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes – nur einen kleinen Ausschnitt wieder. Von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung kann auf jeden Fall keine Rede sein.



Frankreich sah sich während, nach und teilweise noch bis heute als Opfer dieses Krieges und tatsächlich verlief die Westfront ja die längste Zeit vom Ärmelkanal im Norden des Landes bis zur schweizer Grenze im Osten. Allerdings ist dies kein Beweis für irgendeinen Opferstatus. Vielmehr verdeutlicht dies nur, dass die französischen Offensivbemühungen noch eher scheiterten, als die ihrer deutschen Gegner. Alle beteiligten Nationen, ganz gleich ob Deutschland, Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn oder Italien (Kriegseintritt auf Seiten der Entente im Mai 1915/ Großbritannien nimmt hier eine Sonderstellung ein), begannen die militärischen Auseinandersetzungen mit großangelegten Offensiven – und alle scheiterten blutig! Im November 1914 waren die Fronten eingefroren, weil die Armeen ausgeblutet waren und auch über nicht mehr genügen Ausrüstung und Munition für weiter Großaktionen verfügten. Zwar ist heute eher eine Schlacht wie Verdun im Bewusstsein der Menschen beispielhaft für die Kämpfe des 1. Weltkriegs verankert, doch die ersten vier Monate waren die verlustreichsten des Krieges. Das britische Heer (B.E.F.=British Expeditionary Forces), zu diesem Zeitpunkt noch eine Berufsarmee, war mit der vollen Stärke von 70.000 Mann nach Frankreich gegangen. Jetzt, nach dem Abflauen der Kämpfe, verfügte es gerade noch über 20.000 Mann. Das französische Heer hatte bei einer Mobilmachungsstärke von 2 Millionen Mann 500.000 Soldaten verloren von denen 300.000 gefallen waren(sic!). Über 240.000 Deutsche waren tot. Die Verluste Österreich-Ungarns waren so hoch (ca. 1,2 Millionen Mann), dass dessen Verbände für den Rest des Krieges fast nur noch zur Verteidigung geeignet waren und auch nur dann, wenn sie von deutschen Divisionen unterstützt wurden. Politisch war der Vielvölkerstaat nun vollkommen abhängig von seinem deutschen Verbündeten. Damit hatte k.u.k. eigentlich schon Ende 1914 völlig abgewirtschaftet. Auch die Verluste des russischen Zarenreichs gingen in die Millionen (bis März 1915 ca. 2 Millionen Mann).

Der weitere militärisch-politische Verlauf des Krieges ist schnell erzählt. In allen Ländern waren die Staatenlenker und ihre Berater davon überzeugt, man müsse nur noch 6 Monate aushalten und nur noch die Anstrengungen einer gewaltigen Großoffensive auf sich nehmen, doch dazu waren sie und ihre Generale durchaus bereit. Diese sich ständig wiederholenden blutigen Irrtümer bezahlten andere mit ihrem Leben. Erst das Auftreten der amerikanischen Divisionen in der zweiten Hälfte des Jahres 1918 veränderte das Zahlenverhältnis an der Westfront (dort wurde der Krieg entschieden) drastisch zugunsten der Entente(2:1), so dass auch die ausgelaugten britischen und französischen Truppen noch einmal zum Angriff antreten konnten. Diesem Ansturm hatte das geschwächte und demoralisierte deutsche Heer nichts mehr entgegenzusetzen. Nur der Waffenstillstand verhinderte im November 1918 den totalen Zusammenbruch der deutschen Front.



Die Katastrophe bleibt!

Das lange 19. Jahrhundert hatte mit französischer Revolution und napoleonischen Kriegen blutig begonnen. Doch nach 1815 trat eine gewisse Stabilität ein. Kriege waren sehr viel seltener als in den Jahrhunderten zuvor und auch wenn einzelne Schlachten heftig ausgetragen wurden, waren sie kurz und die Kämpfe räumlich stark begrenzt. Auf dem europäischen Kontinent machte sich eine optimistische Grundstimmung breit (Bsp: Romantik, Biedermeier). Trotz teilweise zunehmender staatlicher Repressionen glaubten die Bürger, das ihre Zeit nun gekommen sei. Selbst die von dem deutschen Philosophen Karl Marx in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert entworfene Gesellschaftsanalyse (bzw. sein Geschichtsbild) endete positiv – im Kommunismus.
  Den größten Anlass zu optimistischem Denken gaben jedoch die entstehenden Natur- und Geisteswissenschaften, die in jener Zeit ihre modernen Formen annahmen. Allein der medizinische Fortschritt war enorm und für jeden erkennbar. Besonders die Kinder- und Gebärendensterblichkeit sank extrem. Technik war das Stichwort und man war der Meinung, dass es kein Problem gäbe, dass sich nicht mit ihre Hilfe – die Eisenbahn war in jener Zeit das Sinnbild – lösen ließe.

Oft wird gesagt, dass der Untergang der Titanic im Jahre 1912 diese Technikgläubigkeit untergrub oder sogar beendete. Doch dies ist eine retrospektive Deutung. Nur im Rückblick kann man diese Katastrophe als Anfang vom Ende ansehen, weil man weiß, dass 2 Jahre später im Jahre 1914 der 1. Weltkrieg begann. Überhaupt war das lange 19. Jahrhundert keine besonders positive oder glanzvolle Epoche. Sehr gut wird dies am Beispiel Deutschland deutlich.

Selten änderte sich die Welt so schnell wie in jenem Zeitraum. Die Lebenswirklichkeit der Menschen von 1814 war der des Jahres 1414 sehr viel ähnlicher als der von 1914. Und es war gerade der so hoch gelobte technische Fortschritt, der enorme soziale Verwerfungen zur Folge hatte. Besonders die deutsche Landbevölkerung verarmte rapide – während Großgrundbesitzer, vor allem in Ostelbien, profitierten – und drängten in die Mietskasernen der Großstädte, nicht selten als Trockenwohner. Dies fand natürlich auch seinen Widerhall in der Kultur. Hier sei nur an Gerhard Hauptmanns "Die Weber" erinnert, ein Drama, das den Weberaufstand von 1844 thematisierte.

Die politische Emanzipation des Bürgertums misslang, was an der gescheiterten Revolution von 1848 deutlich wurde. Statt dessen entstand 1871 mit dem 2. deutschen Kaiserreich ein Obrigkeits- und kein Bürgerstaat. Das einzige, was dieser Staat seinen Einwohnern politisch anzubieten hatte, war ein schriller Nationalismus, der zwar allgegenwärtig war, von den meisten jedoch nicht geteilt wurde. So setzte sich der Reichstag nach den Wahlen von 1912 aus Sicht der Mächtigen zu über 60% aus Parteien (SPD, FVP, Zentrum) zusammen, die als nicht staatstragend angesehen wurden oder zumindest argwöhnisch beäugt wurden. Dieser offensichtliche Druck und die aus ihm resultierenden Spannungen wurden noch dadurch vervielfacht, dass sich die deutsche Bevölkerung von 1871 bis 1914 verdoppelte.
  Rückblickend gilt es also festzustellen, dass es eine offensichtliche Lücke zwischen wahrgenommenen und wirklichen Krisen gab, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Und in diesen Abgrund zwischen Wunsch und Wirklichkeit stürzte die Welt in den Jahren 1914 bis 1918.



Wie sehr unterschwellige Ängste gepaart mit blindem Aktionismus die Akteure bis in den Krieg hinein beherrschten, erkennt man daran, dass alle Staaten zwar über umfassende militärische, jedoch keine entsprechende politischen Pläne verfügten. Das erste deutsche Kriegszielprogramm stammt vom September 1914 – da wurde bereits seit über einem Monat heftigst gekämpft. Alle wollten nur annektieren.  Was und wie weit, das würde sich dann zeigen.
  Doch dieser Krieg war anderes als alles, was man kannte.
  Es gab plötzlich keine eigentlichen Schlachten mehr. Es wurde jeden Tag gekämpft! Und es war nicht süß und ehrenhaft, für das Vaterland zu sterben, weil die Technik das Gefechtsfeld beherrschte. Vor allem spielte aber die Tapferkeit, ein zentraler Begriff in allen soldatischen Vorstellungen, keine Rolle mehr (dazu demnächst mehr in meinem Essay: Warum wir weiterkämpfen). Der Tod ereilte einen oder auch nicht, ganz gleich was man tat, wie man sich verhielt, denn es wurde vor allem aus der Ferne und ohne Blickkontakt getötet. Über 60% der Opfer an der Front wurden durch Artilleriebeschuss verursacht. Der einzelne Soldat geriet gegenüber der Technik ins Hintertreffen: Artillerie, Maschinengewehre, Flugzeuge, Gas und sogar die ersten Panzer waren nun entscheidend.

Jedoch litt nicht nur der Einzelne im Feld. Auch die Heimat stand zum ersten Mal ganz im Zeichen des Krieges. Ausrüstung und vor allem Munition wurden in ungeahnten Mengen benötigt und alle Staaten entwarfen Systeme (und setzten sie mehr oder weniger erfolgreich durch), um die ganze Bevölkerung für die Kriegsanstrengungen zu mobilisieren. An arbeitende Frauen mussten die Männer sich erst gewöhnen, was sie mehr schlecht als recht taten und nach dem Krieg wurden die Frauen in der Regel auch wieder in ihre frühere Rolle als Ehefrau und Mutter zurückgedrängt. In Deutschland kamen noch die Folgen der Seeblockade hinzu. Je nach Schätzung kamen durch sie, die ja bis 1919 andauerte, bis zu 750.000 Menschen ums Leben, mehr Tote als durch die alliierte strategische Bombenoffensive im 2. Weltkrieg(sic!).

In einem solchen Umfeld zählte das Leben des Einzelnen nicht mehr viel. Und das war das grausamste Erbe des 1. Weltkriegs. Denn dieses Denken wurde nach dem Krieg verallgemeinert und pseudophilosophisch erhöht. Faschismus und Sozialismus-Leninismus (später: Stalinismus) haben ihre Wurzeln zwar im 19. Jahrhundert, ihr Gepräge erhielten sie jedoch durch den 1. Weltkrieg (und die ihm direkt folgenden Kämpfe), seine Brutalität und Missachtung des Individuums. Und um einem plumpen Sozialdarwinismus das Wort zu reden, musste man nach 1918 noch nicht einmal Faschist oder Kommunist sein.
  Auch sämtlicher Optimismus von vor 1914 war durch den Krieg beseitigt worden. Düstere Bilder, Vorahnungen und Vorstellungen waren vorherrschend und wurden durch die weltweiten Ereignisse auch noch befördert. Auf kultureller Ebene denke man nur an den deutschen Maler Otto Dix (z.B. an seinen Triptychon "Der Krieg"), den überragenden Realisten des deutschen Expressionismus. Es gab jedoch auch allen Grund für Pessimismus. In Deutschland lagen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft am Boden. Der Hauptgrund dafür ist nicht in den überzogenen Reparationszahlungen zu sehen, bei denen abzusehen war, dass sie mit der Zeit reduziert werden würden (was ja auch geschah). Die neu gegründete Weimarer Republik musste sich nicht nur sogleich heftigen und zahlreichen politischen Krisen stellen (vor allem bis 1923), sie erbte vom Kaiserreich auch Kriegsschulden in Höhe von 180 Milliarden Reichsmark. In unserer von der Finanzkrise gebeutelten Zeit scheint das keine besonders beeindruckende Summe zu sein. Doch hier es gilt festzuhalten, dass die Steuereinnahmen des Deutschen Reichs 1913, im letzten Friedensjahr, 1,3 Milliarden Reichsmark betrugen!

Doch der politischen Schaden, den der 1. Weltkrieg hinterlassen hatte, zeigte sich weltweit. Dieser wurde noch verstärkt durch die Pariser Vorortverträge von 1919, eines der kurzsichtigsten und absurdesten Vertragswerke der Menschheitsgeschichte. Die Auswirkungen auf Deutschland dürften in groben Zügen bekannt sein. Die negativen Effekte waren aber global:
  Frankreich hatte Deutschland vollständig zerstückeln wollen. Das war nicht gelungen. Frankreich war unzufrieden. Der amerikanische Präsident Wilson hatte sich mit seinem 14-Punkte-Programm nicht durchsetzen können. Er war unzufrieden und Amerika ging den Weg in die politische Isolation. Die Sowjetunion wurde nicht in den Kreis der Sieger aufgenommen, obwohl doch Millionen russische Opfer zu beklagen waren. Im Gegenteil: Ihre ehemaligen Alliierten intervenierten im Bürgerkrieg gegen die Roten auf Seiten der Weißen. Die Sowjetunion misstraute dem Westen und war unzufrieden. Auf dem Balkan entstand Jugoslawien, in dem Slowenen, Kroaten, Bosnier, Albaner und Serben unter serbischer Oberherrschaft zwangsvereinigt wurden. Außer den Serben waren alle Einwohner des neuen Staates unzufrieden und eine Spätfolge war der jugoslawische Bürgerkrieg, der ab 1990(sic!) tobte. Rumänen, dem Bündnis der Entente angehörend, hatte große Gebietsgewinne auf Kosten Ungarns und Bulgariens zu verzeichnen, obwohl es im Krieg vernichtend geschlagen und fast vollständig besetzt worden war. Bulgaren und Ungarn waren unzufrieden. Das Osmanische Reich war aufgelöst worden und im Westen der heutigen Türkei lebende Griechen hielten die Stunde für gekommen und gingen militärisch gegen die Türken vor. Doch sie wurden von diesen unter der Führung Kemal Atatürks geschlagen. Mit ausdrücklicher Billigung der Staatengemeinschaft wurden daraufhin alle in Kleinasien lebenden Griechen nach dem griechischen Festland verbracht (umgekehrt wurden auch alle in Griechenland lebenden Türken vertrieben) und so eine jahrtausendealte griechische Präsenz dort beendet. Entscheidender war jedoch, dass damit die Idee der ethnischen Reinheit – sah man die Umsiedlung von Griechen und Türken als Präzedenz- und Erfolgsmodell an – in die Welt gesetzt worden war. Im Nahen Osten wurden mit dem Lineal Grenzen gezogen und Kunststaaten gegründet, um die geopolitischen Bedürfnisse der wankenden bzw. sterbenden Großmächte Großbritannien und Frankreich zu befriedigen. Die Folgen davon reichen bis heute und werden dort auf lange Zeit auch noch das Morgen bestimmen. Und in Asien war Japan, Verbündeter der Entente, mit seinem Anteil der Beute hoch unzufrieden und der festen Überzeugung, dass es von den Westmächten aus imperialistischen Gründen auf dem Status einer Habenichtsnation niedergehalten werden sollte und begründete so in den nächsten Jahrzehnten seine eigenen imperialistischen Ansprüche in Südostasien, besonders in China.

All das war eine fürchterliche Hypothek, mit der die Welt im Jahre 1919 in den Frieden startet. Dabei waren die politischen und gesellschaftlichen Folgen noch gravierender als die 10 Millionen Tote, die der Krieg gefordert hatte und die 20 Millionen Tote, die der in der zweiten Hälfte des Krieges bis 1920 wütenden Spanischen Grippe zum Opfer fielen. Überall auf der Welt gab es nicht wenige Menschen, die das gesellschaftliche und/oder politische und/oder wirtschaftliche und/oder Staatensystem ändern wollten. Als Mittel dazu hatten sie die Gewalt auserkoren, jene gesellschaftliche Umgangsform, die sie im Krieg (und nicht nur an der Front) kennengelernt hatten. Und in ihrer Welt waren sie von Feinden umgeben, die ihnen übel wollten und die es aufs Schärfste zu bekämpfen galt. Besonders extrem bis zur Selbstvernichtung sollte all dies ein ehemaliger österreichischer Soldat umsetzen, der – über einen Mannschaftsdienstgrad war er im Kriege nicht hinausgekommen – in der deutschen Armee an der Westfront gedient hatte und nach dem Kriegsende in seiner Wahlheimat verblieb. Sein Name war Adolf Hitler.



Zusammenfassung:

Nach der französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen stellte sich in Europa eine gewisse Stabilität ein. Internationale Krisen und Kriege wurden zumeist schnell beendet. Diese Stabilität wurde jedoch nur auf Kosten der nach politischer Beteiligung strebenden Bevölkerung erreicht. Doch die ungeheureren Veränderungen des 19. Jahrhunderts überforderten die auf dem Wiener Kongress 1815 restituierte alte Ordnung. Staatsvorstellungen aus der Zeit des Ancien Régime hatten ausgedient. Dazu kamen nicht zu übersehende gesellschaftliche Verwerfungen und daraus resultierende Krisen. Außenpolitisch schien die Welt geordnet zu sein, doch sobald nur eine Seite Ansprüche an das scheinbar saturierte Staatensystem stellte, war das ganze Konstrukt in Gefahr und dies um so mehr, da der Krieg als legitimes Mittel der Politik galt.
  Der Zusammenbruch der internationalen Ordnung geschah im Juli/August 1914. Die Zeit des Optimismus war vorbei. Der Krieg selbst wurde zu einem alles verschlingenden Monstrum, der auch das Leben derjenigen beeinflusste, die von 1914 bis 1918 nicht einen Schuss hörten. Er hinterließ ein Welt in Unordnung. Staaten, Gesellschaften und Wirtschaften waren zerrüttet oder ganz zusammengebrochen. Zwar war Neues entstanden, doch das war oft nicht lebensfähig, auch weil zu viele es von Beginn an ändern wollten. Als Mittel wurde das gewählt, was so viele im Krieg kennengelernt hatten: die Gewalt. Doch in einem Land, in Deutschland, ging man noch weiter. Man brach nicht nur einen neuen Krieg, den 2. Weltkrieg, vom Zaun, der den 1. Weltkrieg in allem Vergleichbaren übertreffen sollte. Die nationalsozialistische Führung und ein ihr ergebenes deutsches Volk fügten der Kriegsführung ein neues Element hinzu, das man während der Kämpfe von 1914 bis 1918 noch nicht beobachtet hatte, das jedoch nach 1945 viele Nachahmer finden sollte und so (auch) charakterisierend für die Welt nach dem 2. Weltkrieg wurde: den Genozid.


(Schlussanmerkung: Natürlich ist dieser Text unvollständig und viele wichtige Dinge wurden noch nicht einmal angesprochen. Das ist jedoch einzig und allein dem Umfang geschuldet, der nicht ausufern sollte)


Literatur:

Dieser Essay behandelt einen Zeitraum von 200 Jahren. Es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, dafür entsprechende Literatur zusammenzustellen. Darum möchte ich mich auf einige Titel beschränken, die sich mit dem 1. Weltkrieg, der ja das zentrale Ereignis für meine Deutung ist, als singuläres historisches Geschehnis beschäftigen.

Keagen, John; Der erste Weltkrieg, Eine europäische Tragödie; London 1998, ND Hamburg 2001
  - dieses Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit den militärischen und politischen Geschehen, wobei der Schwerpunkt auf Frankreich und Großbritannien liegt. Die britische Sicht ist ein wenig überrepräsentiert, aber der Autor ist Brite und das hat auch keinerlei Auswirkungen auf die Ausgewogenheit seines Werks.

Neitzel, Sönke; Weltkrieg und Revolution, 1914 - 1918/19; Berlin 2008
  - die deutsche Seite und auch innenpolitische und gesellschaftliche Aspekte werden von dem deutschen Historiker beleuchtet

Segesser, Daniel Marc; Der erste Weltkrieg in globaler Perspektive; Wiesbaden 2010
  - wie im Titel bereits angedeutet, steht bei dem schweizer Historiker die globale, vor allem auch außereuropäische, Perspektive im Mittelpunkt. Militär-, Politik- und Gesellschaftsgeschichte finden sich hier

 
 

Kommentare zu diesem Text


fdöobsah
Kommentar von fdöobsah (02.08.2013)
Hallo TrekanBelluvitsh,

ein interessanter, kontroverser Text, der in gut lesbarem, flüssigem Sprachstil eine für mich ganz stimmig erscheinende Klammer zieht. Der 1. Weltkrieg als Menschheitskatastrophe mag vielen durch den folgenden zweiten überlagert/übertroffen worden sein, jedoch habe ich in den vergangenen 10 Jahren auch in den Medien eine zunehmende Fokussierung erlebt, die aber eventuell auch damit zu tun hat, dass man die Überversorgung hinsichtlich des zweiten mehr als dicke hat.

Ich weiß zu wenig, um deinen Text historisch beurteilen zu können. Lesen lässt er sich gut, verstehen auch und insofern erfüllt er schon einmal zwei wesentliche Voraussetzungen. Dafür gebührt dir, zumal in Internet-Foren, schon einmal Anerkennung.

Beste Grüße
f.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 02.08.2013:
Nun, dass du das gut zu lesen findest, freut mich, denn das war ja tatsächlich eine Intention von mir, eben weil mir bewusst ist, dass nicht wenige nicht viel über diese Zeit wissen. Es soll ja eigentlich auch nur eine Anregung sein und dann wäre es nicht von Vorteil , wenn der Leser sich noch durch den Text kämpfen müsste.

Aber ansonsten jährt sich der Kriegsbeginn im nächsten Jahr ja zum einhundertsten Mal und dann werden wir sicherlich in allen möglichen Medien sehr viel besser und - ich bin tatsächlich so eitel - auch sehr viel schlechtere Berichte zu diesem Thema finden. Und, wie gesagt, vielleicht konnte ich ja den einen oder anderen Leser ein wenig animieren, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Aber wenn die, die diesen Essay gelesen haben, nicht der Meinung sind, ihre Zeit verschwendet zu haben, bin ich eigentlich auch schon zufrieden.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (02.08.2013)
Ich verstehe nicht, warum Du Literaturangaben machst, aber nicht aus den Büchern zitierst.
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 02.08.2013:
Ein historischer Essay ist ja im engeren Sinne keine streng wissenschaftliche Arbeit. Darum sind Anmerkungen auch nicht unbedingt nötig.
Die Literaturangaben sind nur für die, die sich näher mit dem Thema - in diesem Fall, einem Aspekt des Themas - beschäftigen wollen.
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Kommentar von Graeculus (69) (02.08.2013)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 02.08.2013:
Was du hier schreibst, ist natürlich richtig. (Auch die Franzosen hatten ihren Offensivplan, Plan XVII: "Wie immer auch die Umstände seien mögen(sic!), es ist die Absicht des Oberbefehlshaber, mit vereinten Kräften den Vormarsch anzutreten und die deutschen Armeen anzugreifen(...)" - Keagen, Der Erste Weltkrieg, S.63) Aber auf eine genaue Erläuterung all dessen habe ich eben aus Platzgründen verzichtet, weil es a) kurz werden sollte und es mir b) eher um die Bedeutung des Krieges im Kontext der Zeit ging.

Auf der anderen Seite zeigen deine kurzen Erläuterungen ja sehr deutlich, dass die Großmächte keiner Politik folgten, sondern sich im Prinzip das Heft des Handelns letztlich von logistischen Fragen diktieren ließen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Die Staatskunst hat im Sommer 1914 europaweit versagt, weil sie sich zu einem bloßen Erfüllungsgehilfen der militärisch-operativen Planung machte - dabei sollte es doch umgekehrt sein.
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GastIltis äußerte darauf am 17.02.2018:
Gut, dass du den Plan erwähnst, Graecu. Und zur Erläuterung: er wurde von 1892 bis 1905, also lange, lange vor dem Krieg, erarbeitet. Die Rolle, die die deutschen Militärs dabei spielten, der Kaiser ist auch kein ganz so kleines Licht gewesen, sollte man nicht unterschätzen. Und Leute wie z.B. Ludendorff ohnehin nicht. Dass seine Nachkommen noch 1941 eine Dotation in Höhe von 1.612.000,-- Reichsmark vom „Führer“ erhielten, nachdem er selbst, also Ludendorff, der „Diktator“, wie man den Kriegsverbrecher z.T. zu Recht betitelt, schon vier Jahre tot war, spricht wohl für sich. Wofür, erübrigt sich zu fragen.
Trekan, weiter so! Für die, die Geschichte nicht kennen, kann man nicht gut genug schreiben!
Gruß von Gil.
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Graeculus (69) ergänzte dazu am 18.02.2018:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 18.02.2018:
Ich danke euch für euer Lob. Und die Konflikte werden ja nicht weniger.
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Stalingrad: General Friedrich Paulus - Analyse eines SündenbocksInhaltsverzeichnisWarum wir weiterkämpfen - ein Grund
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Dies ist ein Beitrag des mehrteiligen Textes Ares herrscht!.
Veröffentlicht am 02.08.2013, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 31.01.2016). Dieser Text wurde bereits 1.316 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 11.12.2018.
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